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Mittwoch, 31. Oktober
Halloween. Hallow von heilig und ween von eve, Vorabend. Netterweise teilt mir das heute so ein Newsletter mit. Ist keltisch. Wie ist das denn in den Zeiten des Pathos: Duerfen da ironische Feste gefeiert werden? "Duerfen wir jetzt wieder Witze ueber den Praesidenten machen?", fragt die Kolumnistin von Life (ist mir entschieden naeher als Newsweek, diese Zeitung). Ironiker haben es schwer zur Zeit, hier, und ich frage mich wirklich, wie man das Welt-steht-Kopf-Fest jetzt begehen wird. Die Weltgeschichte hat auch uns eingeholt. Terrorwarnungen, Salt Lake City mit seinen Biowaffen-Arsenalen und den olympischen Winterspielen, 2002: ein gutes Anschlagsziel? Wir schuetteln innerlich den Kopf und sagen, nee nee. Aber in den Canyons war doch alles besser. Keine Nachrichten. Das ist sehr entspannend. Hier hat man wieder das Gefuehl, seinen Tagesgeschaeften nicht so einfach nachgehen zu koennen, denn wir haben ja Ausnahmezustand.
Dienstag, 30. Oktober
An der Supermarktkasse steht einer mit einem T-Shirt, Riesen-Adler drauf (Amerikas Wappentier): "God may have mercy with them. We don't. Always remember September 11th." (A-ha). Hier haben die Leute keine Flaggen an den Autos, Autoflaggen kosten auch nur drei Dollar, nicht zehn wie in Californien. Vielleicht ist der Autoflaggen-Markt ja auch schon gesaettigt. Ewig haelt so eine Flagge ja auch nicht. Die kalifornischen fransten auch langsam aus. Dafuer gibt es hier mehr zu lesen. Viele Geschaefte haben draussen Anstecktafeln, riesengross, auf die Texte geklebt werden: Normalerweise steht da "zwei Tacos fuer nur 99 Cents", jetzt steht da God bless America, oder United wie stand, oder home of the free, land of the brave, oder Proud to be an american. Manch einer will es am besten machen und kombiniert was: Home of the free united we stand proud to be an american!
Was ganz anderes: Es gibt hier eine Fastfood-Kette, die heisst SCHLOTZSKYS. Bitte, man lasse sich das auf der Zunge zergehen. Funny name, serious sandwich, steht auf den papiernen Tablettdekorationen. Schlotzkskys. Ich komme nicht darueber hinweg.
Montag, 29. Oktober
(Salt Lake City, Utah) Diese Stadt kommt wie eine Millionenstadt daher. Riesen-Freeway quer durch, ewig kariolt man durch Shopping Areas, dann gibt es ein Downtown, das uns naechtens sehr eindrucksvoll entgegenblinkt. Dabei ist die Stadt nur wenig groesser als Hamburg, und Hamburg ist ja nun wirklich nicht gross, bitte, wollen wir die Kirche im Dorf lassen. In Salt Lake City - metropolitan area, also mit Einzugsgebiet - wohnen 1,5 Mio Leute, das sind drei Viertel von ganz Utah. Wir muessen uns ausruhen.
Samstag, 27. Oktober
(Bryce Canyon, zwei Tage wildes Hiken durch die Landschaft. Nachts saukalt. Toll. Kein Puma zu sehen.) Ich hatte sicherlich bescheiden unterschlagen, dass wir den Grand Canyon halb runter und wieder rauf gelaufen sind? Ohne Vorbereitung, untrainiert, vom Schreibtisch aufgestanden und los, quasi? Aber das beeindruckt natuerlich keine Sau. Vielleicht sollte ich was von Baeren erfinden, die ums Zelt schleichen. Haben sie bestimmt getan. Denn es gibt Baeren im Bryce Canyon. Schwarzbaeren. Der Ranger hat behauptet, es gaebe keine. Dieser Mann wollte uns umbringen. Ich weiss es genau.
Freitag, 26. Oktober
(Vom Zion Canyon zum Bryce Canyon) Ich lese Life und Newsweek. Noch in LA gekauft. Voll auf den Titel reingefallen, Newsweek: "Why they hate us". Das Special zu nine one one und dem Islam. Why they hate us: Ich denke natuerlich, ich kriege da so eine selbstkritische Analyse serviert - jaaaa, also wir haben ja auch nicht alles so toll gemacht, die letzten Jahre, es gibt ja schon Gruende, die USA zu hassen, unsere kulturelle Intoleranz, unsere Art, nationale Interessen durchzusetzen und das dabei so darzustellen, als seien es Menschheitsanliegen uswusw. Nein, nichts davon. Der Autor weiss: Sie hassen uns, weil sie so unglaublich viele kulturelle, soziale, oekonische Probleme haben... seht euch die arabischen Laender an, vergleicht sie mit Israel: Was haben sie geschafft in den letzten Jahrzehnten? Oekonomisch nix (man vergleiche mit Korea!), sozial nix (arm und ungebildet sind die meisten, ungerecht ist alles in den Oelscheichstaaten, Diktaturen haben wir in Syrien und eigentlich auch Egypten), kulturell - lassen wir das. Eingie Araber haben Angst, dass der Westen nur Burger und Cola bringt, und die Staedte dann wie Denver und Houston aussehen. Aber ich, Autor, indischstaemmig, sage euch: Darueber reden wir doch gar nicht. Diese Frage behandeln wir einfach nicht. Sie haben sich nicht helfen lassen, Punkt. Und unser einziger Fehler ist es, dass wir die Hilfe nicht mehr angeboten (=aufgedraengt) haben. So ist das.
Donnerstag, 25. Oktober
(Zion Canyon) Tagestour. Wir wandern auf der Ostseite, da, wo lauter Elefantenfuesse rumstehen, also graue Berghaenge, ab und zu ein Gewaechs hingetupft, sehr speziell. Wir sind alleine auf unserer Wanderung. ALLEINE. a el el e i en e. Das muss man erstmal bringen in so einem Nationalpark. Frage mich, wie es im Sommer aussieht und ohne nine one one: Man steht sich gegenseitig auf den Fuessen und wuenscht sich ganz weit weg. Also alleine. Rast, Blick nach unten. Da! Zwei Wanderer! Schreck! Wir senden ihnen telepathische Warnungen: Hier ist es heiss! Kein Wasser! Steil berauf! Keuch! Doch sie geht forsch weiter, er schlapp hinterher, da, er gestikuliert, hat unsere Warnungen erhalten: heiss! steil! keuch! Sie haelt an, genervt - wie erkennt man das bloss auf diese Entfernung? - hoert ihn an, er fuchtelt, deutet nach oben. Sie redet auf ihn ein. Er laesst die Arme trotzig fallen. Da. Gewonnen. Sie gehen zurueck.
Mittwoch, 24. Oktober
(Zion Canyon) Unser Auto faehrt uebrigens meilenweit mit einer Gallone. 40 miles per gallon, 40 MPG. So rechnet man das hier (sagte ich schon? Sagt ich auch schon, dass wir unser Auto Krepel genannt haben? Zaertlich berlinernd fuer den, der ein bisschen mehr Fuersorge in der Familie braucht, weil... naja.) Der Cadillac von Krepels Vorbesitzer kam mit einer Gallone genau fuenf Meilen weit. So ein Motorhome jagt wahrscheinlich 3 Gallonen durch den Tank, um einmal die Runde auf dem Campingplatz zu machen, gell, Josephine. Jaja, also 40 Meilen. Das sind nicht so ganz sechs Liter pro hundert Kilometer fuer Krepel (um mal diese einem Amerikaner total unverstaendliche Masseinheit zu benutzen; es ist doch viel wichtiger, WIE WEIT man kommt, als, WIE VIEL man braucht!).
Dienstag, 23. Oktober
(Von Lees Ferry zum Zion Canyon, Utah) Wir campen fast direkt am Colorado. Rote Landschaft drumherum, nicht weit entfernt Lees Ferry, jahrzehntelang die einzige Ueberquerungsmoeglichkeit des Flusses, und Lee hat sich wahrscheinlich eine goldene Nase verdient. Der Colorado ist acht Grad Celsius kuehl, fliesst stetig, jahreszeitenunabhaengig, zur Freude der Kanuten. Tatsaechlich stehen wir am Ufer eine oekologischen Katastrophe. 1963 hat man den Wuestenfluss gestaut, Lake Powell ist entstanden, ein kuehler See mitten in der Wueste, Seezeichen drauf, Sandstrand, sehr kurios. Seitdem hat der Colorado immer Wasser. Frueher war er mal ein reissender Fluss, mal ein schlammiges Rinnsal. Aber ein Hort fuer viele Fischarten. Nichts mehr davon. Forellen gibt es, zur Freude der Fliegenfischer. Und eben einen silbrigen, kuehlen Fluss mitten in der Hitze. Des Raetsels Loesung.
Montag, 22. Oktober
(Vom Grand Canyon zu "Lees Ferry" am Colorado, vorbei am Antelope Canyon, Navajo Bridge und Lake Powell) Der Grand Canyon hat 44 Prozent weniger Besucher nach 911. Nine one one (ist uebrigens auch die Notrufnummer) ist die gaengige Abkuerzung, jetzt, wo man staendig darueber spricht. Die Grand Canyon News, der Desert Trail, all diese Publikationen, die sich sonst wenig um die Weltpolitik scheren, haben jetzt 911-Geschichten. Soweit sich 911 auf die unmittelbare Umgebung auswirkt, natuerlich. In den L.A.Times gesteht eine Mutter, dass sie ihren Kindern an Halloween heimlich die gesammelten Bonbons wegnehmen und durch selbstgekaufte ersetzen wird. USA Today stellt fest, dass inzwischen 60 Prozent aller Amerikaner ihre Haeuser mit der Flagge schmuecken.
Nach dem Grand Canyon kommt Wow-Land, echtes Wow, denn wir haben nicht erwartet, dass es weitergeht mit den Naturwundern. Canyon ueberall. Zarte, gewellte Huegelchen, man ahnt nix Boeses, und ploetzlich: zack, tut sich der Canyon auf. Sehr aufregend. Wir sind im Land der Navajos, erkennbar an den Verkaufsstaenden am Strassenrand (bitteres Bild). Ganz amerikanisch wird jeder Stand durch eine Serie von Plakaten angekuendigt: Hier! Billiger! Besser! Originaler! Ganz unamerikansich gibt es auch einen plakativen Abspann nach jedem Stand: Danke fuer Ihren Besuch! Am besten macht das der Stand von Chief Yellowstone. Abspannplakat: "Chief Yellowstone sez (sic!): Turn around now! It is not too late!" Chief Yellostone ist naemlich nicht bloed und weiss, dass die meisten vorbeifahren. Wozu also bedanken?
Sonntag, 21. Oktober
(Grand Canyon) Das ist ein Wow-Ort, also kein ueberfluessiger Kommentar. Allerdings: Es ist nicht so anders wie die Wueste im Joshua Tree. Das war eine ganz neue, fremde Landschaft. Und vor allem: Es war ruhig. RUHIG. er-u-h-i-ge. Nada. Abgesehn von dem heulenden Coyoten und irgendwelchen Wuestenbewohnern, die nachts ums Zelts herumrascheln (wir kerzengrade im Bettchen, an jedem Haar ein Schweisstropfen, so wie bei dem Pianisten bei Wilhelm Busch, wenn er ans Fortissimio geht.) Totale Ruhe heisst: nix mit Hintergrundrauschen durch Motoren, Reifen, Amtrax-Zuegen (tuuuut), die uns in Sta Barbara quasi durchs Zelt fuhren. Nix. Ruhe. Aber hier im Grand Canyon schlaegt die Zivilisation wieder zu, die ganze Nacht rauscht eine Autobahn vorbei. Frage: welche? Es gibt keine! Ich tippe auf Tonkulisse, damit die Leute keien Angst kriegen alleine im Wald. Ausserdem kommen nachts noch diese Wohnwagen in Truck-Format an, bubbubbubbubbubb, drei Runden ueber den Campingplatz, wo stellen wir uns den hin, Josephine? Dann drei Stunden rumrangiert, dann endlich Motor aus. Und Generator an. Und morgens den Dobermann rausgelassen, der dann erstmal das Wildlife jagt. Das Wildlife hier ist degeneriert, zugegenben, steht herum und erwartet Fuetterung, trotzdem, Jagen gehoert sich nicht. Fahrt doch woanders hin, Josephine, Harry, Hund, Motorhome, ciao!
Samstag, 20. Oktober
(Vom Joshua Tree Nationalpark zum Grand Canyon, Arizona) Wir fahren durch die Wueste. Man entschuldige die totale Missachtung der Weltgeschichtlichent Vorgaenge in diesen Dramoletten, derzeit, aber die Wueste ist uns jetzt grad naeher. Wir hoeren "die drei Fragezeichen", diese kalifornische Detektivcombo aus den Siebzigern, die auch in der Wueste herumrecherchieren. Wir fahren ueber (durch?) einen ausgetrockneten Salysee. Hier waechst nichts. Gar nichts. Wir steigen aus und pinkeln hinein (drauf?). Es ist irgendwie voellig egal.
Nach einigen Bergen, staubtrocken, rotbraun, ploetzlich der Colorado. Ein endloses, gefaerbtes Band, frisch und klar, eine Verheissung in dieser Wueste. Wie kann das sein? Wie kann durch so eine Wueste so ein klarer Gebirgsbach fliessen? Die Aufloesung erfolgt im naechsten Heft.
Freitag, 19. Oktober
(Joshua Tree Nationalpark, Kalifornien) Wueste. Absolute Ruhe. Erk jagt den Coyoten mit der Kamera, der Coyote jagt das Kaninchen, das Kaninchen ahnt noch nichts. Steigt man auf den hoechsten Punkt im Park, blickt man bis nach Mexiko. Die andere Richtung, Westen: Dort irgendwo liegt LA. Man erkennt die Wolke, die wie ein lauerndes Tier das Tal hochkriecht (LA liegt ueber 200 Kilometer entfernt). LA-Smog. Irgendwann wird er Palm Springs erreichen, das dort zu unseren Fuessen liegt. Werden sich die Leute in Palm Springs dann beschweren? Nein, die Leute von Bel Air (schickster Ort in LA) haben sich auch nicht beschwert. Jedenfalls nicht nachhaltig. Habe ich uebrigens schon von den 99-Cents-Stores erzaehlt? Das sind keineswegs diese Eine-Marks-Laeden, in denen man unnoetige Dinge in durchschaubarer Qualitaet bekommt. Es sind riesige Kaufhallen, in denen es alles gibt: Campinggeschirr, Gabels, Dosenfutter, Salz. Jedes Teil zu 99 Cents. Das bedeutet: Die Grundausstattung fuer zwei Wochen Campen - besteht locker aus 50 Teilen - kostet - ja genau, nicht mal 50 Dollar. Das ist natuerlich das Schnaeppchen des Jahrhunderts, denn: Man gehe in so einen Homestore, in dem es nur Campingzeug gibt, und bezahle 15 Dollar fuer eine Pfanne, 8 Dollar fuer einen bloeden Topflappen... braucht man ja alles, um nicht zu verhungern und sich nicht die Fingerchen am Blechnapf zu verbrennen, gell. Wir zahlen also fuer so eine Pfanne 99 Cents. Grossartig. Elefantoes. Der einzige Flopp in dem Laden: Der Kirschgelee. Das war eingedickter Wackelpudding aus kuenstlichen Kirscharomen. AARG. Dinge, die wir dort nicht gekauft haben: Eine Gallone Mundwasser (kill the germs - das ist ganz wichtig hier. Germs sind eine zweifelhafte Spezies und gehoeren weggegurgelt), 1 komplettes Halloween-Set, bestehend aus vielen grinsenden Plastekuerbissen und sonstigen Zutaten, die mir nicht ganz einleuchteten, drei Kilo Salz. Etc.
Donnerstag, 18. Oktober
Wir werden heute nach Salt Lake City fahren (also, in die Richtung). Wir werden viel Stoff fuer Dramolette sammeln. Ich habe in der Buchhandlung ein Buch gefunden, das sagt: Schluss mit dem positiven Denken! Positives Denken macht krank, weil die Leute dadurch staendig enttaeuscht werden. Ich finde das auch. Negatives Denken ist toll. Es wird garantiert alles besser als erwartet. Eulenspiegel hat das auch so gesehen. Also: Unser Kupplungsseil wird in der Mojavewueste reissen. Gleichzeitig faellt die Klimaanlage aus (da tropft eh immerzu Wasser raus, Daryl sagt, das sei normal). Vermutlich reisst auch eine dieser Haengebruecken genau in dem Moment, wo wird drueberfahren (diese Indiana-Jones-Haengebruecken, ich bin sicher, dass wir so etwas finden und drueberfahren MUESSEN, weil es keine andere Moeglichkeit gibt. Keine Ahnung, ob die Mormonen Internetanschluss haben, bin aber sicher, dass wir in der Mojavewueste keinen finden, egal.
Mittwoch, 17. Oktober
Ein Mechaniker namens Daryl hat uns viel weniger als die von uns angenommenen 1000 Dollar abgeknoepft, und jetzt hat unser Auto ein Geraeusch weniger. Daryl hat uebrigens einen Haarschnitt wie JFK und ist auch nicht so doof wie der gleichnamige Mann von Thelma in dem Film naja das muss ich jetzt wohl nicht mehr sagen.
Dienstag, 16. Oktober
Die Brieftraeger tragen jetzt Staubmasken, wenn sie die Briefkaesten leeren. Paeckchen duerfen nicht mehr in die Kaesten geworfen, sondern muessen im Postamt abgegeben werden (man sollte auf das Versenden von Backpulver verzichten, was uns natuerlich schwerfaellt, wir versenden ja dauernd Backpulver. Diese Mitteilung wird mir wahrscheinlich im neuen Schily-Deutschland meine Buergerrechte kosten).
Montag, 15. Oktober
(Santa Barbara, Goleta) Larry King arbeitet nicht mehr da, wo wir ihn vermuten (vielleicht auch doch nur von 10 bis 11 Uhr abends). Die Mechaniker wissen noch nichts genaues. Wir sehen uns Santa Barbara an. Es handelt sich vermutlich um eine Filmkulisse. Alles ist fuer irgendjemanden hergerichtet, im kolonial-spanischen Stil. Im alten Gerichtsgeabeude steht sogar das Wort "Feuerloescher" in antikisierten Lettern an der Wand. Wir geniessen natuerlich diese Ruhe und Beschaulichkeit, lassen uns aber nix vormachen. Schliesslich haben wir gerade erst eine Woche in Hollywood gewohnt, ha.
Sonntag, 14. Oktober
(LA, Getty Museum, UCLA) Wir sehen noch einmal LA von der Strasse aus, hauptsaechlich, und das ist die gaengige Art und Weise, LA zu sehen: Jeder Strasse ist anders, so anders, dass sie fast zu einer anderen Stadt gehoeren koennte. Es gibt europaeische Strassen, amerikanische Vorstadtstrasse, Londonder Schicki-Strassen. Natuerlich immer gerade, ausser in Beverly Hills. Direkt hinter jedem Boulevard gibt es Haeuschen mit Gaertchen. Es geht also alles durcheinander, Wohnen, Einkaufen, Arbeiten. Nur strukturiert durch die Strassen und durch die Kaufkraft der Einwohner, oder ihre Herkunft: Das armenische Viertel war besonders nett. Die Hochhaeuser - wenige im Vergleich zur Flaeche der Stadt - stehen irgendwie herum. Herumstehen ist ueberhaupt so eine Beschaeftigung von allen etwas hoeheren Haeusern in der Stadt. Es gibt keine Struktur, kein Zentrum, keinen Park oder Fluss, der dem Ganzen Form gibt. Nur Strassen. Das ist die Struktur. Deswegen gibt es auch keine Umgehungsautobahn. LA ist ein riesiges Autobahnnetz.
Samstag, 13. Oktober
(LA, Pasadena, Rose Bowl: Die UCLA Bruins haben wieder mal gesiegt, und wir waren dabei) Die Versicherung kostet 600 Mark, weil LA natuerlich der teuerste Ort ist, an dem nicht-sesshafte Auslaender ihr Auto versichern koennen (vor allem, wenn sie die Versicherung nur fuer sechs Wochen haben wollen.) Das Auto macht beim Bremsen interessante Geraeusche. Und unsere Gastgeber geraten in eine seelisch angespannte Lage. Wir beschliessen, moeglichst bald abzureisen und einen Mechaniker namens Larry King in Santa Barbara aufzusuchen (nein, er arbeitet nicht nur zwischen 10 und 11 Uhr abends).
Freitag, 12. Oktober
Unser Auto kostet bei der Anmeldung 435 Dollar (in Worten: ach, lassen wir das), weil es ueber zwei Jahre nicht angemeldet war. A-ha. Wir koennen die Dame an der Anmeldestelle nicht schlagen, weil sie taubstumm ist, und Taubstumme schlaegt man nicht. Die ersten Tage schrauben wir unsere fast-900-Marks-Schilder nicht an (koennt ja jemand sehn).
Donnerstag, 11. Oktober
(LA, Downtown, Chinatown) Die LA Times sagt: America responds. Alle anderen sagen: America strikes back.
Mittwoch, 10. Oktober
(LA, San Fernando Valley) Wir haben ein Auto gekauft. Es ist ein tolles Auto. Wahrscheinlich soll man von Leuten, die ihr Buero in einem runtergekommenen Campingbus in irgendeinem Vorgarten haben, kein Auto kaufen. Vielleicht soll man auch kein Auto kaufen von Leuten, die sagen, dass sie Autos fuer Actionfilme besorgen. Vermutlich ist unser Auto mal von einer Klippe geworfen worden. Aber es ist weiss, und ist das nicht die Farbe der Guten im Film?
Dienstag, 09. Oktober
(LA, Hollywood, Santa Monica, Venice Beach) Thema im Radio: Gasmasken. Die Amerikaner koennen nicht mit Gasmasken umgehen. Das ist ein Problem (finde ich auch: Ich stehe im Stau auf einem sechsspurigen Freeway mitten in LA, Sicht 200 Meter - man sagt hier Fog, nicht Smog - und denke: Wird Zeit, dass ihr das mit den Gasmasken lernt, Leute).
Montag, 08. Oktober
(LA, West Hollywood, Griffith Observatory) Die Autos tragen Flaggen. Sie tragen also die meinung ihrer Insassen umher (praktisch, in dieser autozentrierten Stadt). Im Fernsehen wird erklaert, wie das geht: Fenster runterkurbeln, Plaste-Flagge draufgesteckt, hochgekurbelt, Flaggenplastemaestchen wird eingeklemmt und flattert jetzt munter. Denn die amerikanische Flagge ist das Zeichen fuer Freiheit hier und ueberall auf der Welt. A-ha. Fuer nur 14 Dollar 99 kann man sich ein ganzes Flaggenset kaufen. Die Flaggen gibt es am Strassenrand, in jeder Tankstelle, und manche Geschaefte geben sie dazu, wenn man ihnen ihre Ladenhueter abkauft.
Sonntag, 07. Oktober
Es ist dunkel. Wir kommen in LA an und sehen ein UFO (stellt sich spaeter als Kunstwerk raus, Kuenstler heisst Winograd oder so aehnlich, toll.) Im Leihwagen-Buero spricht GW Bush aus dem Fernseher. Wir haben Afghanistan attackiert. A-ha. Man ist also jetzt zu Besuch bei einem kriegfuehrenden Land. Ob man jetzt verhaftet wird, wenn man sagt, dass GW Busch irgendwie Scheisse aussieht? Es schleicht sich so ein wir-fahren-ueber-die-DDR-Grenze- mit-1000-verbotenen-Sachen- im-Kofferraum-Gefuehl ein.
Sonntag, 07. Oktober
Wir haben immernoch Sonntag. Ich habe jenseits von London die kalifornische Zeit eingestellt. Ploetzlich ist es wieder neun Uhr morgens und man kann sich aufs Fruehstueck freuen. Das Fruehstueck kommt dann ziemlich Dinner-maessig daher. Man versucht, meinen Versuch zu torpedieren, meine innere Uhr zu uebertoelpeln. Komischer Satz. Never mind. In London wollte uns irgendwie keiner in die Koffer schauen, den Campingkocher finden und ein Triumpfgeheul loslassen. Irgendwie schade.
Sonntag, 07. Oktober
Die To-Do-Listen landen im Papierkorb. Wir haben tatsaechlich alles erledigt und fahren begeistert zum Flughafen. Wir sehen begeistert die Check-In-Schlange, sehen begeistert zu, wie einer seine Tauchausruestung aus dem untersten Ende seines Rucksacks pulen darf (Tauchausruestung in Bombenform - sehr ungeschickt), uns begeistern sogar die unverschaemten Kaffeepreise hier. Uns begeistert alles, daemlich grinsend starren wir auf das Rollfeld, putzen Dreck von der Kamera, kauen Bananen - es gibt keine To-Do-Listen mehr. Toll.
Freitag, 05. Oktober
Wir planen neun Wochen USA und leben daher nach To-Do-Listen. Die Listen haben die Angewohnheit, immer laenger zu werden, je mehr man erledigt. Probleme spalten sich in Subprobleme auf, die wiederum Subsubsprobleme generieren. Murphy redet auch ein Woertchen mit.
Mittwoch, 03. Oktober
Die Homepage könnte online sein. Nein, sie ist es sogar.
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