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Mittwoch, 30. Oktober
(Hamburg) Heute bringt mir der ewig muffelige Paketpostbote eine FAZ-Tasse. Die habe ich bekommen, weil ich die Sonntagszeitung die Wochen vor der Bundestagswahl abonniert habe. Auf der Tasse die Titelseite der FAZ vom 23.9.: "Union gewinnt, Rot-Grün hält sich". Das ist der Wunsch als Vater des Gedankens, in die Tasse gebrannt. Hat man sich jetzt erst getraut, das zu verschicken - vier Wochen nach der Wahl?
Übrigens ist "Die Nanny" die letzten beiden Male so grausam schlecht gewesen, dass ich mich daran erinnere, wozu mein Fernseher oben einen Henkel hat: Zum In-die-Abstellkammer-stellen. Da schmort er jetzt, und ich wende mich wieder meiner Krimisammlung zu. So. Allerdings habe ich ihn heute wieder hervorgeholt und mir die Folge mit Maxwell Sheffields Kindermädchen angesehen. Das hieß Fräulein Müller und s-tolperte über den spitzen Stein. Ich glaube, ich stelle den Fernseher jetzt wieder in die Abstellkammer.
Dienstag, 29. Oktober
(Hamburg) "Moskau, Moskau: Wirf die Gläser an die Wand, Russland ist ein tolles Land." Toll = verrückt, im eigentlichen Wortsinne, an den noch das Wort "Tollhaus" erinnert. Es ist schon toll, das russische Rezept in Sachen Erpressung: Scheiß auf die Geiseln - wir bringen sie selbst um, dann kommt niemand mehr auf die Idee, uns nochmal mit Geiseln erpressen zu wollen. Geiseln, ha. Wäre doch gelacht. Ihr wollt uns mit Grausamkeit beeindrucken? Wir sind grausamer als ihr!
"Aber der Iwan - der ist nicht ohne!" (Gürgen und Tomatenkopp irgendwann im Frühstücksradio)
Montag, 28. Oktober
(Altenbeken - Hamburg) Tolle Idee: Bahnfahren nach dem Orkan. Schon die erste Etappe misslingt; der Zug bleibt 20 Minuten im Tunnel stehen und meine Anschlüsse gehen flöten. In Herford telefoniert der nette Bahnangestellte wild herum, es scheint ihm Spaß zu machen, "der Dame" neue Anschlüsse aufzuspüren, und er jongliert mit wahrscheinlichen und tatsächlichen Verspätungen, und ich bekomme keine Fahrplanauskunft, sondern eine Suchdiagramm mit vielen "Wenn-danns". Das ist lustig. Ich fahre mit der Eurobahn nach Bielefeld, das ist so eine kleine Privatbahn von Lemgo nach sonstwo, sehr schön, ich mag diese Privatbahnen, und erwische dort den IC nach Hannover, den mir der nette Beamte genannt hat.
Dieser Zug fährt übrigens wieder über Herford. Ich hätte dort aussteigen und mich bei dem netten Angestellten bedanken sollen, dass er mir diesen kleinen Ausflug nach Bielefeld mit der netten kleinen Privatbahn ermöglicht hat.
Samstag, 26. Oktober
(Altenbeken) Im Westfälischen verschollen. Bevor der Sturm die Dachziegel von den Häusern reißt, sehen wir uns noch schnell das Freilichtmuseum an: Lauter alte Bauernhäuser aus dem Sauerland, aus Paderborn, aus Münster (lauter Gegenden, die mir ob ihrer religiösen Aktivitäten höchst suspekt sind, und tatsächlich: Kein Schlafzimmer ohne INRI, but well). Ein grauhaariger Mann mit "ich-bin-ein-unabhängiger-Geist!"-Outfit und schlecht erzogenem Terrier an der Leine stiefelt auch dort herum. Bindet seinen gauzenden Hund draußen an (immerhin) und latscht Stulle kauend in ein Bauernhaus. Der Aufseher weist ihn drinnen darauf hin, dass er die Stulle draußen essen soll. "Warum?" kommt es prompt.
In dem "Warum?" steckt alles drin: Ich bin ein freier Geist! Ich nehme keine Befehle entgegen! Deutschland, Obrigkeitsland? Nicht mit mir! Selbst die einfachsten Dinge akzeptiere ich nicht auf Zuruf; dass Stulle essen in einem Museum nicht angesagt ist, dass man auch in ein Wohnhaus nicht Stulle essend reinstiefeln würde, weil dann irgend jemand die Krümel wegmachen müsste, dass es einfach von unglaublicher Arroganz und Dummheit zeugt, Stulle essend in ein Museum zu marschieren - egal; ich entrüste mich! Der Angestellte erklärt geduldig, warum Stulle essen hier nicht angesagt ist. Der Ermahnte darauf mit lauter Stimme, er ist ja mündig und freier Geist: "So, jetzt haben Sie mir das erklärt, und jetzt kann ich das aktzeptieren; wissen Sie, ohne Erklärung kann ich sowas nicht einfach hinnehmen." Abit der mündige Staatsbürger, augenrollt der Angestellte. Er war der eigentliche, mündige, zivile, aufgeklärte Part in dem Schauspiel; jeder andere hätte dem Arroganzling die Stulle in den Mund gestopft und ihn rausgeschmissen, zu seinem schlecht erzogenen, gauzenden Tier.
Donnerstag, 24. Oktober
(Hamburg) Ich gebe "Chile" bei Google ein, und was kommt auf der ersten Seite? Ein Link von der CIA, "The world factbook", der Eintrag über Chile. Ha. Tät mir stinken, so als Chilene, wenn andere Leute factbooks über mich anlegen, die, nun ja, selten einen Hehl daraus machen, dass sie die besseren Menschen sind und auch gerne mal rumkommen und das allen klarmachen. (Werde jetzt mal "Deutschland" eingeben, mal sehen, was kommt.) Unter "Communications" listet die CIA übrigens nur Telefon und Radio und den Countrycode von Chile auf, Zeitungen und Fernsehen gibt's wohl nicht?
Mittwoch, 23. Oktober
(Hamburg) "Derjenige, der sich neulich hier mein nagelneues Hollandrad ausgeliehen hat, möge es doch bitte wieder zurückstellen." (An einer Hamburger Hauswand.) Tja, das ist die Hamburger Höflichkeit, ne. Der Berliner würde schreiben - ach was schreiben, er würde sich hinstellen und brüllen: Fahrrad her oder zickzick - Lippe dick! (Wa.)
Schon wieder diese Ally McBeal-Werbung. Konnte Harrison Ford sich nicht etwas Handfestes aussuchen? Fran Drescher, zum Beispiel (meine absolute Lieblingssoap: Die Nanny, viertel nach 7 bei Vox. Sehr amüsante Variante der Lower-class-girl-meets-upper-class-boy-Geschichte. Und irgendwie überzeugender als die Proletarier-Saga "Roseanne", die davor läuft, obwohl das schon alles ganz gut getroffen ist, wenn ich mir so die Familien ansehe, die in Barmbek in die U-Bahn steigen).
Wie immer, wenn ich eigentlich einen Text zu schreiben habe (beliebter amerikanischer Prof-Witz - und deswegen gar nicht witzig -: "How are you?" "Oh, I have a paper to write"), also, immer dann klebe ich vor dem Fernseher (it is kind of a LAW, you know). Heute Fußball, Bayern gegen Mailand, es geht ums Ganze, und was muss ich sehen? Es co-kommentiert (ein Wort für Stotterer) Herr Effenberg, und die Regie hält es für eine gute Idee, Kommentator und Co-Kommentator ab und zu einzublenden. Ich muss mir also nicht nur Effes Aus-der-Kabine-Geplauder anhören, sondern auch noch seine Gurkennase anschauen (und, bitte, mit Nasen, da kenn ich mich aus). Nein, das ist zu viel. Ich schalte um, lande bei RTL in der Werbung, und da schlägt gerade ein Herr die ZEIT auf, und zwar das WISSEN, bevor er von seinem Sohn in Sachen Kinderschokolade belästigt wird.
Sehr geil, der Mann liest das richtige Blatt.
Ja, ja, ich geh ja schon an den Schreibtisch (mistmistmist).
Dienstag, 22. Oktober
(Hamburg) Neue Folgen "Ally McBeal", wirbt Vox. Ach ja. Ich kann das nicht sehen. Erstens muss ich mich immer fragen, ob bei der Dame die Knochen rasseln, wenn man sie schüttelt? Und zweitens muss ich mich fragen: Rasseln ihre Knochen auch, wenn Harrison Ford sie schüttelt (oder was immer er mit ihr macht)? Indiana Jones und Ally McBeal - darüber komme ich nicht hinweg (ich habe Harrison Ford hauptsächlich als Indiana Jones abgespeichert; ich fand das sehr typgerecht). "Schatz, möchtest du ein paar gebratene Froschaugen zum Frühstück?" - und sie antwortet darauf mit ihrem Standardrepertoire: Augen aufreißen, Oberlippe vorschieben, Pulloverärmel über die Handgelenke ziehen.
Dienstag, 15. Oktober
(Hamburg) Arme, vernachlässigte Dramolette.
Donnerstag, 10. Oktober
(Nürnberg) In Nürnberg gibt es erstaunlich viele Ford Escords. Ein Grund, dieser Stadt mit Skepsis zu begegnen (dabei kann man hier so gut essen, und es gibt hessische Schuhverkäufer, die englische Schuhe verkaufen). Die Ford Escords bekämpft man am besten mit einem Golf-Text.
Donnerstag, 3. Oktober
(Hamburg) Happy Birthday, Dramolette. Habe heute morgen aus irgendwelchen Gründen an den Film "Truman Show" gedacht. Der Macher der Show, Christof, schwebt als Halbgott über dem Ganzen und hat Baskenmütze und runde Intellektuellenbrille auf - ein Europäer! Da haben wir's. Und der Europäer darf natürlich der Verlierer sein, denn Christof geht seines Geschöpfs verlustig, am Ende. Amerika verteidigt seine Werte, vor allem gegen baskenmützentragende Allmachtsfanatiker aus der Alten Welt, harrharr.
Ach, papperlapapp. Das Leben boxt wieder mal hier, vor dem Fenster, auf dem Osterbekkanal. Die Wasserpolizei fährt vorbei, wie jeden Tag, bremst aber heute plötzlich und fängt an, eine tote Ente zu bergen, die vor unserem Haus dümpelt. Grosses Hallo bei den Anwohnern am Alten Teichweg, wilde Verbrüderungsszenen mit der Ordnungsmacht ("Prost, Alder!"). Wilde Bootsmanöver des Polizeibootes, mehrere Ansätze zum Ramming unseres Kanus, aber dann doch... alles ist gut, die Ente geborgen, und ich wieder am Schreibtisch, seufz.
Mittwoch, 2. Oktober
(Hamburg) Morgen, liebe Freunde, morgen werden die Dramolette ein Jahr alt! Celebra-hate! Glückwünsche, Grußadressen, warme Worte an die gespannte Autorin.
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