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Samstag, 16. November
(Hamburg) Auf dem Weg zur U-Bahn. Vor mir geht ein Geiger, oder sagen wir, vor mir geht einer, der einen Geigenkasten trägt. Er ist nur unwesentlich größer als Danny DeVito und läuft auch wie er, fällt irgendwie von einem Fuß auf den anderen. Plötzlich beginnt er im Gehen mit einer eigenartigen Gymnastik: Er drückt seinen Kopf mit der freien Hand ruckartig erst nach rechts, dann nach links. Nun, denke ich, vielleicht müssen Geiger das tun. Dann nimmt er die Hand, legt sie auf eine Arschbacke und zieht sie einmal kräftig nach oben. Nun, denke ich. Vielleicht müssen Geiger auch das tun. Ich gehe an ihm vorbei und sehe in sein Gesicht. Er hat lauter Schmisse. Habe plötzlich die Vision, dass der Geiger gleich djangomässig die Bazooka rausholt und die U-Bahn überfällt. Vielleicht brauchen De-Vito-Desperados so eine Kopf-und-Arsch-Lockerung, bevor sie Schmuck und Geld von den Reisenden in der Postkutsche rauben.
Freitag, 15. November
(Hamburg) Wir besuchen das Darling Harbour, ein neues Restaurant in Hamburg-Övelgönne, da wo die ganzen schönen neuen Häuser stehen, und es soll ja auch so nett sein dort. Wir gehen rein, schauen ein bisschen herum und begeben uns dann auf den Weg in den zweiten Stock, wo es auch schön sein soll. Oben schaut uns eine Bedienung so verblüfft an, als seien wir vom Mond, und eine ruft uns von unten hinterher: "Was wünschen Sie?" Nun, wir dachten, wir könnten hier oben kurz eine Atombombe zusammenbauen, ach nein - wir wollten eigentlich nur eine Kleinigkeit essen, ob das hier möglich wäre (dafür sind Restaurants ja typischerweise da). Die Dame gibt uns deutlich zu verstehen, dass wir uns (A) erst an sie zu wenden hätten und (B) es jetzt auch keine Plätze gebe und (C) überhaupt. Wir könnten es ja ein anderes Mal versuchen (dies sagt sie mit einem Gesichtsausdruck, als wäre es absolut unter ihrer Würde, mit Leuten wie uns auch nur zu sprechen).
Nein, danke. Wir versuchen es garantiert nicht ein anderes Mal. Wir entdecken statt dessen das weisse Haus (sic! mit Doppel-s, warum auch immer; vielleicht sind sie aus der Schweiz), auch in Övelgönne, essen eine vorzügliche Kartoffelsuppe; die Damen und Herren vom Service heißen uns freundlich willkommen und wir sind im Glück. Und kommen wieder.
Dienstag, 12. November
(Hamburg) Heute auf dem Osterbekkanal. Ein Schiffchen fährt vorbei und hat eins, zwei, drei, vier kleine Schuten hintendran gebändselt, und hinterdrein fährt ein Polizeiboot, als Eskorte. Was ist geschehen? Die Schuten sind mit Stroh gepolstert, und in einer sitzen eins, zwei, drei Schwäne, die ihre Köpfe mal hierhin, mal dorthin wenden und vorsorglich majestätisch gucken (wir wissen zwar nicht, was hier läuft, Leute, aber wir sehen wenigstens gut aus dabei!). Die Schwäne werden ins Winterquartier gebracht. Der Schleppverband sucht den Kanal ab, wendet und fährt wieder vorbei: Drei Schwanenköpfe lugen über die Bordwand und ich lache mich tot.
Montag, 11. November
(Hamburg) Ok, es gab Protest gegen das Dramolett vom 4. November. Man fühlte sich persönlich angegriffen. Das ist nicht nötig, denn es war nicht auf einzelne Personen gemünzt, sondern ein Extrakt langjähriger Erfahrungen, mich selbst als Mobilfonnutzerin übrigens einschließend.
Ich glaube einfach: Es gibt höfliche Medien und unhöfliche. Das Telefon ist an sich schon ein unhöfliches Medium, weil es ein Antworte-mir-sofort!-Diktat auf Menschen ausübt, und ich finde, der Mensch ist ein freies Wesen und soll antworten können, wann er will - und deswegen finde ich E-Mail so gut, denn es ist für mich an sich und für sich ein höfliches Medium. Telefone, insbesondere die mobilen, reißen den Menschen aus allen schönen menschlichen Beschäftigungen heraus (ein Essen mit Freunden, schlafen, auf dem Klo sitzen - ja, auch das, liebe Freunde, soll schon vorgekommen sein) und führt dazu, dass sich der Mensch bedrängt fühlt und heiser tuschelnd irgend welche abwürgenden Worte finden muss - wie unwürdig! Mobile Telefone sind in sich unhöflich, das heißt, sie verlangen dem Menschen ein viel höheres Maß an eigener Höflichkeit, an Mit-Denken, an an-den-Anderen-Denken ab als höfliche Medien wie E-Mail; die E-Mail übernimmt das Höflichsein für den Menschen, denn er muss nicht ständig überlegen, ob er sie jetzt nicht besser abschalten sollte, um niemanden zu stören (wobei unhöfliche Menschen die E-Mail sehr leicht in ein unhöfliches Medium umwandeln können, indem sie den Du-hast-eine-Mail-Warnton aktivieren, und zwar LAUT! Damit man es auch noch auf dem Klo hört.)
Dienstag, 5. November
(Hamburg) Gestern eine Talkshow gesehen auf NDR, es ging um die deutsche Depression, und diverse Geistesgrößen sollten Auswege aus derselben aufzeigen.
Aber nein. Man zeigte schönes Bein (Getrud Höhler, "was fehlt, ist die VerantwoCHtung") oder unkte wie ein alternder Burggraf lässig mit der beringten Hand wedelnd aus dem Ohrensessel raus (Stechlin!), naja, also. Wohlfeil über die Regierung lästern, das ist derzeit nicht schwer. Der Moderator, auch er schwenkte gerne die intellektuelle Patriarchenhand, forderte mehrfach auf, doch nun mal Lösungen aufzuzeigen, aber da wollte dann doch niemand Milch geben. Verantwochtung, ja, Ansehen im Ausland wiederherstellen, alles recht. Aber was ist mit der Arbeitslosigkeit? Gern hätt ich was gehört von dem Wirtschaftswissenschaftler, am Anfang der Sendung kündigte er an, eine Idee zu haben. Ein anderer deutete an, eine großartige Spieltheoretische Lösung entwickelt zu haben, aber die armen Zuhörer damit jetzt nicht ennervieren zu wollen. Ach je. Wie steht es um das Land, wenn selbst die Intelligenzija nicht aus dem Sessel kommt? Wie schade, schade! Dabei hatte ich so gehofft, dass der Ruck, den alle durch Deutschland gehen sehen wollen, und nach dem es auch diese Sesselrunde ständig verlangte - ja, dass er eben mal von diesen Leuten ausgeht. Wäre nett gewesen. Und war eigentlich auch Ziel der Sendung.
Montag, 4. November
(Hamburg) Ich finde es gemein. Wenn Leute ihr Festnetztelefon auf das Handy umleiten und ich dann, ungewollt und ohne Harm, auf ihrem Handy anrufe, um dann zu hören: "Das ist aber jetzt teuer für mich!" Ich finde das nicht fair. Ich habe nichts Böses getan. Ich bin auch immer sehr traurig, wenn ich jemanden auf dem Handy anrufe, und derjenige mir sagt: "Das ist jetzt grad GANZ SCHLECHT". Was, zum Henker, kann ich dafür? Schluchz. Handys kann man auch ausmachen, habe ich mir sagen lassen.
Freitag, 1. November
(Hamburg) Auf dem U-Bahnsteig: Die elektronische Anzeige vermeldet "Bitte nicht einsteigen!". Der Zug kommt, vollbesetzt, ganz normal, Leute drin, die ganz unschuldig Kinder wiegen, Zeitung lesen, Stulle kauen. Die Fahrgäste auf dem Bahnsteig: verwirrt, was ist zu tun? Einsteigen? Nicht einsteigen? Vielleicht will uns die elektronische Anzeigetafel mitteilen, dass innerhalb des Zuges ad hoc die Pest ausgebrochen ist? Dass das eine Ladung von Schwerverbrechern ist, die man kurzerhand per U-Bahn in den nächsten Knast transportiert? Für wenige Sekunden schauen sich alle irritiert an. Eine sehr komische Situation. Die Fahrgäste im Inneren fangen auch an, auf ihren Stühlchen herumzurutschen - riechen wir schlecht, oder warum steigen die Leute nicht ein? Und dann, der erlösende Moment, als das Kollektiv entscheidet: Die Anzeigentafel ist kaputt, wir pfeifen auf die Pest, wir steigen jetzt ein.
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