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Reise in ein Land im Krieg
Amerika West-Ost-Nord-Süd: Eine Exkursion (7. Oktober bis 14. Dezember 2001)

Wieso fährt man in die USA? Weil man eine Antwort auf diese Frage haben will. Also fahren wir. Wir fahren zu zweit, damit wir uns besser verteidigen können, falls der Bär kommt. Wir fahren mit Zelt und Rucksack und Campingkocher. Wir wollen uns einen vierrädrigen Gefährten zulegen, der uns einen Teil des Wegs bringt. Wir planen eine Route, die uns von links nach rechts, dann von oben nach unten führt und uns bei möglichst vielen Freunden vorbeibringt.

USA-Karte vor Augen, lieber Leser? Wir starten in Los Angeles, der erstaunlichsten Stadt des Universums, ziehen gen Osten über Arizona Richtung Norden nach Salt Lake City/Utah. Dann soll die große Überquerung folgen, einige tausend Kilometer zu den Großen Seen. Dort wollen wir unseren vierrädrigen Gefährten loswerden und mit Freunden zu Thanksgiving nach Boston fahren, der erstaunlichsten Stadt des Universums. Dann per Flieger nach Florida.

Es kam einiges anders. Erstens sind wir nicht von Utah zu den Großen Seen gestartet, sondern haben einen Schlenker von über 2000 Kilometern gemacht, nochmal nach Süden, nach Arizona, aus purer Lust am Reisen. Zweitens haben wir keinen Abnehmer für unseren vierrädrigen Freund gefunden, weder an den großen Seen, noch in Boston. Also sind wir mit ihm bis nach Florida gefahren. Auch gut, denn inzwischen hatte das Fliegen vom Bostoner Flughafen aus ein bisschen seinen Reiz verloren:

Mitten in die Reiseplanung geschah, was man in den USA inzwischen nine eleven oder, für die Freunde der kleinen Zahl, nine one one nennt. Fuhren wir trotzdem? Wir fuhren jetzt erst recht, denn die Frage lautete: War in Amerika jetzt nichts mehr so wie früher, wie alle sagen? Oder war Amerika jetzt mehr Amerika denn je?

Wir wissen es natürlich nicht genau. Wir haben nur gekuckt und gesammelt und ins Internet geschrieben, wenn das Internet mal grade zur Stelle war.

Freitag, 05. Oktober
Wir planen neun Wochen USA und leben daher nach To-Do-Listen. Die Listen haben die Angewohnheit, immer länger zu werden, je mehr man erledigt. Probleme spalten sich in Subprobleme auf, die wiederum Subsubsprobleme generieren. Murphy redet auch ein Wörtchen mit.

Sonntag, 07. Oktober
Die To-Do-Listen landen im Papierkorb. Wir haben tatsächlich alles erledigt und fahren begeistert zum Flughafen. Wir sehen begeistert die Check-In-Schlange, sehen begeistert zu, wie einer seine Tauchausrüstung aus dem untersten Ende seines Rucksacks pulen darf (Tauchausrüstung in Bombenform - sehr ungeschickt), uns begeistern sogar die unverschämten Kaffeepreise hier. Uns begeistert alles, dämlich grinsend starren wir auf das Rollfeld, putzen Dreck von der Kamera, kauen Bananen - es gibt keine To-Do-Listen mehr. Toll.

Sonntag, 07. Oktober
Wir haben immer noch Sonntag. Ich habe jenseits von London die kalifornische Zeit eingestellt. Plötzlich ist es wieder neun Uhr morgens und man kann sich aufs Frühstück freuen. Das Frühstück kommt dann ziemlich Dinner-mäßig daher. Man versucht, meinen Versuch zu torpedieren, meine innere Uhr zu übertölpeln. Komischer Satz. Never mind. In London wollte uns irgendwie keiner in die Koffer schauen, den Campingkocher finden und ein Triumphgeheul loslassen. Irgendwie schade.

Sonntag, 07. Oktober
Es ist dunkel. Wir kommen in LA an und sehen ein UFO (stellt sich später als Kunstwerk raus, Künstler heißt Winograd oder so ähnlich, toll.) Im Leihwagen-Büro spricht GW Bush aus dem Fernseher. Wir haben Afghanistan attackiert. A-ha. Man ist also jetzt zu Besuch bei einem kriegführenden Land. Ob man jetzt verhaftet wird, wenn man sagt, dass GW Busch irgendwie Scheiße aussieht? Es schleicht sich so ein wir-fahren-über-die-DDR-Grenze-mit-1000-verbotenen-Sachen- im-Kofferraum-Gefühl ein.

Montag, 08. Oktober
(LA, West Hollywood, Griffith Observatory) Die Autos tragen Flaggen. Sie tragen also die Meinung ihrer Insassen umher (praktisch, in dieser autozentrierten Stadt). Im Fernsehen wird erklärt, wie das geht: Fenster runterkurbeln, Plaste-Flagge draufgesteckt, hochgekurbelt, Flaggenplastemästchen wird eingeklemmt und flattert jetzt munter. Denn die amerikanische Flagge ist das Zeichen für Freiheit hier und überall auf der Welt. A-ha. Für nur 14 Dollar 99 kann man sich ein ganzes Flaggenset kaufen. Die Flaggen gibt es am Straßenrand, in jeder Tankstelle, und manche Geschäfte geben sie dazu, wenn man ihnen ihre Ladenhüter abkauft.

Dienstag, 09. Oktober
(LA, Hollywood, Santa Monica, Venice Beach) Thema im Radio: Gasmasken. Die Amerikaner können nicht mit Gasmasken umgehen. Das ist ein Problem (finde ich auch: Ich stehe im Stau auf einem sechsspurigen Freeway mitten in LA, Sicht 200 Meter - man sagt hier Fog, nicht Smog - und denke: Wird Zeit, dass ihr das mit den Gasmasken lernt, Leute).

Mittwoch, 10. Oktober
(LA, San Fernando Valley) Wir haben ein Auto gekauft. Es ist ein tolles Auto. Wahrscheinlich soll man von Leuten, die ihr Büro in einem runtergekommenen Campingbus in irgendeinem Vorgarten haben, kein Auto kaufen. Vielleicht soll man auch kein Auto kaufen von Leuten, die sagen, dass sie Autos für Actionfilme besorgen. Vermutlich ist unser Auto mal von einer Klippe geworfen worden. Aber es ist weiß, und ist das nicht die Farbe der Guten im Film?

Donnerstag, 11. Oktober
(LA, Downtown, Chinatown) Die LA Times sagt: America responds. Alle anderen sagen: America strikes back.

Freitag, 12. Oktober
Unser Auto kostet bei der Anmeldung 435 Dollar (in Worten: ach, lassen wir das), weil es über zwei Jahre nicht angemeldet war. A-ha. Wir können die Dame an der Anmeldestelle nicht schlagen, weil sie taubstumm ist, und Taubstumme schlägt man nicht. Die ersten Tage schrauben wir unsere fast-900-Marks-Schilder nicht an (könnt ja jemand sehn).

Samstag, 13. Oktober
(LA, Pasadena, Rose Bowl: Die UCLA Bruins haben wieder mal gesiegt, und wir waren dabei) Die Versicherung kostet 600 Mark, weil LA natürlich der teuerste Ort ist, an dem nicht-sesshafte Ausländer ihr Auto versichern können (vor allem, wenn sie die Versicherung nur für sechs Wochen haben wollen.) Das Auto macht beim Bremsen interessante Geräusche. Und unsere Gastgeber geraten in eine seelisch angespannte Lage. Wir beschließen, möglichst bald abzureisen und einen Mechaniker namens Larry King in Santa Barbara aufzusuchen (nein, er arbeitet nicht nur zwischen 10 und 11 Uhr abends).

Sonntag, 14. Oktober
(LA, Getty Museum, UCLA=University of California at L.A.) Wir sehen noch einmal LA von der Straße aus, hauptsächlich, und das ist die gängige Art und Weise, LA zu sehen: Jeder Straße ist anders, so anders, dass sie fast zu einer anderen Stadt gehören könnte. Es gibt europäische Straßen, amerikanische Vorstadtstraße, Londonder Schicki-Straßen. Natürlich immer gerade, außer in Beverly Hills. Direkt hinter jedem Boulevard gibt es Häuschen mit Gärtchen. Es geht also alles durcheinander, Wohnen, Einkaufen, Arbeiten. Nur strukturiert durch die Straßen und durch die Kaufkraft der Einwohner, oder ihre Herkunft: Das armenische Viertel war besonders nett. Die Hochhäuser - wenige im Vergleich zur Fläche der Stadt - stehen irgendwie herum.

Herumstehen ist überhaupt so eine Beschäftigung von allen etwas höheren Häusern in der Stadt. Es gibt keine Struktur, kein Zentrum, keinen Park oder Fluss, der dem Ganzen Form gibt. Nur Straßen. Das ist die Struktur. Deswegen gibt es auch keine Umgehungsautobahn. LA ist ein riesiges Autobahnnetz.

Montag, 15. Oktober
(Santa Barbara, Goleta) Larry King arbeitet nicht mehr da, wo wir ihn vermuten (vielleicht auch doch nur von 10 bis 11 Uhr abends). Die Mechaniker wissen noch nichts genaues. Wir sehen uns Santa Barbara an. Es handelt sich vermutlich um eine Filmkulisse. Alles ist für irgendjemanden hergerichtet, im kolonial-spanischen Stil. Im alten Gerichtsgebäude steht sogar das Wort "Feuerlöscher" in antikisierten Lettern an der Wand. Wir genießen natürlich diese Ruhe und Beschaulichkeit, lassen uns aber nix vormachen. Schließlich haben wir gerade erst eine Woche in Hollywood gewohnt, ha.

Dienstag, 16. Oktober
Die Briefträger tragen jetzt Staubmasken, wenn sie die Briefkästen leeren. Päckchen dürfen nicht mehr in die Kästen geworfen, sondern müssen im Postamt abgegeben werden (man sollte auf das Versenden von Backpulver verzichten, was uns natürlich schwerfällt, wir versenden ja dauernd Backpulver. Diese Mitteilung wird mir wahrscheinlich im neuen Schily-Deutschland meine Bürgerrechte kosten).

Mittwoch, 17. Oktober
Ein Mechaniker namens Daryl hat uns viel weniger als die von uns angenommenen 1000 Dollar abgeknöpft, und jetzt hat unser Auto ein Geräusch weniger. Daryl hat übrigens einen Haarschnitt wie JFK und ist auch nicht so doof wie der gleichnamige Mann von Thelma in dem Film naja das muss ich jetzt wohl nicht mehr sagen.

Donnerstag, 18. Oktober
Wir werden heute nach Salt Lake City fahren (also, in die Richtung). Wir werden viel Stoff für Dramolette sammeln. Ich habe in der Buchhandlung ein Buch gefunden, das sagt: Schluss mit dem positiven Denken! Positives Denken macht krank, weil die Leute dadurch ständig enttäuscht werden. Ich finde das auch. Negatives Denken ist toll. Es wird garantiert alles besser als erwartet. Eulenspiegel hat das auch so gesehen. Also: Unser Kupplungsseil wird in der Mojavewüste reißen. Gleichzeitig fällt die Klimaanlage aus (da tropft eh immerzu Wasser raus, Daryl sagt, das sei normal). Vermutlich reißt auch eine dieser Hängebrücken genau in dem Moment, wo wird drüberfahren (diese Indiana-Jones-Hängebrücken; ich bin sicher, dass wir so etwas finden und drüberfahren MÜSSEN, weil es keine andere Möglichkeit gibt). Keine Ahnung, ob die Mormonen Internetanschluss haben, bin aber sicher, dass wir in der Mojavewüste keinen finden, egal.

Freitag, 19. Oktober
(Joshua Tree Nationalpark/Kalifornien) Wüste. Absolute Ruhe. Erk jagt den Coyoten mit der Kamera, der Coyote jagt das Kaninchen, das Kaninchen ahnt noch nichts. Steigt man auf den höchsten Punkt im Park, blickt man bis nach Mexiko. Die andere Richtung, Westen: Dort irgendwo liegt LA. Man erkennt die Wolke, die wie ein lauerndes Tier das Tal hochkriecht (LA liegt über 200 Kilometer entfernt). LA-Smog. Irgendwann wird er Palm Springs erreichen, das dort zu unseren Füssen liegt. Werden sich die Leute in Palm Springs dann beschweren? Nein, die Leute von Bel Air (schickster Ort in LA) haben sich auch nicht beschwert. Jedenfalls nicht nachhaltig.

Habe ich übrigens schon von den 99-Cents-Stores erzählt? Das sind keineswegs diese Eine-Marks-Läden, in denen man unnötige Dinge in durchschaubarer Qualität bekommt. Es sind riesige Kaufhallen, in denen es alles gibt: Campinggeschirr, Gabels, Dosenfutter, Salz. Jedes Teil zu 99 Cents. Das bedeutet: Die Grundausstattung für zwei Wochen Campen - besteht locker aus 50 Teilen - kostet - ja genau, nicht mal 50 Dollar. Das ist natürlich das Schnäppchen des Jahrhunderts, denn: Man gehe in so einen Homestore, in dem es nur Campingzeug gibt, und bezahle 15 Dollar für eine Pfanne, 8 Dollar für einen blöden Topflappen... braucht man ja alles, um nicht zu verhungern und sich nicht die Fingerchen am Blechnapf zu verbrennen, gell. Wir zahlen also für so eine Pfanne 99 Cents. Grossartig. Elefantös. Der einzige Flopp in dem Laden: Der Kirschgelee. Das war eingedickter Wackelpudding aus künstlichen Kirscharomen. AARG. Dinge, die wir dort nicht gekauft haben: Eine Gallone Mundwasser (kill the germs - das ist ganz wichtig hier. Germs sind eine zweifelhafte Spezies und gehören weggegurgelt), 1 komplettes Halloween-Set, bestehend aus vielen grinsenden Plastekürbissen und sonstigen Zutaten, die mir nicht ganz einleuchteten, drei Kilo Salz. Etc.

Samstag, 20. Oktober
(Vom Joshua Tree Nationalpark zum Grand Canyon/Arizona) Wir fahren durch die Wüste. Man entschuldige die totale Missachtung der Weltgeschichtlichen Vorgänge in diesen Dramoletten, derzeit, aber die Wüste ist uns jetzt grad näher. Wir hören "die drei Fragezeichen", diese kalifornische Detektivcombo aus den Siebzigern, die auch in der Wüste herumrecherchieren. Wir fahren über (durch?) einen ausgetrockneten Salzsee. Hier wächst nichts. Gar nichts. Wir steigen aus und pinkeln hinein (drauf?). Es ist irgendwie völlig egal.

Nach einigen Bergen, staubtrocken, rotbraun, plötzlich der Colorado. Ein endloses, gefärbtes Band, frisch und klar, eine Verheißung in dieser Wüste. Wie kann das sein? Wie kann durch so eine Wüste so ein klarer Gebirgsbach fließen? Die Auflösung erfolgt im nächsten Heft.

Sonntag, 21. Oktober
(Grand Canyon) Das ist ein Wow-Ort, also kein überflüssiger Kommentar. Allerdings: Es ist nicht so anders wie die Wüste im Joshua Tree. Das war eine ganz neue, fremde Landschaft. Und vor allem: Es war ruhig. RUHIG. er-u-h-i-ge. Nada. Abgesehn von dem heulenden Coyoten und irgendwelchen Wüstenbewohnern, die nachts ums Zelts herumrascheln (wir kerzengrade im Bettchen, an jedem Haar ein Schweißtropfen, so wie bei dem Pianisten bei Wilhelm Busch, wenn er ans Fortissimo geht.) Totale Ruhe heißt: nix mit Hintergrundrauschen durch Motoren, Reifen, Amtrak-Züge (tuuuut), die uns in Santa Barbara quasi durchs Zelt fuhren. Nix. Ruhe. Aber hier im Grand Canyon schlägt die Zivilisation wieder zu, die ganze Nacht rauscht eine Autobahn vorbei. Frage: welche? Es gibt keine! Ich tippe auf Tonkulisse, damit die Leute keine Angst kriegen alleine im Wald. Außerdem kommen nachts noch diese Wohnwagen in Truck-Format an, bubbubbubbubbubb, drei Runden über den Campingplatz, wo stellen wir uns den hin, Josephine? Dann drei Stunden rumrangiert, dann endlich Motor aus. Und Generator an. Und morgens den Dobermann rausgelassen, der dann erstmal das Wildlife jagt. Das Wildlife hier ist degeneriert, zugegeben, steht herum und erwartet Fütterung, trotzdem, Jagen gehört sich nicht. Fahrt doch woanders hin, Josephine, Harry, Hund, Motorhome, ciao!

Montag, 22. Oktober
(Vom Grand Canyon zu "Lees Ferry" am Colorado, vorbei am Antelope Canyon, Navajo Bridge und Lake Powell) Der Grand Canyon hat 44 Prozent weniger Besucher nach 911. Nine one one (ist übrigens auch die Notrufnummer) ist die gängige Abkürzung, jetzt, wo man ständig darüber spricht. Die Grand Canyon News, der Desert Trail, all diese Publikationen, die sich sonst wenig um die Weltpolitik scheren, haben jetzt 911-Geschichten. Soweit sich 911 auf die unmittelbare Umgebung auswirkt, natürlich. In den L.A.Times gesteht eine Mutter, dass sie ihren Kindern an Halloween heimlich die gesammelten Bonbons wegnehmen und durch selbstgekaufte ersetzen wird. USA Today stellt fest, dass inzwischen 60 Prozent aller Amerikaner ihre Häuser mit der Flagge schmücken.

Nach dem Grand Canyon kommt Wow-Land, echtes Wow, denn wir haben nicht erwartet, dass es weitergeht mit den Naturwundern. Canyon überall. Zarte, gewellte Hügelchen, man ahnt nix Böses, und plötzlich: zack, tut sich der Canyon auf. Sehr aufregend. Wir sind im Land der Navajos, erkennbar an den Verkaufsständen am Straßenrand (bitteres Bild). Ganz amerikanisch wird jeder Stand durch eine Serie von Plakaten angekündigt: Hier! Billiger! Besser! Originaler! Ganz unamerikanisch gibt es auch einen plakativen Abspann nach jedem Stand: Danke für Ihren Besuch! Am besten macht das der Stand von Chief Yellowstone. Abspannplakat: "Chief Yellowstone sez (sic!): Turn around now! It is not too late!" Chief Yellostone ist nämlich nicht blöd und weiß, dass die meisten vorbeifahren. Wozu also bedanken?

Dienstag, 23. Oktober
(Von Lees Ferry zum Zion Canyon/Utah) Wir campen fast direkt am Colorado. Rote Landschaft drumherum, nicht weit entfernt Lees Ferry, jahrzehntelang die einzige Überquerungsmöglichkeit des Flusses, und Lee hat sich wahrscheinlich eine goldene Nase verdient. Der Colorado ist acht Grad Celsius kühl, fließt stetig, jahreszeitenunabhängig, zur Freude der Kanuten. Tatsächlich stehen wir am Ufer eine ökologischen Katastrophe. 1963 hat man den Wüstenfluss gestaut, Lake Powell ist entstanden, ein kühler See mitten in der Wüste, Seezeichen drauf, Sandstrand, sehr kurios. Seitdem hat der Colorado immer Wasser. Früher war er mal ein reißender Fluss, mal ein schlammiges Rinnsal. Aber ein Hort für viele Fischarten. Nichts mehr davon. Forellen gibt es, zur Freude der Fliegenfischer. Und eben einen silbrigen, kühlen Fluss mitten in der Hitze. Des Rätsels Lösung.

Mittwoch, 24. Oktober
(Zion Canyon) Unser Auto fährt übrigens meilenweit mit einer Gallone. 40 miles per gallon, 40 MPG. So rechnet man das hier (sagte ich schon? Sagt ich auch schon, dass wir unser Auto Krepel genannt haben? Zärtlich berlinernd für den, der ein bisschen mehr Fürsorge in der Familie braucht, weil... naja.) Der Cadillac von Krepels Vorbesitzer kam mit einer Gallone genau fünf Meilen weit. So ein Motorhome jagt wahrscheinlich 3 Gallonen durch den Tank, um einmal die Runde auf dem Campingplatz zu machen, gell, Josephine. Jaja, also 40 Meilen. Das sind nicht so ganz sechs Liter pro hundert Kilometer für Krepel (um mal diese einem Amerikaner total unverständliche Masseinheit zu benutzen; es ist doch viel wichtiger, WIE WEIT man kommt, als, WIE VIEL man braucht!).

Donnerstag, 25. Oktober
(Zion Canyon) Tagestour. Wir wandern auf der Ostseite, da, wo lauter Elefantenfüße rumstehen, also graue Berghänge, ab und zu ein Gewächs hingetupft, sehr speziell. Wir sind alleine auf unserer Wanderung. ALLEINE. a el el e i en e. Das muss man erstmal bringen in so einem Nationalpark. Frage mich, wie es im Sommer aussieht und ohne nine one one: Man steht sich gegenseitig auf den Füßen und wünscht sich ganz weit weg. Also alleine. Rast, Blick nach unten. Da! Zwei Wanderer! Schreck! Wir senden ihnen telepathische Warnungen: Hier ist es heiß! Kein Wasser! Steil bergauf! Keuch! Doch sie geht forsch weiter, er schlapp hinterher, da, er gestikuliert, hat unsere Warnungen erhalten: heiß! steil! keuch! Sie hält an, genervt - wie erkennt man das bloß auf diese Entfernung? - hört ihn an, er fuchtelt, deutet nach oben. Sie redet auf ihn ein. Er lässt die Arme trotzig fallen. Da. Gewonnen. Sie gehen zurück.

Freitag, 26. Oktober
(Vom Zion Canyon zum Bryce Canyon/Utah) Ich lese 'Time' und 'Newsweek'. Noch in LA gekauft. Voll auf den Titel reingefallen, Newsweek: "Why they hate us". Das Special zu nine one one und dem Islam. Why they hate us: Ich denke natürlich, ich kriege da so eine selbstkritische Analyse serviert - jaaaa, also wir haben ja auch nicht alles so toll gemacht, die letzten Jahre, es gibt ja schon Gründe, die USA zu hassen, unsere kulturelle Intoleranz, unsere Art, nationale Interessen durchzusetzen und das dabei so darzustellen, als seien es Menschheitsanliegen uswusw. Nein, nichts davon. Der Autor weiß: Sie hassen uns, weil sie so unglaublich viele kulturelle, soziale, ökonomische Probleme haben... seht euch die arabischen Länder an, vergleicht sie mit Israel: Was haben sie geschafft in den letzten Jahrzehnten? Ökonomisch nix (man vergleiche mit Korea!), sozial nix (arm und ungebildet sind die meisten, ungerecht ist alles in den Ölscheichstaaten, Diktaturen haben wir in Syrien und eigentlich auch Ägypten), kulturell - lassen wir das. Einige Araber haben Angst, dass der Westen nur Burger und Cola bringt, und die Städte dann wie Denver und Houston aussehen. Aber ich, Autor, indischstämmig, sage euch: Darüber reden wir doch gar nicht. Diese Frage behandeln wir einfach nicht. Sie haben sich nicht helfen lassen, Punkt. Und unser einziger Fehler ist es, dass wir die Hilfe nicht mehr angeboten (=aufgedrängt) haben. So ist das.

Samstag, 27. Oktober
(Bryce Canyon, zwei Tage wildes Hiken durch die Landschaft. Nachts saukalt. Toll. Kein Puma zu sehen.) Ich hatte sicherlich bescheiden unterschlagen, dass wir den Grand Canyon halb runter und wieder rauf gelaufen sind? Ohne Vorbereitung, untrainiert, vom Schreibtisch aufgestanden und los, quasi? Aber das beeindruckt natürlich keine Sau. Vielleicht sollte ich was von Bären erfinden, die ums Zelt schleichen. Haben sie bestimmt getan. Denn es gibt Bären im Bryce Canyon. Schwarzbären. Der Ranger hat behauptet, es gäbe keine. Dieser Mann wollte uns umbringen. Ich weiß es genau.

Montag, 29. Oktober
(Salt Lake City/Utah) Diese Stadt kommt wie eine Millionenstadt daher. Riesen-Freeway quer durch, ewig kariolt man durch Shopping Areas, dann gibt es ein Downtown, das uns nächtens sehr eindrucksvoll entgegenblinkt. Dabei ist die Stadt nur wenig größer als Hamburg, und Hamburg ist ja nun wirklich nicht groß, bitte, wollen wir die Kirche im Dorf lassen. In Salt Lake City - metropolitan area, also mit Einzugsgebiet - wohnen 1,5 Mio Leute, das sind drei Viertel von ganz Utah. Wir müssen uns ausruhen.

Dienstag, 30. Oktober
An der Supermarktkasse steht einer mit einem T-Shirt, Riesen-Adler drauf (Amerikas Wappentier): "God may have mercy with them. We don't. Always remember September 11th." (A-ha). Hier haben die Leute keine Flaggen an den Autos, Autoflaggen kosten auch nur drei Dollar, nicht zehn wie in Californien. Vielleicht ist der Autoflaggen-Markt ja auch schon gesättigt. Ewig hält so eine Flagge ja auch nicht. Die kalifornischen fransten auch langsam aus. Dafür gibt es hier mehr zu lesen. Viele Geschäfte haben draußen Anstecktafeln, riesengroß, auf die Texte geklebt werden: Normalerweise steht da "zwei Tacos für nur 99 Cents", jetzt steht da God bless America, oder United wie stand, oder home of the free, land of the brave, oder Proud to be an American. Manch einer will es am besten machen und kombiniert was: Home of the free united we stand proud to be an american!

Was ganz anderes: Es gibt hier eine Fastfood-Kette, die heißt SCHLOTZSKYS. Bitte, man lasse sich das auf der Zunge zergehen. Funny name, serious sandwich, steht auf den papiernen Tablettdekorationen. Schlotzkskys. Ich komme nicht darüber hinweg.

Mittwoch, 31. Oktober
Halloween. Hallow von heilig und ween von eve, Vorabend. Netterweise teilt mir das heute so ein Newsletter mit. Ist keltisch. Wie ist das denn in den Zeiten des Pathos: Dürfen da ironische Feste gefeiert werden? "Dürfen wir jetzt wieder Witze über den Präsidenten machen?", fragt die Kolumnistin von Time (ist mir entschieden näher als Newsweek, diese Zeitung). Ironiker haben es schwer zur Zeit, hier, und ich frage mich wirklich, wie man das Welt-steht-Kopf-Fest jetzt begehen wird. Die Weltgeschichte hat auch uns eingeholt. Terrorwarnungen, Salt Lake City mit seinen Biowaffen-Arsenalen und den olympischen Winterspielen, 2002: ein gutes Anschlagsziel? Wir schütteln innerlich den Kopf und sagen, nee nee. Aber in den Canyons war doch alles besser. Keine Nachrichten. Das ist sehr entspannend. Hier hat man wieder das Gefühl, seinen Tagesgeschäften nicht so einfach nachgehen zu können, denn wir haben ja Ausnahmezustand.

Donnerstag, 01. November
Salt Lake City. Halloween, war nett, ein paar Leute haben sich als Siedler verkleidet, auf diese Verkleidung käme man bei uns wohl nicht. Siedler: Bart und Karohosen. Rothaarig. Bart! Mormonen dürfen keinen Bart tragen, also ist das hier ein wahrhaft revolutionärer Akt. Ansonsten sind wir ein schlapper Haufen, schlaffen voll ab in Salt Lake City. Zu viele Canyons gesehen, vorher, vermutlich. Salt Lake City ist nämlich eigentlich schon schön: Liegt in rötlicher Wüste, hat Berge, ist voller Bäume, die die Mormonen hier gepflanzt haben wie wild, wir wohnen am Berg, am Fuße des Olympiastadions (viel Olympiavorbereitungen hier, es gibt sogar eine Straßenbahn bis ans Stadion), man schaut runter auf die Stadt, das ist nett. Da hinten glitzert der See, naja, der See ist nicht wirklich wichtig, aber das macht die Sache interessant: Die Stadt nennt sich nach dem See, liegt aber nicht direkt am Wasser, sondern hat vorsorglich ein paar Meilchen zwischen sich und dieser instabilen Pfütze, gut gegen Überschwemmungen, der See ist nämlich unberechenbar. Und er stinkt. "Saltair" lag mal am See, eine Badeburg mit Treppchen und Türmchen, wie irgendwo in Heringsdorf um die Jahrhundertwende. Ein Seebad, zum Salzatmen. Jetzt: Der fünfte Neubau, denn das Ding ist xmal abgebrannt, nur noch ein Schatten seiner selbst, ein absurder Kasten mit Zwiebeltürmen drauf, drinnen: Ein Souvenirshop, niemand drin, davor: verkommener Parkplatz, eine Behinderteninitiative ist mit Kehren beschäftigt. Ein total verlassener Ort. Interessant.

Samstag, 03. November
(Salt Lake City - Bear Lake/Idaho.) Wir machen einen Ausflug mit dem Bronco, das ist dieser unglaubliche Ford Geländewagen unserer Freunde, brummmmm! Vierrad und so, sehr beeindruckend. Wir fahren in den Norden. Genau 2 Minuten strecken wir unsere Nasen nach Wyoming rein, dann biegen wir ab nach Idaho. Der Plan: Ausflug machen und Wein kaufen (Wein im Mormonenstaat: Unbezahlbar. Unser Hauswein, den wir so gerne mal mit Freunden süffeln, kostet hier 300 Mark (naja, 50). Weinläden sind heilige Orte. Bloß keine Flasche fallen lassen. Staatlich sanktionierte Weinverkaufshütten, denn Läden kann man das nicht nennen, unscheinbar, einfach so ein Kasten, damit bloß keine davon angezogen wird (Sünde). Weinkaufprojekt: Wird gestrichen, denn wir fahren in die totale Pampa. Wir besuchen den Bear Lake. Ich habe noch nie so einen See gesehen. Sieht aus wie ein Stausee in der Wüste: Kein Baum, kein Strauch am Rand. Eiskalt, superklar. Wir wollen hier nicht nächtigen, fahren weiter in die Berge. Es wird dunkel. Wir finden einen feuchten, kalten Platz an einem Bach, es gibt nur feuchte kalte Plätze hier. Es ist saukalt, sage ich, saukalt. Und es ist dunkel. Und plötzlich fliegt etwas sehr sehr Schweres ins Wasser. Pluntsch. Ein großer Stein? Schleicht da ein Massenmörder, Kinderschänder, Puma, Bär? Saukalt, Schiss, was tue ich hier? Aber es ist natürlich wieder so eine Geschichte, die man schön erzählen kann, wenn alles vorbei ist. Offenbar war es kein Massenmörder, denn ich sitze hier und schreibe gemütlich meine Dramolette. Fest steht aber, dass wir nicht wissen, was es war. Naja.

Dienstag, 06. November
(Salt Lake City - Santa Cruz/Kalifornien - Salt Lake City) Ich besuche den klugen Linguisten Geoffrey Pullum im gesegneten Santa Cruz. Sonne, Meer. Kalifornischer Dunst, immer so ein bisschen Dunst hier. Auf der Terrasse des Studentencafes sitzen, weit da hinten das Meer sehen. Totale Entspannung. Geist wandert weit weg, sehr wach. Ideen Ideen Ideen. Irgendwann stelle ich fest, dass meine Swatch nachgeht. Sie ist 15 Jahre alt, und ausgerechnet, wenn ich Pullum interviewen will, beschließt sie, nachzugehen. Heute morgen ging sie noch. Heute mittag auch noch. Irgendwann auf dieser Terrasse hat sie beschlossen, nachzugehen. Kalifornien? Jedenfalls komme ich zu spät. Pullum ist Engländer. Sagt, er freue sich, seit Jahren mal wieder 20 Minuten gehabt zu haben, in denen er nichts vorhatte. Dank meiner Uhr. Sehr freundlich. Er begutachtet mein Minidisk-Aufnahmegerät und sagt: Nun, wenn diese Sachen heute so außehen (zieht Schublade auf) brauche ich DAS Ding wohl nicht mehr (holt riesiges Diktiergerät aus den 60ern raus) das hat mir mein Vater geschenkt (packt das Ding an einer Kordel, lässt es an spitzen Fingern runterbaumeln wie eine tote Ratte) dann kann ich auch genausogut (fährt Hand über Papierkorb) das hier damit machen (spreizt Zeigefinger und Daumen. Ratte plumpst in Korb). Cooler Typ. Ich habe meine Swatch auch von meinem Vater gekriegt. Ich habe sie später genauso weg geschmissen, in Salt Lake City. Muss ich mir merken, diesen Rattengriff. Hat was Befreiendes.

Mittwoch, 07. November
(Salt Lake City - Overton/Nevada) Beschlossen: Die Biosphäre 2 wird besucht. Super Gelegenheit, weil Kommilitone von Erk dort Gastwissenschaftler ist, seit gerade einer Woche. Er organisiert Pressetour für mich. Das ist klasse, alle Leute sind da, vorbereitet, ich muss nur rumspazieren und fragen.

Sollen wir fliegen? Fliegen ist doof. Zweimal bin ich kurz vor dem Boarden rausgegriffen worden, gestern nach Santa Cruz, you have been chosen for random security check (haha, random, wer aus Hamburg kommt wird immer durchsucht, ist doch klar). Ich will hier nicht die verstärkten Sicherheitsvorkehrungen kritisieren, i wo, aber trotzdem ist es unangenehm. Man wird mit den anderen randomly-chosen-Leuten in eine Art Gatter gesperrt, abgegrenzt von den anderen Fluggästen, die nicht anderes zu tun haben und einen natürlich die ganze Zeit angaffen. Dann werden die Taschen ausgeleert, auf einem Tisch, der so steht, als wolle man einen Bazar für die anderen Fluggäste eröffnen. Jeder Kuli wird untersucht, jedes Taschentuch wird entfaltet. Die Sicherheitsleute sind gerade erst angeheuert und eingewiesen worden, das kriegt man mit, besonders an der Art, wie sie völlig verängstigt in den Gepäckstücken wühlen und sich ständig irgendwelche Suchkriterien vorzusagen scheinen. Außerdem fände ich es passend, wenn ich von einer Frau durchsucht würde. Bei meinem Rucksack ist mir das egal, aber ich habe es nicht so gerne, wenn ein Mann mir im Beisein von 100 Gaffern bedeutet, ich solle mich ausziehen. Ich habe protestiert, und er hat dann abgelassen, aber was ist das bitte für eine bescheuerte Situation?

Also fahren wir mit dem Auto.

Nach nur 500 Kilometern sind wir wieder in Wüste, in den Canyons, in einer anderen Welt. Wir fahren Freeway, also zwangsläufig via Las Vegas. Wir machen aus der Not eine Tugend und freuen uns auf ein billiges Steak und eine Tour durch diese bekloppte Angelegenheit.

Um sieben Uhr, es ist gerade dunkel geworden, wir sind noch 60 Meilen von Las Vegas entfernt, geht der Motor aus. Mitten auf der Autobahn. Check Engine, sagt Krepel (das ist unser Auto). Das ist das letzte, was er für eine längere Zeit sagt. Ich steuere ihn auf die Standspur. Trucks sausen vorbei, superlaut. Erk greift sich den Werkzeugkoffer mit dem siehst-du-wie-gut-dass-wir-den-gekauft-haben-Blick. Ich rauche eine Zigarette, weil ich sonst heulen würde. Erk klopft alles ab, prüft jede Sicherung. Der Wagen springt nicht an. Wir stellen Theorien auf. Ford Escorts haben eine Sicherung; wenn man ihn starten will, muss man die Kupplung treten, sonst springt er nicht an. Diese Sicherung wird auch manchmal einfach nur so aktiviert, und dann geht der Motor aus (was für eine oberbescheuerte Einrichtung). Wir prüfen das, aber das ist es nicht.

Da hinten ist eine Tankstelle. Anja geht unter Einsatz ihres Lebens dahin (Scheißgegend, saudunkel, nur Autobahn, Tankstelle und betrunkene Mexikaner). Was sie findet, ist ein Autobahn-Diner, mit Bar zum sitzen und essen, Tagessuppe, grauhaarige Chefin, die sehr mitfühlend ist und einen Abschleppdienst kennt. Tankstelle, Diner, daneben Motel (sieht aus wie Puff, aber egal): Es hätte schlimmer kommen können (da hinten in den Canyons, weit und breit nix Tankstelle, zum Beispiel). Trotzdem. Ich rauche. Die grauhaarige Chefin will wissen: Seid ihr über eine Schwelle gefahren? Fords mögen Schwellen nicht, da springt manchmal eine Abschalt-bei-Unfall-Sicherung raus (was für eine bescheuerte Einrichtung, ich hasse diesen Wagen), aber auch diese (total bekloppte) Sicherung ist es nicht. Sie schaut mitleidig, geht nach hinten und kommt mit einem netten Menschen wieder, der sich den Wagen ansehen will. Erk und Mensch ab. Wir essen Suppe. Ich rauche. Wir erzählen Geschichten von Autopannen. Es ist alles zum Heulen. Aber der Diner ist toll, aus den 60ern, runde Ecken. Erk und Mensch finden nix. Wir holen den Abschleppdienst. Der ist nur ein paar Meter weiter (das ist alles abgekartet, Leute, glaubt mir). Abschleppdienst bringt uns in ein Dorf namens Overton, weltbester Mechaniker dort (hier ist alles weltbest, davon später). Motel gegenüber. Motel wie früher, Innenhof mit Bäumen und so. Lauschig. Glück im Unglück. Abschleppdienst kostet nur 170 Mark. Ist ja nix (wenn man vorher negatives Denken trainiert und mit 500 Dollar gerechnet hat). Tot ins Bett fallen.

Donnerstag, 08. November
(Overton/Nevada - Biosphäre 2, Oracle/Arizona, das ist bei Tuscon) Der Mechaniker sagt, es ist der Timing Belt. Timing Belt. Hat auf mich den Effekt wie das Wort 'Cleaning Woman' in 'Tote tragen keine Karos'. AAAAAAAAAHHHH! Timing Belt: Das ist das, wovor uns alle immer gewarnt haben. Gebraucht Autos in Amerika: Achtung Timing Belt! Wir dachten, Daryl (Mechaniker in Santa Barbara, man erinnere sich) hat das geprüft. Nein. Timing Belt ist eine Art Keilriemen, der alles zusammenhält. Muss alle 60000 Meilen gewechselt werden. Wir sind bei 88000 Meilen. Kostet nur knapp 500 Mark, alles in allem. Das ist nichts, wenn man negatives Denken geübt hat und mit mindestens 1000 Dollar gerechnet hat. Danach fahren wir zur Biosphäre 2. Dauert ungefähr 100 Stunden, weil ungefähr 200 Kilometer Highway eine einzige Baustelle sind. Aber: Endlich diese Saguaros, das sind die Kakteen, die man aus dem Lucky Luke kennt, diese dreiarmigen Riesenteile (das Klischee will es, dass diese Kakteen oft nach Texas verpflanzt werden, aber Leute, ich sage euch, sie wachsen nur und nur in Arizona).

Freitag, 09. November
(tour de force de presse durch die Biosphäre 2, Interviews mit ca. 132,5 Leuten, samt Führung durch das Allerinnerste, spät abends noch Interview mit dem Direktor, der erst dann aus Japan zurückkommt - sehr müde gewesen danach) Endlich wieder in der Wüste. Endlich Wärme. Zikaden. Pumas (gibts tatsächlich neuerdings wieder hier. Lauern ab und zu vor Hotels. Man muss vorsichtig sein.)

Samstag, 10. November
(Biosphäre 2, Oracle/Arizona) Auf der Terrasse sitzen und Artikel schreiben, sehr schön. Endlich warm. Endlich Wüste. Nie wieder weg hier (ausser im Hochsommer, vermutlich).

Sonntag, 11. November
(viel zu spät und tränenreich los in Biosphäre 2, husch husch über Tuscon, Arizona nach Albuquerque, New Mexico, Campingplatz, frierArschAb) Der Plan ist, nach Ann Arbor, Michigan zu fahren, um dort Freunde zu besuchen. Wir haben sehr wenig Lust, die Wüste zu verlassen. Außerdem nähern wir uns Texas, und über Texas hat man in letzter Zeit nicht viel Gutes zu berichten. Außer Austin ist da wohl alles für die Wildschweine, um mal Homöopathix zu zitieren, den Bruder von Gutemine, nicht wahr, aus Asterix und die Lorbeeren des Cäser, aber ich schweife ab. Also, Texas, TexaaaHAAAS, wie Helge Schneider sagen würde.

Montag, 12. November
(von nördlich Albuquerque/New Mexico, kurz nach Santa Fe rein - viel zu kurz, dann Texas - Texa-has, würde Helge Schneider sagen - und schließlich Miami/Oklahoma, alles in allem entlang Route 66, die aber als solche nicht mehr existiert, nur noch als souvenierträchtige Erinnerung.) Bitte sehr, unser Krepelchen fährt wie eine Eins. Durch Texas durch, Texa-has, don't mess with Texas, steht erstmal zur Begrüßung hinter der Grenze, Müll wegschmeißen: 1000 Dollar (zum Vergleich New Mexiko: Müll wegschmeißen 300 Dollar, was mir auch nicht gerade wenig vorkommt. Müll wegschmeißen scheint nur kurz vor Las Vegas kostenlos zu sein, dort wird das in erstaunlichem Ausmaß praktiziert. Ansonsten sind amerikanische High-, Free-, Park- und Sonstwieways erstaunlich sauber, clean sozusagen. (Aber bitte, kostet ja auch keine Kleinigheit, dort herumzumüllen, nicht wahr.) Texas: Man darf nur 70 Meilen pro Stunde fahren (Unverschämt, sonst waren es 75) und nachts sogar nur 65. Was für eine unglaubliche Bevormundung. Dem beeindruckenden Schilderwald Amerikas (Vorsicht, der Fußboden wurde gerade gereinigt, er könnte rutschig sein! Atmen Sie beim Tanken keine Benzindämpfe ein! Bohren Sie bitte nur in Ausnahmefällen genau hier in der Nase, denn ab und zu landet an dieser Stelle ein UFO! Etc.) fügt Texas noch einiges dazu. Trucks: Wer nicht auf die Wiegestation fährt, wird erschossen. (Dinge dieser Art.) Leute mit IQ unter 70: Bitte hier um das Präsidentenamt bewerben. (Irgendwie so.) Ansonsten ist das Land flach, das Öl billig, die Steaks riesig, all dieses Zeug, das jeder weiß. Warum also hier herfahren? Wir fahren also durch. Ganz schnell. Durch das obere Rechteck, das an Texas, diesem erstaunlich unregelmäßigen Staat, von der Form hergesehen, dranhängt (geiler Satz), durch dieses Rechteck also. Übrigens ist nur Wyoming wirklich rechteckig (und Colorado. man sollte Dramolette nicht betrunken schreiben, dann schaut man nicht richtig auf die Karte. Colorado ist so rechteckig wie nur was, zumindest bei dieser Kartenprojektion, und ich bedanek mich für diesen Hinweis bei einem Freund, der anonym bleiben möchte.)

Dienstag, 13. November
(von Miami/Oklahoma über St. Louis/Missouri und Indianapolis/Indiana nach Ann Arbor/Michigan) Wir haben in Miami, Oklahoma übernachtet. Oklahoma: Es sieht schon wieder schwer nach Mitteleuropa aus. Wir haben die Wüste verlassen, sehr schade. Und mit ihr die spanische Welt. Auch schade (Spanisch sprechen ist hier übrigens nicht opportun. Habs probiert, keiner antwortet auf Spanisch (selbst wenn er mit seinem alten Mütterchen gerade einen kleinen heftigen Dialog auf Spanisch aufgeführt hat). Gilt als unschick. (Oder man hat Angst, gleich ausgewiesen zu werden, weil man nicht amerikanisch genug wirkt oder so). Wir fahren durch eine Brandenburg-artige Gegend (also Streusandbüchse), hier nennt man das dust bowl, wobei damit eigentlich jenes Ereignis vor 70 Jahren gemeint war, als starker Wind den ganzen Mutterboden wegtrug. Die Oklahomaner hatten also nicht nur die Depression, sondern außerdem Dust Bowl. Sehr bitter, wenn das alles ist, was im Reiseführer steht. Wir ziehen den Kopf ein. Die Geschichte Oklahomas: Tausende tote Indianer, dann ein paar tote Bleichgesichter, die sich bei der Erstürmung Oklahomas gegenseitig tottrampeln. Noch mehr tote Indianer. In Tulsa, Oklahoma, erfahren wir, dass Tulsa von 'Tallahassee' kommt, 'alte Stadt'. Nach Tallahassee, Florida, werden wir auch noch fahren, später. Den Weg der Seminolen, rückwärts, sozusagen. Das hilft den Seminolen aber auch nicht. Die ganze Indianergeschichte ist eine einzige Traurigkeit.

(Und wie sage ich jetzt? Indianer? Native Americans? Ich glaube, die größte Beleidigung für Menschen ist, wenn andere Menschen darüber verhandeln, wie man sie nennen soll/darf. Das ist die eigentliche Degradierung.)

Der Benzinpreis erreicht seinen Tiefpunkt: unter 1 Dollar pro Gallone, also pro 3,7 Liter. Denn Oklahoma fördert Öl (nicht nur Texas, jaja!) Unser Auto fährt brav, erstaunlich. Wir genießen ein Motel. Campen is doch bissi kalt.

Mittwoch, 14. November
Endlich wieder ein Dramolett. Es haben sich genügend abgespielt (Dramolett = undramatische Geschichten aus dem täglichen Leben). Erstmal entschuldige ich mich, dass ich so lange nicht geschrieben habe - man kommt so selten vorbei am Internet wenn man durch die Wüste fährt. Jetzt also Ann Arbor, Universitätsstadt, 100 000 Einwohner, 40 000 davon haben mit der Universität Michigan zu tun, die hier in der Mitte thront und dafür sorgt, dass man Birkenstocks trägt, im Ökoladen einkauft und gegen Autos ist.

Hier wird zu Fuß gegangen, das ist toll, wir freün uns besonders, weil... wir nicht gerade auf bestem Fuß mit unserem Auto stehen, um es mal freundlich auszudrücken. (Man gehe zum Dramolett vom 7.11.) Heute haben wir das Auto mit Zetteln gepflastert: For Sale, Superauto, verbraucht nur 6 Liter usw. Dann haben wir eine Annonce in den Ann Arbor News aufgegeben. Kurz danach hat das Auto angefangen, kranke Kupplungsgeräusche zu machen. Bitte, wir sind hartgesotten (siehe 7. November), aber das ist zuviel. Ich habe einen Anfall bekommen. Ich darf jetzt nicht mehr in die Nähe von Krepel kommen (so heißt das Auto, man erinnere sich), sonst stirbt er auf der Stelle. Der Vorbesitzer darf mir auf keinen Fall über den Weg laufen, sonst dito. Ich werde nie wieder ein Auto besitzen. Wenn ich ein Auto fahre, dann soll es Sixt oder Europcar gehören, die kann ich dann anrufen und beschimpfen, wenn etwas kaputt geht. Aber bitte, ich will nie wieder NIE WIEDER ein eigenes Auto besitzen.

Ich glaube, ich bin immer noch im Zustand des Anfalls. Unglaublich. Diese Millionen Autobesitzer, die Millionen Dollar in diese Blechhaufen stecken, Versicherung, Anmeldung, Reparaturen, Wartung, dieser ganze Mist, der ein unglaubliches Geld kostet. Und wenn man es braucht, dann fährt es nicht. Was ist das für ein blödes Spiel? Es ist jedenfalls nicht mein Spiel. Meiner Ansicht nach haben Autos zu fahren, ansonsten sehe ich nicht ein, warum man ihnen das Recht gibt, hier herumzulärmen und zu -stinken, wenn sie nicht mal ihren Job machen! Ich kaufe doch kein Auto, um meine Nervenstärke prüfen zu lassen, da gibt es wahrlich bessere Methoden. Was für eine unglaublich Verarschung, ein Komplott gegen die Menschheit. Technik ist überhaupt eine totale Verschaukelung, eine Sicherheits-Vorgaukelung, die allerblödeste Methode, um sich Geld aus der Tasche ziehen zu lassen. So, genug davon. Sixt und Konsorten werden sich freün, auch die Deutsche Bahn, die es wahrlich nicht verdient hat, dass man sich für sie entscheidet, aber bitte, das kleinere Übel. Sie stellt wenigstens Kohorten von Leuten bereit, die man beschimpfen kann, wenn es nicht richtig läuft (nützt zwar nix, ist aber erleichternd). Mit so einem Auto, da muss man zu Kreuze kriechen, sonst schlägt der Abschleppmann noch 100 Mark drauf, oder der Mechaniker bedient einen einfach nicht, denn schließlich hat er ja noch genügend Opfer, die an seinen Lippen hängen und jeden Betrag zu zahlen bereit sind, nur, damit dieser unglaubliche bescheuerte Haufen Mist wieder fährt. Es ist wirklich nicht zu glauben.

Montag, 19. November
(Ann Arbor/Michigan, übrigens ist das leicht links von Detroit) Wir werden heute zu der Etappe Niagara Falls - Albany/New York - Northamptom/Massachusetts - Boston/Massachusetts aufbrechen. Kann sein, dass länger kein Dramolett passiert. Unser Auto wird bis dahin hoffentlich verkauft sein. Die Annonce in den Ann Arbor News hat wenig gebracht. Diese Leute haben es tatsächlich geschafft, an unseren Argusaugen vorbei die falsche Telefonnummer in die Annonce zu friemeln. Unglaublich.

Den Absatz da oben habe ich heute Mittag geschrieben. Hier sind die neuen Pläne: Wir fahren erst morgen. Erstens musste das Auto unserer Freunde in die Werkstatt (kein Kommentar). Zweitens konnten wir unser Auto nicht verkaufen. Der Interessentin gefiel die Farbe nicht. (Bitte, hat man schon mal so einen subtilen Witz gehört: 'Der Interessentin gefiel die Farbe nicht.' Es ist tatsächlich nur eine Person gewesen, die unser Auto auch nur in Erwägung gezogen hat (bzw. die es nicht irgendwie komisch fand, dass die Telefonummer nicht stimmte). Wir habend das Auto zum Händler gebracht. Keiner will es, denn in Ann Arbor fährt man nicht mit Gangschaltung (überall tut man's, glaubt mir, aber nicht in Ann Arbor. Unsere Freunde haben Gangschaltung, sie sind Amerikaner, aber bitte sehr, ich halte mich da raus). Also diese Händler haben uns 600 Dollar geboten. Sechshundert. Hieße: 2200 Dollar Verlust (die Werkstattkosten nicht eingerechnet). Also (2): Wir fahren mit dem Auto nach Boston, und wenn es da niemand kauft, fahren wir damit nach Florida. So. Freut euch.

Dienstag, 20. November
(Ann Arbor/Michigan - Niagara Falls/New York - Albany/New York) Heute früh aus dem Bett gefallen und via Ohio (Cleveland, Stau) zu den Niagarafällen gebraust. Dass man hier andere Strecken zurücklegt als in Deutschland, ist inzwischen fast selbstverständlich, man fährt halt fünf Stunden und hat dann 500 Kilometer zurückgelegt, würde mir zu Hause nicht im Traum einfallen, das einfach so mit dem Auto zu machen (es gibt genug Leute, die das machen, das ist mir schon klar). Saukälte an den Niagarafällen. Wir laufen an den Stromschnellen entlang, bis sie plötzlich über die Kante fallen und verschwinden. Man steht also oben an den Wasserfällen, schaut runter und ist enttäuscht: Groß sieht das von da oben nicht aus. Nicht Größe kann man hier erwarten, sondern Überraschung; habe eben noch nie so viel Wasser über eine Kante fallen sehen. Wer mehr sehen will, gehe auf die kanadische Seite, wir scheuen aber Grenzkonflikte (immerhin sind wir aus dem bösen Hamburg), wollen keine Zeit verlieren, denn Albany, die Hauptstadt im Staate New York, wartet auf uns. Nur noch schnell Geld wechseln. Die Bank hat zu. Zack, steht man ganz doof da: Auf uns warten 300 Meilen Mautautobahn, also ca. 10 Dollar, möglichst passend bereitszuhalten, an Gebühren, eine der wenigen Gelegenheiten in den USA, Bargeld zu benötigen. Und wir haben nix mehr, nada. Ich kriege einen Anfall (dass ich diejenige war, die erst zu den Fällen wollte und dann zur Bank, ist Erk höflich genug zu verschweigen - komischer Satz). Wir versuchen, in einem Hotel Geld zu tauschen (nachdem wir kurzfristig in den Slums von Niagara Falls landen, man landet immer zu unpassenden Zeiten in Slums, völlig unverhofft, das ist schließlich Niagara Falls und nicht L.A., aber bitte). Der Mann an der Rezeption schielt auf den 50-Mark-Schein, so, als hielte man ihm ein Schweineauge entgegen mit der Bitte, es doch bitte mal zu probieren (ja! das ist Indiana Jones), und lehnt es ab, gegen diese dubiose Blüte harte Dollars rauszurücken (schlauer Mann! ist ja auch nur noch ein paar Monate gültig, hähä). Erk findet pötzlich irgendwo im Rucksack 20 Dollar, und ich frage mich, ob das so eine Art Nervenprobe war. Ich habe sie nicht bestanden. Zeit, sich wieder einen 9-to-5-Bürojob zu suchen.

Mittwoch, 21. November
(Albany/New York) Wir besuchen Freunde von unseren Ann Arbor-Freunden Tracey und Larry. Sie wohnen an der State Street, also direkt im Zentrum dieser Stadt, und es ist tatsächlich die Erste "Stadt", die wir nach Hamburg sehen: Zweistöckige Häuser im Amsterdam-Stil, Backsteine, Kirchen, Plätze und Parks. Leider ist die Stadt in der Krise, man sieht es den Menschen an. Viel Arbeitslosigkeit. Aber gute Uni (wie so oft). Ein fettes Capitol, gegenüber ein Jugendstil-expressionistisches staatstragendes Gebäude. Das ist das Zentrum dieses Staates, eines der bevölkerungsreichsten und wichtigsten der USA. Natürlich kennt keine Sau Albany, New York. Alle kennen New York, New York. Aber wie so oft ist nicht die größte Stadt die Hauptstadt. Lansing, Michigan (nicht Detroit). Tallahassee, Florida (nicht Miami). Sacramento, Kalifornien (nicht SF, nicht LA, nicht San Jose). Naja undsoweiter, genug herumgewusst, Albany hat also so ein Verwaltungszentrum, Capitol etc., abgerundet durch ein klassizistisches Gebäude und durch einen gigantomanen Komplex, geht auf Rockefeller zurück, den Sohn des Magnaten.

Teile der Altstadt wurden dafür abgerissen. Dort stehen: Dritte-Welt-Bombasto-Hochhäuser, dazu relativ flache, aber im Detail genauso abweisende Justiz- und Parlamentsgebäude (beide gleich), in der Mitte ein großer Platz, Steinplatten, rechteckiger Teich in der Mitte, kein Baum kein Strauch. Brasilia. Nix für Menschen, nur für Idee. Im einzelnen kann man sogar Spaß an dieser Architektur haben. Aber insgesamt ist das schon recht peinlich. Hat man das notwendig? Schön allein "The Egg", ein riesiges, liegendes Ei, das auf einem bemerkenswert kleinen Fundament sitzt. Sehr Sechzigerjahre. Das Ei ist eine von Albanys Konzerthallen. Das ist wirklich lustig. Man geht in den kleinen Sockel rein, wird durch Gänge geleitet, Marmor und Messing, kann lesen, wie das Ei entstand, und das es für alle Bürger da ist, die stolz darauf sein dürfen, und dann geht man in das Ei hinein, alle Sitzreihen in Eiform gekrümmt, logisch, und hört sich ein Konzert an. Das ist toll. Vom Ei aus kommt man unterirdisch in alle anderen umliegenden Gebaude und zum Parkhaus. Das beeindruckt mich.

Wir verlassen dieses Zentrum der Macht und essen in einem Diner zu Mittag, der fast so typisch ist wie der in Overton, Nevada. Es gibt French Toast, arme Ritter, mit einer teuflisch leckeren Sahne-Sirup-Walnuss-Sauce. Drunken Irish oder so heißt die Kreation. Sehr lecker. Am Nachmittag sind wir nach Massachusetts gedüst, also immer weiter gen Osten. Es ist kalt, manchmal schneit es. Krepel, unser Auto, rasselt ab und zu, wenn wir am Mautposten anhalten müssen (hier im Osten häufen sich die toll roads, Mautautobahnen, im freien Westen wäre sowas natürlich undenkbar (smile). Wir landen irgendwann im kleinen Ort Whately, nördlich von Northampton, liegt am Connecticut River, wenn man in denselben steigen und einige Zeit toter Mann spielen würde, landete man in Hartfort, Connecticut. Tun wir aber nicht. Wir finden stattdessen das Haus von Becky, Schwester unserer Freundin Tracey Jones. In demselben wird morgen Thanksgiving gefeiert. Wir treffen dort die ganze Familie Jones: Vater, Mutter, Stiefmutter, Bruder, zwei Hunde, zwei Katzen (eine heißt Shackleton, ist aber ein braves Katerchen und enthält sich der Expeditionen). Das Dorf ist eine lange Straße mit gemütlichen Häusern, einer weißen Holzkirche und viel Land und Wald hintendran. Sonne, Rauhreif, Herbstlaub, wir genießen in den nächsten Tagen einen Neu-England-Winterbeginn.

Donnerstag, 22. November
(Whately/Massachusetts) Mutter Jones hat gegen Vietnam demonstriert und Noam Chomsky interviewt, der auch gegen Vietnam war und seit Jahrzehnten die Ikone aller Linken in Amerika (oder nur der Ostküste?) ist. Eigentlich sagt er immer das gleiche: Die Demokratie hier ist verrottet, das Kapital hat alles ad absurdum geführt, weg damit, Anarchie. Gleichzeitig ist er Professor am MIT und Guru einer bestimmten Art Linguisten. Guru heißt: Seine Anhänger müssen sich ganz weit wegbewegen, um Kritik zu üben, zum Beispiel an die abtrünnigen Westküsten-Unis, da darf man Chomsky kritisieren. Ich glaube übrigens nicht, dass Chomsky selbst sehr an seinem Guru-Status gedreht hat. Dafür ist er zu schlau. Es ist eben diese erstaunliche Klugheit, die die Leute einschüchtert und zu Adepten macht, er musste da nicht viel tun. Man braucht wohl auch lange Zeit, um ihn wirklich sinnvoll kritisieren zu können, also hält man lieber die Klappe und lernt, was zu lernen ist. Auch nicht doof. Trotzdem frage ich mich, ob ich diese Guru-Geschichte einfach nur kurios oder doch gefährlich finden soll.

Wir feiern jedenfalls Thanksgiving mit einem Truthahn, der 6 Stunden im geschlossenen Grill geröstet und gleichzeitig geräuchert wurde. Dazu: Füllung (stuffing), die aber nicht in den Truthahn gefüllt wird (“da wird sie zu fett”! Das ist Amerika!), sondern als Beilage gereicht wird. Sie besteht hauptsächlich aus Brotkrümeln, Pinienkernen und Gewürzen, mmmh. Dazu grüne Bohnen, Preiselbeersauce und leckeren Wein. Köstlich. Stiefmutter Jones war lange in Deutschland und erzählt, dass dort alle immer ihren Teller leergegessen hätten (wohl Erinnerung an Kriegszeiten, vermutet sie).

Freitag, 23. November
(Whately und Northampton und Boston/Massachusetts) Wir verdauen den Truthahn, man spielt Gitarre und singt Gassenhauer, die Frisbeescheibe fliegt, die Hunde jagen hinterher, die Katzen stolzieren im Haus herum, alles sehr gemütlich. Bruder Bennett erzählt, wie er sich in L.A. als Schauspieler und Komödiant durchschlägt. Für das tägliche Brot hat er sich als Limusinenfahrer verdingt, aber jetzt hat er was viel besseres gefunden: Die Comedy-Fahrschule. In Kalifornien kann man sich aussuchen, wo man hingeht, wenn man wegen irgendwelcher Verkehrsvergehen zu Nachschulungen verdonnert wurde. Es gibt die Fahrschule für Frauen, für Schwule, für Lesben, und eben auch für Komödianten – wobei der Komödiant dann der Lehrer ist. Bennett bekommt also einen Haufen Schüler zugeteilt, dazu einen Raum sowie Lehrvideos, die wohl unter aller Kanone sind. Die Videos legt er nur ein, wenn er mal eine Pause braucht (oder die Schüler nix gegen eine Runde Schlafen einzuwenden haben). Ansonsten bringt er die Leute zum Lachen und erklärt ihnen gleichzeitig, dass man in Kalifornien als Linksabbieger nicht damit rechnen kann, dass die Leute auf der Gegenfahrbahn für einen anhalten (wie es irgendwo in Iowa wohl möglich sein soll). Solche Sachen.

(Übrigens darf man in Michigan immer dann links abbiegen – trotz roter Ampel – wenn die Straße, in die man hineinfährt, eine Einbahnstraße ist. Ich verstehe diese Regel nicht. Keiner versteht sie. Aber die Michiganer wenden sie konsequent unter Einsatz ihres Lebens an, und sie verstehen auch nicht, dass man das in anderen Staaten nicht darf). Einer der Familienstreits, der auch in der harmonischen Familie Jones ausbricht, dreht sich ums Autofahren. Bennett sieht überhaupt nicht ein, warum Tracey in Spanien Angst hatte, auf Autobahnen zu fahren. Dort lässt man den Neuankömmling nämlich nicht gemütlich einfädeln, wie das hier üblich ist, sondern setzt alles dran, dass er nicht auf die Autobahn kommt. Bennett findet Traceys Angst albern (ohne je selbst in Spanien gefahren zu sein, versteht sich. Manche Ältere-Brüder-Verhaltensweisen sind wohl universal).

Samstag, 24. November
(Boston, nein, eigentlich Cambridge/Mass.) Gestern sind wir nach Northampton gefahren, das liegt mitten in Massachusetts, und haben ein Konzert angehört. Das Familienfest ist inzwischen personell auf ungefähr 50 angewachsen, denn alle Freunde und Arbeitskollegen sind auch noch dabei und kommen mit auf das Konzert. Das ist toll. Das Konzert ist eher so ein Gitarren-Geschreddel, ich bin ja kein Freund dieser drei-Harmonien-Peace-Love-Joy-Harmony-Combos. Die Sängerin sitzt auf ihrem Barhocker, mit Gitarre, und verflucht den Augenblick, als sie beschlossen hat, heute einen Minirock zu tragen (blöde Idee). Das ist allerdings lustig. Ansonsten raucht hier keiner (KEINER), Säuglinge sind dabei (Frühabendskonzert), das ist alles sehr freundlich, macht mich aber trotzdem etwas nervös.

Danach fuhren wir nach Boston, nach Hause zu Mutter Jones (nachdem wir ihr Auto mehrfach gejumpt haben, also Batterie aufgeladen, kein Kommentar zum Zustand amerikanischer Autos). Unser Auto rasselt ab und zu. Sobald jemand Fremdes mitfährt, unterlässt es das aber netterweise. Jetzt sind wir in Bosten, einer der erstaunlichsten Städte des Universums! Einer STADT. Wir laufen zum Harvardsquare und nehmen Kaffee zu uns, besuchen Harvard und gehen dort aufs Klo (tut mir leid, aber diese heiligen Städten provozieren mich immer ein bisschen). Wir nehmen die U-Bahn (UBAHN! Lauter lang entbehrte Dinge, hier, smile) und fahren zum MIT. In der U-Bahn lauter Plakate: Studieren Sie bei uns! Das Beste: “Sie haben Kinder und sind berufstätig? Prima Gelegenheit, um einen Hochschulabschluss zu machen!” Ziemlicher Unterschied zu dem Bus in Santa Barbara, Kalifornien. Da stand, auf Spanisch: “Sprechen Sie in GANZEN SÄTZEN mit Ihrem Kind! Sonst lernt es nicht richtig sprechen!” und: “ Bleib in der Schule, es lohnt sich!” und diverse Anti-Drogen- und Anti-Missbrauch-Telefonnummern. Etwas andere Klientel, in dem Bus da! Hier in Boston sind alle reich und gebildet, scheints. Nur der Mann vom Abschleppdienst, der schwungvoll zwischen frisch importierten Mercedessen mit BB-Nummer und Porsches herumkurvt und in sein Handy röhrt, der ist Working Class. Hört man am Akzent, sagen unsere Gastgeber. Wie sich das für die Gebildeten hier gehört, “versteht man manchmal kaum, was sie sagen”. Interessant: Wir sprechen auch keinen Dialekt (jedenfalls nicht richtig), aber verstehen tun wir unsere Heimatidiome schon. (Selbstverständlich finden genug Leute in Deutschland Dialekte immer noch unfein - was sehr dumm ist -, aber auch diese Leute versuchen doch, den Mann vom Abschleppdienst zu verstehen, aus naheliegendem Interesse).

Sonntag, 25. November
(Boston) Wir besuchen die USS Constitution, die über 200 Jahre alt ist und tapfer für die Verfassung gekämpft hat. Die Informationsbroschüre über das Schiff platzt vor Stolz. Männer in Uniformen stolzieren herum und verkürzen die Wartezeit der Touristen, indem sie mit ihnen plaudern. Wir sind an der Reihe, Matrose (?) Willis ist ein Schwarzer mit lustigen runden Augen. Ihr kommt aus Deutschland? Ich war in Deutschland! Es ist so sauber, und die öffentlichen Verkehrsmittel fahren so gut. Ich war in Frankfurt, und dann da im Süden, wo man Juden in Öfen geschoben hat, wo war das genau? Ach ja, Dachau. Und dann noch in Neuschwanstein. Ist der bayrische König nicht ein bisschen plem plem geworden im Alter? Jaja, lustig. Tolles Land.

Schluck.

Montag, 26. November
(Boston - Washington/D.C.) Wir fliegen nicht, denn wir haben ja noch dieses Auto (grrrrrrrrrrrrrrr) am Bein. Wir fahren also in aller Frühe los, die ganze Familie (bis auf den Westküsten-Bruder, Ehrensache, dass er länger schläft ;-)) verabschiedet sich tränenreich, wir bekommen ein Lunchpaket und sind traurig, dass wir fahren müssen. Wir fahren in die Sonne hinein. Connecticut: Wir nehmen den Parkway bis New York, und es ist wirklich ein Park. Gepflegter Wald, hügelige Landschaft, dazwischen echte süße kleine Autobahnraststätten, normalerweise muss man runter von der Autobahn zum Tanken, hier nicht. Vorbei an New York, so nah wie möglich, über die Washington-Brücke. Der erste unfreundliche Tankwart auf der ganzen Reise ist ein New Yorker. Wir wollen einen Abstecher zur Freiheitsstatue machen, aber unser Auto rasselt, und wir wollen uns nicht in New York vertrödeln….

Schade schade schade. New York stand nicht auf dem Reiseplan, vor dem 11. September, denn New York sollte eine Extrareise sein. Jetzt wirkt es absurd, hier einfach so vorbeizufahren. Aber mit einem Auto in die Stadt ist sowieso total bescheuert, mit einem kaputten Auto um so mehr. Wir verzichten und starren von der Ferne auf die Skyline (die Sphinx hat ihre Nase verloren. So wie die Souvenirhändler am Fuße des Monuments allen ihren Minisphinxen die Nase abschlagen, nachdem Obelix die echte Sphinxnase in den Sand befördert hat - Asterix und Kleopatra - , so kann man hier Plastik-Twintowers kaufen, auf die nachträglich die Lebensdaten des Gebäudes geklebt wurden. 1973-2001, auf einem billigen Goldstreifen.)

Dienstag, 27. November
(Washington, D.C. - Yenassee/South Carolina) Wir haben auf einem Campingplatz in einer der Gartenstädte rund um Washington übernachtet. Abends klopft irgendwann das FBI bei unseren Campingnachbarn an. Wollen sehen, ob alles in Ordnung ist. FBI? Schluck. Aber ja: Washington wird vom Bund verwaltet, also haben sie auch eine Bundespolizei. Trotzdem, die ganzen Hubschrauber über uns machen uns nervös, kommt da ein wichtiger Mensch an oder wird da patrouilliert? Wir richten uns darauf ein, überhaupt nicht in die Stadt gelassen zu werden. Aber dann ist alles ganz einfach: Wir fahren mit dem Berufsverkehr in die Stadt, durch die ärmlichen Viertel rund ums Kapitol, Wohngegend, dann landet man plötzlich auf der Mall, Kapitol und die ganzen Museen und Verwaltungsgebäude in klassizistischem Bombast. Wir parken ein paar Straßen hinter dem Weißen Haus, frühstücken und sehen den Büromenschen zu, wie sie uns anstarren (wir sehen in dieser einheitlichen Kostümchen- und Anzugträgergegend aus wie Hippies und fragen uns, wann wir verhaftet werden).

Wir laufen am Weißen Haus längs, keiner hindert uns, die Mall auf und ab, kurz in das Hauptgebäude des Smithsonian hinein. Total bescheuert, dass hier alles so im Laufschritt abzuarbeiten, aber unserem ursprünglichen Reiseplan zufolge wären wir von Boston nach Atlanta geflogen und hätten demzufolge gar nichts gesehen. Also. Wir kriegen einen Eindruck und kommen wieder, wenn uns nach Museen ist (auf dem Plakat für das Postmuseum prangt zum Beispiel ein gelber deutscher Postkasten aus Darmstadt. Das ist doch was!) Über Washington klebt der Nebel. Trist. Penner kauern vor der Weltbank. Wir wollen nach Savannah, Georgia. 500 Meilen. Ist ja nix.

Irgendwann auf der Reise lässt sich der Rückwärtsgang nicht mehr einlegen, als wir aus der Parkbucht fahren wollen, auf einem Rastplatz. Naja, Krepel wieder, das ist so ein Gimmick, um uns bei Laune zu halten.

Als wir 40 Meilen vor Savannah tanken wollen, eiert Erk plötzlich so komisch auf der Tankstelle rum und fährt nicht zur Zapfsäule. Wie das so meine Art ist, will ich ihn beschimpfen, aber das lasse ich sehr schnell bleiben, denn Krepel will offenbar nicht mehr: Man kann keinen Gang mehr einlegen. Das wars. Wir steigen aus und gehen Kaffee trinken. Der Mann an der Tankstelle hat keinen Kaffee gemacht und ist zu blöd, neuen zu machen. Dass er keinen Mechaniker kennt und natürlich auch nicht weiß, ob wir das Auto hier über Nacht stehen lassen können, versteht sich. Erst jetzt werde ich wütend. Aber was solls: Es war klar, dass die Kupplung irgendwann kaputtgeht. Wir schieben das Auto auf den Parkplatz des Motels gegenüber, nehmen ein Zimmer und gehen ins Restaurant “J” essen. Wie man sieht, war Krepel so freundlich, uns nicht in der Pampa stehenzulassen.

Mittwoch, 28. November
(Yenassee/South Carolina) Wir bekommen einen erstklassigen Einblick in das Leben eines Südstaaten-Nests. Die Leute sind hilfsbereit und geben uns Telefonnummern von nahen Werkstätten. Nah ist relativ, zu Fuß ist es weit, aber man nimmt uns mit dem Auto mit. Der Mechaniker (Weiß) schwenkt seinen Schlüsselbund wie eine Peitsche und bellt seine Angestellten an (Schwarz). Wir sind verschreckt und suchen auf der Karte nach dem anderen Mechaniker. Ein Schwarzer (Kunde) kommt und raunt: “Geht nicht woanders hin, geht zu Jerry! ER ist der Beste!” Interessant. Wir bleiben. Jerry fährt mit uns zu unserem Krepel, “let's see what the bad boy is doing”. Natürlich kann er einen Gang einlegen und losfahren, Mechanikereffekt. Wir bringen Krepel in seine Werkstatt (Abschleppkosten gespart, uff). Zweite Probefahrt: Krepel rasselt asthmatisch. Alles klar, Kupplung kaputt, kostet 700 Dollar (was nichts ist, wenn man negatives Denken geübt hat und mit 1000 Dollar gerechnet hat).

Donnerstag, 29. November
(Yenassee – Savannah/Georgia) Wir haben den ganzen Tag gestern und den halben Tag heute in diesem Ort verbracht. Frühstück, Mittagessen, Abendessen im “J’s”. Alle essen hier, auch Jerry. Er begrüßt uns herzlich, these are my German friends (klar, 700 Dollar, aber abgesehen davon ist Jerry eigentlich ganz nett. Dass er Osama Bin Laden an einen Strick binden und hinter seinem Auto herziehen will, bis der aufhört, Amerika zu bedrohen, ist vielleicht ein Effekt der drastischen Kultur hier. Das Militär spielt im Süden eine riesige Rolle, als Arbeitsgeber und auch ideologisch. Vier Kolonnen auf der Autobahn allein in South Carolina. Jerry gehört vermutlich zu den Leuten, für die eine Welt in Ordnung ist, die für uns überhaupt nicht in Ordnung wäre. Trotzdem ist er eigentlich ganz nett).

Zu “J’s” kommen nur Weiße. Kann Zufall sein. Erst heute morgen hält ein stattlicher Jaguar und eine ältere schwarze Dame steigt aus. Sie wird sehr höflich begrüßt. Ich weiß nicht, warum ich damit rechne, dass es hier extra Tische für Weiße und Schwarze gibt. Es wirkt alles noch so. Wir laufen ein bisschen Richtung Dorf, ein alter Schwarzer sitzt auf der Veranda und begrüßt uns freundlich. Sieht es nur so aus, oder sind die Häuser der Schwarzen vor der Stadt? Ich weiß es nicht. Heute morgen machen wir eine kurze Runde mit dem Auto, das jetzt wieder fährt, als sei nix gewesen (gnagnagnaKrepeltotundTeufel). Vor einem Haus sitzt ein Schwarzer neben ganz vielen handgeschriebenen Plakaten: Korrupte Weiße! Die Polizei betrügt! Ich darf hier keine Plakate mehr aufhängen! Etc. Wir verlassen diesen Ort, er ist bedrückend. Abgesehen davon sind hier alle dick. Bis auf einen, und der ist offensichtlich krank. Und fröhlich ist hier auch keiner. Jerry ist offensichtlich auch krank, das sieht man an den Augen, wenn er die Sonnenbrille abnimmt. Alles sehr merkwürdig.

Wir fahren nach Savannah. Das ist eine schöne Stadt, für Touristen hergerichtet, da muß man sich keine Gedanken machen… und schon fühlt man sich wieder etwas hoppgenommen, diese Touristenstädte, sie sind eben doch nicht von dieser Welt, Gaukelei, kein Mensch auf der Straße, der nicht mit Touristen zu tun hat, das ist nicht das echte Leben! Ich fühle mich nicht wohl.

Freitag, 30. November
(Savannah/Georgia – Tallahassee/Florida) Jetzt sind wir in Tallahassee. Niemand fährt nach Tallahassee, nur wir. Das ist gut so, denn hier sind keine Touristen. Nur Uni und Landesregierung. Und Sonne. Und viele viele Bäume. Man lebt quasi im Wald (daran muss man sich gewöhnen, nach der Weite des Südens im Westen, dass man hier im Südosten immer durch Laub gebrochenes Licht hat).

Dienstag, 4. Dezember
(Tallahassee/Florida) Wir schlafen im VW-Bus von Barbara und Kuno, unseren Floridaner Gastgebern. Sehr gemütlich. Wir gehen paddeln und sehen Manatis, das sind Seekühe. Sehr behäbig. Tauchen unter den Kanus durch, als wäre es nix, und gründeln im Schlamm. Dann kommen sie hoch und prusten und verteilen Schlamm auf der Wasseroberfläche. Dafür halten sich die Alligatoren bedeckt. Kein Gator zu sehen, weit und breit.

Aber wir sind ja noch ein bisschen hier. um den Herrschaften aufzulauern. Inzwischen annoncieren wir unser Auto, das jetzt ja sogar eine neue Kupplung hat (wer hat das schon?). Es interessiert aber niemanden. Rezession.

Freitag, 7. Dezember
(Tallahassee/Florida) Seit sieben Tagen fahren wir mit diesem Auto herum, eintausend For-Sale-Schilder drauf, in vier Zeitungen annonciert, keine Sau interessiert sich dafür.

Nun denn, wir suchen einen Händler auf. "Hey, warum fahrt ihr damit nicht zurück nach Kalifornien," sagt er mit Blick auf unser Nummernschild. Gute Frage, eigentlich! Er setzt sich ins Auto, prüft als erstes die Klimaanlage. Einwandfrei. Ice-Cold AC, sagen wir (den Ausdruck haben wir inzwischen gelernt, sehr wichtig). Er lässt den Motor an. "Seid ihr auf eurer Fahrt auch in South Dakota vorbeigekommen?" Nein (wir heucheln Bedauern, denn die Frage lässt darauf schließen, dass mindestens seine Großmutter in South Dakota begraben ist, anders ist die Frage nicht zu verstehen.) Richtig, so ist es. Er ist da aufgewachsen, in einem Dorf mit lauter Deutschen (im Nachbardorf waren lauter Norweger, usw.) Kann er Deutsch? Leider nicht mehr. Aber er lernt Spanisch, mit einem Computerprogramm. Er hat an der Universität von Santa ... Mist, ich habe es vergessen, aber an einer Universität in Kalifornien studiert (ich habe ihm nicht die Frage gestellt, warum er jetzt mit Autos handelt. Hätte meine Verhandlungsbasis womöglich untergraben.)

Er hält uns einen Vortrag darüber, warum er findet, dass alle Einwanderer Englisch lernen müssten: Seine Vorfahren hätten es auch so gemacht, und es ist unmöglich, das öffentliche Leben mit lauter verschiedenen Sprachen zu organisieren. Er bringt die ganzen "English-Only-Argumente" sie werden gerne von Leuten vorgebracht, die in erster oder zweiter Generation im Land sind: Sollen sich doch die Mexikaner genauso anstrengen wie wir! (um die Hispanos dreht es sich bei der Debatte nämlich eigentlich). Und: Das Land wird unregierbar, wenn es nicht eine einzige Sprache gibt!

Ich lasse das hier mal unkommentiert stehen, weise aber darauf hin, dass wir diese tiefsinnige Diskussion mit einem Autohändler gefürt haben. Alle anderen uns bis dato bekannten Autohändler waren eindeutig einer anderen Spezies zugehörig, blickten verschlagen aus ihren Ganovengesichtern und waren oft in Begleitung dubioser Gorillas, die wohl dafür da sind, unbequeme Kunden loszuwerden. Man ist diesen Menschen ausgeliefert, schrecklich.

Wie angenehm war doch da Jerry Huber ("not 'Huber' - 'Juber'!") aus South Dakota.

Mitten im Gespräch ließ er das Wort 'Fifteenhundred' fallen. Nach einigen Sekunden begriffen wir, dass damit der Preis gemeint ist, den er für unser Auto zu zahlen bereit ist. 1500. 300 unter dem Händler-Listenpreis. 1300 unter dem Privat-Verkaufspreis. So ist das Leben. Aber Jerry Huber ist bislang der einzige, der das Auto ÜBERHAUPT kaufen will. Der es überhaupt auch nur angesehen hat, um genau zu sein. Ich verstehe die Anti-Auto-Gesetze dieses Landes nicht (na, aus welchem Asterix...?).

Samstag, 8. Dezember
(Tallahassee/Florida) Aus einer Axel-Springer-Pressemitteilung: Die Redaktionen von "Berliner Morgenpost" und "Welt" werden zusammengelegt. Man spricht von "Inhalten" und ihrer synergetisch effizienteren Nutzung.

Das ist natürlich eine total bescheuerte Idee, und nur der Axel Springer Verlag kann so eine Idee haben (ohne vorher drei Joints geraucht zu haben) und auch noch umsetzen. Trotzdem, Leute, diese Idee ist total zeitgemäß. Warum? Erstens ist die Idee nicht neu, denn jeder Krethi-und-Plethi-Onlinevermarkter hat sie und setzt sie um: Er kauft ein Content Management System, setzt Redakteure dran und lässt Inhalte produzieren. Diese Inhalte werden dann an verschiedene Abnehmer verkauft. Das heißt, ein Redakteur schreibt für verschiedene Medien. Der Verlag spart dadurch Arbeitsplätze. Aus eins mach 15. Klasse.

Nebenbei und zweitens entsteht dabei ein neues Wort, nämlich "Inhalte". Früher sprach man von Texten, jetzt sind es Inhalte. Inhalte sind das, was man mit 'Copy' und 'Paste' von A nach B transferiert. Inhalte zeichnen sich nicht durch eine besondere stilistische oder ideologische Prägung aus; man kann sie also keinem Medium zuordnen. Inhalte sind kompatible Informationsträger. Info-Sauce, vielleicht. Bei Kino-Tipps und Schminkberatungen ist das auch nicht weiter tragisch.

Wenn man dann also schon so weit ist, auch bei Zeitungen von deren 'Inhalten' zu reden, dann ist der Schritt nah, auch in Print-Redaktionen einen Redakteur für zwei Medien produzieren (!) zu lassen. Ehrlich gesagt, ist das nun ja auch nicht so schwer bei Welt und Mopo, oder? Stellt euch nicht so an! Jeder Redakteur kriegt einen Waschzettel, auf dem steht: (1) Text schreiben. (2) Für die 'Welt': Alle 100 Wörter ein Wort in ein Fremdwort verwandeln; alle 200 Wörter das Wort 'Sozialdemokrat' in Zusammenhang mit 'vaterlandsloses Gesindel' oder 'können-mit-Geld-nicht-umgehen' bringen. (3) Für die 'Mopo': Alle Fremdwörter raus. Alle hundert Wörter 'Bolle' oder 'ick' verwenden. Alle 200 Wörter einen gemeinen Witz über die Bonner Zugezogenen machen.

Das war's. Bitte sehr. Übrigens kann man das sicher auch durch ein schlaues Content Management System machen lassen. Der Redakteur kann derweil eine rauchen gehen.

So ein großer Verlag wie Axel Springer hat doch alle Möglichkeiten! Da man sich verlagsintern eh nie groß um journalistische Vielfalt bemüht hat und es für einen Welt-Redakteur eine Ehre ist, mal bei der 'Bild' gearbeitet zu haben - wenn schert es da noch, dass man demnächst für beide arbeitet? Ist doch klasse! Morgens ein konservativ-bildungsbürgerliches Pamphlet über Joschka Fischer verfasst, mittags die Größe des Busens für den Bild-Aufmacher begutachtet, abends ein Bericht über Hundescheiße in Schöneberg. Ich kann mir nix besseres vorstellen.

Montag, 10. Dezember
(Tallahassee/Florida) Heute Krepel verkauft (das ist unser Auto). An den Autohändler mit Universitätsabschluss. Gestern, Sonntag, hat zwar jemand per Anrufbeantworter Interesse bekundet, war dann aber nicht mehr zu erreichen. Ist uns auch egal (war irgendwie klar. Dieses Auto bedeutet einfach Verlust, das wissen wir schon lange).

Jerry Huber, der Autohändler, hat uns zu verstehen gegeben, dass er bei seinem Preis bleibt ("ich könnte weniger zahlen, das wisst ihr!"). Damit hatte sich die Frage erledigt, ob man vielleicht doch noch einen Hunderter mehr... Krepel wurde seiner Schilder entledigt, und wir haben nicht mal zurückgeblickt, als wir ihn verließen.

Auch hart. Immerhin hat dieses Auto 8.000 Meilen für uns zurückgelegt. 12.800 Kilometer. Bitte sehr. 300 Dollar Sprit. Ca. 30 Tankstellenbesuche. Zwei Liter Öl. Zwei Autowäschen samt Saugaktionen (fürs Verkaufen). Drei Mechaniker haben ihre Häupter über den Motor gebeugt; ihre Rechnungen liegen insgesamt bei ungefähr der Betragshöhe, die wir als 'worst case' angenommen haben. Negatives Denken hat sich also bewährt. Da gibt es überhaupt nichts dran herumzudeuteln.

Unser Maskottchen, inzwischen auch Krepel genannt (ein Bärchen mit erstaunlich langen Beinen), hat uns vor Erfrieren, Verhungern, dem Ford-Escort-Würger - wohnhaft in der Mohave-Wüste - und Fahrern aus Iowa bewährt. Die luxuriöse kalifornische Autoversicherung musste also nicht bemüht werden. Wir kriegen sogar Geld zurück. Die Versicherung hat nur eine halbe Monatsmiete gekostet, bitte sehr, da kann sich niemand beschweren.

Krepel II ist jetzt das liebste Stofftier des Sohnes unserer Gastgeber. Vielleicht ist 'Krepel' das erste Wort, das er lernt...?

Wir werden heute abend ein Glas Sekt auf das Auto trinken.

Mittwoch, 12. Dezember
(Von Tallahassee in die Everglades) Wir fahren 500 Meilen mit einem Mietauto. Nach 100 Meilen tun uns die Rücken weh. Na also, Krepel - das war unser Auto, unser eigenes - hatte doch was Gutes: Man konnte 8000 Meilen fahren, ohne dass der Rücken wehtat. Ansonsten hat dieses Mietauto allen möglichen amerikanischen Schnick Schnack (man nennt das hier Schlock): Schalter zum Türen-von-innen-schließen. Türen sind sowieso standardmäßig während der Fahrt abgeschlossen, aber man kann ja ab und zu mit dem Schalter auf- und wieder abschließen. Außerdem: Cruise Control. Tempomat! Geilomat. Jetzt verstehe ich endlich, warum die Leute beim Überholen nicht auf die Tube drücken. Dann würde die Cruise Control rausspringen, und es ist ja so anstrengend, sie dann wieder einzustellen. Dann: beleuchtete Spiegel in den Sonnenblenden oder wie die Dinger heißen. Größenverstellbarer Kaffeebecherhalter (jetzt würde ein Amerikaner sagen: "Die Deutschen mit ihren Bandwurmwörtern, neeneenee"). Undsoweiter. Ansonsten ist dieses Auto Schlockschlockschlock. Kein Sound, kein Speed. Der Außenspiegel schlackert (noch ein Wort mit schl). Überhaupt. Amerikanische Autos. Amerikanische Waschmaschinen. Amerikanische Steckdosen. Alles Schlock. "Höchster Lebensstandard der Welt?" Pah.

Auf dem Campingplatz am südlichsten Festlandsende Amerikas. Tüte Nudeln liegt einsam auf Tisch, ich, weggedreht, am Auto, im Kofferraum herumkruschtend. Krähe kommt, hackt Tüte auf, holt Nudel raus. Ich sackzementnochmal, springe hin. Krähe hat human-approach-speed-calculating-algorithm und weiß genau, wieviele Nudeln sie noch klauen kann, bevor ich zu nahe bin. Geier sitzt auf Rasen, schaut zu. Krähe ab. Ich wieder zum Auto. Sackzement. Geier hüpft heran - Geier hüpfen so, als sprängen sie Trampolin: boingboingboing. Geier hüpft zu Zeltbeutel auf dem Rasen. Denkt darüber nach, ob das ein Partner für die Nacht wäre. Muss den Kopf schieflegen zum Denken.

Donnerstag, 13. Dezember
(Miami/Florida) Am Flughafen. Wer wird kurz vor dem Einstieg ins Flugzeug durchsucht? Annette. Mein Rucksack ist wirklich voll, und es dauert wirklich lange. Die Sucherin ist diesmal eine Frau, immerhin. Sie ist halb so groß wie ich. Der letzte Durchsucher, vor vielen Wochen in Salt Lake City, war auch halb so groß wie ich. Vielleicht ist das ein Durchsuchungskriterium: Größe. Vielleicht ist es auch das rote Kopftuch. Jedenfalls nervt es. Neben mir wird noch eine Frau durchsucht. Sie ist freundlich. Ich nicht.

Freitag, 14. Dezember
(London Heathrow) Europa. Land der Lederschuhe und der schlanken Menschen (ich bin böse, aber es ist wahr). Man trägt Camper und schaut arrogant, die Kinder sind schlecht erzogen, man rempelt sich an und entschuldigt sich nicht. Es gibt den Oxfordschuh für Damen von Bally. Ich halte es doch für eine Art von Kultiviertheit, auch Frauen vernünftige Schuhe zu offerieren.

Trotzdem: In Amerika machen alle den Eindruck, als wüssten sie, was sie tun. Egal, was: Man tut es mit Überzeugung. Hier nicht.

Freitag, 14. Dezember
(Hamburg) Zwei Grad minus. Leckere klare Luft. In Florida gibt es Tage, da möchte man sagen: "Schatz, könntest du dir angewöhnen, nach dem Duschen mal zu lüften?" Ehrlich. Sehr feucht, manchmal leicht abgestanden. Wäsche trocknet nicht. Aber so warm... und das ganze Getier im Sumpf... und so freundliche Taxifahrer, die wissen, was sie tun... denke ich jedenfalls, als ich hier im Taxi nach Hause sitze. Dieser Mann weiß nicht, was er tut. In Amerika cruist man. Hier schrotet man. Und selbstverständlich hilft er uns nicht beim Gepäck. Warum auch. Bin ich Taxifahrer oder Gepäckträger? Bitte sehr, es muss Hierarchien geben, gnädige Frau.

Sonntag, 15. Dezember
(Hamburg) Ach so, das mit Schill war nicht nur ein böser Traum?

 

(c) Annette Leßmöllmann