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Montag, 23. Juni
(Hamburg) Der Sturm kündigt sich seit Stunden an und will nicht losbrechen. Die Gänse brüllen, das Teichhuhn schreit. Die Tiere sausen verstört über den Osterbekkanal, als ginge gleich die Welt unter. Geht sie? Das Boot zerrt an seinen süßen kleinen Festmacherchen, als wären wir hier am Meer. Sind wir? Es gluckst so merkwürdig an der Hauswand, als täte der Blanke Hans gleich einsteigen. Tut er? Soeben beschließt eine Rotte Gänse, mein Fenster anzuschreien. Es ist schon ein bisschen beängstigend, und ich verstehe, warum man diese Tiere auch als Wachhunde einsetzen kann.
Sie bewachen mich. Das ist es. Ein Flens, und dann in Bette.
Mittwoch, 18. Juni
(Hamburg) Nochmal zum Thema Taxi. da ich ja kein Auto habe, leiste ich mir ab und an eine Taxifahrt, finde das eine grossartige Sache (keine laufenden Kosten, keine Parkplatzsuche, keine komischen Geräusche aus dem Motorraum, siehe Dramolett vom 10. Dezember 2001, und wenn doch Geräusche, dann gehen sie mich nix an). Ich finde Taxifahren gigantisch, luxuriös, damenhaft, es gibt meinem sonst so kargen Leben (hoho) einen Hauch von Glamour.
Allein: Es gibt zuviel männliche Taxifahrer. Denn, wenn ich hier mal kund und zu wissen geben darf: Die meisten Männer können nicht Auto fahren! Das ist meine Meinung. Nein, meine feste Überzeugung. Durch das Taxifahren bekomme ich einen guten Einblick in die Durchschnittsfahrkenntnisse des deutschen Mannes, sicher nicht wissenschaftlich validiert, okok, aber - Leute, es ist eine Schande. Da wird auf die Bremse gestiegen, dass mein Frühstücksbrötchen kurzzeitig wieder das Licht der Welt erblicken möchte. Da wird iaiaiaiaiaiaaaa auf schnurgerader Straße mit dem Gas gespielt, anstatt die Geschwindigkeit einfach zu halten. Da wird der Karren gelenkt, als führe man Seifenkiste - von Kurvengefühl nie was gehört, die Herren. Da wird aufs Gas getreten und dann wieder gebremst, völlig sinnfrei, anstatt angepasst die Geschwindigkeit zu erhöhen. Übrigens: Der talentierte Fahrer (=die talentierte Fahrerin :-)) braucht fast gar nicht zu bremsen, auch eine Automatikschaltung hat eine Motorbremse! Aber nein, unsere Experten von der Gelben Gruft steigen in die Eisen, dass die Schwarte kracht. Deswegen fahren alle Taxler Daimler: Weil das das einzige Auto ist, das diese Maltraitierung übersteht. Ein Ford wäre doch schon längst... (siehe Dramolett vom 10. Dezember 2001).
Apropos Ford. In Hannover muss ich leider ein Taxi nehmen, weil die Bahn Verspätung hat (übrigens, nach meiner Magdeburg-Nürnberg-dreiStundenVerspätung-Erfahrung schloss sich noch ein Berlin-Hamburg-Elend mit einer halben Stunde Verspätung und ein Hamburg-Hannover-Elend mit einer halben Stunde Verspätung an, gratuliere, Herr Mehdorn! Das alles in einer Woche, chapeau ab, wie der Hesse sagt). Also, in Hannover Taxi, ich steige in so eine Art Wohnmobil ein, der Fahrer fragt mich, ob ich den Ort kenne, wo ich hin will (er weiß es nicht - es ist ein großer Hannoveraner Verlag, aber er weiß es nicht - zur Hölle mit ihnen allen), und fährt los, und das Auto macht KOMISCHE GERÄUSCHE! Siehe Dramolett vom 14. November 2001. Dieses verdammte Geräusch, ich kenne es. Clutch. Kupplung. Ich kucke auf das Lenkrad, und, na, welches Logo prangt da, stolz, ein völlig unberechtigter Stolz,
denn dieser Manufakteur hat den Titel "Autobauer" nicht verdient, höchstens "Autovermurkser", "Auto-zur-Hölle-Schicker"?
Ja, es ist ein Ford. Der Fahrer sagt entschuldigend: Ist ein altes Auto, Kupplung kaputt, müsste man ausbauen, ist kompliziert, das Ausbauen bei Ford, neenee, lohnt sich nicht. (Das Auto ist, übrigens, höchstens zehn Jahre alt, also, ich sag ja - die Taxler tun gut daran, Daimler zu fahren).
Dienstag, 17. Juni
(Hamburg) Neulich auf der Schlei: Wir fahren mit dem Segelbötchen in den Heimathafen ein, sonnentrunken (es war dieses glühend heiße Himmelfahrtswochenende, und man musste zur Abkühlung partout ins Meer springen), und im Heimathafen liegen, wie immer, schöne Boote, und auf einem dieser Boote lassen sich zwei ältere Herren einen Sherry munden, wir kriegen auf der Stelle Stilaugen und eine trockene Zunge und werfen begehrliche Blicke, aber des Nachbarn Sherry sollst du nicht begehren, und wir haben ja auch unseren Stolz, also tuckern wir ganz unberührt vorbei und rufen den Herren ein lockeres "Schönes Schiff!" über die Schultern zu. Die Herren sind erfreut, prosten uns zu, und dann merkt man, dass es in ihren
sonnenerhitzten, sherrydurchfluteten Hirnen zu arbeiten beginnt - was, verdammt noch mal, antworten wir jetzt? Denn wir sind Hamburger (zumindest steht das auf dem Hintern des schönen Schiffs), und Hamburger sind wohlerzogen, auch über offensichtliche Bootsklassenschranken hinweg, denn während die Herren auf dem Altmännertraum einer X-Yacht weilen, na, mindestens 45 Fuß, so stehen wir gerade auf dem, was man als die Familienkutsche unter den Schiffen bezeichnen würde, zuverlässig, geräumig, stabil und lahmarschig bis zum Steinerweichen (die Idee von dem Multivan, der nicht nur für die Familie ein Traum ist, sondern der auch noch der sportlich gerne um die Kurve heizenden Frau Mama einen Kick zu bereiten vermag, war bei den Bootsbauern damals noch nicht ganz angekommen). Nun, aber die Hamburger sind Hamburger, und was sagen sie zu unserer heißgeliebten "Flause": "Schöner Name", sagen sie. Ja, das ist Hamburg. Und dem Hamburger ist die Ironie fremd. Sach ich jetzt einfach mal so. Höhö.
Mehr Dramolette? Auf meiner Fahrt von Magdeburg nach Nürnberg lande ich, da die Anschlüsse nicht klappen, irgendwann tief in der Nacht in Hanau (!) und dort in einem (übrigens sehr verspäteten) Nachtzug nach Prag, der (so versichert man mir) auf dem Weg und nach vielen Stunden dann auch irgend wann mal in Nürnberg halten soll. Dem Zug fehlt ein Waggon, was für die Insassen (im Verhältnis: zwei Reisende für einen Sitz- oder Liegeplatz, schätze ich mal) eine nicht unbeträchtliche Unbequemlichkeit bedeutet, heißt: Ich komme beim Einsteigen genau zwei Schritte weit und muss dann stehen, zwei und eine halbe Stunde lang an irgendwelche Angetrunkenen und/oder Entnervten gekuschelt, irgend wann opfere ich den "Stern" und lege ihn in die Urinlache zu meinen Füßen, damit ich ein wenig sitzen kann. Der Schaffner hat einen irren Blick und sollte lieber nicht angesprochen werden, er hat mir den randalierenden Schweizern einen Waggon weiter genug zu tun ("die sind alle besoffen, und der Lehrer auch").
Seine Maßnahme: Er schließt den Zugang zum Waggon ab. Wütendes Schlagen und Treten gegen die Türen ist die Folge, wilde Schreie, dazwischen Quieken von Frauen. In unserem Waggon wandern zwei Betrunkene auf und ab (was eine Leistung ist: "Wandern" heißt "Beiseitestoßen und auf herumliegende Extremitäten treten"), der eine sagt immer dann, wann er auf eine besonders lustige Situation trifft (und diese Zugfahrt, fast drei Stunden lang, ist voller lustiger Situationen, das kann ich euch versichern, liebe Freunde und Befürworter des ausführlichen Dramoletts), also der eine sagt dann immer: "Mein Name ist Winkelmann, und ich fahre hier Zug", und das, liebe, verehrte Freunde des ausführlichen Dramoletts, ist wirklich witzig. Der Schaffner entfleucht, die Bahnpolizei kommt, rüttelt an den verschlossenen Durchgangstüren, zieht einen Dietrich "moa ey, n Dietrich, so arbeiten die Bullen hier, meine Name ist Winkelmann, ich fahre hier Zug", aber die Türen sind verschlossen, die Bullen grinsen, ein weiterer
Mitreisender, der seine "Frankfurter Rundschau" inzwischen auch als Urinabhalter benutzt, erzählt, dass ihn einer der Schweizer mit Fäusten angegriffen hat, als er sich dort hinsetzen wollte; der Bahnpolizist grinst und sagt, ja, ich liebe meinen Beruf, da ist immer was los ("mein Name ist Winkelmann, ich fahre hier Zug!")
Ankunft 2 Uhr 30 in Nürnberg. Bekomme am Infopoint einen Taxigutschein (wow!). In Nürnberg stehen die Taxen so, dass man erstmal an 15 Wagen vorbeilatschen muss (mit seiner schweren Tasche), bevor man zum ersten gelangt. Meine Stimmung ist auf den Nullpunkt. Die Taxifahrerin sieht mich kommen, liest gemütlich weiter Zeitung (ich sage nur: schwere Tasche!) Ich mache die Tür auf, wuchte die Tasche auf den Sitz. "Na sagen Sie mal, so hier reinschmeißen muss man die Tasche aber auch nicht, gell, wo wollen wir denn hin?" Mordgedanken. Die Dame fährt mich zum Bestimmungsort (immerhin), "wo soll ich halten?" (wieso fragt sie mich das? Wieso fragen mich Taxifahrer so eine Scheiße? Ständig treffe ich auf Taxifahrer, die mich die einfachsten Sachen fragen, vor allem Sachen, die eigentlich ihr Job wären, zum Beispiel: Kennen Sie den Weg dorthin?) Ich sage also, sie möge jetzt bitte hier halten, sie sagt: "Das ist gefährlich an dieser Stelle, aber ausnahmsweise mal" (es handelt sich um ein Wohngebiet ohne
Durchgangsverkehr, aber egal). Ich reiche meinen Gutschein rüber, sie sagt: "Nur für das nächste Mal: Sagen Sie vorher, dass sie so einen Gutscheinhaben, den nimmt nämlich nicht jeder".
Es ist morgens um halb drei und ich glaube, die Dame kann ihrem Herrn und Schöpfer danken, dass ich keine Handgranate dabei habe. Werde mich bei der Nürnberger Taxiinnung beschweren. Nein, werde ich natürlich nicht tun, weil ich was Besseres zu tun habe. Ich könnte mich zum Beispiel bei der Bahn beschweren. Aber ich habe was Besseres zu tun. Ich schreibe ein Dramolett. So.
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