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Dienstag, 30. April
(Hamburg) In der Miederabteilung vom Kaufhaus. Man nimmt mir Maß, um mir die richtige BH-Groesse zu nennen, und die andere Kundin neben mir deutet auf ihren Busen und sagt mit einem Kiekser in der Stimme, Seitenblick auf den Ehemann, der danebensteht und betreten die Spitzenhoeschen mustert: "Au ja, wenn Sie gerade dabeisind, dann auch bei mir!" BH-Größe messen, das tut man unterhalb des Busens, habe ich gerade gelernt. Die Verkäuferin nähert sich also dieser Dame mit dem Maßband und fordert partielles Freimachen von Jacken Taschen Pullovern. Kurz bevor das Massband angelegt wird, kiekst die Dame noch einmal und wirft einen Seitenblick aus einer Mischung von verschämt und kokett auf ihren Mann - der stoisch weiter auf die Höschen blickt -, und stemmt dann ihren gewaltigen Busen forsch mit beiden Händen in die Höhe, damit die Verkäuferin unter dem Busen messen kann.
Ich sage euch, Leute. Kaum in der Miederabteilung vom Kaufhaus, und schon mit größtmöglicher Intimität konfrontiert. Ich habe noch nie eine Frau so forsch ihren Busen hochstemmen sehen, so gekonnt, so ganz aufs Praktische fixiert. Ich empfand plötzlich eine sehr große Sympathie mit ihr, und auch mit der Verkäuferin, die das alles auch ganz praktisch sah und souverän die größten BHs auspackte, die sie hatte.
Freitag, 26. April
(Hamburg) Das Dramolett vom 18. April verstört meine Leser. Was will uns die Autorin damit sagen, frug man mich? Nun, nichts. Mir war einfach nach was Gesanglichem. So in dieser Art: "Mein kleiner grüner Kaktus, der steht auf dem Balkon, holahi, holahi, holahoooo!"
Sonntag, 21. April
(Hamburg) Wir paddeln gemütlich über den Osterbekkanal. Da ruft einer vom Ufer, lachend: "Ey." Ja bitte? "Ey. Das einzige, was ich mir jetzt noch wünschen tät, ist, dass ihr reinfallt." Ah ja. Wir grinsen dämlich und paddeln weiter. Fünf Minuten später: "Ey." Ja bitte? "Ey. War nich so gemeint."
Donnerstag, 18. April
(Hamburg) Wenn die Elisabeth/nicht so schöne Beine hätt/hätt sie viel mehr Freud/an dem schönen langen Kleid.
Mittwoch, 17. April
(Hamburg) E. erzählt von einem traumatischen Erlebnis. Beim Pinkeln in der Normandie. Der Pinkelstrahl versiegte, und plötzlich umgab E. eine totale Stille, so total, dass er plötzlich dachte, sein Hirn sei weggeflogen, oder sonst ein Ereignis habe sein Hörfähigkeit auf Null gedreht. Totale Stille. Das Nichts. Nada. Es muss furchtbar gewesen sein.
Montag, 15. April
(Hamburg) Bei Block House (hey, ich will FLEISCH, wer kommt mit?). Man darf auf keinen Fall fragen: Welche Salatsaucen haben Sie denn? Denn die Kellnerin ist schon acht Stunden auf den Beinen und hat keine Lust mehr auf solche Fragen. Ist ja auch eine blöde Frage, steht ja auf der Karte.
Das ist amerikanisch essen. Man kommuniziert nicht mit den Kellnern, sondern man antwortet wie eine Ratte im Versuchslabor auf reichlich irrelevante Fragen. Verhandlungsspielräume: Keine. Zeit zum Auswählen: Gleich Null. Salat: Eiskalt . Aber bitte, was beschwere ich mich? Ich kann in diesem Laden immerhin zwischen blutig und durch wählen! Wer kann das schon.
Samstag, 13. April
(Hamburg) "Nicht in diesen Zeiten." Das ist die Antwort des Jahres 2002. Sollen wir eine neue Zeitung gründen? Nicht in diesen Zeiten. Sollen wir in neue Technik investieren? Nicht in diesen Zeiten. Sollen wir zur Hölle fahren? Nicht in diesen Zeiten.
Samstag, 13. April
(Hamburg) Gestern im Schauspielhaus. Ich sitze und denke - wonach riecht das hier? Es riecht nach etwas lange lange nicht Gerochenem. Nach Kindheit.
Es riecht nach Teddy! Oder sonstigem Steifftierzeugs. Nach Kunstfell, also Polster. Es sind die Sessel, die so riechen. Man will die Sessel jetzt abrüsten und die Bestuhlung erneuern (ich begrüße das, denn nicht nur Wibke Puls ist eine große Frau, dort auf der Bühne, tolle Person, sondern auch das Publikum ist dem Schrumpfgermanentum entwachsen und quält sich sichtlich auf diesen Kindersesselchen). Ich frage mich, ob die neuen Stühle auch so riechen werden. Das sind die Dinge, die ich so aus dem Theater mitnehme.
Sonntag, 7. April
(Hamburg) Unser Bundespräsident trägt am Rednerpult die rechte Hand in der Hosentasche vergraben. Habe mal gehört, dass sich das nicht gehört. Aber seit der amerikansiche Präsident mit eben dieser Haltung - oder Geste? - die Winterspiele eröffnet hat, ist das wohl comme-il-faut. Was sagt die Frau Bundespräsidentin dazu? Sie sagt ja sonst nicht viel, aber ich dachte, sie sei fürs Protokoll zuständig ("Aber Johannes, Hände in den Hosentaschen nur vor den Kumpels im Pott, du weißt doch - von wegen proletarischem Touch und so! Aber doch nicht bei einer Preisverleihung für russische Menschenrechtler, neinneinnein! Das kann der George machen, aber der ist ja auch aus Texas und isst gekochten Sattel zum Frühstück!").
Dienstag, 2. April
(Basel--Hamburg) Im ICE. Ein Kind singt ein bekanntes Kinderlied, ein paarmal, na, sagen wir ruhig, 100 Mal. Ein 11-jähriger Junge hält seiner Mutter einen Vortrag: Über Gameboys (der Vortrag dauert eine Stunde), übers Angeln (dauert eine Minute, denn der Junge war nicht erfolgreich damit). Die Mutter lächelt, hört zu, schweigt hauptsächlich, lässt ihn schließlich (laut!) ein Buch vorlesen. Die Eltern des Mädchens mit den 100 Liedern sind irgendwie nicht präsent, jedenfalls spielt das Kind während ungefähr zwei Stunden Trampolin mit dem ICE und schreit jeden an, der vorbeikommt.
Ich schlage vor: Der Junge bekommt eine Angel und angelt so lange, bis er's kann; der Gameboy wird derweil zerhackt. Das Mädchen kommt in den extra ICE-Kinderwaggon, der mir schon lange vorschwebt. Und die Eltern dürfen sich bei mir melden, ich hätte da ein paar Anmerkungen.
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