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Die Zeit 42/2002

Die neue Mitte wird links überholt

Aber der Golf TDI hat Tugenden wie der Kanzler: Er bietet jedem etwas

Am Start in der Kompaktklasse: Annette Lessmöllmann, Zeit-Autorin, im VW Golf TDI 1.9 l

Nase, sag ich zu meiner Nase. Heute fahren wir Golf. Da ist Nase aber gleich gerümpft. Nase fährt gern sportlich, sprich: »spochtlich«. Oder elegant, oder beides. Also bestimmt nicht Golf. Golf fahren, das ist das Hintergrundrauschen des Automobilismus. Der Golf ist überall, aber ohne Aussage. Der Nihil des Asphalts.

Neulich brachten Wirrungen des Schicksals Nase und mich ans Steuer eines Sportwagens mit einem Stern vorne drauf. Er sollte schnell wohin gebracht werden. Das ist genau die Ansage für diese Art Wagen: schnell wohin zu schroten. Irgendwann fiel mir die Currywurst mit Pommes vom Schoß (ich esse in solchen Autos immer Currywurst mit Pommes, das erdet), und ich musste auf die rechte Spur wechseln und langsamer fahren und die Unordnung aufräumen. Und siehe da: Alle anderen fuhren auch langsamer! Alle, die sich gerade noch vergeblich an meine Rücklichter heften wollten, reihten sich brav mit 80 Stundenkilometern hinter mir ein. Nase und ich, wir lieben diese Autos mit eingebauter Führungskompetenz.

Jetzt also Golf. Nase ist verschnupft. In dem Auto wird ihr keiner verführerische Blicke zuwerfen, in denen geschrieben steht: Baby, darf ich dir meine Briefmarkensammlung zeigen? Aber bring dein Auto mit!

Und auch noch ein Diesel. Das Golf-Diesel-Fahrschultrauma steigt in mir hoch. Drrrrrr, rappelte das Auto im Stand, während ich mir Standpauken anhören durfte: Junge Dame, Sie fahren zu schnell, unterlassen Sie das, mein Herz macht das nicht mit! Dazu dieser typische Geruch, diese traktorhafte Inneneinrichtung, dieses feiste Lenkrad, diese robusten Schalter, dieses ganze durch und durch Praktische. Die Kupplung kam, als gelte es, einen Panzer zu bewegen. Da war nichts von japanischer Geschmeidigkeit oder von welscher Lust am Übermut. Das Deutsche ist das Schwere.

Ich will nicht. Aber ich muss. Zündschlüssel rein, diese Klappdinger sind schon schick. Da, überall Lichter! In Blau! Ein wahres Cockpit! Drrrrrr macht der Golf, so kennen wir ihn. Stabil oder, seglerisch ausgedrückt, stäbig und - Nase wird fast nostalgisch - mit dem vertrauten Geruch. In der Werbung habe ich gesehen, dass es »Innenautopolitur mit Neuwagenduft« gibt. Ich wette, die Wolfsburger haben einen extra Golf-Duft.

Ich fahre los, das Diesel-Drrrrrr verschwindet, und plötzlich wird mir klar: Ich sitze in einem Sportwagen. Deswegen auch der Schaltknüppel im Golfballdesign, nicht mehr dieses schwarze Plastikding von früher, das klebrig wurde vom Angstschweiß der Fahrschüler. Das Auto sprintet wie am Schnürchen zur Autobahn und ist dort fix auf 180. Eieiei, Nase wird wach. Los geht die Jagd, die Wolfsburger haben dem Golf 4 nämlich die Äuglein ein bisschen schräger gestellt, und nun hat er, zumindest ansatzweise das »Verschwindet, jetzt komm ich«-Gesicht, das die Ford Escorts vorsorglich nach rechts wechseln lässt. Den BMW da vorn juckt das natürlich nicht, warum auch, der denkt: wild gewordene Mittelklasse, tritt durch und jagt - puff - eine kleine schwarze Rauchwolke hinten raus. Ich glaube, die Bayern haben das Puff-Modul absichtlich eingebaut. Zum Duftmarkensetzen. Männerrituale.

Also mein Gölfchen tut so was nicht. Das hat vielmehr Stil. Es ist übrigens dunkelgrün metallic. Früher, zu meiner Zeit, waren Golfs karmesinrot - lippenstiftrot hätte Max Frisch das genannt, denn Max Frisch hatte überhaupt keine Ahnung von Frauen -, und Metallic war was für Bonzen. Heute fahre ich in einem metallischen, durchaus bonzenhaften Golf. Da soll sich einer auskennen. Ein schwerer Wagen ist er geworden, der sich wie eine Limousine bewegt. Dahin das Seifenkisten-Gefühl, das einen jede Delle im Asphalt spüren ließ. Statt dessen ein elegantes Drüberwegsehen über die Unebenheiten der Welt.

Nase und ich, wir besinnen uns auf unsere gute Kinderstube und nehmen den Fuß vom Gas. Ist doch albern, hier so rumzuschroten. Also mal wieder nach rechts und brav in die Mittelklasse eingeordnet. Keiner folgt uns. Der Golf hat keine eingebaute Führungskompetenz. Sogar ein Polo rast an uns vorbei. Ein Polo! Nase macht sich vor Schreck ganz gerade. Es gibt einfach keine Privilegien mehr auf dieser Welt. Golf-Fahrer wissen das. Sie haben den schönen Schein durchschaut und verlassen sich auf sich selbst statt auf ihr Auto. Golf-Fahren hat was mit Charakter zu tun.

Darauf einen Kaffee. Ich kaufe mir einen an der Raststätte. Der Golf hat ausklappbare Kaffeebecherhalter, ganz wunderbare, denn wenn der Becher drinsteht, dann verdeckt er nicht das Radio, und darauf kommt es an. Da kann sich der Sportwagen mit dem Stern vorn drauf eine Scheibe abschneiden. In Wolfsburg wird mitgedacht.

Ich spiele ein bisschen mit der stufenlos verstellbaren Sitzheizung (stufenlos! Das ist der Glanz der Welt!), dann laufe ich einmal ums Auto herum. Nase meldet anerkennend: Er ist schon schick. Früher war der Golf ordentlich kastig und wurde später rund geklopft. Jetzt, in der vierten Generation, ist das hintere Nummernschild von der Heckklappe runtergesackt, das macht die Sache sportlicher. Und dann noch diese Antenne auf dem Dach, so windschnittig dynamisch nach hinten ausgerichtet wie bei einem Spielzeug-Rennauto, das man mit der Fernsteuerung herumjagen kann. Diese Antennen haben die Wolfsburger bestimmt den CB-Funkern abgeguckt. Die haben ihre Fords und Opels früher auch auf diese Weise designmäßig aufgebretzelt.

Apropos upgraden. Mir schwant: In des Golfes Brust lungern viele Seelen. Zurück in der Stadt, fährt eine tiefer gelegte Variante an mir vorbei, mit Uffta-uffta-Musik, ein junger Herr mit Sonnenbrille am Steuer, die Reifen sprengen vor lauter Breite fast den Radkasten. Das Auto ist schwarz, genau wie die Scheiben - Achtung, hier kommt Batmobil. Zackig wird da die Kurve genommen, das Auto hält die Spur wie auf der Carrerabahn und hepp, fliegt eine Kippe aus dem Fenster.

Nase lächelt müde. Auch der Alphamännchen-Aspirant entscheidet sich ab und zu für den Turbodiesel, wie wir sehen. Die kleinen Mädchen aus der Vorstadt beeindrucken, Samstag, Disko, Cha-Cha-Cha! So war das immer. Der Golf konnte auch früher schon anders, zum Beispiel als GTI. Auf dem Dorfe avancierte dieses Auto zu so etwas wie dem Antichrist. Denn die aufmüpfige Jugend brachte sich nächtens nach dem Tanz gern damit um. Immer war dieses schreckliche Auto irgendwie beteiligt, das die Kinder zum Rasen verführte. Der brave Bürger fuhr GLS, dessen Spritzigkeit er allerdings auch mal genoss. Der Golf hat halt was für alle.

Auch für uns. Nase, sag ich. Dieses Auto ist sportlich und elegant. Es könnte uns gefallen. Stimmt, sagt Nase. Und ich spare die Currywurst, denn das Auto ist bodenständig genug, da brauche ich mich nicht zu erden. Woran merkt man Bodenständigkeit? An den Türen. Die gehen nicht stufenlos, sondern über ein paar Widerstände hinweg. Mit ein paar ganz leisen Knacksern, die im Hirn alte Verschaltungen aktivieren: Ganz, ganz früher der Käfer - der konnte das auch. Knack, knack, knack. VW bleibt sich treu. Nase und ich, wir finden das gut.

(c) Die Zeit 42/2002

 

(c) Annette Leßmöllmann