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Die Zeit 27/2001
Die letzten ihrer Art (12)
"Das ist nichts für zarte Seelen"
Jürgen Stölckers Spezialität sind Schaffelle. Aber der Gerber hat auch schon einer Riesenschlange die Haut abgezogen
Von Annette Leßmöllmann
Nass hängt das Waschbärenfell an Jürgen Stölckers Fingern. Er hat das tote Tier gebalgt und vor der Gerbung in Wasser eingelegt. Nach der Wende hatte sich Stölcker auf solche Kleintiere spezialisiert, als dem kleinen Handwerksbetrieb die Kunden wegblieben, die Schuhindustrie und die Hersteller von Arbeitsschutzbekleidung. Zu DDR-Zeiten gerbte der Betrieb vor allem viel Schweins- und Rindshaut.
"Heute machen wir alles, von der Maus angefangen", sagt Stölcker. Fuchs, Wildschwein, Dachs, sogar ein Zebra vom Erfurter Zoo oder Schlangen, die ihm Liebhaber exotischer Haustiere bringen. Vor allem aber Schaffelle. Der 63-Jährige hat in seiner kleinen Gerberei das richtige Werkzeug dafür, das aus dem alten Familienbetrieb stammt. Der Gerberbaum zum Beispiel, auf dem die Haut entfleischt wird: Ein quer halbierter Baumstamm ist das, schräg stehend; die Haut wird darauf ausgebreitet und dann mit speziellen Messern, den Scherdegen, abgeschabt. Die Geräte hat er von seinen Vorfahren: Sein Urgroßvater eröffnete 1895 den Betrieb im thüringischen Mühlhausen. Stölcker selbst lernte das Handwerk auch zuerst im Familienbetrieb von seiner Mutter, dann in sechs Jahren auf der Walz, die ihm, dem "Kapitalistensohn", dann doch noch einen Studienplatz für Gerbereitechnik einbrachte. 1976 übernahm er die Gerberei Stölcker und suchte sich seine Marktnische zwischen den großen VEBs.
Durch das enge Mühlhausener Gerberviertel fließt ein Bach: kühles Frischwasser, das Stölcker in seine Gerberei leitet. In die Wasserwerkstatt, wo die Häute nach dem Einsalzen gewässert werden, wie auch das Waschbärenfell, das später einmal ein Präparator ausstopfen soll. Der Boden ist feucht, es riecht nach totem Tier und süßlicher Chemie. "Das ist nichts für zarte Seelen", sagt der Gerber, der hier manchmal Schulklassen und Reisegruppen hindurchführt. Es macht ihm Spaß, den Leuten seine Maschinen zu zeigen und ihnen etwas über Chemie und Biologie beizubringen. In den großen Gerbfässern werden die Häute in eine wässrige Lösung gegeben, in die so genannten Flotte, und wie in großen Waschtrommeln gedreht: Das treibt den Fellen Fett und Schmutz aus. Nach dem Wässern wird entfleischt, mit einer Maschine, deren Messerwalze über die Häute fährt. Für kleine Tiere nutzt Stölcker jetzt aber viel häufiger den Gerberbaum.
Dann wird die Haut gespalten: in die Spaltmaschine geschoben wie das Betttuch in die Mangel. Dort trifft sie auf ein waagerechtes Messer, das die obere Hautschicht, den Narbenspalt, von der unteren trennt. Die Spaltmaschine stand mal in einem volkseigenen Gerberbetrieb, war dort aber dem Schichtdienst rund um die Uhr nicht gewachsen - also bekam er sie, dank der guten Kontakte seiner Mutter.
Die eigentliche Gerbung findet in einem anderen Raum statt. Der liegt nahe der betriebseigenen Kläranlage. Denn beim Gerben kommen einige Chemikalien zum Einsatz. Die Gerberei bietet alles, von der Weißgerbung mit Alaun bis zur modernen mineralstofffreien mit Glutaraldehyd. Die Chromgerbung beispielsweise hat inzwischen einen schlechten Ruf, denn sie hinterlässt womöglich Schwermetalle. Deshalb bietet Stölcker auch die Behandlung mit pflanzlichen Stoffen an.
Anschließend werden die Häute wieder in die großen Trommeln gehievt und die Flotte zugegeben, wieder drehen sie sich stundenlang. In diesen Raum darf der kleine Enkel Stölckers nicht hinein; Er wächst im Wohnhaus nebenan auf, so wie einst Jürgen Stölcker selbst - das verbindet mit dem Betrieb. Er sei die sechste Generation, verkündete der Kleine neulich keck. Auch Stölckers Sohn arbeitet mit in der Gerberei.
Nach dem so genannten Neutralisieren wird das Fell gefettet, dann wieder gewaschen, dann geläutert, das heißt in einem Gerbfass ohne Flotte bewegt, damit es weich und flauschig wird. Danach kommt der alte Stollpfahl zum Zuge, mit dem das Leder weich gemacht wird, und mit dem Reckrahmen bringt der Gerber es in Form. Im Trockenraum unter dem Dach werden die Lederstücke auf Holz gespannt. Ein besonders langes Stück liegt dort, fast acht Meter, das war für die Riesenschlange, die man ihm mal gebracht hat. Jürgen Stölcker bietet einen Rundumservice vom Balgen bis zum fertigen Fell oder Leder. Füchse muss er oft balgen, denn die Jäger fürchten sich vor dem Fuchsbandwurm. Auch Schlangen zieht er die Haut selbst ab.
Ausmessen kann er seine Felle mit der Stiftenmessmaschine von 1912: Man schiebt die gegerbte Haut durch, und das Gerät misst mechanisch die Fläche, in Quadratmetern, aber auch in Quadratfuß, wie es der internationale Markt verlangte - denn auch zu DDR-Zeiten hat er das Schweinsleder schon mal nach Italien geliefert.
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