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Mittwoch, 27. März
(Hamburg--Basel) Im ICE. Der Junge ist elf Jahre alt (ich weiss es, denn er spricht laut genug, so dass ich alles mitbekomme, obwohl er am anderen Ende des Waggons sitzt), also, er ist elf Jahre alt, und er redet die ganze Zeit. Es gibt auch noch ein kleines Mädchen, das in wohltemperierten Abständen ein beliebtes Kinderlied anstimmt (laut, versteht sich). Es gibt Erwachsene, die "Ja, mein Kind, natürlich, mein Kind" sagen, oder Reisende, die zwar von dem 11-Jährigen bis ins Mark tyrannisiert werden mit seinen Fragen, aber sich trotzdem wie gesittete Menschen mit ihm unterhalten.

Ich bin nicht gesittet! Ich bin gegen Kinder im Zug! AAAAH! Gebt mit Ohropax! Hängt einen Kinderwaggon an diesen Zug! Macht was! Aber stoppt diesen Wahnsinn!
 

Sonntag, 17. März
(Hamburg) Im Stadtpark. Ein junger Mann - nein, ein etwas älterer Mann fährt einen naturgetreuen Nachbau des Schleppers "Finkenwerder" im Kleinformat auf dem Wasserbecken spazieren, mit der Fernbedienung. Wann er ihn gebaut habe? "So mit sechzehn." "Na, da hat der ja auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel."

Damit habe ich mein Fettnäpfchen-Kontingent für dieses Jahr erfüllt. Ich werde ab sofort in keins mehr treten, versprochen. Aber es fällt mir so verdammt schwer.
 

Freitag, 15. März
(Hamburg) Im Fernsehen lerne ich: Es gibt fürs Auto "Innenraumputzmittel", und zwar mit "Neuwagenduft". Das ist geilomat.
 

Mittwoch, 13. März
(Hamburg) Im Fernsehen sagt einer: Man gewöhnt sich an alles dran. Das ist falsch. Es muss heißen: Man gewöhnt sich an allem.
 

Freitag, 8. März
(Hamburg) Nachmittags müde, also Kultur. Das heißt bei mir: Kabel 1 kucken. Grossartig. Hart aber herzlich. Matlock. McGyver. Diese ganzen alten kalten Krieger, dieser Ausgeburten der Hollywood-Serienmaschinerie, ich liebe sie alle, denn sie kommen so großartig verwaschenfarbig daher und im Grund genommen sind sie alle auf ihre Weise Revolutionäre. Das Ehepaar Hart ist revolutionär reich, Matlock revolutionär spießig (und reich, by the way, aber über sein Honorar wird nur bei wirklich windigen Mandanten gesprochen), McGyver ist revolutionär besserwisserisch, und neuerdings sieht man ihn auch in Afghanistan rumturnen, natürlich noch zu der Zeit, als die bösen Russen dort alles kaputtgemacht haben, gell.

Für den frühen Abend empfehle ich übrigens einen Switch zu RTL: Die Nanny. Ein aufgemotztes Kindermädchen mit dem vulgären Charme der Zigeunerbaronin, tätig in einem schweinereichen und distinguierten New Yorker Haushalt. Der Hausherr ist attraktiv und solo, die Kinder sind unerträgliche Bohnenstangen, die ohne die kluge Fran Drescher hoffnungslos an ihrer eigenen Spucke ersticken würden. Großartig. Die Nanny ist klug, denn sie produziert die Serie auch noch selbst.

Dienstag, 5. März
(auf irgendeiner Autobahnraststätte) Vor den Toiletten steht ein hochgewachsener junger Mann in weißem Kittel und lächelt freundlich über das ganze Gesicht. Klomänner oder -frauen sind mir bislang nur als miesepetrige, unter sich stierende, maximal böswillig die Zähne bleckende bedauernswerte Unterweltgeschöpfe vorgekommen, umgeben vom Duft des naja, manchmal vorwurfsvoll mit dem Lappen vor einem herwuselnd mit "Mist, schon wieder ein Kunde" im Gesicht, schnell noch das Noetigste an Hinterlassenschaften entfernend - es ist wirklich ein Trauerspiel. Trotzdem gehoeren sie alle bekanntlich der Mafia an, das wissen wir. Also sind wir auf der Hut. Dieser junge Mann lächelt mich freundlich an, aber er ist trotzdem ein Klomann. Das muss eine Falle sein. Er sagt: Das ist ein sehr sehr schöner Ring, den sie da anhaben. Ja wirklich. Sehr sehr schön. Ausgesprochen schön. Er kriegt sich nicht mehr ein, ich lege perplex einen Euro in seine Schale und frage mich bis heut, was für eine Art von Falle das war.
 

 

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(c) Annette Leßmöllmann