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Die Zeit 12/2001
Hilfe für den Tag danach
"Career-Center" bereiten Studenten auf den Berufseinstieg vor. Doch noch fehlt es an Geld und Beratern
von Annette Leßmöllmann
So endet ein Germanistikstudium: Im kargen Vorzimmer des Dekans holt eine junge Frau ihr Magisterzeugnis ab. Die Sekretärin überreicht es, im Auftrag, kurzes Lächeln, alles Gute. Die junge Frau verlässt das Gebäude. Mit dem Nibelungenlied kennt sie sich aus, aber was nützt ihr das? Kurz vor dem Examen war sie beim Arbeitsamt, um sich über ihre Berufsaussichten zu informieren. Zu hören bekam sie dort: "Warum haben Sie denn ausgerechnet Germanistik studiert?" - Eine deutsche Geschichte.
Die amerikanische Version klänge so: Schon vor Studienbeginn geht die junge Frau in das Career-Center ihrer Universität; bespricht mit einem Berater, wie sie ihr Studium gestalten kann, holt sich Informationen über Praktika. Zukunftsangst hat sie wenig, denn sie kennt das große Netzwerk der Alumni, der ehemaligen Absolventen ihrer Universität. Auf der Feier am Studienende schüttelt ihr dann der Dekan die Hand, alles Gute.
In Deutschland sehen die Universitäten Berufsberatung für die Studenten traditionell nicht als ihre Aufgabe an. Ein Alumni-System existiert nicht, und es gehört nicht zum Selbstverständnis der Universitäten, junge Leute für den späteren Beruf fertig auszubilden. "Höchstens für den hausinternen Arbeitsmarkt", sagt Detlef Müller-Böling, Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung in Gütersloh - für eine Laufbahn als Wissenschaftler also. Einmal Uni, immer Uni, oder hilf dir selbst.
Doch das träge System ist in Bewegung geraten. Schon seit 1985 gibt es in München das Programm "Student und Arbeitsmarkt": ein Joint Venture von Uni und Arbeitsamt, das den Studenten den Weg auf den Arbeitsmarkt ebnen soll. Die neuesten Wegweiser dorthin sind so genannte Career-Services oder Career-Center, die nach angloamerikanischem Vorbild an Universitäten eingerichtet werden.
"Career-Service". Ein Begriff, der nicht jedem Studenten auf Anhieb gefällt, weil er nach Karrieredenken, Ellenbogeneinsatz, Aufstieg um jeden Preis schmeckt. Doch das ist ein Vorurteil, denn das englische Wort career bedeutet in diesem Fall nichts weiter als Beruf.
Berufsberatung für Studenten also bieten die derzeit etwa 100 Career-Center in Deutschland an: Studien- und Berufsinformationen für Abiturienten, Vermittlung von Praktika und Auslandsstudienplätzen während des Studiums; und dann, gegen Studienende, Hilfe beim Einstieg ins Berufsleben. Für diesen Schritt in den Arbeitsalltag sollen die Beratungsstellen außerdem das vermitteln, was man gemeinhin als "Schlüsselqualifikationen" bezeichnet: die Fähigkeit, Kontakte zu knüpfen, Vorträge zu halten, im Team zu arbeiten.
In der Absolventenbörse finden Firmen neue Mitarbeiter
Kommunikationsfähigkeit oder Zielstrebigkeit wird hier also gefördert, statt sprödes Wissen zu pauken. Der Career-Service der Universität Göttingen zum Beispiel bietet Kurse zur Moderation von Streitgesprächen an sowie eine Laufbahnberatung, bei der Studenten erfahren, welche Schwerpunkte sie in ihrem Studium setzen sollten, wie sie ihre Berufsperspektiven verbessern können.
In Münster bieten das Hochschulteam des Arbeitsamtes und die zentrale Studienberatung Bewerbungstraining an. Die Berater vom Career-Service setzen hier vor allem auf Kurse und Vorträge - darüber zum Beispiel, was einen Bewerber in einem so genannten Assessment-Center erwartet, mit dem große Unternehmen ihre potenziellen Mitarbeiter testen. Andreas Eimer, der die Beratungsstelle in Münster koordiniert, hat die Idee aus den USA nach Deutschland importiert. Dafür verlieh ihm die Hamburger Körber-Stiftung den so genannten USable-Preis.
Wichtig ist auch die individuelle Beratung. "Wenn ein Student ein Praktikum sucht, dann wird ihm nicht einfach nur eine Liste vor die Nase gehalten: Da, such dir was aus!", sagt Anja Bandorski, die Studenten an der Universität Rostock berät. Gemeinsam findet sie mit ihm eine passende Praktikumsstelle, gibt Tipps für das Bewerbungsgespräch. Rostock hat außerdem eine Absolventenbörse im Internet; die erste in Deutschland, in der sich Jobsuchende und Jobanbieter vorstellen können. Vor allem mittelständische Unternehmen greifen auf dieses Angebot zurück, da sie oft keinen großen Aufwand bei der Auswahl des Personals treiben können.
Doch die Zeit, die sich ein Berater für den einzelnen Studenten nehmen kann, ist sehr begrenzt. Denn das Budget der über die Universitätsverwaltungen finanzierten Beratungsdienste ist knapp bemessen. "Wir arbeiten hier weit über die normale Arbeitszeit hinaus", sagt Andreas Eimer. Die Lage in Rostock ist ähnlich. "Finanziell kürzen kann man bei uns nichts mehr", sagt die Leiterin Sabine Teichmann. Drei Berufsberater, 10 000 Studenten; mit diesem Verhältnis muss ihr Team zurechtkommen. Von Verhältnissen wie in Oxford, wo sich 17 Berater um 16 000 Studenten kümmern, kann sie nur träumen.
"An der Universität muss erst mal klar werden, dass ein Career-Service sehr wichtig ist", sagt Detlef Müller-Böling. Es müsse sich die Einsicht durchsetzen, dass eine derartige Anlaufstelle eine Universität leistungsfähiger mache. In den USA sind die Services längst etablierter Bestandteil des Angebots jeder Hochschule. Dort müssen sich Hochschulen daran messen lassen, wie viel Geld ihre ehemaligen Studenten verdienen - aber auch daran, wie viele das Studium vorzeitig abbrechen. Die Universitäten werben mit ihren bekannten Absolventen. Deshalb wissen sie um den Marketingwert der Karrierezentren: Eine amerikanische Hochschule, die viele Absolventen auf den Arbeitsmarkt vermittelt, rutscht auf der Rangliste der Universitäten weiter nach oben. Die Folge: mehr Studenten und damit mehr Geld. Denn die Hochschulen finanzieren sich auch über Studiengebühren. Ein Grund, warum die Berater dort eigens für ihren Job ausgebildet sind.
"Leute, kommt nicht erst kurz vor dem Examen!"
Die Zielsetzung deutscher Universitäten sieht anders aus: Berufsfähig sollen die Studenten durch die Ausbildung an der Universität werden. Nicht berufsfertig. Die vermittelten Fähigkeiten sollen im Beruf zu Fertigkeiten ausgebaut werden.
Das funktioniert allerdings nur dann, wenn der Student eine Stelle findet. Hat der Professor Kontakte zur Wirtschaft, können die Absolventen davon profitieren. Doch das ist die Ausnahme. "Die Professoren", sagt der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Klaus Landfried, "haben von den Berufsmöglichkeiten ihrer Absolventen oft wenig Ahnung." Und das sei auch nicht deren vorrangige Aufgabe. Wer sich mit dem Komponisten Lortzing auskenne, müsse nicht unbedingt wissen, wie man für eine Existenzgründung Kredite mit den Banken aushandelt. Dennoch müssten sich die Universitäten auch als Institutionen verstehen, die den Studenten Berufsqualifikation mitgeben. "Die Verantwortung der Hochschule für die Studierenden beginnt in der Schule und endet nicht mit dem Examen. Sie reicht bis in die Berufstätigkeit."
Der Akademikernachwuchs weiß die berufsbezogene Beratung zu schätzen - oft allerdings erst sehr spät im Studium. "Leute, kommt nicht erst kurz vor dem Examen!", appelliert Andreas Eimer immer wieder an die Studenten.
"In den USA sind oft auch die Eltern viel mehr daran interessiert", sagt Eimer, "dass sich das Studium für ihre Kinder später finanziell lohnt." In Deutschland müssen die Studenten sich selbst aufraffen, um ihr Wissen in Chancen auf dem Arbeitsmarkt umzusetzen. Die Career-Services sollen die jungen Akademiker dabei unterstützen, sich selbst um ihre Zukunft zu kümmern. Denn einem Absolventen von der Stellensuche über die Bewerbung bis zur Terminabsprache alles abzunehmen habe keinen Sinn, sagt Andreas Eimer. "Dann hat er zwar einen Job, weiß aber nicht, wie er den nächsten bekommen soll."
(c) Die Zeit 12/2001
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