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Sonntag, 30. Juni
(Hamburg) Oliver Kahn (oder Khan?), der tragische Held, hat ja noch ganz andere Qualitäten: Er hat nämlich das kauende Satzzeichen erfunden. "Das (kaukaukau) steckt man nicht (kaukaukau) so einfach weg." kaukaukau ist eine Kunstpause, die viel Platz lässt zum Nachdenken: Was kommt jetzt? Ein Kalauer, ein beißendes Verdikt, eine Fußball-Sottise? Meistens kommen vergleichsweise unscheinbare Bemerkungen aus diesem kauenden Mund, aber die gekaute Kunstpause erhöht das Gesagte, transponiert es ins Sphärische, macht kurz die Muse (den Weltgeist?) sichtbar, die in diesem Moment hinter der Stirn des Torwarts werkelt. Und manchmal werkelt sie so, dass Kahn zum Geisterseher wird: "Dieser Schiedsrichter (kaukaukau) hat uns noch nie Glück gebracht." Kein Gelächter löst die Spannung, die das kaukaukau da mitten im Satz aufbaut. Nein, Kahn meint es ernst. Er ist abergläubisch – oder ist er einfach nur (kaukaukau) ein Meister der Ironie?

Dienstag, 18. Juni
(Hamburg) An den Landungsbrücken. Ein älterer Herr läuft mit hoch erhobenem Arm vor einer Reisegruppe her, wohl, damit diese ihm folgt. Einer aus der Gruppe kommentiert das: "Hihi, die Fahne hoch!" Sehr witzig, wirklich. Wie lange hat das Horst-Wessel-Lied im Hirn dieses Mannes geschlummert, bis er es so einfach wieder hervorzaubern kann, ganz unschuldig? Dazu fällt mir wieder ein echter Fassbender ein: "Portugal schießt aus allen Rohren!" Auch Fassbenders Hirn merkt sich offenbar lang Vergangenes. Von Stalingrad direkt ans Kommentatorenmikrofon. Und die SZ bringt einen Bericht aus Oppeln, "polnisch Opole", wo die deutsche Minderheit loyal zu Polen sei, die Polen aber ("erzählt man uns") sich fies freuen würden, wenn die Deutschen aus der WM fliegen würden.

Ich dachte ja schon, dass es nicht üblich ist, schlesische Ortsnamen einfach so einzudeutschen; es ist noch nicht so lange her, dass das als revanchistisch galt. Oder läuft das jetzt unter Enttabuisierung, "Normalisierung"? Eins steht fest: Irgendwelche Klatsch- und Tratschgeschichten zu kolportieren und daraus dann eine große schlesische Deutsche-Polen-Opposition aufzuziehen, ist kein guter Journalismus (sage ich jetzt mal hier so ganz tabulos).

Montag, 10. Juni
(Hamburg) Heribert Fassbender: "Da ist Polen hinten offen." Nicht nur Polen offen, sondern auch noch hinten offen. Ein Prosit auf diesen sprachlichen Höhepunkt des Fussballkommentatorismus.

Sonntag, 9. Juni
(Wien-Hamburg) Ich habe ein Opinel-Taschenmesser mit einer beeindruckend scharfen Klinge, das ich immer in der Tasche habe; kann ja sein, dass man mal in Überlebenssitutationen kommt und damit eine Apfel schälen muss o.ä. Dieses Messer schlummert in den Tiefen meiner Tasche, von mir meist vergessen. So auch auf dem Flug nach Wien. Nein, nein, es wurde nicht entdeckt von den freundlichen Menschen, die mir die Tasche durchleuchteten, nein, nein, weder in Hamburg, noch in Wien. Ich bin also fröhlich mit einem Killerinstrument durch die Gegend geflogen. Ach wie schön, dass sich alles wieder so normalisiert hat. .... oder....? Überlege gerade, was passiert wäre, wenn ich es im Flugzeug herausgeholt hätte, um damit einen Apfel zu schälen.

Samstag, 8. Juni
(Wien) Das Museumsquartier begutachtet. Riesiges langgestrecktes Gebäude, ebensolcher Hinterhof, dann noch mehr Gebäude, das war für die vierbeinigen Mitstreiter der k.u.k.-Armee, jetzt ist alles Kunst. Die Stallungen in einem Rosaorange, das Schönbrunn mit seinem Kitsch- (manche sagen: Piss-)gelb Konkurrenz macht. Im Innenhof zwei Riesenklötze, einer weiß, einer schwarz, da ist Kunst drin. Sehr schön der Weiße von innen, der Blick wird weit in die Höhe gezogen, das ist Raum! In den Schwarzen kommt man nicht rein, Baumängel (harr harr, depperte Architekten-Gefraster, homs dem Statiker net geglaubt oder wos?), jedenfalls ist das Ganze keine Augenweide, wenn man im Innenhof steht, auf die Klötze kuckt und dann dieses rosa Ding im Rücken hat, was soll das denn. Die ganze Gschicht ist nur von oben ein Genuss, da sieht es richtig toll aus. Und das passt zu Wien, Wien ist auch nur von oben ein Genuss, von der Strassenseite lässt es einen doch eher kalt, und ganz selten mal ist es innen schön, wie zum Beispiel im Kaffee Museum, das mag ich.

Dienstag, 4. Juni
(Frankfurt/Main) Mit Freund Matthias bei Apfelwein und grüner Sauce leicht versackt, dann noch in die Havanna-Bar, kann ich empfehlen, vor allem die Musik und dann noch Ramazotti mit frischem Zitronensaft. Der Abend wollte ruhig ausklingen, als Matthias plötzlich eröffnet, er habe seinen Schlüssel in der Apfelwein-Kneipe vergessen. Wilde Assoziationsketten von Übernachten-im-Park, morgen-in-indiskutablem-Zustand-auf-Konferenz, Auftrag-ade etc. zucken durch mein mattes Hirn. Matthias beschließt, zu der Kneipe zu joggen. Ich bleibe sitzen und lasse alles irgendwie geschehen. Er kommt bald darauf zurück, mit belämmert glücklichem Ausdruck im Gesicht: "Ich hab ihn!" Schön, diese lokalen Glücksaufwallungen. Matthias erzählt, dass der Taxifahrer (ha, "joggen"!) gefahren sei "wie die Sau". Ohne Grund, einfach wie die Sau, mit 100 Sachen über die Ignaz-Bubis-Brücke. Danach war der Taxifahrer auch im Glück, noch nie, sagte er, hätte er da so schnell rüberfahren können. Glück überall.

Montag, 3. Juni
(Mühlhausen/Thüringen) Ich fahre von Hamburg über Göttingen Richtung Mühlhausen und muss in X-Dorf umsteigen in einen Bus, der mich durch malerische Winkel - durch die er kaum durchpasst - nach Y-Dorf bringt, dort wartet ein Züglein auf mich, der dann noch fünf Minuten weiter fährt bis Mühlhausen. Wieso, frage ich mich, kann der Bus nicht gleich über Y-Dorf und dann nach Mühlhausen weiterfahren? Das sind doch Staatsbahn-Relikte, Bürokraten-Konstrukte. Vor allem, weil die ganze Umsteigerei von der Bahn hervorgerufen wurde: Sie hat nämlich zu tief gebuddelt, und dabei ist ein Teil der Strecke Göttingen-Mühlhausen durch Erdrutsch unbrauchbar geworden. Hach, ich bin schadenfroh, doofe Bahn, aber nett, diese kleine Tour durch XY-Thüringen.

Samstag, 1. Juni
(Nachtrag zu Havelberg) Eine Landhochzeit im Brandenburgischen, wunderbar. Vorher eine Begebenheit: Eine Handvoll Kölner quillt aus einem schicken alten Benz, überbrückten die Zeit bis zur Trauung im Kaffeehaus, sehr schicke Leute, wunderbar; sassen in schicken Kleidern, blickten stier und sprachen wenig. Am Tisch daneben ein abgerissender Mann plus Frau, lächeln den Kellner freundlich an beim Bestellen, so leicht unterwürfig, so ganz leicht, wie man es noch immer sieht in diesen Gegenden (in denen Kellner früher allmächtige Gestalten waren, die ihren Dienst jederzeit verweigern konnten - in Berufung auf höhere, unsichtbare Mächte). Die beiden haben Bücher in ihren Stofftaschen mitgebracht und beginnen ein tiefschürfendes literarisches Gespräch.

Manchmal schlagen die Ost-West-Klischees brutal zu. Es gibt ihn, den Ossi, der sich nur dem geistigen Sein widmet, und den Wessi, der hohlköpfig nur dem Schein nachjagt.

 

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(c) Annette Leßmöllmann