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Dienstag, 31. Dezember
(Hamburg) Welches Jahr? 2002? Ach, das. Ja, ich erinnere mich dunkel. Noch etwas Kaffee?

Im Intercity Berlin-Hamburg. Ich sitze ganz vorne, das heißt, GANZ VORNE, vor mir nur noch der Fahrer. Ich gerate in eine Audrey-Hepburn-Stimmung, will mir gerade die Lippen nachziehen, den Kater im Regen aussetzen und dem Fahrer mit behandschuhter Hand auf die Schulter tippen, ?Fahren Sie!?, als er sich umdreht und mir mit seiner Thermoskannentasse zuprostet. Guten Tag, junge Frau. Ich, ertappt. Froh, dass dieser Mann gewerkschaftlich abgesichert ist und sich der Tyrannei behandschuhter Damen nur noch bedingt aussetzen muss. Traurig, dass es keine Fahrer mehr gibt, so, für mich ganz alleine... manchmal lad ich mir eine Freundin ein, um im Fond behandschuht zu parlieren, aber nur manchmal, sonst, immer alleine, durch die Welt kutschiert..... Dann bin ich wieder froh, dass jedermann im ICE "Dame im Fond, behandschuht" spielen kann. Kurz darauf rasen wir durch die Winterlandschaft, der Fahrer hält kein einziges Mal. Berlin-Hamburg, so nah, so limousinig hinter uns gebracht, und das für nicht mal 100 Mark - es lebe die Klassenlosigkeit (mein Rausch über die Errungenschaften der modernen Gesellschaft verfliegt, als ich mich aufs Klo begebe. Der ganze Zug ein einziger rotbelederter, warmholziger Luxus, aber das Klo ? ich werde es ab sofort Abort nennen. Herr Schaffner, wo ist bitte der Abort? Hätten Sie eventuell auch eine Maske da, Gummistiefel auch, ich bin nicht so geübt darin, durch Urin zu stapfen.)

2002? War das das Jahr der Bahn-Schelte? Jaja. Wir hören ab sofort damit auf (bedanken uns aber bei der Bahn für die vorzüglichen Dramolett-Steilvorlagen).

Noch eins: Thema Bistrot. Im Bistrot sitzen die Erniedrigten und Beleidigten, die Gezeichneten, Raucher meist, die nicht zum Vergnügen fahren. Handlungsreisende in preisbewusstem Tuch und diesen dicksohligen Quasigeschäftsleute-Schuhen, die verboten gehören. Mit Gehfalten, denn natürlich investiert heutzutage niemand mehr in Schuhspanner, ach wozu auch, kommt eh weg nach einem Jahr. Schauen einsam durchs Panoramafenster (die sind toll, die breiten Fenster im Bistrot, ich starre liebend gern durchs Panoramafenster), wenn sie Männer sind, freunden sie sich an ("ach ja, jetzt ein Bier, nach dem ganzen Kaffee, das dehydriert so" - hier sieht man wieder mal, was diese ganze Pseudogesundheitsliteratur anrichtet... früher hat man seine Ausreden für morgendliches Saufen auf dem Bau abgekuckt, heute beim Gesundheitsmagazin Praxis). Einsame Raucherinnen kommen auch, Mittfünfzig, von irgendetwas schwer gezeichnet, aber äußerst gepflegt, dennoch verkrampft, als säßen sie zum ersten Mal in der Lobby eines Luxushotels. Rauchen Menthol. Würden so gerne ein Bier... aber nein. Tee. Und vielleicht ein Würstchen?

Einer telefoniert, kaut Nagel, kaut Nagel ab, betrachtet ihn, schmiert ihn dann ins Polster (deswegen halte ich den Ratschlag, dass man selbst, wenn man alleine ist und im Dunkeln, beim Gähnen die Hand vorm Mund halten soll, für sinnvoll. Das trainiert nämlich für den Handyfall. Denn das Handy holt es an den Tag: Es suggeriert Privatsphäre; die Leute vergessen, wo sie sind, nehmen an, sie seien gemütlich und allein zu Hause, und fangen dann an, sich entsprechend zu verhalten ? wenn sie gelernt hätten, selbst dann den Nagel nicht ins Polster zu schmieren, sondern... ach egal.)

Donnerstag, 12. Dezember
(Hamburg) Arme, vernachlässigte Dramolette. Sie haben sich drei Wochen lang nur im Kopf der Autorin abgespielt und nicht den Weg ins Netz gefunden - die Autorin hatte Zahnschmerzen und kämpfte außerdem mit dem Wurm Klez-irgendwas, sehr unangenehm; er hat die Eigenschaft, alle Programme auf dem Rechner zu zerstören, nun, bitte sehr! Das ist nicht so witzig. Jetzt also ein paar Dramen im Zeitraffer abgespult.

Schwarze Rollkragenpullis sind sehr kleidsam, sie verschaffen sogar Jürgen W. Möllemann ein gewisses Sex-Appeal (es gibt bestimmt auch eine Regel, wann er Rolli trägt und wann nicht; ich glaube, er benutzt den Pullover, um mit Journalisten zu fraternisieren, insbesondere dann, wenn er sie zum Sechs-Augen-Gespräch lädt und mal sein Herz ausschüttet, wie im Stern). Jedenfalls ist dieser quasiexistenzialistische Möllemann ein angenehmerer Anblick als dieses pralle gelbe Michelin-Männchen, das da an einen Fallschirm gegürtet vom Himmel schwebt. Ich weiß nicht, welcher PR-Berater diese Idee hatte - man kann doch fast riechen, dass sich Möllemann bei der Schirmspring-Aktion sehr unwohl gefühlt haben muss und dem Boden, auf den er gleich unelegant plumpsen wird, mit äußerer Anspannung entgegensieht; außerdem betont die Fallschirmschnürung seine tropfenförmige Körperform, und, ja, diese 25 Supensorien, die er offenbar trägt, sind auch kein ästhetischer Höhepunkt, also dann schon lieber ExistenZpullöverchen.

Hamburg-Nürnberg, Nürnberg-Hamburg: 50 Minuten Verspätung gelten wohl inzwischen als normal. Wenn man vorsichtig nachfragt, wie lange man noch auf freier Strecke herumzustehen gedenkt und ob es eventuell heute noch weitergeht, dann bekommt man die Antwort: Es handelt sich um eine SIGNALstörung, da kann man nicht weiterfahren! - Oh, ok. Ich dachte schon, es wäre was Schlimmes.

Auf der Rückfahrt dann: Der Zug besteht aus zwei ICE-Teilen. An einem steht dran, dass er bis Hannover fährt, am anderen: Zielbahnhof Hamburg. Natürlich steigen alle, die nach Hamburg wollen, nur in den Hamburger Zugteil ein. Was sie nicht wissen: Beide Züge fahren nach Hamburg, und das hört sich bei dem Schaffner so an: "Liebe Fahrgäste, unsere Zug besteht aus zwei Zugteilen. Der vordere Zugteil fährt nach Hamburg. Der hintere Zugteil fährt nach Hamburg." Aha, na, das ist ja interessant (übrigens ist die spaßige Hannover-Auszeichnung, die natürlich viele Fahrgäste zu hektischen Zugwechseln veranlasst, schon seit Wochen aktiv und wird auch nicht abgestellt; es handelt sich wohl um ein neues Fitnessprogramm.)

In den ICEs gibt es auch eine Uhrzeit, die an dem roten Display über der Glastür zum Großraumwagen aufscheint. Toll! Leider geht die Uhr fünf Minuten falsch. Wenn man sich also auf sie verlässt, dann steht man entweder viel zu früh aus seinem Sesselchen auf und dann gestiefelt und gespornt blöd im Gang herum (während sich der Zugführer noch eine Warteschleife gönnt), oder man wacht aus seligen Träumen, schaut auf die Anzeige, kriegt einen Mordsschreck, denn man ist laut Uhr schon längst am Zielbahnhof vorbeigefahren - nun, auch das sicher für verschiedene chemische Vorgänge im Körper von stimulierender Wirkung, aber der Zugfahrgenuss leidet doch sehr darunter. Kommentar eine Schaffnerin zu einer Kritik einer älteren Dame an dieser Uhreinstellung: "Aber die Uhr geht doch nur EIN PAAR Minuten falsch", Unterton: Stell dich nicht so an. - Richtig so. Wo kommen wir dahin, wenn bei einem Unternehmen wie der Bahn plötzlich auf jede Minute geachtet werden sollte? Das ist doch wirklich ein bisschen kleinlich.

Übrigens gehen diese Uhren fast in allen Zügen EIN PAAR Minuten falsch (Testfahrer E.S. aus H., der jede Woche zweinmal ICE fährt, konnte das Ergebnis zuverlässig ermitteln). Wenn die Bahn Mist baut, dann richtig. Ganz besonders gefreut hat mich auch, dass am Wagenstandsanzeiger stand, dass mein Zug einen Speisewagen hat (Speisewagen, nicht Bistrot; da war EINDEUTIG das Speisewagensymbol). Und dann steig ich ein und freue mich auf eine Pellkartoffel mit Quark (die bei der Mitropa natürlich "baked potato mit sour cream" heißt), und was ist: Es ist ein Bistrot. Das heißt, dass man von mir verlangt, bei 230 Stundenkilometern quasi stehend meine Kartoffelstückchen vom Teller in den Mund zu balancieren, während ich mit der anderen Hand vorbeischwankende Leute davon abhalte, bei einer besonders scharfen Kurve ihre Zigarette in meinem Gesicht zu platzieren, oh, Tschullijung! Also rege ich mich bei dem Bistrot-Schaffner auf die blöde Idee auf, Speisewagen anzukündigen, wenn da keine sind. Seine Antwort: Jaja, das wurde geändert.

Schön. Es wurde geändert. So sieht Bahnfahren aus, wenn da ein eingefleischter Autofahrer Chef ist, der nicht weiß, wie man das Wort "Service" überhaupt schreibt.

Und bei ebendieser Bistrot-Geschichte passiert folgendes. Ich, zum Bistrot-Mann: "Entschuldigung, haben Sie keinen Speisewagen?" "Nein", und, zu einem älteren Fahrgast, der sich von einem Zeitungsstapel auf dem Bistrot-Tresen eine FAZ geklaubt hat, "Halt - die müssen Sie bezahlen!" Fahrgast: "Bezahlen? Bezahlen! Ha, na, das ist ja eine lustige Idee". (Sucht brummelnd nach Münzen) Ich: "Es war aber angekündigt, dass hier ein Speisewagen sein soll!" Fahrgast (wirft ein paar Euro auf den Tresen): "So sind die Frauen - nie zufrieden." Bistrot-Mann: "Angekündigt? Was soll das denn heißen, angekündigt, ha!" Ich (mit unterdrücktem Zorn): "Na, am Wagenstandanzeiger", und drehe mich zum Gehen. Bistrot-Mann: "Ja, das wurde geändert", ich, abgehend: "Wissen Sie, das verdirbt mir schon die Laune". Fahrgast (in abfälligem Ton): "Die kommt wieder!" Unverschämtheit. Nix tue ich. Ich hungere bis Würzburg, steige in meinen Anschlusszug, entere den Speisewagen und inkorporiere eine Pellkartoffel mit Quark. Wehe ihnen, wenn das wieder ein Bistrot gewesen wäre.

Aber was hätte ich schon groß dagegen tun können?


 

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(c) Annette Leßmöllmann