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Die Zeit 21/2004

Turbo für Jungforscher

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten aus der deutschen Universität: Das Emmy-Noether-Stipendium ermöglicht Nachwuchswissenschaftlern den schnellen Weg zur Professur

Von Annette Leßmöllmann

"Hast du es gut!" - Diesen Satz hat Barbara Kaup schon öfter gehört auf den Fluren der Berliner Technischen Universität. Geraunt von Kollegen, die in die nächste Fachbereichssitzung schleichen oder ins Seminar hasten. Denn die Kognitionspsychologin muss nicht in Sitzungen gehen, und Seminare gibt Barbara Kaup nur so viele, wie es ihr Arbeitspensum als junge promovierte Forscherin zulässt. Und weit und breit ist kein Professor zu sehen, der ihr vorschreibt, was sie zu forschen und zu lehren hat.

Da können Nachwuchskollegen schon mal neidisch werden. Denn "besser kann man es in Deutschland nicht treffen", sagt Kaup. Sie wird gefördert durch das Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG): Für vier Jahre leitet sie ihre eigene Forschergruppe mit selbst ausgesuchten Mitarbeitern; die Promotion ihrer Doktorandin betreut sie auch, stolz darauf, mit 34 Jahren wissenschaftlichen Nachwuchs heranzuziehen.

Bislang mussten junge Wissenschaftler immer auf eine lange, aufreibende Ochsentour in die wissenschaftliche Karriere. Nun befinden sich gut 500 Noetherianer auf dem Alternativpfad zu akademischen Weihen. "Die Nachwuchswissenschaftler sollen frühzeitig aus dem Schatten der Professoren heraustreten", sagt Beate Scholz, Programmdirektorin Wissenschaftlicher Nachwuchs bei der DFG.

Denn als die Forschungsgemeinschaft das Emmy-Noether-Programm 1999 auflegte, gab es für die Qualifikationsphase vor der Professur im Wesentlichen eines: die wissenschaftliche Assistenz. Die ist berüchtigt. "Man fühlt sich da oft wie ein Säugling", sagt einer resigniert; die Hürde der Doktorarbeit ist genommen, die ersten Publikationen verfasst, ein eigenes Forschungsprofil will sich bilden - doch die Hierarchie der Universität hängt den Jungwissenschaftlern wie Blei an den Schwingen: Jede Entscheidung hängt vom Professor ab; er stellt das Personal ein, verwaltet das Budget, wirbt Gelder für die Forschung ein, betreut Doktorarbeiten. Der Assistent dagegen assistiert, und in Seminaren, universitärer Selbstverwaltung und Forschungsarbeit für den Lehrstuhl geht die meiste Arbeitskraft drauf.

Zeit für die eigene Qualifikation bleibt da kaum. Das alles in einem Alter, in dem die Kollegen in den USA schon fleißig eigene Forschungsgruppen aufbauen. Die Folge: Ein universitärer Mittelbau, zu wenig selbst profiliert, schlecht vorbereitet auf Führungsaufgaben, zu lange damit beschäftigt, Ideen des Chefs umzusetzen.

Da erinnerte sich die DFG einer begabten jungen Mathematikerin, Mitbegründerin der modernen Algebra, die auch fast an den Urständen der deutschen Wissenschaft gescheitert wäre: Emmy Noether konnte sich 1915 in Göttingen nicht habilitieren - weil sie eine Frau war. Es herrschte Geschlechtertrennung, "wie in einer Badeanstalt", wie ihr berühmter Lehrer David Hilbert verständnislos bemerkte. Erst Jahre später konnte sie sich habilitieren und wurde dann als erste Frau in Deutschland Professorin.

Das Stipendium mit ihrem Namen ist für beide Geschlechter offen, aber es stellt sich einem Problem, das besonders Frauen betrifft: Kinder und Karriere zu verbinden. "Wenn ich will, kann ich in Teilzeit arbeiten", lobt die zweifache Mutter Barbara Kaup die Offenheit der DFG, während sie ihren Jüngsten in den Schlaf wiegt. Auch das ist neu in Deutschland, wo junge Wissenschaftlerinnen schon mal von ihrem Professor zu hören bekommen: "Was, schwanger? Na, dann können Sie das mit der Uni ja wohl vergessen."

Doch diese Vorteile haben ihren Preis. Die DFG verlangt Exzellenz. Und: Jugend. Dreißig Jahre alt darf man höchstens sein, muss eine hervorragende Promotion vorweisen und ein Forschungsprojekt präsentieren, das für sechs Jahre trägt: Dann könnte es sein, dass es mit der so genannten Phase I des Stipendiums klappt. Das bedeutet: zwei Jahre Ausland an einer Universität der Wahl; auf die Walz und "weg von der eigenen Alma Mater nach der Promotion", sagt die Programmdirektorin Beate Scholz dezidiert. "Das gehört bei Wissenschaftlern einfach dazu."

Doch damit die Hervorragenden nicht im Ausland bleiben, musste sich die DFG etwas Verlockendes ausdenken, um sie zurückzuholen: In Phase II winkt die Leitung einer Nachwuchsforschergruppe mit eigenen Forschungsmitteln und Möglichkeiten, die denen der amerikanischen Assistenzprofessur ähneln. Die Uni kann sich dabei jeder aussuchen. Dann sponsert die Forschungsgemeinschaft eine Stelle als Nachwuchsgruppenleiter und finanziert Sachmittel und Personal. Das alles bezogen auf das jeweilige Projekt; eine fixe Summe gibt es nicht.

"Ich wäre nicht zurückgekommen, wenn es dieses Stipendium nicht gegeben hätte", sagt der Physiker Michael-Alexander Rübhausen. Er war auf eigene Faust in den USA und ist dann direkt in Phase II eingestiegen. Auch hier ist ein Antrag fällig, die Altersgrenze lautet 32, und die Begutachtung ist streng. Ein Drittel der Kandidaten scheitert.

Die Noetherianer müssen viel verhandeln - nicht alles läuft glatt

"Das ist auch ganz schön hart", sagt der Soziologe Sebastian Braun, 32, dessen Lebenslauf den Eindruck macht, als könne ihm nur wenig wirklich hart vorkommen: in jungen Jahren Profikicker bei Girondins Bordeaux, drei Studienabschlüsse in Deutschland und Frankreich, mit 29 eine deutsch-französische Doppelpromotion und dann mit dem Noether-Stipendium wieder ins Ausland. Er hat den Sprung in Phase II geschafft und startete mit einer beachtlichen Gruppe - drei Doktoranden, zwei Studenten - in Potsdam.

Das trainiert Führungsqualitäten, und wenn man seine eigene Forschergruppe dann hat, probt man auch gleich die Last des professoralen Daseins: Gelder beantragen und verwalten, Verwaltungsabläufe befolgen, auch mal Arbeitgeber-anteile ausrechnen. Und längst nicht alles läuft glatt: Die Noetherianer müssen mit ihren Unis aushandeln, inwieweit sie akademische Lehre anbieten und die Doktorarbeiten ihrer Mitarbeiter offiziell begutachten dürfen. Zwar unterstützt die DFG bei den Verhandlungen und gibt Musterverträge an die Hand. Aber trotzdem klappt das längst nicht bei allen.

Und die strengen Altersgrenzen der DFG finden viele Noether-Stipendiaten unverständlich. In Amerika "gibt es so was nicht", sagt Kaup. "Da zählt nur die Qualität, nicht das Alter." Die DFG denkt darüber nach und hat zum Beispiel im Fach Informatik die Grenze zeitweilig auf 35 angehoben, um verstärkt Nachwuchs in das vergreisende Fach zu ziehen.

Ihre insgesamt gut 500 Geförderten - ein Viertel davon Frauen - vernetzt die DFG untereinander, etwa bei Jahrestreffen, zu denen sie auch mal Edelgard Bulmahn einlädt - die sich von dem Elitenachwuchs prompt Kritik anhören muss über die "Geburtsfehler" ihrer Hochschulreform.

Schon mehr als zwanzig Stipendiaten haben einen Lehrstuhl erhalten

Denn auch die Bundesregierung hat sich Gedanken gemacht über neue Wege in die Akademiker-Karriere und das Modell "Juniorprofessur" aufgelegt (ZEIT 19/04). Seit 2002 schreiben Universitäten diese Stellen für den promovierten Nachwuchs aus: befristet auf sechs Jahre, mit der Möglichkeit, eigenständig zu forschen, Forschungsgelder einzuwerben, Doktorarbeiten zu betreuen, und mit Schwerpunkt in der akademischen Lehre.

Aber eine neue Studie der Jungen Akademie zeigt, dass Emmy-Noether-Stipendiaten in fast allen Gesichtspunkten bessere Bedingungen vorfinden als die Juniorprofessoren (siehe Text unten). Aus diesem Grund hat zum Beispiel der Soziologe Sebastian Braun zwei Rufe auf Juniorprofessuren abgelehnt.

Doch nach Ablauf ihres Stipendiums müssen sich Noetherianer wie Juniorprofessoren dem Gerangel um die raren Lehrstühle stellen. "Richtig konsequent wäre die deutsche Hochschulreform daher erst", findet Michael-Alexander Rübhausen, "wenn es ein tenure track-System gäbe": mit einem klaren Karriereweg (track) zur Lebenszeitstelle (tenure). In den USA ist das gang und gäbe: Eine Stelle ist zwar befristet, kann aber nach festgelegten Kriterien und einer bestimmten Zeit in eine unbefristete Stelle verwandelt werden - hauptsächlich durch die eigene Leistung. Und das, so Rübhausen, gibt "Planungssicherheit", auch in Sachen Kinder.

"Emmy Noether" bietet tenure track nicht an. Und auch mit einer anderen deutschen Altlast, der Habilitationsschrift, konnte das Stipendium noch nicht aufräumen. In einigen Fächern gilt dieses dicke Buch immer noch als notwendiger Nachweis für die Qualifikation zum Hochschullehrer - ein deutsches Unikum; im Ausland beweist man Klasse durch hochkarätige Publikationen in guten Zeitschriften. Im Stillen hatte die DFG wohl gehofft, dass sich das auch in Deutschland durchsetzt. Doch manche Fachbereiche halten zäh an der "Habil" fest.

Manche Noetherianer reagieren auf ihre Weise darauf: Wenn es das Fach verlangt - dann schreibt man das Buch eben. Sebastian Braun hatte die Arbeit schon nach kurzer Zeit beisammen: "Es hat halt Spaß gemacht." Inzwischen hat er einen Ruf auf einen Lehrstuhl in Paderborn erhalten, den schon zum vergangenen Wintersemester angetreten und seine Nachwuchsgruppe dorthin mitnehmen können.

Braun ist Teil einer Erfolgsgeschichte: Von den 231 Stipendiaten, die eine Forschungsgruppe leiten, sind schon 24 Nachwuchswissenschaftler als Professor berufen worden.

(c) Die Zeit 21/2004

 

(c) Annette Leßmöllmann