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Dienstag, 22. April
(wieder in Hamburg) Heute morgen hatte ich das Vergnügen, meinen Kaffee im Bahnhofsrestaurant von Altenbeken einzunehmen. Nur mal hier so nebenbei bemerkt: Leute, fahrt nach Altenbeken, steigt dort aus und nehmt euren Kaffee im Bahnhofsrestaurant ein! Das ist ein Erlebnis. Hier empfängt euch ein echter 60er-Jahre-Speisesaal mit strengen, trotzdem oben zu zwei Spitzen geschwungenen, saubequemen 60er-Jahre-Stühlen, einem Tresen mit Gebäck, Postkarten (allein die Postkarten - dieser verwaschene Stil, auch alles aus den 60ern, mit dem großen Altenbekener Viadukt drauf usf.), also Postkarten, vielen Broschüren darüber, wo man hier welche Wandertour machen kann, und einer Profibedienung, die nicht nur schnell ist, sondern den Laden eindeutig voll im Griff hat und bestimmt auch in zwei Sekunden heiße Bockwurst hervorzaubern würd e (schließlich ist es ja ein Bahnhofsrestaurant und es muss schnell gehen, wobei die wahre Schnelligkeit eben darin besteht, die Leute nicht in einem stinkenden Restaurant Schlange stehen zu lassen, wie es McDonalds tut. Das ist übrigens der Unterschied zwischen "schnell" und "fast". So.) Also, kann ich alles sehr empfehlen, und der Kaffee war auch gut und wurde mit einem Stück Makrone serviert. Köstlich. Selbstverständlich war der Laden um 7 schon offen. Klar.

Ich vergaß zu berichten, dass Paris selbstverständlich eine der erstaunlichsten Städte des Universums ist. Fluctuat nec mergitur. Höhöhö. Ich habe mir auf dem Flohmarkt von Clignancourt das Küchenlexikon von Alexandre Dumas gekauft und werde jetzt die nächsten Wochen damit beschäftigt sein, mich über die französische Küche von 1850 zu informieren. Eines weiß ich schon: Man aß Schwan. Cygne. Soll gut sein. Anders als der Gesang, Schwanengesang soll scheußlich sein. Sagt Dumas. Aber junger Schwan, der ist lecker, als Paté (wo ist hier dieser blöde accent circonflexe?). Nun, draußen schwimmt grad einer vorbei. Ob ich....? Aber so ein Alsterschwan ist bestimmt zäh. Ich lese lieber weiter Dumas.

Im Hotel war übrigens ein handgeschriebenes Anti-Kriegs-Gedicht von Rimbaud aufgehängt. Wir spekulieren, dass hier die Alten Europäer zugeschlagen haben, und versäumen es, den Grund dieser Aktion zu eruieren - vermutlich wollten wir einfach nicht enttäuscht werden, denn ich glaube nicht, dass so ein Hotel es für nötig befindet, seine Gäste mit politischer Propaganda zu unterhalten. Oder doch? Vielleicht hat der Hotelier Schwan gegessen und ihm war danach nach Schwanengesang, also hat er....?

Ich sollte jetzt lieber wieder arbeiten.

Montag, 21. April
(in einem Reisebus von Paris nach Bad Lipp-"where the heck is that?"-springe): Meine Damen und Herren, sehen Sie rechts aus dem Fenster, ein wunderschöner Blick auf Sacré Coeur! (Einige Stunden später) Meine Damen und Herren, sehen Sie geradaus, ein wunderschöner Blick auf den Kölner Dom... und da! (aufgeregt), da rechts auf dem Parkplatz, der neue Mercedes Kombi! Da, ganz neu, da steht er! (Stimme kippt)

Freitag, 11. April
(Hamburg) Ich mag diesen Text. Ein Trosttext. Ein Schreiber tröstet einen anderen. Ich mag es, wenn ein Schreiber einen anderen tröstet. Schriftlich. Dann kann ich nämlich ein paar Jahre später diesen Text lesen und auch getröstet sein.

Donnerstag, 10. April
(Hamburg) OK, Bagdad ist eingenommen. Es ist nur noch eine Frage von Tagen, dass die Amis als die Befreier überall gefeiert werden. Wetten? Ich meine wirklich überall, auch in Berlin, oder sagen wir nicht "gefeiert", aber - "naja, so im Nachhinein gesehen, wir wollten den Krieg nicht, aber was dabei rausgekommen ist, ist doch ganz gut,... oder?"

Mittwoch, 9. April
(Hamburg) Nachtrag zum Wochenende: Thomas Roth aus dem Hauptstadtstudio der ARD interviewt den Außenminister. Joschka sitzt auf seinem Stühlchen, leicht eingesunken, müde und wie immer die Last seines Amtes deutlich auf den Schultern tragend, aber natürlich voll da. Thomas Roth fragt: Wie erkläre der Minister den Kindern den Krieg? Wie fühle er sich, als politisch denkender Mensch, nicht als Außenminister, wenn er an den Krieg denkt? Fragen dieser Art. Der Außenminister antwortet offen und freundlich (die Augen fallen ihm halb zu, aber dann reißt er sie plötzlich wieder auf, fixiert seinen Gesprächspartner und redet deutliche Worte) dass er gegen Krieg ist und dass ihm das alles zu schaffen macht, aber dass jetzt natürlich verschiedene Entscheidungen getroffen werden müssen etc.

Nun, was heißt das. Er ist gegen den Krieg. Joschka ist ein Mensch, und Joschka denkt wie wir. Ist das eine gute Nachricht, wenn der Außenminister denkt wie wir? Ist es nicht so, dass Politiker in verklausulierten Rätseln zu sprechen haben (die ganz und gar nicht unserem Denken entsprechen) - insbesondere Außenminister, denn immerhin sind sie Diplomaten, und sie sollten diplomatisch sein und nicht das sagen, was sie denken? Ist nicht Diplomatie, oder Politik allgemein, das Gegenteil von Offenheit, von hey-das-ist-einer-von-uns? Ist also der Außenminister unprofessionell - sollten wir uns Sorgen machen?

Tja. Ich habe keine Antwort. Ich weiß nicht genau, ob es ein gutes Zeichen ist, dass wir einen Außenminister haben, mit dem man sofort auf ein Bier gehen würde und sich mit ihm über die Dinge unterhalten kann, die einen bewegen. Auf der einen Seite ist das gut, weil man dann das Gefühl hat: Da sitzt ein denkender Mensch und kein Polit-Zombie, der nur irgendwelche Eigen-PR-Knöpfe drückt und blöde Formeln von sich gibt. Auf der anderen Seite... nun, hoffen wir, dass Joschka seinen Job gut macht. Das mit dem plötzlich-die-Schweinsäuglein-aufreißen ist jedenfalls schon mal sehr gelungen, das hält den Gegner gut in Schach. Vielleicht hat Joschka ja auch den Thomas Roth einfach nur gut in Schach gehalten.

Freitag, 4. April
(Hamburg) Finde in einem Haufen auf meinem Schreibtisch eine Diskette, da steht alles Mögliche drauf: Diss Juli 2001, und MAC --> Dose, und Career 9.11. Keine Ahnung, was das alles soll (natürlich ist sie auch nicht lesbar, ach, mein lieber Mac, Meckmeckmeck, willst du das Diskettchen mal wieder nicht lesen? Bussi bussi, macht nix, (arrrgl)). Jedenfalls überlege ich mir gerade: Was ist, wenn irgendein Terrorfahnder auf die Idee kommt, mein Büro zu durchwühlen, und dort eine Diskette findet, auf der steht: Career 9.11.? Tja. So fangen doch richtig schlechte Actionfilme an, oder. Journalistin, aus dem Schlaf hochgeschreckt. Terrorfahnder, wedelt mit völlig verstaubter Diskette vor ihrer Nase herum. Hatschi, neinneinnein, das ist ganz und gar nicht, wie Sie denken...

Donnerstag, 3. April
(Hamburg) Bilder, die im Fernsehen nicht zu sehen sind; Meinungen, die dort nicht zu hören sind: www.aljazeerah.info

Das War-Blog der netzeitung: www.netzeitung.de

Medien berichten über Medien, Medien berichten über Medien im Krieg: www.jonet.org

Mittwoch, 2. April
(Hamburg) Eine Streitschrift für das Urheberrecht von Wissenschaftlern und Verlagen (schön gemacht), man kann sich Protestbanner runterladen und Protestmails verschicken (wen man will): www.52a.de

Dienstag, 1. April
(Hamburg) liebe gemeinde, hier ein paar dramolette, gefunden unter dem fernsehsofa. uralt also. aber ejal.

in alten filmen: die gute ibm-kugelkopf-schreibmaschine. bauchig feist sitzt sie auf dem schreibtisch, und ich habe sofort das geräusch im ohr, wenn diese maschine einen buchstaben aufs papier setzte: ein metallisches polyphones dezidiertes schrrasselschack, ein satter sound. ein alles-ist-gut-sound. (es gab sie auch in rot, rotweinrot).

am abend des kriegsbeginns bringt vox "dave", die geschichte mit dem präsdienten-double. das double hat einen viel größeren... aber egal. ich finde es lustig, dass vox am ersten kriegstag diesen schwachsinnigen film bringt, mit einem schwachsinnigen präsidenten, der sich von einem schwachsinnigen doubeln lässt, der sich nur durch die größe seines.... aber egal.

ich habe den film nicht gekuckt. ich kucke harald schmidt. harald schmidt macht eine seiner besten sendungen. zeigt, wie george w. vor einer wichtigen fernsehansprache ohne es zu wissen auf sendung ist und die maskenbildnerin ihn an seinem texanischen drahthaupthaar rumsprayt. wie peinlich (vor allem, wenn man dann noch schielt wie ein iltis, aber egal).

naja, undsoweiter, harald schmidt hat einen laptop auf dem schreibtisch und kriegt immer wieder "hochaktuelle meldungen" rein, tipptipptipp, neue bilder, aber nein, immer die gleichen bilder, mit neuem text. dann bilder mit nachtsichtkamera. dann: gesichtsexperte vergleicht harald-schmidt-gesichter, ist das nun der richtige oder ist das vielleicht eines seiner vielen double? das ist alles sehr gelungen. aber egal.

Dienstag, 1. April
(Hamburg) Gestern auf NDR, Talk vor Mitternacht. Wir können es auch eigentlich "Gruppenbild mit Dame" nennen, denn es ist immer eine Dame dabei, genau eine, und sie hat fast immer schöne Beine: Diesmal ist es eine amerikanische Journalistin, und sie kann sehr gut reden und hat Autorität und sagt: Nun, dass George W. jeden Tag betet, ist nur für europäische Ohren ungewöhnlich; in Amerika würde niemand Präsident, der nicht jeden Tag betet.

Das mag sein, ja. Und sie hat recht, wenn sie in den Chor der Bildungsbürger, die sich wohlfeil über die bescheuerten Amis moquieren, mal eine Bresche schlägt. Aber: Beten hin oder her, solange es ein Privatvergnügen ist, ist das ja auch ok. Aber sobald diese Beterei und alles, was dazu gehört - Sendungsbewusstsein, Auserwähltseins-Gefühl, schwärmerische Wir-Rhetorik etc. - ins Politische überschwappt (ich sagte es gestern schon) - dann ist das eben nicht mehr ok. Und das hat dann nichts mehr mit kultureller Intoleranz zu tun, wenn man das kritisch beäugt. So.

Und wo ist mein heutiger Aprilscherz? Ich arbeite noch dran.


 

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(c) Annette Leßmöllmann