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Dienstag, 30. Juli
(Hamburg) Im Online-Archiv der FAZ kann man noch die Kategorien "Berliner Seiten" und "Bilder und Zeiten" auswählen. Hahaha! Das ist bitter, wenn das Wort "Archiv" so deutlich nach Vergangenheit schmeckt wie hier.
Montag, 29. Juli
(Hamburg) Guten Tag, kann ich Ihnen helfen? Darf es noch etwas sein? Bitte sehr. Einen schönen Tag noch!
Das ist Hamburg. In der Berlin hieß es: Ey, ma schneller her mit der Kohle, siehste nich, wie lang die Schlange is? Zackzack ma jetze hier!
Sonntag, 28. Juli
(Berlin) An einem See im Osten Berlins. Die Berliner Seen sind das Beste wo gibt. Bäume bis ans Wasser, Lichtungen zum Braten, genug Schatten zum Abkühlen, wunderbar kühles Wasser. Die Berlinerinnen gewohnt forsch und in Lurex-Wurstpelle gekleidet. Eine langhaarige blonde Göttin im engen Glitzerkleid schwebt an uns vorbei, begleitet von ihren schüchternen kleinen grauen Eltern (die ihre Tochter offenbar nicht alleine losgehen lassen - auch sie haben ihren Faust gelesen und wissen, was passiert, wenn...). Plötzlich bleibt die Göttin stehen, stemmt einen Arm in die Seite und lässt eine Schimpfkanonade auf die Eltern ab, die vor Schreck noch kleiner werden. Die Kanonade besteht aus einer Menge "ick" und "wa". (Vielleicht war es gar keine Kanonade, sondern der normale Umgangston hierzulande - wenn man aus Hamburg zu Besuch ist, muss man sich ja erst wieder einhören). Jedenfalls, die Göttin hat sich als Göre enttarnt, als Berliner Göre, und wir legen uns beruhigt zurück und wissen: Berlin bleibt Berlin, und, ach, wie ist doch Eppendorf so angenehm weit weg.
Samstag, 27. Juli
(Berlin) OK, der gestern besprochene Wassergraben ums Ministerium ist das kleine Flüsschen Panke (diese Information entnehme ich den sehr empfehlenswerten Architekturführern des Stadtwandel-Verlages). Aber muss man die Panke zu so einem Wassergraben-Dasein verurteilen? Die arme Panke. Pankow-Panke.
Freitag, 26. Juli
(Berlin) Das Ministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen hat einen Wassergraben um sein Gebäude gezogen. Ich beglückwünsche die Architekten zu diesem überaus ingeniösen Einfall. Hat man für den Notfall auch siedendes Öl parat?
Könnte ja sein, dass der Pöbel beim Anblick dieses schwarzen Klotzes an der Invalidenstraße beschließt, dass das Ministerium zu entmachten sei. (Ach, ich glaube nicht, dass der Pöbel zu architektonischen Fragen Stellung nimmt, jedenfalls nicht in einer Form, die siedendes Öl notwendig macht - ist schon alles ok so.)
Montag, 22. Juli
(Hamburg) Knigge für Bundestagsabgeordnete: (1) Verschulde dich nicht. (2) Wenn du dich verschuldest, dann gehe sofort zu Papa Thierse und beichte. (3) Wenn du Kredit von einem schmierigen PR-Mann nimmst, der 5,5% Zinsen verlangt, dann stell dich nicht hin und nenne das "unbürokratische Hilfe" und "marktübliche Konditionen". Das beleidigt das Hirn eines Dreijährigen; verprelle deinen zukünftigen Wähler nicht! (4) Wer glaubt, ein schmieriger PR-Mann würde nicht irgendwann Mal darauf zurückkommen, dass er "unbürokratische Hilfe" zu "marktüblichen Konditionen" geleistet hat, der muss leider wegen galoppierender Demenz an die Eingangstür des Reichstags genagelt werden - also lass die Finger davon. (5) Bei Schulden von 80 000 Mark von "finanziellen Engpässen" zu sprechen, ist ein Schlag ins Gesicht für jeden Grünenwähler, der sich dreimal überlegt, ob er sich die teuren Ökoeier im Ökosupermarkt überhaupt noch leisten kann. Wenn du nicht mit Geld umgehen kannst, dann halte wenigstens die Klappe! (6) Und brüste dich nicht auch noch damit, dass du ja ach so offen mit den Medien über deine Verfehlungen sprichst. Wir wollen's gar nicht so genau wissen, Cem.
Es geht offenbar nicht mehr darum, ob die Abgeordneten zuviel Geld verdienen oder nicht. Es geht darum, Abgeordnete zu wählen, die über die Grundbegriffe unseres Steuerwesens informiert sind ("Weißt du, Cemilein, irgendwann kommt dann der Onkel Fiskus und will die Hälfte von deiner leckeren Diät; du solltest überlegen, ein wenig davon beiseite zu legen") und genug Grütze im Hirn haben, ihr sauer verdientes (hüstel) Abgeordnetengeld nicht auch noch in hohem Bogen aus dem Reichstagsfenster zu schmeißen. OK, das kurbelt die Wirtschaft an... aber achtzigtausend Mark? Das ist eine Menge Holz, Cem. Kann man viel Grütze von kaufen, Cem. Wir hätten das nicht von dir gedacht, Cem.
Sonntag, 21. Juli
(Hamburg) Soll ich erzählen, dass das Wasser vor unserem Fenster einen halben Meter stieg? Der Osterbekkanal stieg einen halben Meter, und ich schielte schon Richtung Gummistiefel? Das sind wahre Dramen des Alltags! Aber der wackere Hausbesitzer im Fernsehen, der in knappen Shorts und Gummistiefeln durch sein überschwemmtes Haus stapft und die Kameraleute weltmännisch durch die Fluten geleitet, der war mir ein Vorbild, aber so weit kam es nicht. Die Schleusenwärter ließen die Alster wieder ab, und mit ihr den Osterbekkanal.
Der Feuerwehrmann, für die Überflutung in Pinneberg zuständig, hieß "Stammerjohann". Thomas Mann, der böse Namensgeber, hätte seine Freude dran gehabt (ich erinnere nur an den Herrn "Klöterjahn", liebe Freunde des Deutschunterrichts).
Dienstag, 16. Juli
(Berlin) Zwei Kontrolleure ahnen Betrug... im Affenzahn die Rolltreppe rauf... zwei Türken halten die Beamten auf... Oranienstraße, hier lebt der Koran... dahinten fängt die Mauer an...
Ok, ich fühlmichgut, ichstehaufBerlin, aber heute geht die Berlinhymne anders. Ungedichtet: Man fällt am Zoo aus dem Zug und denkt, alles so wie immer, und rin in die U-Bahn, die wie ein angeschossener Esel gen Osten buckelt, vorbei an dröhnenden Presslufthammern, bis "Stadtmitte" ist der letzte Rest an Hamburger Contenance aus dem Leinenanzug geschüttelt und man sehnt sich nach der alten Studikluft, der die Falten auf antibourgeoise Art und Weise schnuppe waren. Raus in die Berliner Nacht am Gendarmenmarkt - doch Wasisdas? BARS, in denen Hoppersche Großstadteinsamkeiten an Designeerinterieurs lehnen und sich bei unbezahlbaren Drinks langweilen, Bars, leer wie Luxushotellobbies - ich bin in einer Traumwelt. Ist das mein Gendarmenmarkt? Wo noch vor wenigen Jahren karg-preußischer Klassizismus auf nichts anderes als architektonischen Ostpomp und ansonsten nur auf ein großes Nichts traf, kein ernstzunehmendes Café, keine Kneipe - ein wunderbarer Ort der Konzentration mitten in der Stadt? Nun, das Nichts ist jetzt immer noch da. Ist jetzt nur bisschen teurer, weißtu (um hier mal ein bisschen antikapitalistischen Neiddiskurs reinzubringen, wa).
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