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Montag, 24. Februar
(Hamburg) Gerade, wenn man sich überlegt, dass man dieses 160-Quadratmeter-Gelumpe am Osterbekkanal eigentlich überhaupt nicht braucht, und dass man eigentlich auch bescheiden in zwei Zimmern in der schimmeligen Schanze wohnen könnte - gerade dann landen drei Kormorane und drehen einem eine lange Nase: Ätsch, meine Liebe, uns gibt es in der schimmeligen Schanze nicht. Und wenn man dann gerade so am Überlegen ist, wie Kormoran gebraten schmeckt, dann landen noch zwei Gänsesäger und drehen einem eine lange Nase und sagen: Ätsch, andere Leute latschen meilenweit in irgend welchen Naturschutzgebieten herum, um uns zu sehen. Tjaja. Luxus ist schon eine Belastung.
Freitag, 21. Februar
(Hamburg) Neulich auf dem Osterbekkanal: KRCHRCHRCHRCHRumpl! Was ist passiert? Ein Ruderboot mit fünf verdutzten Ruderern ist voll ins Eis gesemmelt. Da ist ja Eis, sagt der Oberruderer, unverkennbar Hamburger. Alle fünf haben neckische Pudelmützen auf und sicher eine brave Ehefrau zu Hause, die sie ihnen strickt. Es handelt sich um einen dieser Hamburger Ruderclubs, in dem Frauen nicht zugelassen sind. Ich lehne mich genüsslich aus dem Fenster und sehe ihnen breit grinsend bei ihren Bemühungen zu, wieder aus dem Eis zu kommen. Kann es mir nicht verkneifen, zu fragen: Braucht ihr Hilfe? (Es gibt so eine bestimmte prononcierte Art, "Hilfe" zu sagen, die diese Frage zum Affront macht, hach, bin ich gemein, aber Rache ist süß).
Nein, nein, sagen sie (es gibt so eine bestimmte prononcierte Art, Hilfe abzulehnen, die dem Hilfeanbieter eindeutig zu verstehen gibt, wie unwürdig er ist). Ich wusste, dass die Hamburger Ruderer meine Hilfe ablehnen (wir haben auch schon schlotternde Jungmannen aus dem Kanal gefischt, die auch sehr lange die Hilfe ablehnten und sie erst annahmen, als sie vor Zähneklappern keine Gegenrede mehr führen konnten so sind die Hamburger). Nun, diese Herren brauchen keine Hilfe, kratzen mit ihren Skulls unelegant auf dem Eis herum, um das Boot da raus zu kriegen, "und jetzt wenden wir über S-teuerbord", sagt der S-teuermann, und weg sind sie. Der Hamburger: Selbst im Debakel noch ganz der Kapitän (das mag ich an den Hamburgern. Die welsche Lust am Jammern ist ihnen völlig fremd, da wird über S-teuerbord gewendet, und gut).
Gestern abend auf dem Osterbekkanal: KRCHRCHRCHRCHRumpl! Rumpl, rumpl, RUMPL RUMPL!!! Was ist passiert? Ein Alsterausflugsdampfer ist voll ins Eis gesemmelt. Die Fahrgäste sind begeistert und prosten mir mit ihren Sektgläsern zu (hey, Leute, habt ihr denn nie "Titanic" gesehen? ICH hol euch da nicht raus). Ich bin so überrascht, dass ich nicht mal breit grinsen kann. Die livrierten Kellner und Köche machen lange Hälse, das Gesicht des Kapitäns kann ich nicht sehn, aber ich vermute mal das war nicht so geplant. Er signalisiert dem Maschinenraum "Volle Kraft voraus" und zieht das Ding durch: Spielt Eisbrecher und pflügt die 200 Meter bis zum Wendeplatz, macht dabei einen Höllenlärm Eis ist laut, Leute, wenn es bricht! Die Gäste sind begeistert, das Boot nicht. Wendet mit Mühe, das arme Teil, bleibt immer wieder stehen, um zu verschnaufen. Armes Boot. Blöder Kapitän. Blöde Aktion. Jetzt ist das Eis kaputt. Worauf sollen denn die Enten kämpfen?
Freitag, 14. Februar
(Hamburg) Mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination sehe ich Peter Scholl-Latour zu, wie er auf 3Sat offenbar mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination über die islamische Welt berichtet. Ich klebe in meinem Sessel und starre: Was für eine Art Journalismus ist das denn jetzt? Auf alle Fälle außergewöhnlich, und der Bildungsgrad des Reporters ist beeindruckend, könnensichdieDamenundHerrenmalneScheibeabschneiden, er sagt "Guerilla" statt "Guerillakrieg", weil "Guerrillakrieg" ja doppelt gemoppelt wäre; in "Guerilla" steckt "Guerra" (also Krieg) ja schon drin, usf., ok, das kriegt man nicht so häufig, tolle Sache.
Und auch sonst lernen wir viel, sehen Bilder, die wir noch nie gesehen haben: Soldaten in Usbekistan paradieren nicht, sondern führen eine Art Musical auf mit Hoch-das-Bein und Wirbel-die-Kalaschnikoff-ums-Handgelenk. In den Bergregionen von Kaschmir kämpfen Inder gegen Pakistani, und die Krieger sehen aus wie aus einem Bogner-Film entsprungen: Edle weiß-gelbe-Kleidung, schicke Sonnenbrillen. Sie sehen aus, als wollten sie gleich in eleganten Schwüngen den Himalaya runterwedeln. Aber nein, plötzlich fallen sie in eine Art Hipp-hipp-hurra-Geschrei: Sie feuern sich an, sie sind Krieger, sie wollen töten. Es ist gruselig.
Und dazwischen immer Scholl-Latour, der mit den charakteristischen Klicklauten und stimmlichen Dissonanzen seine Kassandra-Sicht auf die Welt präsentiert. Aber eben auch nicht nur Kassandra. Da ist noch was anderes dabei. Was ficht ihn an, im Parforce-Ritt durch die Welt zu jagen, Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan, ach, und da ist übrigens auch noch Indien, Leute, denkt ja nicht, dass da alles friedlich wäre! Große Militärparade, indische Krieger in Aktion, 49 Tote bei einem Angriff auf eine Moschee, Massenunruhen, Steinewerfer, auch hier "brodelt" es, und die hinduistische Religion habe längst ähnlich fundamentalistische Züge wie der Islam, Ghandi hat eh nur eine Versöhnung der Kasten "vorgespiegelt", hab acht, Westen, auch hier dräut der religiöse Massenwahn.
Latour liebt Menschen in Knäueln, zu seiner Beschreibung der "verwirrenden Götterwelt" der Hindus zeigt er, wie sich die nackten Massen in den Ganges schmeißen. Jedes neue Land wird ich karikiere jetzt mal ein bisschen in seinem Bericht so vorgestellt: Erst ein schönes Bauwerk, dann eine Militärparade, dann ein durchgeknallter Führer, dann eine religöse Massenszene, dann eine gewalttätige Massenszene. Zack, nächstes Land, und auch da, oh Schreck, findet die liebe Seele keine Ruhı!
Außerdem zeigt Latour gerne schöne Frauen. Lässt die Kamera an Kanonenrohren entlang schmeicheln, die in der gleißenden Bergsonne noch rauchen vom letzten Schuss. Was ist das für ein Blick, den der Herr da auf die Welt wirft? Der Blick des gebildeten Grandseigneurs, sicher, der Blick des Ästheten, der von ganz weit oben auf die Menschheit blickt. Auch seine Kamera sieht immer von oben auf die Massenszenen so, wie ein Herrscher auf seine Untertanen blickt: Nero schaut auf sein Volk, verdrückt eine Träne und zündet es an.
Es ist der Blick des Staatsmannes, der auf seinem Schachbrett die Figuren hin und her schiebt. Nicht, dass er leichtfertig tötet, neinnein er hat ja viel gelesen über die conditio humana, er ist ja kein Unmensch, und auch die Kamera kommt Tod und Elend nie zu nahe. Aber es ist etwas sehr Kaltes in diesem Bericht gewesen. Nichts ist so kalt wie der Staat, sagt Peter Scholl-Latour. Ich frage mich, ob er weiß, wie kalt er rüberkommt.
Zu der Opiumproduktion in Afghanistan: Jetzt habe auch Russland die Droge entdeckt und das Gift "verseucht die slawischen Völker". Bitte sehr was ist das für lingua terterii imperii?! Kann das bitte mal jemand redigieren? Aber das ist halt der Fluch der alten Männer keiner traut sich mehr, ihnen was rauszustreichen (man sollte nie so berühmt werden, dass keiner mehr was rausstreicht. Wahrscheinlich hat Simenon deswegen irgendwann einfach aufgehört, zu schreiben).
Donnerstag, 13. Februar
(Hamburg) Neulich im Fernsehen (ja, ja, ich sehe zu viel fern! Aber auch Peter Rühmkorf sieht zu viel fern und macht aus dem Laster eine Tugend (schließlich muss man ja wissen, was in der Popkultur so vor sich geht, schließlich beeinflusst sie die Synapsenbildungen in den Hirnen unserer Mitmenschen, und man sollte sich schon in den Hirnen seiner Mitmenschen auskennen gell?) Ich mache zu viele Klammern, also: Ihr könnt ruhig Laster haben, liebe Leute ihr müsst nur einen berühmten Menschen zitieren können, der das gleiche Laster hat! Klammer zu !!)
Also, neulich im Fernsehen.
Mist, jetzt habe ich vergessen, was ich erzählen wollte.
Der Weg zur Weisheit führt durch den Exzess! (William Blake)
Das sagte ich schon an anderer Stelle. Manchmal muss man sich auch mal wiederholen. Das ist übrigens ein Laster, dem Thomas Bernhard mit Leidenschaft frönte. So.
Mittwoch, 12. Februar
(Hamburg) Neulich auf dem Osterbekkanal: Auf einem Stück Eis raufen sich die Enten. Stecken die Köpfe zusammen und spielen Elch: Zu dritt, die Schädel gegeneinander, versuchen sie sich köpflings vom Eis zu schieben. Es gelingt: Der Erpel landet im Wasser, der andere hüpft hinterher und jagt ihn, und die Entendame bleibt auf dem Eis und schnattert hinterher (es sieht aus, als würde sie die beiden verbellen). SosinddieFrauen, harrharr. Zwei Typen gewassert und selbst auf dem Trockenen geblieben. Da muss man auch mal hinterher schnattern. Wa!
Dienstag, 11. Februar
(Hamburg) Das Schlimmste, was ein Kriminalhauptkommissar seinem Untergebenen in einem amerikanischen Spielfilm androhen kann: "Wenn du diesen Befehl nicht ausführst, dann wirst du in Zukunft den Verkehr regeln im ZAIRE!" (Was sagt uns das? Oh, nichts, NICHTS!)
Montag, 10. Februar
(Nürnberg) Auf einem Zettel an einem Fenster in einem Bürohaus in Nürnberg (das Bürohaus ist komplett verglast, man kann also, wenn man vorbeilatscht, reinkucken, blöd schauen oder den Büroangestellten zuwinken):
"Reinkucken: 5 Euro, Blöd schauen: 10 Euro, Winken: 20 Euro".
Auf einem Zettel im Klo eines Jugendclubs unter einer Autobahnbrücke in Erlangen: "Wer hier klaut, hat NICHTS verstanden".
Bitte fragt mich jetzt nicht, was ich im Klo eines Jugendclubs unter einer Autobahnbrücke in Erlangen mache, aber bitte sehr dieser Spruch war es wert.
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