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Freitag, 24. Mai
(Hamburg) Wenn der Direx kam, dann verschlossen alle ihre frechen Mäuler und setzen sich brav und still auf ihre Plätze, der eine oder andere strich sich noch heimlich glättend übers Haupthaar, auf dass der Chef schön in einem Schwung drüberstreichen konnte über den Bubenschopf. "Direx besucht Obersecunda", heißt diese Szene, und genau sie kam mir in den Sinn, als ich die braven Bundestagspennäler gestern ihrem Direx Bush lauschen sah. Brav brav. Neulich noch gekrittelt, hier und dort, dass man das mit dem Irak nicht so wolle... und schon hallt der feste Tritt des ersten Mannes durch die Fluren, da kommt er schon durch die Tür, Klappe halten jetzt und Störenfriede ins Klo sperren!
Warum ist das so? Weil es immer noch der Ami ist, der die Noten verteilt.
Donnerstag, 23. Mai
(Hamburg) Mein heutiges Dramolett ist von besonderer Sorte, denn es ward vor Veröffentlichung dem kritischen Auge des ZEIT-Feuilletons unterworfen. Das ist meinen Dramoletten bislang noch nie passiert, und deswegen sind sie heute alle ganz brav und essen ihre Teller leer. Hier ist es: Es heißt "Trendkapitalismus".
Das Gute am Trend: Sobald man ihn ausruft, ist er schon vorbei. Oh göttliche
Spielwiese! Lasst uns Trendtage abhalten! Diesmal hob der siebte deutsche
Trendtag in Hamburg das Thema Moral aufs Podium, und das Marketingpublikum
in edlem Tuch lauschte ergriffen, als die Trendfürsten Hof hielten. Und,
siehe da, die angenehme Nachricht: Wir brauchen die Moral nicht. Wir müssen
nur nett zueinander sein, verbindliche Abmachungen treffen, dann kommt die
Moral von ganz allein. Marken und Konsumgüter sind die Sprache, in der nette
Menschen miteinander kommunizieren. Dabei geht es nicht mehr ums Kaufen,
sondern ums Wohlfühlen. Kaufen ist out. Kaufen, das hat etwas mit Stress bei
Woolworth zu tun. Wohlfühlen, das heißt durch wundervoll gestaltete
Tempelchen zu flanieren, so wie früher, als man wild diskutierend über die
Piazza strich, nur dass heute die Piazza von Gucci gesponsort ist, aber das,
bitte sehr, ist ein sehr uncooler Einwand. Und Coolness ist die erste
Bürgerpflicht, unkte Peter Sloterdijk, Selbstmarketing müsse sein,
Selbstmarketing sei die erfolgreiche Verschleierung der eigenen
Unsicherheit. Und der Trendtag, das ist die erfolgreiche Verschleierung
ökonomischer Interessen. "Es geht nicht um Kaufen", lautet der Trend. Kaum
ruft man ihn aus, ist er vorbei. (ZEIT 22/2002)
Mittwoch, 22. Mai
(Hamburg) Blödes Wort: zunehmend. Zunehmend mehr wird dauernd verwendet, früher sagt man "immer mehr", aber das wurde schon als blöde Marotte enttarnt, jetzt ist alles "zunehmend", am besten finde ich ja "zunehmend weniger", was soll das eigentlich heißen? Bei Bill Bryson entdecke ich "zunehmend jeder". Ich frage mich, was da im englischen Original gestanden hat. Oder wollte der Übersetzer ein kleines Scherzchen mit uns treiben?
Montag, 20. Mai
(Hamburg) "Warten auf Godot" im Thalia: Schlecht schlecht schlecht. Anbiederung an den Massengeschmack. Dass sich damals die Feuilletonisten so überschlagen haben, als das in Bochum aufgeführt wurde, nee nee, und ich bin auch noch drauf reingefallen, weil ich dachte, naja, Harald Schmidt, der ist schon gut, wird schon was sein, wo der mitspielt. Aber nein. Beckett hat menschliche Essenzen dargestellt, und solche Essenzen kann man nicht aufführen, indem man auf der Bühne herumklamaukt und spricht, als wolle man auf dem Kiez eine Pommes rot-weiß bestellen, "Ej Alder, gib mal ne Pommes, ej Alder, glaubst du, Gott sieht mich?"
Samstag, 18. Mai
(Hamburg) Ein wunderbarer Fernsehabend. Ich genieße den Anfang von "Deep Impact" in der ARD. Der Anfang ist eigentlich - ach gar nicht schlecht. Aber mir fehlen die Werbepausen. Solche Filme brauchen Werbepausen, oder vielmehr, ich stelle fest, dass ich solche Filme nur zu sehen in der Lage bin, wenn es Werbepausen gibt. Warum? Dann schalte ich um, in einen anderen triefigen saftigen knalligen blutigen Hollywoodformvorderschinken hinein, und wenn ich dann - weil dort eine Werbepause beginnt - wieder zurückschalte, dann kann ich das muntere "rate mal, was in der Zwischenzeit passiert ist"-Spiel spielen. Es ist natürlich unglaublich einfach, die letzten zehn Minuten zu rekonstruieren, so dass ich mir also abends auf der Couch auch noch kleine Erfolgserlebnisse verschaffe. Meine Fernsehabende bestehen im allgmeinen darin, auf diese Art und Weise mindestens zehn Filme gleichzeitig zu sehen.
Und jetzt dies: "Deep Impact" ohne Pause. Es ist unerträglich. Es ist einfach nicht zu fassen. Ich KANN diese Filme nicht am Stück sehen! Es geht nicht! Ich MUSS umschalten. Spätestens, als der Präsident auftritt - gut, er ist ein Schwarzer, das verschafft dem Film den Anschein einer politischen Aussage, aber das hindert diesen Präsidenten nicht, diese Mischung aus Papi und Rambo zu sein, die offenbar in solchen Filmen sein muss. Allerspätestens nach dem Treffen "Hauptdarstellerin - ihr Papa - die Neue von Papa" (die im Alter der Hauptdarstellerin ist, was eine Krisensituation hervorgerufen hat) - nun spätestens jetzt MUSS ich umschalten.
Später läuft dann "Project: Peacemaker", auch in der ARD, auch ohne Pause (wo haben die plötzlich die ganzen Schinken her? Verkauft Kirch sein Tafelsilber, oder was?). Ich ertappe mich dabei, dass ich kaum umschalte. Ist der Film so gut? Bin ich müde? Ist das Programm auf den anderen Kanälen so schlecht? Ich weiß es nicht.
Donnerstag, 16. Mai
(Hamburg) Bei bestimmten Leuten ist es schick, den Ehering locker am Ringfinger zu tragen, so dass er bei Handbewegungen schlackert und Richtung Fingergelenk rutscht. Das sind meistens Leute, die gerne auslandende Handbewegungen machen. Beim Diskutieren zum Beispiel. Dabei wird die Hand zu allen möglichen Dreh- und Formbewegungen eingesetzt, und der rutschende Ring gibt ihr dabei etwas Feingliedriges, vielleicht fast Knochiges, auf alle Fälle wird sie dadurch irgendwie erhaben. Ich habe den Verdacht, dass diese Ring-Finger-Erhabenheit von Intellektuellen besonders gepflegt wird (das sind Leute, die entweder ein Buch geschrieben haben oder über Bücher reden, deren Waschzettel sie kennen).
Alexa Hennig von Lange, zum Beispiel (sie gehört zu den Leuten, die ein Buch geschrieben haben). Sie gestikuliert und hat dabei diesen Schlackerring an, und natürlich ist der Träger ihres Topps runtergerutscht und sie kriegt dadurch diesen rebellischen Touch, der ihr auch erlaubt, unfertige Gedanken zu sagen und trotzdem äußerst schlau zu wirken. Es ist ausgesprochen intellektuell, unfertige Gedanken zu äußern (ich meine das nicht ironisch, bitte sehr), und wenn man dabei noch ausladende Bewegungen mit schlackernden Ringen macht (das meine ich jetzt ein bisschen ironisch), dann traut sich keiner mehr, was dagegen zu sagen (denn die Hand von Alexa Hennig von Lange bekommt durch den Schlackerring etwas Bedrohliches, das sagt: Wenn du frech bist zu Mama, gibts was hinter die Löffel!) Denn lockerer Ehering, große Hand, auslandende Geste, unfertige Gedanken, ich glaube, das sind gute Bedingungen für den Erfolg.
Mittwoch, 15. Mai
(Hamburg) Noch ein Dramolett. Wieder sitze ich im Bus. Döse vor mich hin. Bus hält. Ich blicke stier und willenlos auf parkende Autos. Zwei Autos, sehr sehr nah hintereinander geparkt. Vorne eine glitzernde Limousine, hinten ein Schrotthaufen. Nähert sich ein kleiner Junge mit Schulranzen, vom Typ "hach nee, nach Hause? Nee nee nee, schön langsam hier längs gestiefelt und ein bisschen vor sich hin geschwatzt", also er nähert sich und begutachtet den winzigen Abstand zwischen Stoßstange und Stoßstange eingehend, von ganz nah. Dann legt er beide Hände hinten auf die Glitzerlimousine und versucht sie wegzuschieben. Richtig so. Ich finde auch: Was kuschelt sich der Schrotthaufen da so an den feinen schwarzen Lack? Das sieht doch nicht aus! Und Mama wäre bestimmt stolz auf ihn!
Dienstag, 14. Mai
(Hamburg) Doch, es gibt sie noch, die Dramolette. Gestern im Bus. Ich lese, und irgendwann dringt es in mein Hirn: Der Bus steht hier ganz schön lange rum an der Ampel! Ich schaue hoch, sehe gerade noch, dass sie wieder auf Rot springt. Was ficht den Fahrer an? Er kauert über seinem Lenkrad und stiert in die Gegend. Ist er tot? Nein, er dreht sich um und fragt die Dame vor mir: "Sagen Sie mal, fahren Sie oft auf dieser Strecke?"
Bitte sehr, hier haben wir eine ganz neue Form von Anmache, denke ich, und bestelle in Gedanken die Theaterkarten für "Warten auf Godot" ab, wozu brauche ich das, wo man doch hier im Bus Theater der feinsten Art bekommt? Also, die Dame ist entgeistert und bringt nur ein Blubbern hervor. Der Busfahrer fragt nochmal. Ja, sagt sie, sie fährt hier öfter, aber was zum Teufel...? Er sagt: Also, er sei jetzt schon hunderttausend Jahre nicht diese Strecke gefahren, und ob sie ihm den Weg erklären könne?
Die Dame ist konsterniert und wendet sich an mich. Ob ich zu dem Thema etwas beitragen könne? Die Dame hinter mir, an die ich mich nun wiederum hilfesuchend wende, hat dieses "Mann, ist der doof!"-Gesicht, das manche Ehemänner in den Selbstmord treibt. Ich schaue mir die Straßenlage an und sehe plötzlich des Busfahrers Problem: Die Straße vor ihm, die er eigentlich fahren soll, ist gesperrt. Nun die Frage, nach links oder nach rechts ausweichen?
Die Dame hinter mir wendet die Ehefrauen-Strategie an und brummelt "SolldochseineLeitstelleanrufenderIdiot" in sich hinein, laut genug, dass er es hört. Wie gemein. Die Dame vor mir ist eine höflich Asiatin und sagt zu ihm: "Können Sie nicht Ihre Leitstelle anrufen?" Ich sage zu ihm: "Schauen Sie mal, rechts ist ein Sackgassen-Schild, also können Sie eh nur nach links!" Er fährt nach links. Bekommt irgendwann eine Anweisung per Funk. Überfährt Bordsteinkanten. Sowas ist ihm noch nie passiert. Uns auch nicht.
Montag, 13. Mai
(Hamburg) Es gibt keine Dramolette mehr, nur noch Dramen. Gestern auf dem Osterbekkanal: Eine Entendame mit ihren fünf winzigen Jungen wird von zwei Erpeln attackiert. Ein unglaublicher Vorgang. Was ficht diese instinktlosen Rüpel an? Sind Mütter nicht heilig? Oh nein, Leute, das ist der Werteverfall, in der modernen Gesellschaft ist der Erpel orientierungslos und seiner freundlichen Triebe verlustig gegangen, er rottet sich zusammen mit aberraten Gleichgesinnten, er bildet Banden, marodiert, da hat der Familiensinn im Entenhirn keinen Platz mehr!
Montag, 13. Mai
(Hamburg, auf dem Wasser) Ein Vatertagsdrama (nicht Dramolett, Drama!): Männer mit Speckkissen im unteren Rückenbereich sitzen in Kanus, von Bierdunst umweht, einen Grill auf Styroporkufen im Schlepptau. An Land: Männer mit Tröten, ziehen einen Handwagen mit Bier hinter sich her. Während auf der Alster die hanseatische Segelkultur sich behauptet, tummeln sich die Bierseligen auf den Seitenkanaelen, rammen Pfähle, pinkeln ans Ufer, zeigen ihren Speckbauch. Ab und zu mal einer, der eher peinlich beruehrt an seiner Bierflasche nuckelt, das ist dann der Ueberredete, der sich eigentlich zu fein für so was ist, aber er wollte halt auch mal der Tyrannei seiner Perlenkettchen-Schickse zu Hause entfliehn. Das sind Dramen, ich sage es euch.
Montag, 13. Mai
(Hamburg) Heute im "Streiflicht" der Sueddeutschen. Es ist die Rede von "Dingen, die man tun sollte, aber dann doch nicht tut". Beispiel: Joggen. Und: "Im Haushalt helfen".
Wetten, dass der Text nicht von einer Frau ist? Ohh, aber bitte, wie komme ich denn auf so was... "Im Haushalt helfen", das ist so etwas, was man Kindern sagt, "hilf doch mal im Haushalt". Offenbar sind manche Männer dem Kindsein noch nicht entwachsen. Man muss ihnen immer noch sagen, offenbar, "hilf doch mal im Haushalt". Sie sind sogar in der Lage, eine Verdrängungsstrategie für "im Haushalt helfen" zu produzieren. Was für eine unglaubliche Energieverschwendung! Der Haushalt wird gemacht, punctum. Da wird nicht "geholfen", da wird angepackt! Wo leben wir denn? Und dieses ganze Drama (Drama! Nicht Dramolett, Drama!) der Rückständigkeit auch noch auf der ersten Seite einer der ersten deutschen Zeitungen. Ich glaube es einfach nicht.
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