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Sonntag, 25. August
(Hamburg) Mückenalarm in Hamburg: Es gibt keine Mosquitonetze mehr.

Sonntag, 18. August
(Hamburg) Ein Ausflug in die Vierlande (das ist das Elbmarschland, für die, die es nicht kennen). Irgendwann landet man an der Elbe, die völlig unschuldig dahinfließt, als könne sie keinem Dämmchen etwas zuleide tun. Auf dem Heimweg besuchen wir die KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Hinter meterhohen Zäunen laufen Männer paarweise rund um eine Art Sportplatz.

Zäune? Paarweise? Ja, liebe Leute: Die Freie und Hansestadt Hamburg betreibt auf dem ehemaligen KZ-Gelände eine Justizvollzugsanstalt.

Ich kann mir richtig vorstellen, wie 1949 der eine Senator zum anderen sagte, die Hände überm Bäuchlein gefaltet, dass noch nicht ganz wieder zum Friedenszeitenbäuchlein angewachsen ist: "Johann", sagt er, "Johann, für das Gefängnis, da bauen wir nicht, da nutzen wir unsere Immobilie, du weißt schon, die....", denn wozu gute alte Bausubstanz verkommen lassen? Das tut doch nicht not.

Es ist bodenlos. Offenbar gibt es auch seit Jahren Protest dagegen, aber die neuen Herren und Damen Senators verschleppen das Ganze immer wieder mit fadenscheinigen Ausreden. Wie unglaublich peinlich, PEINlich im wahrsten Wortsinne.

Samstag, 17. August
(Hamburg) Amerikanische Intellektuelle legen sich mit europäischen Intellektuellen an, weil die das Pamphlet kritisiert haben, in denen die Amis den "gerechten Krieg" rechtfertigen.

Ich sage "Pamphlet", denn jeder, der von "gerechtem Krieg" schwätzt, kommt nicht in den Genuss, dass sein Geschreibsel von mir als "Papier" bezeichnet werden kann, ich nenne es Pamphlet. Wer von "gerechtem Krieg" schwätzt, hat ein paar dezidierte Worte verdient. "Gerechter Krieg", bellum iustum, das war zum Beispiel der Krieg, den die Spanier gegen die Einwohner führten, auf die sie bei ihrer Eroberung der Neuen Welt stießen - und dann schickte man seine Juristen zum Papst, ließ sich dort das Placet für einen bellum iustum geben, denn der Papst hatte das als oberste völkerrechtliche Instanz zu entscheiden. Und dann fuhr man über den großen Teich und metzelte. Sehr geil.

Jeder Europäer, der seine fünf Sinne beisammen und auch nur einigermaßen eine geschichtliche Dimension in seinem Hirn hat, der zuckt, wenn er "gerechter Krieg" hört. Wie lange haben wir hier, im guten alten Europa, hart dafür gearbeitet, dass wir diese Form von angeblicher Vernunft, diese intellektuell verbrämte Lizenz zum Schlachten, nicht mehr ohne Weiteres vergeben? Und da kommt diese Combo amerikanischer "Intellektueller" (verdienen sie dieses Prädikat? Aus europäischer Sicht - nein), diese geschichtslosen Gesellen, und tun so, als sprächen sie mit der Zunge der Vernunft, dabei zeigen sie nur eines: Dass sie die Aufklärung und das Zeitalter der Vernunft verschlafen haben. Sie gehen immer noch zum Papst, um dem Argumente für den angeblich gerechten Krieg zu unterbreiten. Aber das ist eben nur Vernünftelei, keine Vernunft! (Das ist so, als würde man seine gesellschaftlichen Analysen bei McKinsey einkaufen. Da kriegt man auch nur Ideologie, getarnt als Vernunft. Und voraufklärerische Vernünftelei, das ist eben schlimmer als alles andere.)

Freitag, 16. August
(Hamburg) Benefizgala von ARD und BILD für die Opfer des Hochwassers. Man sammelt ordentlich Knete, wie ich feststellen kann; durchgängig kann ich das nicht kucken, weil ich lange Zähne kriege von der unsäglichen Moderatorin und dem peinlichen Musikprogramm und überhaupt dem Ganzen. Auch der Kanzler und sein Herausforderer und alle anderen, die es sich nicht leisten können, wegzubleiben, sitzen verkrampft auf ihren Stühlen - leiden sie, weil ihr Geschmacksnerv leidet? Oder leiden sie nur, weil hier Millionen Euro steuermindernd eingesetzt werden? Die Gala führt jedenfalls vor, wie sich der gute Wille mit dem schlechten Geschmack aufs Unerträglichste paart (übrigens eine häufige Paarbildung). Der Gipfel: Der BR-Moderator, der im Hochwassergebiet mit Gummistiefelchen auf einem Ponton steht, völlig von Wasser umgeben, und Hochwasseropfer interviewt. Was für eine Geschmacklosigkeit.

Donnerstag, 15. August
(Hamburg) Lese "Owen Meany" von John Irving. Wunderbar, viele Seitenhiebe auf die Amis (ich mag Amerika, aber ich mag auch Seitenhiebe auf dieses Land, das natürlich durch und durch gestört ist), aber dann steht da irgendwo "der Seraphim". Ach, John, "der Seraph" muss es heißen, Seraphim, das ist, wenn der Seraph im Plural auftritt. Nun, vielleicht war der Übersetzer der Übeltäter, aber es wirkt so unheimlich niedlich, so amerikanisch "Ich scheiß auf die alten Sprachen", so "Show me your visa!"-mäßig, das Visum in der Einzahl gibt es ja auch nicht, ach, wozu auch.

Montag, 12. August
(Hamburg) Heute morgen im Deutschlandfunk, ein Vertreter von "German Watch" zum Thema Klimawandel. Klimaextremata, sagt er. Extremata! Ob er auch so eine blöde Brille anhat wie Tim Lobinger? Schlechte Grammatik wirkt ähnlich wie blöde Brille.

Themata Kommata Extremata
Minimata Lexikata Hahahata

Kein perfekter Reim, die Phantastischen Vier (die fantastischen Phier) können das besser.

Sonntag, 11. August
(Hamburg) Tim Lobinger, der Stabhochspringer: "Stab" ja, "hoch" weniger, "Springer" naja - der eierte vielleicht über die Latte, die er meistens auch noch riss. Und dann schrie er Scheiße, jaja, da half auch die blödsinnige Brille nichts: Das war keine Glanzleistung (Scheiße darf man vielleicht - vielleicht - brüllen, wenn man mal patzt - Lobinger patzte aber nicht "mal", sondern war einfach schlecht - kann passieren, aber dann hält man die Klappe). Stattdessen der Israeli, gazellenartig schlängelte er sich durch die Lüfte, mit links überwand er die Höhen, an denen der schöne Tim kläglich scheiterte. Und dann hat dieser bebrillte Flegel bei der Pressekonferenz auch noch aufstehen und weggehen wollen, als er merkte, dass sich alles um den Goldgewinner drehte, und nicht um ihn. Blöde Brille tragen, dann auch noch Scheiße brüllen, und dann auch noch unkollegial sein - was für ein verzogenes Kerlchen (sein Trainer trägt auch so eine Brille - vermute, dass der nicht in der Lage ist, ihm Manieren beizubringen - vermute ich jetzt einfach mal).

Samstag, 10. August
(Hamburg) Mutter und Tocher schlurfen eislutschend die Bramfelder Straße entlang. Schlurf schlurf. Die Tochter (quengelig): "Mama, WIESO muss man eigentlich ENGLISCH lernen?" Die Mutter setzt das Eis ab und macht den Rücken gerade. "Weil Englisch die Umgangssprache der Welt ist, und die hat jeder zu können."

Umgangssprache der Welt. Das ist wirklich schön gesagt. Und es freut mich immer, wenn Eltern klare Positionen beziehen (und die Kinder freut es im Grunde auch).

Sonntag, 4. August
(Hamburg) Öffentliche Personen, die von der Bühne abtreten, werden von den Pressefotografen immer mit sehr viel Hintergrund abgelichtet: Gysi, die Kugelaugen niedergeschlagen, rechts im Bild und links davon massenweise Hintergrund; Ron Sommer auf dem Weg runter von der Kanzel in Rückenansicht und hinter ihm massenweise (magentafarbene?) Fläche. Und heute in der FAS Rezzo Schlauch, auch er die Bildfläche nur noch zu einem Viertel ausfüllend. Das ist ein Omen: Er muss abtreten - die Bilder trügen nie!

Freitag, 2. August
(St. Peter Ording-Hamburg) In der Bahn nach Husum. Ein braungebrannter Vater und seine zwei braungebrannten Söhne begutachten kritisch mein Fahrrad. "Oh, ein COMFORTfahrrad". Der Vater legt in seine Stimme alles, was er an Verachtung und Herablassung aufbieten kann für mein Fahrrad, das noch wie ein richtiges Fahrrad aussieht, aber bei ihm natürlich allein wegen seiner Dreigangschaltung durchfällt. Die Söhne sagen zwar nichts, haben aber diesen abschätzig musternden Blick drauf, den Jungs haben, die von Papi alles, aber auch ALLES kriegen (außer einem COMFORTfahrrad, latürnich).

Es gibt auch eine Mutter und eine Tochter, die bei dieser Szene neutral bleiben. Aber kurz darauf sagt die Tochter etwas zu einem ganz anderen Thema, und schon ergießt sich alles, was die Herren an Verachtung und Herablassung zur Verfügung haben, über das Mädchen - Mann, ist die doof. Die Mutter bleibt weiterhin neutral. Ich bleibe es nicht, innerlich. Kriege Lust, den Typen mit meinem COMFORTfahrrad gegen das Schienbein zu fahren.

Jedenfalls weiß man nach so einer Szene, was Ortega y Gasset mit dem "Massenmensch" meinte: Gesellschaftliche Meinungsmacht qua Geld und nicht qua Nachdenken; feste Überzeugung, die sie für eigene Überzeugungen halten, dabei sind die nur von der HyperTekknoMegafahrrad-Industrie gemacht, die ja besonders in Deutschland unglaublichen Erfolg hat (die Holländer lachen sich darüber nur tot).

 

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(c) Annette Leßmöllmann