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Die Zeit 32/2003
Schulmeister (26): Autoren der ZEIT preisen ihre Lehrer
Lachen ohne Häme
Von Annette Leßmöllmann
Ho, ho, hoooo, dröhnte der mächtige Lehrerkörper und hielt sich den Bauch. Helmut Heide lachte, und die Klasse starrte interessiert. Der Lehrer hatte meiner Tischgenossin eine Frage gestellt. Sie hatte sich aber gerade mit mir im angeregten Austausch über dieses und jenes befunden. Und da unsere Hirne schon länger aufgegeben hatten, parallel zu diesem lebendigen Diskurs, quasi als doppelten Boden, die Probleme des Deutschen Bundes wenigstens in einer losen Kette assoziierter Begrifflichkeiten parat zu haben (dieser doppelte Boden hat mich in der Schule vor viel Schmach bewahrt, und ich verneige mich mit Bewunderung vor dieser Fähigkeit des menschlichen Geistes), nun, also, Alexandra wusste keine rechte Antwort auf Heides Frage, was denn „der Adel sei“; sie witterte eine Falle, denn diese Frage kam viel zu unschuldig daher, und so sagte sie schließlich forsch: „Die Bourgeoisie!“, und Helmut Heide lachte sich tot.
In diesem Moment wurden wir schlagartig erwachsen. (Nicht ganz, aber davon später.) Denn das Heidesche Lachen war ein Lachen ohne Häme oder Hinterhalt, ein Lachen von Gleich zu Gleich, ein Lachen, das keine Einleitung war für eine didaktische Strafexpedition in Form von doppelten Hausaufgaben. Helmut Heide lachte und berichtigte den Fehler, so, wie man einen ganzen Menschen berichtigt, nicht diese Zurechtweisung einer halben Portion, für die wir uns bis dato ja heimlich hielten. Wir schwatzten nie wieder.
Wie albern auch dieses Geschwatze im Unterricht; jetzt, schlagartig erwachsen, war uns klar, dass es allein unsere Sache war, uns zu interessieren – oder es eben bleiben zu lassen. Und Helmut Heide sprach uns ja eigentlich auch an mit seinen Themen „Vormärz“, „Freiheitskampf“, „Im Kerker für Ideale schmachten“. Seine Ausführungen immer mal wieder mit „Alles klar auf der Andrea Doria!“ und „Keine Panik auf der Titanic“ würzend, signalisierte er, dass er sich für den Drang, seine Rechte kollektiv zu erstreiten, durchaus erwärmen konnte. Wobei er aber auf platt linke Attitüde verzichtete. Er beäugte skeptisch die Gleichmacherei, die Volkes Stimme alle Macht einräumt. „Vox populi, vox Rindvieh“, kommentierte er, wenn sich Mehrheiten zu einem besonderen Schwachsinn hatten hinreißen lassen.
Heides Urteil richtete sich genauso wie sein Lachen an ganze Portionen. Er sprach seine Verdikte in reizendem Hessisch und wies auch hiermit den Dünkel – in diesem Fall den hochsprachlichen – dorthin, wo er hingehörte: in das dürre Reich der Kleingeisterei. Wenn er „Geschichte“ sagte, dann wurde das ch kurzerhand in sch gewandelt und mit eigenartig verschliffenen i ein charmantes »Geschüschte« daraus, heute noch mein Code, wenn die Rede auf das Schulfach kommt.
Leider war er nicht lang genug mein Lehrer, als dass ich nicht nur Höhen, sondern auch Tiefen einer Beziehung gekostet hätte, die man mit Lehrern, Liebhabern oder Tagesschau-Sprechern erleben kann: Auf Euphorie folgt magenumdrehender Überdruss, dann, auf Hegelsche Art – These, Antithese, Synthese – irgendwann der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Aber Heide trat viele Jahre später wieder auf und rettete mein Projekt, erwachsen zu werden, in einem entscheidenden Moment. Kurz vor dem Abitur nämlich begriff ich die Schule durch und durch als Angriff auf meine Persönlichkeit – insbesondere dieses Aufstehen mitten in der Nacht, das man von mir verlangte, war doch ein einziger Affront – sodass ich öfters grandios verschlief. Besonders montags. An einem solchen Montag bohrte sich, als ich verspätet durch die Tür des
Klassenzimmers trat, in mein mattes Hirn die grausige Erkenntnis: Hier wird der Referendar geprüft, dahinten sitzen wichtige Menschen in Anzügen, und da sitzt auch – Helmut Heide. Hölzern stolzierte ich zu meinem Platz – ungekämmt, auch das noch, oh schmerzliche Bewusstwerdung.
Helmut Heide betrachtete mich auf dem Weg von der Tür bis zu meinem Stuhl. Auf diese gefährliche, neutrale Weise. Er lachte nicht.
Jetzt war ich wirklich erwachsen (nein, noch nicht ganz, aber davon ein andermal). Irgendwie war jetzt klar, dass Revolution nichts mit Verschlafen zu tun hat. Als mein Vater Tage später mit diesem gefährlichen, neutralen Gesichtsausdruck en passant bemerkte: Kind, Helmut Heide hat mich angesprochen (angesprochen – dieses Verb verhieß nie Gutes), da sagte ich schnell: Ja, ich weiß.
Aha, du weißt also.
Und jetzt, in diesem Moment, hätte Helmut Heide mit Sicherheit gelacht.
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