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Freitag, 30. November
(Savannah, Georgia – Tallahassee, Florida) Jetzt sind wir in Tallahassee. Niemand faehrt nach Tallahassee, nur wir. Das ist gut so, denn hier sind keine Touristen. Nur Uni und Landesregierung. Und Sonne. Und viele viele Baeume. Man lebt quasi im Wald (daran muss man sich gewoehnen, nach der Weite des Suedens im Westen, dass man hier im Suedosten immer durch Laub gebrochenes Licht hat). Liebe Leser, spaeter mehr.

Donnerstag, 29. November
(Yenassee – Savannah, Georgia) Wir haben den ganzen Tag gestern und den halben Tag heute in diesem Ort verbracht. Fruehstueck, Mittagessen, Abendessen im “J’s”. Alle essen hier, auch Jerry. Er begruesst uns herzlich, these are my german friends (klar, 700 Dollar, aber abgesehen davon ist Jerry eigentlich ganz nett. Dass er Osama Bin Laden an einen Strick binden und hinter seinem Auto herziehen will, bis der aufhoert, Amerika zu bedrohen, ist vielleicht ein Effekt der drastischen Kultur hier. Das Militaer spielt im Sueden eine riesige Rolle, als Arbeitsgeber und auch ideologisch. Vier Kolonnen auf der Autobahn allein in South Carolina. Jerry gehoert vermutlich zu den Leuten, fuer die eine Welt in Ordnung ist, die fuer uns ueberhaupt nicht in Ordnung waere. Trotzdem ist er eigentlich ganz nett).
Zu “J’s” kommen nur Weisse. Kann Zufall sein. Erst heute morgen haelt ein stattlicher Jaguar und eine aeltere schwarze Dame steigt aus. Sie wird sehr hoeflich begruesst. Ich weiss nicht, warum ich damit rechne, dass es hier extra Tische fuer Weisse und Schwarze gibt. Es wirkt alles noch so. Wir laufen ein bisschen Richtung Dorf, ein alter Schwarzer sitzt auf der Veranda und begruesst uns freundlich. Sieht es nur so aus, oder sind die Haeuser der Schwarzen vor der Stadt? Ich weiss es nicht. Heute morgen machen wir eine kurze Runde mit dem Auto, das jetzt wieder faehrt, als sei nix gewesen (gnagnagnaKrepeltotundTeufel). Vor einem Haus sitzt ein Schwarzer neben ganz vielen handgeschriebenen Plakaten: Korrupte Weisse! Die Polizei betruegt! Ich darf hier keine Plakate mehr aufhaengen! Etc. Wir verlassen diesen Ort, er ist bedrueckend. Abgesehen davon sind hier alle dick. Bis auf einen, und der ist offensichtlich krank. Und froehlich ist hier auch keiner. Jerry ist offensichtlich auch krank, das sieht man an den Augen, wenn er die Sonnenbrille abnimmt. Alles sehr mehrkwuerdig.
Wir fahren nach Savannah. Das ist eine schoene Stadt, fuer Touristen hergerichtet, da muss man sich keine Gedanken machen… und schon fuehlt man sich wieder etwas hoppgenommen, diese Touristenstaedte, sie sind eben doch nicht von dieser Welt, Gaukelei, kein Mensch auf der Strasse, der nicht mit Touristen zu tun hat, das ist nicht das echte Leben! Ich fuehle mich nicht wohl.

Mittwoch, 28. November
(Yenassee, South Carolina) Wir bekommen einen erstklassigen Einblick in das Leben eines Suedstaaten-Nests. Die Leute sind hilfsbereit und geben uns Telefonnummern von nahen Werkestaetten. Nah ist relativ, zu Fuss ist es weit, aber man nimmt uns mit dem Auto mit. Der Mechaniker (weiss) schwenkt seinen Schluesselbund wie eine Peitsche und bellt seine Angestellten an (Schwarz). Wir sind verschreckt und suchen auf der Karte nach dem anderen Mechaniker. Ein Schwarzer (Kunde) kommt und raunt: “Geht nicht woanders hin, geht zu Jerry! ER ist der Beste!” Interessant. Wir bleiben. Jerry faehrt mit uns zu unserem Krepel, “lets see what the bad boy is doing”. Natuerlich kann er einen Gang einlegen und losfahren, Mechanikereffekt. Wir bringen Krepel in seine Werkstatt (Abschleppkosten gespart, uff). Zweite Probefahrt: Krepel rasselt asthmatisch. Alles klar, Kupplung kaputt, kostet 700 Dollar (was nichts ist, wenn man negatives Denken geuebt hat und mit 1000 Dollar gerechnet hat).

Dienstag, 27. November
(Washington, D.C. - Yenassee, South Carolina) Wir haben auf einem Campingplatz in einer der Gartenstaedte rund um Washington uebernachtet. Abends klopft irgendwann das FBI bei unseren Campingnachbarn an. Wollen sehen, ob alles in Ordnung ist. FBI? Schluck. Aber ja: Washington wird vom Bund verwaltet, also haben sie auch eine Bundespolizei. Trotzdem, die ganzen Hubschrauber ueber uns machen uns nervoes, kommt da ein wichtiger Mensch an oder wird da patrouilliert? Wir richten uns darauf ein, ueberhaupt nicht in die Stadt gelassen zu werden. Aber dann ist alles ganz einfach: Wir fahren mit dem Berufsverkehr in die Stadt, durch die aermlichen Viertel rund ums Kapitol, Wohngegend, dann landet man ploetzlich auf der Mall, Kapitol und die ganzen Museen und Verwaltungsgebaeude in klassizistischem Bombast. Wir parken ein paar Strassen hinter dem Weissen Haus, fruehstuecken und sehen den Bueromenschen zu, wie sie uns anstarren (wir sehen in dieser einheitlichen Kostuemchen- und Anzugtraegergegend aus wie Hippies und fragen uns, wann wir verhaftet werden).
Wir laufen am Weissen Haus laengs, keiner hindert uns, die Mall auf und ab, kurz in das Hauptgebaeude des Smithsonian hinein. Total bescheuert, dass hier alles so im Laufschritt abzuarbeiten, aber unserem urspruenglichen Reiseplan zufolge waeren wir von Boston nach Atlanta geflogen und haetten demzufolge gar nichts gesehen. Also. Wir kriegen einen Eindruck und kommen wieder, wenn uns nach Museen ist (auf dem Plakat fuer das Postmuseum prangt zum Beispiel ein gelber deutscher Postkasten aus Darmstadt. Das ist doch was!) Ueber Washington klebt der Nebel. Trist. Penner kauern vor der Weltbank.
Wir wollen nach Savannah, Georgia. 500 Meilen. Ist ja nix.
Irgendwann auf der Reise laesst sich der Rueckwaertsgang nicht mehr einlegen, als wir aus der Parkbucht fahren wollen, auf einem Rastplatz. Naja, Krepel wieder, das ist so ein Gimmick, um uns bei Laune zu halten.
Als wir 40 Meilen vor Savannah tanken wollen, eiert Erk ploetzlich so komisch auf der Tankstelle rum und faehrt nicht zur Zapfsaeule. Wie das so meine Art ist, will ich ihn beschimpfen, aber das lasse ich sehr schnell bleiben, denn Krepel will offenbar nicht mehr: Man kann keinen Gang mehr einlegen. Das wars. Wir steigen aus und gehen Kaffee trinken. Der Mann an der Tankstelle hat keinen Kaffee gemacht und ist zu bloed, neuen zu machen. Dass er keinen Mechaniker kennt und natuerlich auch nicht weiss, ob wir das Auto hier ueber Nacht stehen lassen koennen, versteht sich. Erst jetzt werde ich wuetend. Aber was solls: Es war klar, dass die Kupplung irgendwann kaputtgeht. Wir schieben das Auto auf den Parkplatz des Motels gegenueber, nehmen ein Zimmer und gehen ins Restaurant “J” essen. Wie man sieht, war Krepel so freundlich, uns nicht in der Pampa stehenzulassen.

Montag, 26. November
(Boston - Washington, D.C.) Wir fliegen nicht, denn wir haben ja noch dieses Auto (grrrrrrrrrrrrrrr) am Bein. Wir fahren also in aller Fruehe los, die ganze Familie (bis auf den Westkuesten-Bruder, Ehrensache, dass er laenger schlaeft ;-)) verabschiedet sich traenenreich, wir bekommen ein Lunchpaket und sind traurig, dass wir fahren muessen. Wir fahren in die Sonne hinein. Connecticut: Wir nehmen den Parkway bis New York, und es ist wirklich ein Park. Gepflegter Wald, huegelige Landschaft, dazwischen echte suesse kleine Autobahnraststaetten, normalerweise muss man runter von der Autobahn zum Tanken, hier nicht. Vorbei an New York, so nah wie moeglich, ueber die Washington-Bruecke. Der erste unfreundliche Tankwart auf der ganzen Reise ist ein New Yorker. Wir wollen einen Abstecher zur Freiheitsstatue machen, aber unser Auto rasselt, und wir wollen uns nicht in New York vertroedeln….
Schade schade schade. New York stand nicht auf dem Reiseplan, vor dem 11. September, denn New York sollte eine Extrareise sein. Jetzt wirkt es absurd, hier einfach so vorbeizufahren. Aber mit einem Auto in die Stadt ist sowieso total bescheuert, mit einem kaputten Auto um so mehr. Wir verzichten und starren von der Ferne auf die Skyline (die Sphinx hat ihre Nase verloren. So wie die Souvenirhaendler am Fusse des Monuments allen ihren Minisphinxen die Nase abschlagen, nachdem Obelix die echte Sphinxnase in den Sand befoerdert hat-Asterix und Kleopatra-, so kann man hier Plastik-Twintowers kaufen, auf die nachtraeglich die Lebensdaten des Gebaeudes geklebt wurden. 1972-2001, auf einem billigen Goldstreifen.)

Sonntag, 25. November
(Boston) Wir besuchen die USS Constitution, die ueber 200 Jahre alt ist und tapfer fuer die Verfassung gekaempft hat. Die Informationsbroschuere ueber das Schiff platzt vor Stolz. Maenner in Uniformen stolzieren herum und verkuerzen die Wartezeit der Touristen, indem sie mit ihnen plaudern. Wir sind an der Reihe, Matrose (?) Willis ist ein Schwarzer mit lustigen runden Augen. Ihr kommt aus Deutschland? Ich war in Deutschland! Es ist so sauber, und die oeffentlichen Verkehrsmittel fahren so gut. Ich war in Frankfurt, und dann da im Sueden, wo man Juden in Oefen geschoben hat, wo war das genau? Ach ja, Dachau. Und dann noch in Neuschwanstein. Ist der bayrische Koenig nicht ein bisschen plem plem geworden im Alter? Jaja, lustig. Tolles Land.
Schluck.

Samstag, 24. November
(Boston) Gestern sind wir nach Northampton gefahren, das liegt mitten in Massachusetts, und haben ein Konzert angehoert. Das Familienfest ist inzwischen personell auf ungefaehr 50 angewachsen, denn alle Freunde und Arbeitskollegen sind auch noch dabei und kommen mit auf das Konzert. Das ist toll. Das Konzert ist eher so ein Gitarren-Geschreddel, ich bin ja kein Freund dieser drei-Harmonien-Peace-Love-Joy-Harmony-Combos. Die Saengerin sitzt auf ihrem Barhocker, mit Gitarre, und verflucht den Augenblick, als sie beschlossen hat, heute einen Minirock zu tragen (bloede Idee). Das ist allerdings lustig. Ansonsten raucht hier keiner (KEINER), Saeuglinge sind dabei (Fruehabendskonzert), das ist alles sehr freundlich, macht mich aber trotzdem etwas nervoes.
Danach fuhren wir nach Boston, nach Hause zu Mutter Jones (nachdem wir ihr Auto mehrfach gejumpt haben, also Batterie aufgeladen, kein Kommentar zum Zustand amerikanischer Autos). Unser Auto rasselt ab und zu. Sobald jemand Fremdes mitfaehrt, unterlaesst es das aber netterweise. Jetzt sind wir in Bosten, einer der erstaunlichsten Staedte des Universums! Einer STADT. Wir laufen zum Harvardsquare und nehmen Kaffee zu uns, besuchen Harvard und gehen dort aufs Klo (tut mir leid, aber diese heiligen Staedten provozieren mich immer ein bisschen). Wir nehmen die U-Bahn (UBAHN! Lauter lang entbehrte Dinge, hier, smile) und fahren zum MIT. In der U-Bahn lauter Plakate: Studieren Sie bei uns! Das Beste: “Sie haben Kinder und sind berufstaetig? Prima Gelegenheit, um einen Hochschulabschluss zu machen!” Ziemlicher Unterschied zu dem Bus in Santa Barbara, Kalifornien. Da stand, auf Spanisch: “Sprechen Sie in GANZEN SAETZEN mit Ihrem Kind! Sonst lernt es nicht richtig sprechen!” und: “ Bleib in der Schule, es lohnt sich!” und diverse Anti-Drogen- und Anti-Missbrauch-Telefonnummern. Etwas andere Klientel, in dem Bus da! Hier in Boston sind alle reich und gebildet, scheints. Nur der Mann vom Abschleppdienst, der schwungvoll zwischen frisch importierten Mercedessen mit BB-Nummer und Porsches herumkurvt und in sein Handy roehrt, der ist Working Class. Hoert man am Akzent, sagen unsere Gastgeber. Wie sich das fuer die Gebildeten hier gehoert, “versteht man manchmal kaum, was sie sagen”. Interessant: Wir sprechen auch keinen Dialekt (jedenfalls nicht richtig), aber verstehen tun wir unsere Heimatidiome schon. (Selbstverstaendlich finden genug Leute in Deutschland Dialekte immer noch unfein -was sehr dumm ist-, aber auch diese Leute versuchen doch, den Mann vom Abschleppdienst zu verstehen, aus naheliegendem Interesse).

Freitag, 23. November
(Whately und Northampton und Boston/Massachusetts) Wir verdauen den Truthahn, man spielt Gitarre und singt Gassenhauer, die Frisbeescheibe fliegt, die Hunde jagen hinterher, die Katzen stolzieren im Haus herum, alles sehr gemuetlich. Bruder Bennett erzaehlt, wie er sich in L.A. als Schauspieler und Komoediant durchschlaegt. Fuer das taegliche Brot hat er sich als Limusinenfahrer verdingt, aber jetzt hat er was viel besseres gefunden: Die Comedy-Fahrschule. In Kalifornien kann man sich aussuchen, wo man hingeht, wenn man wegen irgendwelcher Verkehrsvergehen zu Nachschulungen verdonnert wurde. Es gibt die Fahrschule fuer Frauen, fuer Schwule, fuer Lesben, und eben auch fuer Komoedianten – wobei der Komoediant dann der Lehrer ist.
Bennett bekommt also einen Haufen Schueler zugeteilt, dazu einen Raum sowie Lehrvideos, die wohl unter aller Kanone sind. Die Videos legt er nur ein, wenn er mal eine Pause braucht (oder die Schueler nix gegen eine Runde Schlafen einzuwenden haben). Ansonsten bringt er die Leute zum Lachen und erklaert ihnen gleichzeitig, dass man in Kalifornien als Linksabbieger nicht damit rechnen kann, dass die Leute auf der Gegenfahrbahn fuer einen anhalten (wie es irgendwo in Iowa wohl moeglich sein soll). Solche Sachen.
(Uebrigens darf man in Michigan immer dann links abbiegen – trotz roter Ampel – wenn die Strasse, in die man hineinfaehrt, eine Einbahnstrasse ist. Ich verstehe diese Regel nicht. Keiner versteht sie. Aber die Michiganer wenden sie konsequent unter Einsatz ihres Lebens an, und sie verstehen auch nicht, dass man das in anderen Staaten nicht darf).
Einer der Familienstreits, der auch in der harmonischen Familie Jones ausbricht, dreht sich ums Autofahren. Bennett sieht ueberhaupt nicht ein, warum Tracey in Spanien Angst hatte, auf Autobahnen zu fahren. Dort laesst man den Neuankoemmling naemlich nicht gemuetlich einfaedeln, wie das hier ueblich ist, sondern setzt alles dran, dass er nicht auf die Autobahn kommt. Bennett findet Traceys Angst albern (ohne je selbst in Spanien gefahren zu sein, versteht sich. Manche Aeltere-Brueder-Verhaltensweisen sind wohl universal).

Donnerstag, 22. November
(Whately/Massachusetts) Mutter Jones hat gegen Vietnam demonstriert und Noam Chomsky interviewt, der auch gegen Vietnam war und seit Jahrzehnten die Ikone aller Linken in Amerika (oder nur der Ostkueste?) ist. Eigentlich sagt er immer das gleiche: Die Demokratie hier ist verrottet, das Kapital hat alles ad absurdum gefuehrt, weg damit, Anarchie. Gleichzeitig ist er Professor am MIT und Guru einer bestimmten Art Linguisten. Guru heisst: Seine Anhaenger muessen sich ganz weit wegbewegen, um Kritik zu ueben, zum Beispiel an die abtruennigen Westkuesten-Unis, da darf man Chomsky kritisieren. Ich glaube uebrigens nicht, dass Chomsky selbst sehr an seinem Guru-Status gedreht hat. Dafuer ist er zu schlau. Es ist eben diese erstaunliche Klugheit, die die Leute einschuechtert und zu Adepten macht, er musste da nicht viel tun. Man braucht wohl auch lange Zeit, um ihn wirklich sinnvoll kritisieren zu koennen, also haelt man lieber die Klappe und lernt, was zu lernen ist. Auch nicht doof. Trotzdem frage ich mich, ob ich diese Guru-Geschichte einfach nur kurios oder doch gefaehrlich finden soll.
Wir feiern jedenfalls Thanksgiving mit einem Truthahn, der 6 Stunden im geschlossenen Grill geroestet und gleichzeitig geraeuchert wurde. Dazu: Fuellung (stuffing), die aber nicht in den Truthahn gefuellt wird (“da wird sie zu fett”! Das ist Amerika!), sondern als Beilage gereicht wird. Sie besteht hauptsaechlich aus Brotkruemeln, Pinienkernen und Gewuerzen, mmmh. Dazu gruene Bohnen, Preiselbeersauce und leckeren Wein. Koestlich. Stiefmutter Jones war lange in Deutschland und erzaehlt, dass dort alle immer ihren Teller leergegessen haetten (wohl Erinnerung an Kriegszeiten, vermutet sie).

Mittwoch, 21. November
(Albany/New York) Wir besuchen Freunde von unseren Ann Arbor-Freunden Tracey und Larr. Sie wohnen an der State Street, also direkt im Zentrum dieser Stadt, und es ist tatsaechlich die Erste "Stadt", die wir nach Hamburg sehen: Zweistoeckige Haeuser im Amsterdam-Stil, Backsteine, Kirchen, Plaetze und Parks. Leider ist die Stadt in der Krise, man sieht es den Menschen an. Viel Arbeitslosigkeit. Aber gute Uni (wie so oft). Ein fettes Capitol, gegenueber ein Jugendstil-expressionistisches staatstragendes Gebaeude. Das ist das Zentrum dieses Staates, eines der bevoelkerungsreichsten und wichtigsten der USA. Natuerlich kennt keine Sau Albany, New York. Alle kennen New York, New York. Aber wie so oft ist nicht die groesste Stadt die Hauptstadt. Lansing, Michigan (nicht Detroit). Tallahassee, Florida (nicht Miami). Sacramento, Kalifornien (nicht SF, nicht LA, nicht San Jose). Naja undsoweiter, genug herumgewusst, Albany hat also so ein Verwaltungszentrum, Capitol etc., abgerundet durch ein klassizistisches Gebaeude und durch einen gigantomanen Komplex, geht auf Rockefeller zurueck, den Sohn des Magnaten. Teile der Altstadt wurden dafuer abgerissen. Dort stehen: Dritte-Welt-Bombasto-Hochhaeusser, dazu relativ flache, aber im Detail genauso abweisende Justiz- und Parlamentsgebauede (beide gleich), in der Mitte ein grosser Platz, Steinplatten, rechteckiger Teich ind er Mitte, kein Baum kein Strauch. Brasilia. Nix fuer Menschen, nur fuer Idee. Im einzelnen kann man sogar Spass an dieser Architektur haben. Aber insgesamt ist das schon recht peinlich. Hat man das notwendig? Schoen allein "The Egg", ein riesiges, liegendes Ei, das auf einen bemerkenswert kleinen Fundament sitzt. Sehr Sechzigerjahre. Das Ei ist eine von Albanys Konzerthallen. Das ist wirklich lustig. Man geht in den kleinen Sockel rein, wird durch Gaenge geleitet, Marmor und Messing, kann lesen, wie das Ei entstand, und das es fuer alle Buerger da ist, die stolz darauf sein duerfen, und dann geht man in das Ei hinein, alle Sitzreihen in Eiform gekruemmt, logisch, und hoert sich ein Konzert an. Das ist toll. Vom Ei aus kommt man unterirdisch in alle anderen umliegenden Gebaude und zum Parkhaus. Das beeindruckt mich. Wir verlassen dieses Zentrum der Macht und essen in einem Diner zu Mittag, der fast so typisch ist wie der in Overton, Nevada. Es gibt French Toast, arme Ritter, mit einer teuflisch leckeren Sahne-Sirup-Walnuss-Sauce. Drunken Irish oder so heisst die Kreation. Sehr lecker.
Am Nachmittag sind wir nach Massachusetts geduest, also immer weiter gen Osten. Es ist kalt, manchmal schneit es. Krepel, unser Auto, rasselt ab und zu, wenn wir am Mautposten anhalten muessen (hier im Osten haeufen sich die toll roads, Mautautobahnen, im freien Westen waere sowas natuerlich undenkbar (smile). Wir landen irgendwann im kleinen Ort Whately, noerdlich von Northampton, liegt am Connecticut River, wenn man in denselben steigen und einige Zeit toter Mann spielen wuerde, landete man in Hartfort, Connecticut. Tun wir aber nicht. Wir finden stattdessen das Haus von Becky, Schwester unserer Freundin Tracey Jones. In demselben wird morgen Thanksgiving gefeiert. Wir treffen dort die ganze Familie Jones: Vater, Mutter, Stiefmutter, Bruder, zwei Hunde, zwei Katzen (eine heisst Shackleton, ist aber ein braves Katerchen und enthaelt sich der Expeditionen). Das Dorf ist eine lange Strasse mit gemuetlichen Haeusern, einer weissen Holzkirche und viel Land und Wald hintendran. Sonne, Rauhreif, Herbstlaub, wir geniessen in den naechsten Tagen einen Neu-England-Winterbeginn.

Dienstag, 20. November
(Ann Arbor/Michigan - Niagara Falls/New York - Albany/New York) Heute frueh aus dem Bett gefallen und via Ohio (Cleveland, Stau) zu den Niagarafaellen gebraust. Dass man hier andere Strecken zuruecklegt als in Deutschland, ist inzwischen fast selbstverstaendlich, man faehrt halt fuenf Stunden und hat dann 500 Kilometer zurueckgelegt, wuerde mir zu Hause nicht im Traum einfallen, das einfach so mit dem Auto zu machen (es gibt genug Leute, die das machen, das ist mir schon klar). Saukaelte an den Niagarafaellen. Wir laufen an den Stromschnellen entlang, bis sie ploetzlich ueber die Kante fallen und verschwinden. Man steht also oben an den Wasserfaellen, schaut runter und ist enttaeuscht: Gross sieht das von da oben nicht aus. Nicht Groesse kann man hier erwarten, sondern Ueberraschung; habe eben noch nie so viel Wasser ueber eine Kante fallen sehen. Wer mehr sehen will, gehe auf die kanadische Seite, wir scheuen aber Grenzkonflikte (immerhin sind wir aus dem boesen Hamburg), wollen keine Zeit verlieren, denn Albany, die Hauptstadt im Staate New York, wartet auf uns. Nur noch schnell Geld wechseln. Die Bank hat zu. Zack, steht man ganz doof da: Auf uns warten 300 Meilen Mautautobahn, also ca. 10 Dollar, moelgichst passend bereitszuhalten, an Gebuehren, eine der wenigen Gelegenheiten in den USA, Bargeld zu benoetigen. Und wir haben nix mehr, nada. Ich kriege einen Anfall (dass ich diejenige war, die erst zu den Faellen wollte und dann zur Bank, ist Erk hoeflich genug zu verschweigen - komischer Satz). Wir versuchen, in einem Hotel Geld zu tauschen (nachdem wir kurzfristig in den Slums von Niagara Falls landen, man landet immer zu unpassenden Zeiten in Slums, voellig unverhofft, das ist schliesslich Niagara Falls und nicht L.A., aber bitte). Der Mann an der Rezeption schielt auf den 50-Mark-Schein, so, als hielte man ihm ein Scweineauge entgegen mit der Bitte, es doch bitte mal zu probieren (ja! das ist Indiana Jones), und lehnt es ab, gegen diese dubiose Bluete harte Dollars rauszuruecken (schlauer Mann! ist ja auch nur noch ein paar Monate gueltig, haehae).
Erk findet poetzlich irgendwo im Rucksack 20 Dollar, und ich frage mich, ob das so eine Art Nervenprobe war. Ich habe sie nicht bestanden. Zeit, sich wieder einen 9-to-5-Buerojob zu suchen...)

Montag, 19. November
(Ann Arbor/Michigan, uebrigens ist das leicht links von Detroit) Wir werden heute zu der Etappe Niagara Falls - Albany/New York - Northamptom/Massachussetts - Boston/Massachussetts aufbrechen. Kann sein, dass laenger kein Dramolett passiert. Unser Auto wird bis dahin hoffentlich verkauft sein. Die Annonce in den Ann Arbor News hat wenig gebracht. Diese Leute haben es tatsaechlich geschafft, an unseren Argusaugen vorbei die falsche Telefonnummer in die Annonce zu friemeln. Unglaublich.

Den Absatz da oben habe ich heute Mittag geschrieben. Hier sind die neuen Plaene: Wir fahren erst morgen. Erstens musste das Auto unserer Freunde in die Werkstatt (kein Kommentar). Zweitens konnten wir unser Auto nicht verkaufen. Der Interessentin gefiel die Farbe nicht. (Bitte, hat man schon mal so einen subtilen Witz gehoert: 'Der Interessentin gefiel die Farbe nicht.' Es ist tatsaechlich nur eine Person gewesen, die unser Auto auch nur in Erwaegung gezogen hat (bzw. die es nicht irgendwie komisch fand, dass die Telefonummer nicht stimmte). Wir habend das Auto zum Haendler gebracht. Keiner will es, denn in Ann Arbor faehrt man nicht mit Gangschaltung (ueberall tut man's, glaubt mir, aber nicht in Ann Arbor. Unsere Freunde haben Gangschaltung, sie sind Amerikaner, aber bitte sehr, ich halte mich da raus). Also diese Haendler haben uns 600 Dollar geboten. Sechshundert. Hiesse: 2200 Dollar Verlust (die Werkstattkosten nicht eingerechnet). Also (2): Wir fahren mit dem Auto nach Boston, und wenn es da niemand kauft, fahren wir damit nach Florida. So. Freut euch.

Mittwoch, 14. November
Endlich wieder ein Dramolett. Es haben sich genuegend abgespielt (Dramolett = undramatische Geschichten aus dem taeglichen Leben). Erstmal entschuldige ich mich, dass ich so lange nicht geschrieben habe - man kommt so selten vorbei am Internet wenn man durch die Wueste faehrt. Jetzt also Ann Arbor, Universitaetsstadt, 100 000 Einwohner, 40 000 davon haben mit der Universitaet Michigan zu tun, die hier in der Mitte thront und dafuer sorgt, dass man Birkenstocks traegt, im Oekoladen einkauft und gegen Autos ist.

Hier wird zu Fuss gegangen, das ist toll, wir freuen uns besonders, weil... wir nicht gerade auf bestem Fuss mit unserem Auto stehen, um es mal freundlich auszudruecken. (Man gehe zum Dramolett vom 7.11.) Heute haben wir das Auto mit Zetteln gepflastert: For Sale, Superauto, verbraucht nur 6 Liter usw. Dann haben wir eine Annonce in den Ann Arbor News aufgegeben. Kurz danach hat das Auto angefangen, kranke Kupplungsgeraeusche zu machen. Bitte, wir sind hartgesotten (siehe 7. November), aber das ist zuviel. Ich habe einen Anfall bekommen. Ich darf jetzt nicht mehr in die Naehe von Krepel kommen (so heisst das Auto, man erinnere sich), sonst stirbt er auf der Stelle. Der Vorbesitzer darf mir auf keinen Fall ueber den Weg laufen, sonst dito. Ich werde nie wieder ein Auto besitzen. Wenn ich ein Auto fahre, dann soll es Sixt oder Europcar gehoeren, die kann ich dann anrufen und beschimpfen, wenn etwas kaputt geht. Aber bitte, ich will nie wieder NIE WIEDER ein eigenes Auto besitzen.

Ich glaube, ich bin immer noch im Zustand des Anfalls. Unglaublich. Diese Millionen Autobesitzer, die Millionen Dollar in diese Blechhaufen stecken, versicherung, Anmeldung, Reparaturen, Wartung, dieser ganze Mist, der ein unglaubliches Geld kostet. Und wenn man es braucht, dann faehrt es nicht. Was ist das fuer ein bloedes Spiel? Es ist jedenfalls nicht mein Spiel. Meiner Ansicht nach haben Autos zu fahren, ansonsten sehe ich nicht ein, warum man ihnen das Recht gibt, hier herumzulaermen und zu -stinken, wenn sie nicht mal ihren Job machen! Ich kaufe doch kein Auto, um meine Nervenstaerke pruefen zu lassen, da gibt es wahrlich bessere Methoden. Was fuer eine unglaublich Verarschung, ein Komplott gegen die Menschheit. Technik ist ueberhaupt eine totale Verschaukelung, eine Sicherheits-Vorgaukelung, die allerbloedeste Methode, um sich Geld aus der Tasche ziehen zu lassen. So, genug davon. Sixt und Konsorten werden sich freuen, auch die Deutsche Bahn, die es wahrlich nicht verdient hat, dass man sich fuer sie entscheidet, aber bitte, das kleinere Uebel. Sie stellt wenigstens Kohorten von Leuten bereit, die man beschimpfen kann, wenn es nicht richtig laeuft (nuetzt zwar nix, ist aber erleichternd). Mit so einem Auto, da muss man zu Kreuze kriechen, sonst schlaegt der Abschleppmann noch 100 Mark drauf, oder der Mechaniker bedient einen einfach nicht, denn schliesslich hat er ja noch genuegend Opfer, die an seinen Lippen haemgen und jeden Betrag zu zahlen bereit sind, nur, damit dieser unglaubliche bescheuerte Haufen Mist wieder faehrt. Es ist wirklich nicht zu glauben.

Dienstag, 13. November
(von Miami/Oklahoma ueber St. Louis/Missouri und Indianapolis/Indiana nach Ann Arbor/Michigan) Wir haben in Miami, Oklahoma uebernachtet. Oklahoma: Es sieht schon wieder schwer nach Mitteleuropa aus. Wir haben die Wueste verlassen, sehr schade. Und mit ihr die spanische Welt. Auch schade (Spanisch sprechen ist hier uebrigens nicht opportun. Habs probiert, keiner antwortet auf Spanisch (selbst wenn er mit seinem alten Muetterchen gerade einen kleinen heftigen Dialog auf Spanisch aufgefuehrt hat). Gilt als unschick. Oder man hat Angst, gleich ausgewiesen zu werden, weil man nicht amerikanisch genug wirkt oder so). Wir fahren durch eine Brandenburg-artige Gegend (also Streusandbuechse), hier nennt man das dust bowl, wobei damit eigentlich jenes Ereignis vor 70 Jahren gemeint war, als starker Wind den ganzen Mutterboden wegtrug. Die Oklahomaner hatten also nicht nur die Depression, sondern ausserdem Dust Bowl. Sehr bitter, wenn das alles ist, was im Reisefuehrer steht. Wir ziehen den Kopf ein.

Die Geschichte Oklahomas: Tausende tote Indianer, dann ein paar tote Bleichgesichter, die sich bei der Erstuermung Oklahomas gegenseitig tottrampeln. Noch mehr tote Indianer. In Tulsa, Oklahoma, erfahren wir, dass Tulsa von 'Tallahassee' kommt, 'alte Stadt'. Nach Tallahassee, Florida, werden wir auch noch fahren, spaeter. Den weg der Seminolen, rueckwaerts, sozusagen. Das hilft den Seminolen aber auch nicht. Die ganze Indianergeschichte ist eine einzige Traurigkeit.

(Und wie sage ich jetzt? Indianer? Native Americans? Ich glaube, die groesste Beleidigung fuer Menschen ist, wenn andere Menschen darueber verhandeln, wie man sie nennen soll/darf. Das ist die eigentliche Degradierung.)

Der Benzinpreis erreicht seinen Tiefpunkt: unter 1 Dollar pro Gallone, also pro 3,7 Liter. Denn Oklahoma foerdert Oel (nicht nur Texas, jaja!) Unser Auto faehrt brav, erstaunlich. Wir geniessen ein Motel. Campen is doch bissi kalt.

Montag, 12. November
(von noerdlich Albuquerque, New Mexico, kurz nach Santa Fe rein (viel zu kurz), dann Texas - Texahas, wuerde Helge Schneider sagen und schliesslich Miami, Oklahoma, alles in allem entlang Route 66, die aber als solche nicht mehr existiert, nur noch als souveniertraechtige Erinnerung) Bitte sehr, unser Krepelchen faehrt wie eine Eins. Durch Texas durch, TexaHAS, don't mess with Texas, steht erstmal zur Begruessung hinter der Grenze, Muell wegschmeissen: 1000 Dollar (zum Vergleich New Mexiko: Muell wegschmeissen 300 Dollar, was mir auch nicht gerade wenig vorkommt. Muell wegschmeissen scheint nur kurz vor Las Vegas kostenlos zu sein, dort wird das in erstaunlichem Ausmass praktiziert. Ansonsten sind amerikansiche High-, Free-, Park- und Sonstwieways erstaunlich sauber, clean sozusagen. Aber bitte, kostet ja auch keine Kleinigheit, dort herumzumuellen, nicht wahr.) Texas: Man darf nur 70 Meilen pro Stunde fahren (Unverschaemt, sonst waren es 75) und nachts sogar nur 65. Was fuer eine unglaubliche Bevormundung. Dem beeindruckenden Schilderwald Amerikas (Vorsicht, der Fussboden wurde gerade gereinigt, er koennte rutschig sein! Atmen Sie beim Tanken keine Benzindaempfe ein! Bohren Sie bitte nur in Ausnahmefaellen genau hier in der Nase, denn ab und zu landet an dieser Stelle ein UFO! Etc.) fuegt Texas noch einiges dazu. Trucks: Wer nicht auf die Wiegestation faehrt, wird erschossen. (Dinge dieser Art.) Leute mit IQ unter 70: Bitte hier um das Praesidentenamt bewerben. (Irgendwie so.) Ansonsten ist das Land flach, das Oel billig, die Steaks riesig, all dieses Zeug, das jeder weiss. Warum also hier herfahren? Wir fahren also durch. Ganz schnell. Durch das obere Rechteck, das an Texas, diesem erstaunlich unregelmaessigen Staat, von der Form hergesehen, dranhaengt (geiler Satz), durch dieses Rechteck also. Uebrigens ist nur Wyoming wirklich rechteckig (und Colorado. man sollte Dramolette nicht betrunken schreiben, dann schaut man nicht richtig auf die Karte. Colorado ist so rechteckig wie nur was, zumindest bei dieser Kartenprojektion, und ich bedanke mich fuer diesen Hinweis bei einem Freund, der anonym bleiben moechte.)

Sonntag, 11. November
(viel zu spaet und traenenreich los in Biosphaere 2, husch husch ueber Tuscon, Arizona nach Albuquerque, New Mexico, Campingplatz, frierArschAb) Der Plan ist, nach Ann Arbor, Michigan zu fahren, um dort Freunde zu besuchen. Wir haben sehr wenig Lust, die Wueste zu verlassen. Ausserdem naehern wir uns Texas, und ueber Texas hat man in letzter Zeit nicht viel Gutes zu berichten. Ausser Austin ist da wohl alles fuer die Wildschweine, um mal Homoeopathix zu zitieren, den Bruder von Gutemine, nicht wahr, aus Asterix und die Lorbeeren des Caeser, aber ich schweife ab. Also, Texas, TexaaaHAAAS, wie Helge Schneider sagen wuerde.

Samstag, 10. November
(Biosphaere 2, Oracle/Arizona) Auf der Terrasse sitzen und Artikel schreiben, sehr schoen. Endlich warm. Endlich Wueste. Nie wieder weg hier (ausser im Hochsommer, vermutlich).

Freitag, 09. November
(tour de force de presse durch die Biosphaere, Interviews mit ca. 132,5 Leuten, samt Fuehrung durch das Allerinnerste, spaet abends noch Interview mit dem Direktor, der erst dann aus Japan zurueckkommt - sehr muede gewesen danach) Endlich wieder in der Wueste. Endlich Waerme. Zikaden. Pumas (gibts tatsaechlich neuerdings wieder hier. Lauern ab und zu vor Hotels. Man muss vorsichtig sein.)

Donnerstag, 08. November
(Overton, Nevada - Biosphaere 2, Oracle/Arizona, das ist bei Tuscon) Der Mechaniker sagt, es ist der Timing Belt. Timing Belt. Hat auf mich den Effekt wie das Wort 'Cleaning Woman' in 'Tote tragen keine Karos'. AAAAAAAAAHHHH! Timing Belt: Das ist das, wovor uns alle immer gewarnt haben. Gebraucht Autos in Amerika: Achtung Timing Belt! Wir dachten, Daryl (Mechaniker in Santa Barbara, man erinnere sich) hat das geprueft. Nein. Timing Belt ist eine Art Keilriemen, der alles zusammenhaelt. Muss alle 60000 Meilen gewechselt werden. Wir sind bei 88000 Meilen. Kostet nur knapp 500 Mark, alles in allem. Das ist nichts, wenn man negatives Denken geuebt hat und mit mindestens 1000 Dollar gerechnet hat. Danach fahren wir zur Biosphaere. Dauert ungefaehr 100 Stunden, weil ungefaehr 200 Kilometer Highway eine einzige Baustelle sind. Aber: Endlich diese Saguaros, das sind die Kakteen, die man aus dem Lucky Luke kennt, diese dreiarmigen Riesenteile (das Klischee will es, dass diese Kakteen oft nach Texas verpflanzt werden, aber Leute, ich sage euch, sie wachsen nur und nur in Arizona).

Mittwoch, 07. November
(Salt Lake City - Overton, Nevada) Beschlossen: Die Biospaehre wird besucht. Super Gelegenheit, weil Kommilitone von Erk dort Gastwissenschaftler ist, seit gerade einer Woche. Er organisiert Pressetour fuer mich. Das ist klasse, alle Leute sind da, vorbereitet, ich muss nur rumspazieren und fragen.

Sollen wir fliegen? Fliegen ist doof. Zweimal bin ich kurz vor dem Boarden rausgegriffen worden, gestern nach Santa Cruz, you have been chosen for random security check (haha, random, wer aus Hamburg kommt wird immer durchsucht, ist doch klar). Ich will hier nicht die verstaerkten Sicherheitsvorkehrungen kritisieren, i wo, aber trotzdem ist es unangenehm. Man wird mit den anderen randomly-chosen-Leuten in eine Art Gatter gesperrt, abgegrenzt von den anderen Fluggaesten, die nicht anderes zu tun haben und einen natuerlich die ganze Zeit angaffen. Dann werden die Taschen ausgeleert, auf einem Tisch, der so steht, als wolle man einen Bazar fuer die anderen Fluggaeste eroeffnen. Jeder Kuli wird untersucht, jedes Taschentuch wird entfaltet. Die Sicherheitsleute sind gerade erst angeheuert und eingewiesen worden, das kriegt man mit, besonders an der Art, wie sie voellig veraengstigt in den Gepaeckstuecken wuehlen und sich staendig irgendwelche Suchkriterien vorzusagen scheinen. Ausserdem faende ich es passend, wenn ich von einer Frau durchsucht wuerde. Bei meinem Rucksack ist mir das egal, aber ich habe es nicht so gerne, wenn ein Mann mir im Beisein von 100 Gaffern bedeutet, ich solle mich ausziehen. Ich habe protestiert, und er hat dann abgelassen, aber was ist das bitte fuer eine bescheuerte Situation?

Also fahren wir mit dem Auto.

Nach nur 500 Kilometern sind wir wieder in Wueste, in den Canyons, in einer anderen Welt. Wir fahren Freeway, also zwangslaeufig via Las Vegas. Wir machen aus der Not eine Tugend und freuen uns auf ein billiges Steak und eine Tour durch diese bekloppte Angelegenheit.

Um sieben Uhr, es ist gerade dunkel geworden, wir sind noch 60 Meilen von Las Vegas entfernt, geht der Motor aus. Mitten auf der Autobahn. Check Engine, sagt Krepel (das ist unser Auto). Das ist das letzte, was er fuer eine laengere Zeit sagt. Ich steuere ihn auf die Standspur. Trucks sausen vorbei, superlaut. Erk greift sich den Werkzeugkoffer mit dem siehst-du-wie-gut-dass-wir-den-gekauft-haben-Blick. Ich rauche eine Zigarette, weil ich sonst heulen wuerde. Erk klopft alles ab, prueft jede Sicherung. Der Wagen springt nicht an. Wir stellen Theorien auf. Ford Escorts haben eine Sicherung; wenn man ihn starten will, muss man die Kupplung treten, sonst springt er nicht an. Diese Sicherung wird auch manchmal einfach nur so aktiviert, und dann geht der Motor aus (was fuer eine oberbescheuerte Einrichtung). Wir pruefen das, aber das ist es nicht.

Da hinten ist eine Tankstelle. Anja geht unter Einsatz ihres Lebens dahin (Scheissgegend, saudunkel, nur Autobahn, Tankstelle und betrunkene Mexikaner). Was sie findet, ist ein Autobahn-Diner, mit Bar zum sitzen und essen, Tagessuppe, grauhaarige Chefin, die sehr mitfuehlend ist und einen Abschleppdienst kennt. Tankstelle, Diner, daneben Motel (sieht aus wie Puff, aber egal): Es haette schlimmer kommen koennen (da hinten in den Canyons, weit und breit nix Tankstelle, zum Beispiel). Trotzdem. Ich rauche. Die grauhaarige Chefin will wissen: Seid ihr ueber eine Schwelle gefahren? Fords moegen Schwellen nicht, da springt manchmal eine Abschalt-bei-Unfall-Sicherung raus (was fuer eine bescheuerte Einrichtung, ich hasse diesen Wagen), aber auch diese (total bekloppte) Sicherung ist es nicht. Sie schaut mitleidig, geht nach hinten und kommt mit einem netten Menschen wieder, der sich den Wagen ansehen will. Erk und Mensch ab. Wir essen Suppe. Ich rauche. Wir erzaehlen Geschichten von Autopannen. Es ist alles zum Heulen. Aber der Diner ist toll, aus den 60ern, runde Ecken.

Erk und Mensch finden nix. Wir holen den Abschleppdienst. Der ist nur ein paar Meter weiter (das ist alles abgekartet, Leute, glaubt mir). Abschleppdienst bringt uns in ein Dorf namens Overton, weltbester Mechaniker dort (hier ist alles weltbest, davon spaeter). Motel gegenueber. Motel wie frueher, Innenhof mit Baeumen und so. Lauschig. Glueck im Unglueck. Abschleppdienst kostet nur 170 Mark. Ist ja nix (wenn man vorher negatives Denken trainiert und mit 500 Dollar gerechnet hat). Tot ins Bett fallen.

Dienstag, 06. November
(Salt Lake City - Santa Cruz, Kalifornien - Salt Lake City) Ich besuche den klugen Linguisten Geoffrey Pullum im gesegneten Santa Cruz. Sonne, Meer. Kalifornischer Dunst, immer so ein bisschen Dunst hier. Auf der Terrasse des Studentencafes sitzen, weit da hinten das Meer sehen. Totale Entspannung. Geist wandert weit weg, sehr wach. Ideen Ideen Ideen. Irgendwann stelle ich fest, dass meine Swatch nachgeht. Sie ist 15 Jahre alt, und ausgerechnet, wenn ich Pullum interviewen will, beschliesst sie, nachzugehen. Heute morgen ging sie noch. Heute mittag auch noch. Irgendwann auf dieser Terrasse hat sie beschlossen, nachzugehen. Kalifornien? Jedenfalls komme ich zu spaet. Pullum ist Englaender. Sagt, er freue sich, seit Jahren mal wieder 20 Minuten gehabt zu haben, in denen er nichts vorhatte. Dank meiner Uhr. Sehr freundlich. Er begutachtet mein Minidisk-Aufnahmegeraet und sagt: Nun, wenn diese Sachen heute so aussehen (zieht Schublade auf) brauche ich DAS Ding wohl nicht mehr (holt riesiges Diktiergeraet aus den 60ern raus) das hat mir mein Vater geschenkt (packt das Ding an einer Kordel, laesst es an spitzen Fingern runterbaumeln wie eine tote Ratte) dann kann ich auch genausogut (faehrt Hand ueber Papierkorb) das hier damit machen (spreizt Zeigefinger und Daumen. Ratte plumpst in Korb). Cooler Typ. Ich habe meine Swatch auch von meinem Vater gekriegt. Ich habe sie spaeter genauso weg geschmissen, in Salt Lake City. Muss ich mir merken, diesen Rattengriff. Hat was Befreiendes.

Samstag, 03. November
(Salt Lake City - Bear Lake, Idaho.) Wir machen einen Ausflug mit dem Bronco, das ist dieser unglaubliche Ford Gelaendewagen unserer Freunde, brummmmm! Vierrad und so, sehr beeindruckend. Wir fahren in den Norden. Genau 2 Minuten strecken wir unsere Nasen nach Wyoming rein, dann biegen wir ab nach Idaho. Der Plan: Ausflug machen und Wein kaufen (Wein im Mormonenstaat: Unbezahlbar. Unser Hauswein, den wir so gerne mal mit Freunden sueffeln, kostet hier 300 Mark (naja, 50). Weinlaeden sind heilige Orte. Bloss keine Flasche fallen lassen. Staatlich sanktionierte Weinverkaufshuetten, denn Laeden kann man das nicht nennen, unscheinbar, einfach so ein Kasten, damit bloss keine davon angezogen wird, Suende). Weinkaufprojekt: Wird gestrichen, denn wir fahren in die totale Pampa. Wir besuchen den Bear Lake. Ich habe noch nie so einen See gesehen. Sieht aus wie ein Stausee in der Wueste: Kein Baum, kein Strauch am Rand. Eiskalt, superklar. Wir wollen hier nicht naechtigen, fahren weiter in die Berge. Es wird dunkel. Wir finden einen feuchten, kalten Platz an einem Bach, es gibt nur feuchte kalte Plaetze hier. Es ist saukalt, sage ich, saukalt. Und es ist dunkel. Und ploetzlich fliegt etwas sehr sehr Schweres ins Wasser. Pluntsch. Ein grosser Stein? Schleicht da ein Massenmoerder, Kinderschaender, Puma, Baer? Saukalt, Schiss, was tue ich hier? Aber es ist natuerlich wieder so eine Geschichte, die man schoen erzaehlen kann, wenn alles vorbei ist. Offenbar war es kein Massenmoerder, denn ich sitze hier und schreibe gemuetlich meine Dramolette. Fest steht aber, dass wir nicht wissen, was es war. Naja.

Donnerstag, 01. November
Salt Lake City. Halloween, war nett, ein paar Leute haben sich als Siedler verkleidet, auf diese Verkleidung kaeme man bei uns wohl nicht. Siedler: Bart und Karohosen. Rothaarig. Bart! Mormonen duerfen keinen Bart tragen, also ist das hier ein wahrhaft revolutionaerer Akt. Ansonsten sind wir ein schlapper Haufen, schlaffen voll ab in Salt Lake City. Zu viele Canyons gesehen, vorher, vermutlich. Salt Lake City ist naemlich eigentlich schon schoen: Liegt in roetlicher Wueste, hat Berge, ist voller Baeume, die die Mormonen hier gepflanzt haben wie wild, wir wohnen am Berg, am Fusse des Olympiastadions (viel Olympiavorbereitungen hier, es gibt sogar eine Strassenbahn bis ans Stadion), man schaut runter auf die Stadt, das ist nett. Da hinten glitzert der See, naja, der See ist nicht wirklich wichtig, aber das macht die Sache interessant: Die Stadt nennt sich nach dem See, liegt aber nicht direkt am Wasser, sondern hat vorsorglich ein paar Meilchen zwischen sich und dieser instabilen Pfuetze, gut gegen Ueberschwemmungen, der See ist naemlich unberechenbar. Und er stinkt. "Saltair" lag mal am See, eine Badeburg mit Treppchen und Tuermchen, wie irgendwo in Heringsdorf um die Jahrhundertwende. Ein Seebad, zum Salzatmen. Jetzt: Der fuenfte Neubau, denn das Ding ist xmal abgebrannt, nur noch ein Schatten seiner selbst, ein absurder Kasten mit Zwiebeltuermen drauf, drinnen: Ein Souvenirshop, niemand drin, davor: verkommener Parkplatz, eine Behinderteninitiative ist mit Kehren beschaeftigt. Ein total verlassener Ort. Interessant.
 

 

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(c) Annette Leßmöllmann