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Mittwoch, 29. Januar
(Hamburg) Gestern war wieder der Abend der knochigen Damen von der Ostküste: Erst "Sex
and the City", dann Ally McBeal, dann auch noch eine Wiederholung von Ally
McBeal, und danach konnte ich nicht schlafen. Ich habe mich zwar etwas mit
Ally McBeal versöhnt (nicht, dass die Serie auch nur im entferntesten GUT
oder LUSTIG wäre, aber mich stört zumindest ihre Knochigkeit nicht mehr,
denn ihre Designerfummel sehen an ihre wirklich sehr lecker aus (ich steh
nämlich auf Kostümchen. Ist so eine Leidenschaft von mir. Ich bin zwar
Hippie, aber ich stehe trotzdem auf Kostümchen). Klammer zu. Jedenfalls -
sowohl bei Sex in the City als auch bei Ally kam gestern Chanel zu Schaden,
zuerst in Form einer Chanel-Handtasche, die samt Trägerin in einem Ententeich
landet, dann in Form von Allys Kostümchen, auf dem plötzlich widerliche
weiße Kotze von ihrer Tochter prangte. Und, wie uncool, beide Male wird "o
MEIN GOTT, das war von CHANEL!" gequiekt - wie oberuncool, wie spießig, wie
ausgesprochen petit bourgeois ist das, bitte?! Da sagt man doch souverän:
"James, I will take Port with the fish, und übrigens, bringe Er mir bitte
ein neues Kleid." Das war es, warum ich nicht schlafen konnte: Diese
knochigen Ostküstendamen haben einfach keinen Stil (abgesehen davon, dass
Miss Sophie sich eher auf dem Löwenfell gewälzt
als ein Chanel-Kostümchen getragen hätte, aber das steht auf einem anderen
Blatt).
PS: OK, OK, es ist ein TIGERFEELL. Als ich es schrieb, dachte ich ja an EISBÄR und hab mich dann doch für Löwe entschieden, weil -- was soll so eine alte Engländerin mit einem Eisbär? Löwen haben doch was viel Kolonialeres. Aber es hätte mir schon auffallen können, dass das Ding Streifen hat, nicht wahr... man sieht halt nicht mehr so gut, wenn man schon redwine-whitewine-port in der Birne hat (in dieser Reihenfolge).
Freitag, 24. Januar
(Hamburg) OK, Mr. Rumsfeld: I am proud to be an old European! (Es ist wirklich unglaublich, was man sich von diesen ehemaligen Kolonien so alles bieten lassen muss.)
Donnerstag, 23. Januar
(Hamburg) Mr. Powell says: Äußert euch zum Irakkrieg erst, wenn die Inspektoren ihre Arbeit getan haben!
Sehr weise gesprochen, Mr. Powell. Nur sollten Sie das nicht dem Mr. Shroeder sagen, sondern dem Mr. Bush. Der rasselt hier doch die ganze Zeit mit den Säbeln, anstatt mal abzuwarten! Wir würden doch gar nicht erst von einem Irakkrieg sprechen, Mann! (Wobei Mr. Shroeder, zugegebenermaßen, dann ein griffiges Wahlkampfthema weniger hätte... und vielleicht hätte er derzeit dann gar keins, was auch ein bisschen peinlich ist).
Mittwoch, 22. Januar
(Hamburg) Das Wall Street Journal beklagt sich bitterlich über Mr. Schroeder und Mr. Fisher, weil sie nicht an der Seite der USA stehen wollen im Krieg gegen die Unfreiheit. Dabei hätten die USA doch immer an der Seite Deutschlands gestanden, im Kampf gegen die Unfreiheit, vulgo: Die Russen.
Schon recht. Aber ich sage euch: (1) Schreibt erst mal die Namen richtig, bevor ihr euch beschwert. Wir haben uns ja auch an Condoleezza gewöhnt. (2) Überzeugt uns doch mal davon, dass der Krieg gegen den Irak wirklich ein Krieg gegen den Terror ist (das sehen wir nämlich nicht so ohne weiteres. Wir wollen wenigstens Argumente hören statt dieses ewigen good and evil). Überzeugt uns dann davon, dass Krieg überhaupt die richtige Antwort auf Terror ist (das sehen wir auch nicht). (3) Und dann gebt uns ein paar gute Argumente, warum wir bei einem amerikanischen Präventivkrieg nibelungentreu werden sollen (unsere Verfassung hat nämlich was gegen Präventivkriege - ja, die Verfassung, die ihr damals so toll verteidigt habt, gegen die Russen, genau die!) Es ist übrigens eine demokratische Verfassung. Könnte also sein, dass wir unterschiedliche Auffassungen von Demokratie haben. Ich empfehle die Lektüre der "Dokumentation" in der FR vom 21. Januar, God's own country, von Peter Steinacker, Kirchenpräsident der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Er zeichnet sehr gut nach, wie eine bestimmte religiöse Denkweise den Menschen im Namen des Guten den Pfad des Guten verlassen lässt. Und wir stark diese Denkweise in Amerika ist. Ach so, Sie können kein Deutsch? Too bad.
Mittwoch, 22. Januar
(Hamburg) Ok, ihr wollt Dramolette? Hier habt ihr sie.
(1) Ich gehe zu Budnikowski, knalle den ganzen verdammten Einkaufskorb voll mit Zeuch, um dann an der Kasse festzustellen, dass ich mein Portemonnaie nicht dabei habe. The FIRST crisis of this day.
(2) Ich will meine Homepage mit Hilfe von www.2ftp.de überarbeiten (die Standardvariante, sie mit einem hübschen kleinen HTML-Editor zu bearbeiten und dann ins Netz zu stellen, funktioniert nicht mehr, weil der Editor sich nach dem letzten Systemabsturz nicht mehr installieren lässt). Also, 2ftp.de. Leider funktioniert diese sonst so grandiose Webschnittstelle auf dem Mac ÜBERHAUPT nicht, man kann weder ausschneiden, entfernen, verschieben, noch sonst was, darauf antwortet 2ftp.de eiskalt mit Absturz (natürlich erst, wenn man ungefähr eine Seite geschrieben hat; zwischenspeichern geht ja nicht): The SECOND crisis of this day.
(3) Ich will mir ein pdf-file ansehen (oh, welch ausgefallener Wunsch). Stelle fest, dass mein Mac keine pdf-files lesen kann. Keinen Bock, das jetzt zu installieren, denn immer, wenn ich was auf dem Mac installiere, geht daraufhin irgend etwas anderes nicht... Ich gehe an den PC, schaue mir das pdf dort an (geil, so ein pdf), will dann einen kurzen Text in Word verfassen, aber ach.. der PC hat ja seit dem letzten Systemabsturz keine Officeprogramme mehr. Ach ja. The first MAJOR crisis of this day (erste Gedanken, wieder ins Bett zurückzukehren, bohren sich durch mein krankes Hirn). Mein Leben besteht aus Systemabstürzen und der Pendelei zwischen Mac und PC. Wer hat mir das eingebrockt?! Freiwillige vor!!! Oh, ich selbst. Wie unangenehm.
Ich bringe den Tag in relativer Sinnlosigkeit hinter mich, kranke Gedanken daran, dass dieser ganze Mist doch vielleicht... irgendeinen ...verborgenen... Hintersinn... ?!? Nein, es gibt keinen Sinn, es gibt nur die Nanny, aber die ist ja auch nicht lustig (hab ich das je behauptet? HABE ICH DAS JE BEHAUPTET? Nein, zum Henker, habe ich nicht),
also, ich sehe die Nachrichten. MAJOR MAJOR CRISIS! George W. Bush sagt... ach was soll ich ihm die Ehre antun, diesen Mist auch noch widerzugeben.
Dieser Mittwoch wird als Tag der absoluten Sinnlosigkeit in meine Dramolettgeschichte eingehen. Habe ich schon von der Ölspur draußen auf dem Kanal erzählt? Feuerwehrleute, die darauf herumschippern, glotzen, palavern, unverrichteter Dinge wieder abziehen? Habe ich davon erzählt, dass ich seit zehn Monaten auf den DSL-Anschluss von Hansenet warte? Habe ich davon erzählt, dass niemand diesen Krieg will, aber dass aus dieser kollektiven Ablehnung nichts, GAR NICHTS folgt? Vielleicht sollte ich an den Bücherschrank gehen und L'etranger lesen. Vielleicht ist die Zeit aber auch vorbei, in der einen Bücher trösten konnten.
Das Problem ist: Es fehlt an Orgien. Wo sind die Orgien? Auf dem Schuh meiner Mitschülerin stand: Der Weg zur Weisheit führt durch den Exzess (William Blake). Es stand dort auch: Frialty, thy name is woman, hähähääääääää.
Freitag, 17. Januar
(Hamburg) Es taut. Die schöne weiße Schneedecke auf dem Osterbekkanal ist weg, und auf dem restlichen Eis kommen die Hinterlassenschaften der Silvesternacht zum Vorschein: Bierflaschen und Böllerfetzen. Die Kälte der letzten zwei Wochen hatte ein bisschen Vergangenheit konserviert. Zwei Raben kicken sich Sektkorken zu (können Raben kicken? Klar, und spielen auch). Ein Tag, um zum Friseur zu gehen und dann – seufz - eine stumpfsinnige Soap anzuschauen.
Sonntag, 12. Januar
(Hamburg) Regel Nummer eins: Schau dir nie deine Lieblingssoap zusammen mit deinem Freund an. Erstens wird er im Laufe dieser Sendung zu dem Schluss kommen, dass du nicht ganz dicht bist, und das ist einem entspannten Beziehungsleben nicht zuträglich. Zweitens fängst du im Laufe dieser Sendung an, darüber zu grübeln, ob du vielleicht nicht ganz dicht bist. Normalerweise gehst du mit dieser Art Sorge zu deinem Freund, der dann sofort im Brustton der Überzeugung sagt: Nein, natürlich bist du nicht nicht ganz dicht!, und du glaubst ihm, und alles ist gut. Das geht nun nicht mehr. Wenn er es jetzt sagt, dann weißt du, dass er selbst nicht glaubt, was er sagt, und das ist einem entspannten Beziehungsleben nicht zuträglich, denn dann wirst du ihm Unehrlichkeit vorwerfen, und es gibt nichts Schlimmeres, als seinem Freund Unehrlichkeit vorzuwerfen ("Ab wann hast du angefangen, zu lügen? Ist unsere Freundschaft vielleicht auch eine Lüge? Du Schwein!" – so jedenfalls würde der Dialog in meiner Lieblingssoap stattfinden.) Wenn der Freund aber bei der Wahrheit bleibt und dir sagt, dass du nicht ganz dicht bist... nun, ich muss das wohl nicht ausführen.
Also, sieh dir deine Lieblingssoap an, aber alleine. Nichts ist schlimmer als dieses verkrampfte Wesen neben einem, das verzweifelt versucht, wenigstens EINmal während der ganzen Sendung zu lachen, und nichts ist schlimmer, als sich dabei zu ertappen, dass man Witze erklärt, die keine sind... ok, die Nanny ist ein Ausbund an jüdischem Unterschichtenhumor, Miles ist RASend komisch und Mister Sheffield ist sexy, bitte sehr, aber behalte das für dich!
Spätestens, wenn dein Freund dir sagt: „Nun, weißt du... meinst du, es war eine gute Idee, Mister Sheffield die Synchronstimme von Alf zu geben....?“, ist alles aus. Mister Sheffield! Die Stimme von Alf! Du willst es nicht glauben, aber es ist wahr, jetzt hörst du es auch, und Mister Sheffield ist plötzlich nur noch ein alberner Popanz mit blöder Frisur (mein Gott, und diese Hose – hochgezogen bis unter die Achseln, – er sieht aus, als habe seine Mutter ihn ausstaffiert). Was für ein Albtraum.
(hihi)
Sonntag, 5. Januar
(Hamburg) Am Donnerstag im Zug von Berlin nach Hamburg: Der Zug ist ein tschechischer, weswegen ich mich in den Speisewagen begebe. Ich freue mich auf Pivo (ist gleich Bier) in Halbliterflaschen, auf Kaffee in Halbliternäpfen mit Milch ohne Ende, auf köstliche Gulaschsuppen in Eimern – eine wohltuende Abwechslung von den abgezirkelten Mitropa-Portionen, und übrigens – der Kaffee schmeckt! - alles serviert von einem k.u.k.-Kellner mit fleckigem Smoking, total betrunken, der indigniert die Krümel von meinem plastikbedeckten Tisch wischt (bitttä särrr, die Damä!) und so aussieht, als sei das Schloss seines Vaters leider, leider in die Hände der Kommunisten gefallen und nun müsse er eben hier... aber bittä sähr!
Das ist kein Vorurteil, liebe Leser, das ist wirklich so. ECs Richtung Budapest zum Beispiel, die waren mit solchen Speisewagen ausgestattet und tatsächlich, auch jetzt, in dem Zug nach Hamburg, die tschechische Variante: Der Wagenhimmel ein gelungenes Imitat einen k.u.k.-Kaffeehauses mit umlaufendem Sims und Prunkbeleuchtung, senkt sich der Blick, schlägt dann der reale Sozialismus zu: Vorhänge in lila, orange und beige, in der Mitte zum Zudrücken mit Klettverschluss, in dem die Fussel der Jahrhunderte hängen, die Tischdecke aus Plastik, der Kellner so betrunken, dass er wie eine Ballerina kurz vorm Theatertod von einem Tisch zum nächsten ... schwebt (bittä särrrr!). Er landet mit gekonntem Schwung eine geöffnete (!) Speisekarte vor mir, „Trrrinkänn??“ Äh, ja, ein Mineral bitte (ich wähle die österreichische Variante und lasse das „-wasser“ weg, um mich einzuschmeicheln, aber es nützt mir, glaube ich, nichts), und weg ist er, wechselt hinten in der Küche tschechische Worte mit seinem Kompagnon, im Ton despektierlich, ich kann nur vermuten, dass er sich über sein verlorenes Schloss auslässt, aber vielleicht ätzt er auch nur über diese alkoholabstinenten Westfrauen, apropos: Wieso habe ich kein Bier bestellt?
Ich wähle also ein Essen. Es gibt kein Gulasch, das ist ausgesprochen bedauerlich, aber es ist ja auch kein ungarischer Speisewagen. Ich wähle Nudeln, der Kellner tanzt herbei, bittä särrr, Nudeln aus! Alle Nudeln, auch die Penne, auch die Spaghetti? Alles aus, sagt er stolz (man, erinnert mich das an die DDR, diese Mischung aus Wut und Scham befällt mich, Scham vor meinen West-Ansprüchen, immer und überall alles zu Essen zu kriegen, was man will – wo gibt es das schon? In der DDR schon mal nicht; und Wut über diese augenscheinliche Freude daran, mir eine Bitte abzuschlagen – eine Bitte, die mir qua geöffneter (!) Speisekarte ja quasi in den Mund gelegt wurde... aber egal).
Was gibt es denn überhaupt? Das und das, spricht der Mann, und lässt seinen Zeigefinger auf die entsprechenden Stellen fallen. Steak. Putenbrust. Bäh, will ich nicht, königlich sage ich: Dann esse ich eben nichts (und trinke nur ein Mineral, ach Gott, was für eine düstere Aussicht auf die nahe Zukunft), er nickt, nimmt mir die Speisekarte weg und geht ein paar Schritte Richtung Küche, über die Schulter wispert er mir aber zu: „Schinken mit Ei, oder Salat?“ Ja, gut, nehme ich.
Ich finde es gut, dass dieser Kellner sich das Recht vorbehält, erst alles für „aus“ zu erklären und dann, über die Schulter hinweg, noch was in petto zu haben. Er ist doch kein Sklave der Speisekarte, bitte särrrr! Er ist und bleibt ein Schlossbesitzer. Daran merkt man es.
Ich bin glücklich und bestelle ein Bier (kommt in einer Halbliterflasche) und dann noch einen Kaffee (kommt in einer Jumbotasse im Halbliterformat). Ansonsten sind an diesem Tag alle verrückt, aber davon später.
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