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Mittwoch, 25. September
(Hamburg) Des nouvelles africaines, 2: Das ist zwar ein älteres Dramolett, passt aber. Freund G. stellt seinen Wagen vor unserem Haus ab, ein bisschen quer und krumm und nur halb in die Parklücke rein. Kommt ein Afrikaner, begutachtet das Ergebnis und sagt: "Das ist doch nicht NORMAL!"

Hihi.

Ich kann übrigens Colin Dexter als Krimiautor nur bedingt empfehlen. Das ist doch alles nichts gegen die unrealistischen und inspirierten Texte des Janwillem van der Wetering (der übrigens auf Fotos aussieht wie ein Mobile-Home-Besitzer aus dem Mittleren Westen).

Dienstag, 24. September
(Hamburg) Des nouvelles africaines: Am Montag traf E. glückliche Afrikaner in der U-Bahn. Sie sind fröhlich und rufen ein ums andere Mal: "Mehrheit ist Mehrheit!" Zuspruch für Rot-Grün von ganz unerwarteter Ecke.

Montag, 23. September
(Hamburg) Uff, Glueck gehabt, Herr Schroeder. Und jetzt beweisen Sie uns bitte, dass Sie mehr sind als ein geringeres Übel.

Samstag, 21. September
(Hamburg) Habe Janwillem van der Wetering als Krimiautor entdeckt. Unrealistisch, inspiriert, lesenswert.

Freitag, 20. September
(Hamburg) Die vom Alkohol gezeichneten mittelalten Herren und Damen sind es häufig, die besonders auf ihre Kleidung achten, wenn sie im Supermarkt einkaufen gehen. Jackett, Fliege, geputzte Schuhe, Kostümchen, sorgsam gestriegeltes, toupiertes und gegeltes Haar. Legen Brot, Korn, Tomaten und Eiscreme in den Einkaufswagen und zücken das Portemonnaie, als ginge es darum, Hummer und Schampus zu bezahlen, die man sich nur einmal im Jahr gönnt, und deswegen ist Ruhe und Ehrfurcht angesagt.

Donnerstag, 19. September
(Hamburg) Bei der Universität Bremen läuft das jetzt in Sachen Juniorprofessur so: Man schreibt eine Professur aus, und zwar entweder als C4-Professur auf Lebenszeit, oder als Juniorprofessur. Man entscheide dann "je nach Bewerbungslage".

Kommt, kommt, ihr Knechte der Wissenschaft, bewerbt euch mit euren 25 Jahren Forschungserfahrung, euren 50 Papieren, euren drei Blagen, die ihr zu versorgen habt (und den 5000 Stunden, die ihr schwitzend über eurer Habilitationsschrift zugebracht habt). Vielleicht nehmen wir euch. Vielleicht nehmen wir aber auch lieber den 30-jährigen Juniorprofessor. Junge Leute sind irgendwie spaßiger, habens nicht so leicht im Kreuz und geben heutzutage auch nicht mehr so viele Widerworte.

Und sie sind viel, viel billiger.

Sonntag, 15. September
(Hamburg) Die Nase aus dem Fenster gesteckt: Es ist Herbst! Die Luft hat diese leichte Schärfe, die einen die Winterkälte erahnen lässt. Die erste Weihnachtsassoziation bohrt sich in mein Hirn. Zack, so schnell geht das - vor drei Tagen noch abends um 10 nach Hause geradelt ohne Jacke, und nun denk ich dran, dass ich bald einen neuen Wollpullover brauche.

Freitag, 13. September
(Hamburg) Welche völkerrechtliche Rechtfertigung besteht eigentlich für den Angriff der USA auf den Irak?

Ach Entschuldigung, ich vergaß: Die USA brauchen ja keine völkerrechtliche Sanktionierung, sie SIND ja das Völkerrecht. "Wir sind das Völkervolk", sozusagen.

Übrigens ist im UN-Sicherheitsrat kein einziges islamisches Land vertreten.

Donnerstag, 12. September
(Hamburg) Ich stelle fest: Die Züge der Deutschen Bahn sind immer verspätet (da ich viel reise, erlaube ich mir hier jetzt mal diese Generalisierung). Das hat den Vorteil, dass auch alle Anschlusszüge verspätet sind; also alles in Butter! Und die Zugchefs werden am Mikrophon immer kregler und jovialer, geben die Fußballergebnisse durch ("der HSV verliert ZUHAUSE...") und schäkern mit den "werten Fahrgästen", bitte nicht unruhig werden im Bahnhof, die Türen gehen nicht gleich auf, denn wir werden noch an einen anderen Zug angekuppelt. KLADONK!

Mittwoch, 11. September
(Hamburg) "Der 11. September hat die Welt verändert." Ist das wahr? Ich finde, es ist anders - die Welt hat deutlicher gezeigt, was in ihr steckt. Als hätte jemand die Schummerbeleuchtung durch Scheinwerfer ersetzt, die jeden Schatten, jede Runzel deutlich machen. Seit dem 11. September sollte zum Beispiel klar sein, dass es NICHT egal ist, ob man Bush oder Gore wählt - es ist NICHT wie "Pepsi oder Cola", also egal, wie manche amerikanischen Freunde meinten. Leute wie Bush repräsentieren eine ganz bestimmte politische Umgangsform, und die zeigt sich bei solchen Attacken dann ganz deutlich.

Es ist zum Beispiel seit dem 11. September auch klar, dass das Thema Anti-Amerikanismus noch lange nicht zu den Akten gelegt werden kann; Europa hat seine Schwierigkeiten mit Amerika, und wir sind noch lange nicht so weit, sich alles in Wohlgefallen auflösen zu lassen ("naja, die Amis sind schon ein bisschen komisch und so, aber eigentlich ist es wurscht"), nein, es ist nicht wurscht (allerdings sollte man nicht in den platten Anti-Amerikanismus früherer Zeiten zurückfallen).

Es gibt riesige Unterschiede zwischen Europa und Amerika. Und im Moment wird die Absurdität der Annahme, dass am amerikanischen Wesen die Welt genesen soll, besonders deutlich. Manchmal denke ich, viele Deutsche haben (mühsam, aber doch) aus der Nazi-Zeit gelernt, viele Amerikaner (die Bush-Wähler?) aber nicht. Vielleicht schließe ich da zu sehr von mir auf andere, aber Leute, die meinen, ihre Auffassung sei auch die richtige für alle anderen - solche Leute sind doch hier eher Witzfiguren (oder Berater bei McKinsey).

"Angriff auf die Freiheit", titelt die B.Z. Das ist beste Frontstadt-Journalismus, mit der Mauer im Rücken, sozusagen, wird die Gleichung USA=Freiheit aufgemacht.

Ja, sie haben ihre Rosinenbomber geschickt. Ja, sie haben gegen Hitler gekämpft. Aber darf ich vorsichtig erwähnen, dass die Amerikaner ihre Alliierten damals wenigstens noch als solche behandelt haben? Heute macht Herr Bush alles alleine, ohne dieses verweichlichte Europäer-Pack, das nicht mal ein Pferd reiten kann. Herrn Bush interessiert, wie er vor seinem Wahlvolk dasteht, und dabei interessiert ihn überhaupt nicht, ob seine Außenpolitik vernünftig, nachhaltig oder sonstwas ist. Er verlangt von Europa "United we stand!", so, wie er es von Journalisten und sonstigen Nörglern im eigenen Land auch verlangt (und damit "antiamerkanische Umtriebe" ahndet, wir dürfen ihn demnächst McCarthy nennen). Das ist doch eine gefährliche Geisteshaltung, undemokratisch. Aber das kapiert er nicht. Das ist Amerika nämlich auch: Mit dem Maul "Demokratie" brüllen und mit dem Hintern die Demokratie plattwalzen. Phänomenal.

Montag, 9. September
(Hamburg) Moskitonetz! Eine großartige Erfindung. Ich liege drunter und denke: Vade retro, Beelzebub! (Beelzebub, der Mückenteufel).

Herbert Wehner war übrigens in Sachen Schimpfwörtern genauso kreativ wie Kapitän Haddock. "Frühstücksverleumder", z.B., herrliches Wort (dessen Bedeutung merkwürdig im Unklaren bleibt, aber allein die beiden F-Laute darin taugen gut zum Bundestagspöbeln, und Haddocks großartige Schimpfwörter ("Du Ornithologe!") erschließen sich dem Intellekt ja auch nicht ohne weiteres, allein die Wirkung zählt).

Samstag, 7. September
(Hamburg) Jörg Haider macht es ganz geschickt: Seine Form des Populismus heißt einfach nur "Gegen Die Da Oben". Da macht es auch nichts, wenn Die Da Oben die eigene Partei ist. Frau Riess-Passer muss das jetzt ausbaden, dass sie Die Da Oben ist, und das Parteivolk findet's wahrscheinlich besonders sexy, dass der Jörgl auch vor den eigenen Leuten nicht halt macht (Regel Nr. 1 im Handbuch des Populismus: Im Namen der "Wahrheit" die eigenen Leute entmachten, bedeutet dem Volk: Da meint es einer wirklich ernst (und derjenige kann sich ungestraft seiner Freunde entledigen, wenn sie ihm zu mächtig werden).

Herr Haider beruft sich bei der ganzen Aktion übrigens auf die Demokratie. Ein "wahrhaft demokratischer Staat" müsse so funktionieren. Na habe die Ehre.

Freitag, 6. September
(Hamburg) Gestern abend wieder meditativ 37 Mücken erschlagen und dabei darüber nachgedacht, dass Ronald Barnabas Schill angeblich eine "Walther" unterm Jackett trägt. Ausgerechnet eine "Walther" (könnte es nicht eine "Peacemaker" sein? Der Name passt besser zu Ronald Barnabas Schill, der ja auch ständig das Gute will (glaubt er jedenfalls, in seinem aberraten Hirn) und nur das Böse schafft). "Walther" ließ seine Waffen ja im KZ Neuengamme produzieren; das passt ganz gut zu der Tatsache, dass die Freie und Hansestadt Hamburg noch heute ein Gefängnis auf dem KZ-Gelände betreibt.

Donnerstag, 5. September
(Hamburg) Es ist ekelerregend, in den Lokalzeitungen Berichte über Bürgerschaftssitzungen zu lesen. Was diese Schill-Partei von sich gibt, ist einfach nur populistisches Gegeifer. Argumente? Vernunft? Pah, wozu? Haudraufundschluss ist die Devise. Es ist wirklich ekelhaft. Vox populi, vox Rindvieh! (Dieser Spruch stammt von meinem Geschichtslehrer, und der war ein SPD-Mann - um hier gleich mal dem Vorwurf des Elitismus entgegenzuwirken.)

Mittwoch, 4. September
(Hamburg) Wieso Dramolette? Es gibt doch Dramen. Gestern kurz zum Bäcker gehüpft und dann ohne Schlüssel vor der Haustür gestanden. Ohne Mobilphon, ohne Schlüssel, ohne Geld. So schnell geschehen die Dramen des Alltags. Kurze Rekapitualtion: Für unsere Wohnung gibt es insgesamt fünf Schlüssel. Die befinden sich mit dem jeweiligen Besitzer derzeit: in Schweden/auf einer dänischen Insel/in Berlin/auf meinem Schreibtisch/irgendwo. Tja. Ich gehe in die nette Apotheke nebenan und rufe den Schlüsseldienst. 73 Euro. Dramen des Alltags.

Dienstag, 3. September
(Hamburg) Habe eine Mail an Ole von Beust geschrieben, er soll sich endlich dieses Schills entledigen (Hamburg soll nicht Schillda werden). Er hat nicht zurückgeschrieben. Pah. Nicht, dass ich von Beust in irgendeiner Weise für einen herausragenden Politiker halte, aber er ist nunmal der Einzige, der Herrn Schill entlassen könnte, und so kommt es, dass ich eine Email an Herrn von Beust schreibe. Das hatten wir auch noch nicht.

Montag, 2. September
(Hamburg) Ich bin (1) offenbar von lokalen legasthenischen Anfällen gebeutelt - derrrrrrrrrr Korrrrrrrrrrrpus - und (2) von Mücken zerstochen. (3) Die Wirtschaft ist in der Krise. (4) Ich schicke eine Bewerbungsmappe los, ohne das Foto eingeklebt zu haben. (5) Mein Vater kauft sich eine randlose Brille. Sie ist wunderschön, und er sieht sehr elegant aus damit. Aber warum... warum... gerade jetzt vor der Bundestagswahl, wo doch Stoiber auch so ein Ding trägt? Nicht, dass ich von meinem Vater verlangen würde, das halbintellektuelle Brillenmodell Gerhard Schröders zu tragen... Schröder hat eine amerikanische Brille; amerikanische Brillen gehen immer über die Augenbrauen des Trägers hinaus und verleihen ihm ein dämliches Aussehen. Das würde ich von meinem Vater nie verlangen. Aber trotzdem... (6) Das Leben ist Mist, und ich bleib im Bett.

Sonntag, 1. September
(Hamburg) Ein Tag in meinem Leben: 6 Uhr. Ein Mücke weckt mich zzzzzzzzzzzzzzzzz, und zahlt mit ihrem Leben. Aber jetzt bin ich wach (und entsprechend gelaunt). Ich lese Owen Meany, schlafe wieder ein, zzzzzzzzzz, Klatsch und Tod. Ich stehe auf. Gehe ins Bad. Eine Kolonie von 48 Mücken erwartet mich. Woher ich diese Zahl weiß? Ich habe sie alle getötet. Mückentöten ist ein meditatives Geschäft, und beim Zählen hat man das erste (und manchmal ja auch einzige) Erfolgserlebnis des Tages. Nicht schlecht. Ich gehe in die Küche. Zwei Mücken, auch gut. Ich lasse sie in Ruhe. Ein fällt kurz darauf in meinen Kaffee. Dreck reinigt den Magen. Ach was. Der Tag ist wunderschön, wunderschönes Wetter, seit Wochen, man kann jederzeit aufs Fahrrad steigen und wohin fahren, ohne vom Regen geduscht oder von der Kälte gebeutelt zu werden, es ist einfach fantastische, diese warme frische Luft. Wieder zu Hause. Habe drei Fenster offengelassen. Gehe ins Bad. Eine Kolonie von ca. 200 Mücken erwartet mich. Ich lasse sie in Ruhe; ihr kollektives, bedrohliches zzzzzzzzzzzz macht mir Angst. Gehe ins Schlafzimmer. Da sitzen sie, lauern, wippen mit den Hinterbeinen, Kanaillen, die Spinnen kommen mit der Arbeit nicht mehr nach. Ich packe mir ein Handtuch und erledige 25. Handtuch: Gute Technik, hinterlässt keinen Dreck an der Wand. Ich schlafe. zzzzzzzzzzz. Nix zu machen. Licht an, Handtuch raus. Licht aus. zzzzzzzzz. Nichts zu machen. Owen Meany bis um halb sechs. Dann kommen die Morgenmücken und führen ihren hysterischen Tanz auf.


 

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(c) Annette Leßmöllmann