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Montag, 31. März
(Hamburg) Das US-amerikanische Repräsentantenhaus hat mit überwältigender Mehrheit beschlossen, Präsident Bush zu empfehlen, dem US-amerikanischen Volk zu empfehlen, dass es einen Bet-Tag einlegt. Weil die Jungs doch im Krieg sind undundund kann ja nicht schaden, mal die höheren Spiritualinstanzen einzubeziehen. Gell.
Wenn mir noch mal irgendeiner erzählen will, in den USA sei die Trennung zwischen Staat und Kirche vollständig vollzogen - vollständiger zum Beispiel als in Germany, wo ja, wie man hört, der Staat die Kirchensteuer einzieht, tsk tsk, sieht man mal wieder, wie rückständig - ja, also, wenn mir das noch mal jemand erzählt, dann kotz ich in die nächstgelegene Vase. Was nützt eine institutionelle Trennung, wenn die Trennung in den Köpfen nicht vollzogen ist?
Ich frage mich, was passieren würde, wenn der Bundestag auf so eine schräge Idee käme. Wir würden ihn einfach für verrückt erklären. Wir würden uns jedenfalls sehr unwohl fühlen. Dieses Verhalten würde keine überwältigende Mehrheit finden. Man würde jemanden, der das vorschlägt, mal beiseite nehmen und ein paar Takte mit ihm reden. Oder ihn nach Wyoming schicken. Das ginge auch.
Mal was anderes: Meine derzeitigen Lieblingswebadressen, rein vom Namen her: www.pottasche.de. Was auch schön ist: www.weissblech.de.
Freitag, 28. März
(Hamburg) Wenn man bei google "leckt mich doch alle" eingibt, werden 316 Seiten gefunden.
Freitag, 28. März
(Hamburg) Ein schönes Spielzeug: www.theyrule.net. Man kann dort die Mächtigen Amerikas hin und herschieben. Und kucken, was sich hinter Old Girls Network verbirgt.
Ach ja, gestern wieder Kriech gekuckt, boa ey, moa ey, geil ey. Suuupa Bilda, ey. Voll scharf ey. Nee, unscharf. Aber egal.
Das Fernsehen ist kein Informationsmedium, sondern ein Eventmedium. Deswegen ist der Krieg im Fernsehen auch ein Event. Das hat mir Information nix zu tun. Da geht es nur um Gefühle. Deswegen sollte man sich auch nicht beschweren, dass man im Fernsehen keine Informationen über den Irak-Krieg bekommt, sondern lieber Radio hören.
Trotzdem ist es natürlich lobenswert, dass ein Fernsehmagazin - Panorama, gestern - sich die Bilder nochmal genau ankuckt und zeigt, wie man aus der gleichen Bildsequenz zwei völlig unterschiedliche Geschichten stricken kann.
Im Grunde ist es doch so: Man kuckt hin, merkt, dass man genauso hinkuckt, als wenn man einen Spielfilm sähe - oh Gott, jetzt merke ich erst, wieviele Hollywood-Spielfilme mit Kriegsbildern ich gesehen habe... streng genommen ist das alles Propaganda... weil es einen auf perverse Art darauf vorbereitet, diese Bilder in echt zu sehen... - also, man kuckt den Spielfilm "War in Iraq" und denkt, hey, das könnte alles erstunken und erlogen sein, wir würden es eh nicht wissen. Wir wissen gar nichts. Nichts! Glotze aus, Radio an. Genschman sagt: Wir brauchen die UNO als multilaterales Weltordnungsinstrument. Ja, richtig. Brauchen wir. Haben wir aber nicht. Wir haben Herrn Bush. HiTech, no brain. Auf die Bäume, ihr Affen. Er wird es schaffen, dass auch noch der letzte Araber ihn hasst. Was soll daraus werden? Demokratie?! Ha.
Ein jeder Araber hat sein eignes Dromedar - aber wozu? Zwei alte Tanten tanzen Tango mitten in der Nacht.
(in Zeiten der Resignation: Kreisler hör'n!)
Donnerstag, 27. März
(Hamburg) Immer wieder aktuell: Axis of Evil, Axis of Not So Evil and Axis of Somewhat Evil, nett aber auch: Axis of Countries That Aren't the Worst But Certainly Won't Be Asked to Host the Olympics. mehr... www.satirewire.com
Montag, 24. März
(Hamburg) "Caroline Link holt den Oskar nach Deutschland". (ZDF, heute. Man sollte ihnen mitteilen, dass es mehrere Oskars gibt.)
"Die Polizeipräsenz in Kairo ist groß. Das zeigt, wie groß die Nervosität hier beim Gipfeltreffen der arabischen Liga ist." (ZDF, heute. Man sollte ihnen sagen, dass eine solche Spekulation über den Gefühlszustand anderer Leute (welche Leute eigentlich genau?) in den Nachrichten nichts zu suchen hat. Ist denn überhaupt jeder, der einen Polizeieinsatz anordnet, nervös? Wenn sich die europäischen Oberhäupter treffen, dann gibt es doch auch einen Polizeieinsatz - wieso dürfen die Ägypter ihre Gäste nicht mit Polizei schützen? Diese ganze Suggeriererei in Zeiten des Krieges, das missfällt mir sehr).
"Der DAX im Minus." (ZDF, heute. Man sollte ihnen mitteilen, dass der DAX zwar gefallen, aber keinesfalls im Minus ist. Was übrigens eine Sensation gewesen wäre.)
"Es sind so viele Soldaten da draußen. Da denkt man doch nicht, dass es ausgerechnet einen Angehörigen trifft." (US-Talkshow, eine Verwandte eines amerikanischen Soldaten, der im Krieg verwundet wurde. Es handelt sich hier um eine bemerkenswerte Darlegung dessen, was Leute so alles unter "Denken" verstehen.)
"Shame on you, Mister Bush!" (Michael Moore bei der Oskar-Verleihung. Mir gefällt sein rotziger Tonfall.)
Donnerstag, 19. März
(Hamburg) Abends schlafen gegangen und es war kein Krieg, morgens aufgewacht und es ist Krieg. "Enthaupten" will Herr Bush. Das ist schon merkwürdig, da werden Kriege geführt direkt gegen den Anführer der Gegner. Früher gingen die Soldaten ins Feld und der Feldherr stand abseits auf dem Hügel und in gebührlicher Entfernung fochten die Soldaten die Sache aus und hielten ihren Kopf hin, als Substitut für den Feldherrn. Heute schmeißt man dem Feldherrn die Bomben auf sein Feldherrenzelt, wenn er schläft (es gibt sicher irgendwo in der Weltgeschichte einen Kriegstheoretiker, der das als unsoldatisch qualifizieren würde).
Sagen wir, der Angriff auf das Pentagon am 11.9.2001 war auch eine versuchte Enthauptung, der Angriff nicht auf den Präsidenten, aber doch immer hin auf sein Feldherrenzelt, aber das waren Terroristen, keine Krieg führende (Staats-)macht. Aber Herr Bush setzt Krieg und Terrorismus gleich, er beantwortet Terrorismus mit Krieg und führt in den Krieg Elemente ein, die auch terroristische Elemente sein könnten (die Grauzone zwischen kriegerischem Terrorimus und terroristischem Krieg ist groß). Jedenfalls: Er nimmt den Krieg persönlich, er hat sich von den Attentätern vom 11. September persönlich angegriffen gefühlt, und er hat gesagt: Amerikaner, jetzt seid ihr PERSÖNLICH nicht mehr sicher in eurem eigenen Land, sie können euch jederzeit PERSÖNLICH kaltmachen. Und er beantwortet diese in diesem Sinne persönlich empfundene Bedrohung damit, dass er Krieg nicht mehr gegen Substitute führt, sondern gleich gegen den Kopf der Gegner selbst. Persönlich. Da er kein Staatsmann ist, personalisiert er selbst den
Krieg (und seine Feldherren machen mit, denn diese Art Personalisierung lässt sie haufenweise Präzisionswaffen ausprobieren). Bush enthauptet jetzt seine Gegner, aber was sollte seine Gegner abhalten, ihn in Zukunft auch enthaupten zu wollen?
Ein Gedicht:
War ein mal ein Bumerang war ein Weniges zu lang Bumerang flog ein Stück aber kam nicht mehr zurück. Publikum -stundenlang - wartete auf Bumerang.
(von Ringelnatz)
Dienstag, 18. März
(Hamburg) Toll, Herr Bush. Großartig, Herr Bush. Phänomenal, Herr Bush. Ich bin begeistert, Herr Bush.
Tja Leute, was soll ich sagen? Mir fehlen die Worte. In dem Moment, als Herr Bush "gewählt" wurde, war klar, dass es Krieg gibt. Es war nur eine Frage der Zeit. Nicht wahr? Wir wussten es? Wir holten die schwarzen Gewänder aus den Schränken und hüllten uns darin ein und sagten uns, die schönen Zeiten von Aranjuez sind jetzt vorüber; jetzt kommt einem Clinton wie eine Heilsgestalt vor; wir hatten ja nun auch lange genug so ein Tauwettergefühl gehabt, wo nur so kleine Minikriege geführt wurden und nicht die Große Schlacht. Jetzt ist die Große Schlacht wieder da. Wenn die schöne Petra Gerster traurig sagt, 's ist Krieg, dann glaub ich ihr die Trauer. Aber ist es nicht auch nur Heuchelei? Zusammengenommen werden genug Kriege geführt, was scheren uns da die Amerikaner mit ihren Kriegen... man sehe einmal französisches Fernsehen, dann sieht man, was sonst noch so alles an Kriegen geführt wird im frankophonen Afrika... aber das sind auch alles keine Argumente. Argumente sind aus, heute.
Dienstag, 18. März
(Hamburg) Habe ich erzählt, dass ich am Wochenende ein arthritisches Chamäleon auf dem Arm hatte? Da wir uns jetzt wohl auf einen Krieg einstellen müssen, habe ich beschlossen, dieses Dramolett schon mal im Duktus der nächsten Wochen zu verfassen.
(Sprecher, sich an seinen Knopf im Ohr fassend): Ich höre gerade, die Leitung steht, unser Korrespondent vor Ort ist Detlev Krähwinkl, Detlev, was hast du aus Hannover zu berichten?
(Detlev Krähwinkl, in der Wüste von Hannover, neben ihm schlägt eine Granate ein, ein Kinderarm fliegt durch die Luft) Ja, aeh, danke, also, ich bin hier mitten im Ort des Geschehens und (bumm!) ja wie wir aus gutunterrichteten Kreisen erfahren, hatte Annette am Wochenende ein arthritisches Chamäleon auf dem Arm (bumm!) und äh (zupft sich an der schusssicheren Weste) Genaueres wissen nur unsere Kollegen auf der USS Schießmichtot, die da, wie Sie wissen, liebe Zuschauer, vom Pentagon gesponsert und mit bester amerikanischer Verpflegung Berichte verfassen, die ihnen das Pentagon in Arsch... (bumm!) äh also die ihnen das Pentagon, äh, nahe legt, und diese Scheißkerle sitzen sich da den Arsch platt auf dem Kriegsschiff vor der Küste Hannovers, wo sie natürlich nie beschossen werden, denn der König von Hannover hat ja gar keine Munition geschweige denn Massenvernichtungs (bumm!) waffen und die Mistkerle schauen den jungen Rekrutinnen auf die Titten anstatt sich hier die Granaten um die Ohren fliegen
zu lassen (bumm!) Scheiße! Also, neue Nachrichten habe ich auch nicht, lassen Sie sich das von den Kollegen von der USS Schießmichtot erzählen, die haben da eine MAZ vorbereitet, wir spielen die jetzt ab, MAZ ab! VERDAMMTNOCHMAL und jetzt zurück ins Studio.
Montag, 17. März
(Hamburg) Im Streiflicht der Süddeutschen von heute heißt es, dass die CeBit ja nun eine tolle Sache sei und viele tolle Firmen stellen viele tolle neue Produkte vor, aber "mehr wird nicht verraten, die Leute sollen endlich inserieren". Oha, genau, das ist es. Und wieder wendet sich die Zeitung in ungewohnter Weise an die, die sonst dezent im Hintergrund bleiben, die Inserenten (wobei auch ihre Produkte, die Inserate, derzeit dezent im Hintergrund bleiben, und das, genau, bringt die Redaktion dazu, Dinge beim Namen zu nennen, über die sonst der Mantel der Liebe gedeckt wird, nämlich die Finanzierung der Zeitung über Anzeigen, man spricht schon mal darüber, aber eher in der großen und ganzen Gesamtschau, nicht aber, wenn es die eigene Zeitung betrifft, und deswegen ist dieses "her mit den Inseraten, ihr Inserenten, sonst geht es uns an den Kragen!" schon eine Art Grenzüberschreitung, Tabubruch will ich es nicht nennen, das ist ein blödes Wort, ein Wort für Schreiber, die im nächsten Leben Nebelmaschinen werden und jetzt schon mal proben, und solche Worte gibt es auch im Streiflicht nicht, wie heute da zu lesen ist, nein, wir werden der Verflachung des Wortes und des Gedankens nicht Vorschub leisten, nicht hier, no pasarán!) Klammer zu.
Samstag, 15. März
(Hamburg) Die Süddeutsche bringt heute ein Streiflicht, das keines ist: Ein Textlein, viel kleiner als üblich, also einen großen weißen Rand lassend, der, wenn man den Text selbst gelesen hat, sich als Trauerrand erweist: Die Redaktion konstatiert, dass sie, da mit dem heutigen Tag der NRW-Teil der SZ eingestellt wird (20 Entlassungen) und dass, wenn weiter gespart wird, "irreparable Schäden fürs Blatt und den Journalismus insgesamt" zu erwarten sind, dass sie sich also außerstande sieht, hierorts den heutigen ein Streiflicht zu verfassen. Schönen guten Abend.
Schnitt. Zeitung-Lesen bedeutet für mich: Die Welt steht noch. Wenn ich morgens die Zeitung öffne, mit ihren Büchern, Rubriken, Ressorts, dann weiß ich: Alles ist, trotz allem, gut. Es gibt mir ein Gefühl für ein Grundgerüst, eine Struktur, eine Normalität. Wie die Tagesschau. Eine Atombombe fällt, doch die Tagesschau findet trotzdem statt. (Natürlich findet sie DESWEGEN statt, und nicht TROTZDEM, aber was ich hier meine, ist: Andere Leute gehen sonntags in die Kirche, ich lese Zeitung, und das hat den gleichen Effekt: Selbst wenn die furchtbarsten Dinge geschehen und in ebendieser Zeitung stehen - die Zeitung erscheint, in gewohnter Aufmachung, und das gibt mir Sicherheit.) So bin ich.
Deswegen bringen mich alleine Ankündigungen wie "Verehrter Leser, wegen Weihnachten erscheint die Zeitung einen Tag früher", oder "Lieber Abonnent, heute liegt Ihrer Zeitung die Broschüre der Firma x bei" völlig aus der Fassung: Die Normalität ist gestört, der gewohnte Aufriss in Unordnung gebracht, plötzlich wendet sich die Zeitung an mich, MICH, den Leser, oGott, ohGottohGott, Untergang des Abendlandes, wo kommen wir da hin, da ist ja der Schritt nicht weit zur völligen Auflösung, Verfall, womöglich Interaktivität, der Leser darf die Zeitung machen, ach Gott, nein...
Und deswegen ist das heutige Streiflicht ein Schock. Nicht nur, dass sich die Redaktion völlig außer der Reihe an mich, den Leser, wendet, auch noch im Streiflicht, nein, der Inhalt ist außerdem haarsträubend nah an der grausamen Realität, die mir - bringen wir die Sache auf den Punkt - doch in meinem dialektischen Verhältnis zur Zeitung ebendiese eigentlich vom Leib halten sollte! Und: Es geht um die Existenz ebendieser Zeitung, nicht um Weihnachten, nicht um Beilagen der Firma x. Weil, das steht im Streiflicht nicht, der Verlag die goldene Regel missachtet hat, die schon in der Bibel steht: In den fetten 7 Jahren sollst du vorsorgen für die mageren 7 Jahre, die ganz sicher kommen werden, so sicher wie das Amen in der Kirche. Hat die SZ wohl nicht gemacht. Auch die FAZ nicht. Auch die FR nicht, die jetzt bei dieser.... Gestalt Koch bittebitte machen muss und ihn um eine Landesbürgschaft angeht. Vielleicht sollte man doch wieder in die Kirche gehen?
Schnitt. Auf einer porzellanenen Wurstplatte aus der Mitgift meiner Mutter stand zu lesen: "Wenn dich die Frau um Geld anspricht, und sie bedarfs, so murre nicht". Ich fand das immer sehr amüsant. Ich glaube allerdings, dass meine Mutter in dialektischem Verhältnis zu dieser Wurstplatte stand.
Donnerstag, 13. März
(Hamburg) Es ist Frühling. Ich merk es daran, dass ich zittrig bin (von der letzten Erkältung), dass ich nicht mehr weiß, welcher dieser verflixten 110 Schlüssel an meinem Schlüsselbund fürs Fahrrad zuständig ist. Ich merke es daran, dass Babies, die mir im Lesecafé im Hamburger Stadtpark gegenüber sitzen, auf dem Schoß ihrer Mutter, zu schreien anfangen (weil ich so blass bin, vermutlich - sagen wir einfach, es liegt daran, dass ich so blass bin). Ich mache einen Witz, sage zu meiner Begleitung - hey, der Junge schaut mich an und fängt an zu schreien, das ist gemein! Sagt die Mutter sehr ernst zu mir: Ja! Da würde ich mir aber jetzt auch mal Gedanken machen!
Blöde Schnalle. Blöde Hamburger Schnalle. Mit blonden Strähnchen. Redet zwei Stunden darüber, dass sie sich jetzt endlich ein tolles Reihenhaus gekauft hat.
Aber es ist ja Frühling. Deswegen ärgere ich mich jetzt über gar nichts mehr. Ha. Ha! Sage zu meiner Begleitung, dass es jetzt Zeit ist, einen Kriminalroman zu schreiben. Sagt die Begleitung, ja, so wie van der Wetering, der hat auch SEHR SPÄT ERST angefangen zu schreiben.
Ha. Ha! Mach ich was falsch? Steht auf meiner Stirn geschrieben: Hier bitte drauftreten, es ist nur die olle Möllmann? Ha! Ha!!!
Sonntag, 9. März
(Hamburg) Boxen ist toll. Man setzt sich vor die Glotze,Bier links, Chips rechts. Auf dem Bildschirm: Kamera schwenkt über Box-Gäste, Boxer im Ring, da ist der, da ist der andere, Nationalhymne Südafrika, Nationalhymne Ukraine, und los geht es: Der eine Boxer haut dem anderen voll eine auf die Glocke, und das Spiel ist aus. Schluss, aus! Drei Minuten, und gut! Das reicht so grade für das Bier und die Chips, und schon ist das Thema Sportfernsehen abgefrühstückt und wir können wieder unser Buch rausnehmen/den Freund knutschen/Wäsche bügeln. Toll! Nicht wie beim Tennis, wo man stundenlang hockt, oder beim Fußball, oder sonstige Sportarten, die nur dazu da sind, mir die Zeit zu stehlen. Danke, Dr. Klitschko! (gemein,ich weiß).
Donnerstag, 6. März
(Berlin - Potsdam - Berlin) Wo ist mein Herz für den Osten? Mein Mitgefühl mit den Erniedrigten und Beleidigten? Meine Nachsicht gegebenüber denen, die nicht die gleichen Chancen haben? Meine Überzeugung, dass wir von ihnen lernen können? Hinweg, alles. Ich sehe nur noch blasse Mediokrität, Mangel an Benehmen, Geschmacklosigkeit. Das gefällt mir nicht. War ich vorher blind, oder bin ich es jetzt? Oder lebe ich zu lange in Hamburg?
Nun gut, hier ein Dramolett. Ich nähere mich dem Bahn-Informationsschalter in der Halle des Potsdamer Bahnhofs. Die Bahnangestellte befindet sich in angeregter Kovnersation mit einer Kundin, und aus der Art, wie die beiden die Köpfe zusammenstecken, ist zu schließen, dass sie befreundet sind. Ich lehne mich an den Tresen und blicke freundlich, bereit, den beiden einige Zeit zuzugestehen, um ihre Unterhaltung noch ein wenig fortzuführen, womöglich abzurunden, zu einer befriedigenden Conclusio zu gelangen (es gibt ja kaum etwas Schlimmeres, als im anregenden Gespräch unterbrochen zu werden). Das Thema ist übrigens "Höflichkeit", und die Bahnangestellte hält dazu gerade ein engagiertes Referat, These: Die (übrigens abwesende) Person X ist die Unhöflichkeit in Person. Die Freundin nickt bestätigend. So eine Unverschämtheit.
Plötzlich erstarrt das Gesicht der Bahnangestellten zu einer schauerlichen Maske (Marke "Mutti ist jetzt sehr böse mit dir!"), wendet sich mir zu und fragt, streng über ihre halbe Brille starrend: "Bitte!?"
Nun, ich bringe mein Anliegen vor, nicht ohne mich zu entschuldigen, dass ich hier so unverfroren störe. Ich bekomme den Bruchteil einer Auskunft, hingeworfen wie ein Stück verfaultes Fleisch, mit angeekeltem Blick - so, wie man dem Sklaven gammeliges Essen gibt und sich dann darüber mockiert, dass er sowas isst -, ich muss leider nachfragen, denn die Auskunft reicht nicht, und jetzt werden alle Register gezogen: Das Gesicht ein einziger Ausdruck des Abscheus vor soviel Dummheit und Unverstand, die Stimme ein Blaffen, und die Freundin hat auch ganz knapp den Kopf geschüttelt.
So viel zum Thema Höflichkeit. Ich gehe zur Bahnhofstoilette. Da weiß ich wenigstens vorher, dass es stinkt.
Danach, am Bus. Der Busfahrer öffnet alle Türen bis auf die Fahrertür. Ich klopfe da dran, auf dass er mir aufmache, denn ich brauche eine Fahrkarte, die ich bei ihm zu kaufen gedenke. Der Fahrer blickt erst starr geradeaus und ignoriert mich, dann dreht er sich zu mir und ruft durch die Scheibe hindurch: "Wir kaufen nix!"
Schluck. Aber dann grinst er - es war ein Witz. Ich rechne hier ja schon mit allem.
Gestern, in Dresden am Bahnhof, eine alte Frau teilt der Bahnhofsinformation mit, dass sie gerade die Zugfahrt mit einer Horde betrunkener Fussballfans durchstehen musste, dass sie nur geringes Verständnis dafür hat, dass diese Horde am Dresdner Bahnhof von Polizeigeleit empfangen und aus dem Bahnhof eskortiert wird, sie hätte es eigentlich ganz gut gefunden, wenn sie selbst Polizeischutz bekommen und die Horde dafür in Gewahrsam genommen worden wäre, und sie verstehe die Welt nicht mehr so ganz, und ob man da nicht vielleicht was tun könne? Die Dame am Schalter kuckt streng (wahrscheinlich lernen die das in Auskunftsdamen-Kuck-Seminaren) und sagt: Wissen Sie, solange Sie nicht BELÄSTIGT wurden, können wir da nichts machen! Die Dame ist einigermaßen erschüttert darüber, dass die Bahn unter Belästigung etwas anderes versteht als sie, sie habe nicht nur Nazisprüche gehört, sondern auch fieses Gegröle und Gerülpse und alles in allem eine gewalttätige Atmosphäre, und sie als Bahnkundin fände das nicht gut, dass die Bahn das offenbar normal findet. Allein: Es hilft nichts, die Schalterdame kramt in ihrem Repertoire mit der Aufschrift "dumme Bemerkungen" Folgendes hervor: Was wollen Sie, soll der Zugführer den Zug anhalten, nach hinten gehen und Leute festnehmen, oder was?! Wie stellen Sie sich das eigentlich VOR, gute Frau?? Wo kommen wir denn da hin, wenn wir uns DARUM auch noch kümmern sollen. Die alte Dame gibt auf, geht kopfschüttelnd ab, die Schalterdame schickt ihr eine Verwünschung hinterher. So ist das. Ich freue mich auf Hamburg.
Mittwoch, 5. März
(Hamburg - Dresden - Berlin) Ich fahre mit dem Zug Richtung Berlin, wieder mal. Diese Strecke ist großartig, einsam, meditativ, es passiert so gut wie nicht, Steppe, ab und zu ein Schneefleck im Birkenwald, einzelne Gehöfte, abgewrackte Trabbis auf der Weide, selten ein Dorf, dann aber ein richtiges Dorf, nicht die aufgebrezelte westdeutsche Variante mit City-Center und Freizeitbad. Wenn man hier durchfährt, dann kann man meditieren, die Landschaft ist eine wunderbare Projektionsfläche für rasende Zukunftspläne und glasklare Analysen der conditio humana (kaum ist man angekommen am Ziel, dann holt einen alles wieder ein und nichts ist mehr klar, aber mit diesen Schrecknissen habe ich mich inzwischen angefreundet, ich habe das, sozusagen, trainiert); es wäre ja auch klüger, wirklich zu meditieren und sich nicht Zukunftsplänen und Analysen hinzugeben, aber egal - das Besondere an dieser Strecke ist, dass man seltenem Getier begegnet, und zwar in Scharen. Plötzlich stehen 20 Rehe auf der Wiese herum und wackeln mit den Ohren, ganz klar, sie sind hier zu zu Hause, und der Zug ist nur auf Besuch. Ein paar Minuten später dann eine ganze Kolonie von Störchen, die sich zum gemeinsamen Flug rüsten. Ein paar sitzen am Boden und spannen probeweise ihr Gefieder auf, die anderen sind in der Luft und fliegen Formation.
Plötzlich ereilt mich so ein ich-hatte-eine-Farm-in-Afrika-Gefühl. Ich sitze in einem kolonialen Zug, rumple über Gleise, die einer meiner fleißigen Onkels gebaut hat, mein Korsett drückt, und ich denke, wieso habe ich mir von diesem blonden Ekel bloß die Syphillis anhängen lassen. DA! Ein Vogelschwarm fliegt über die gleißende Landschaft, irgendwo stehen 20 Wasserbüffel herum, der Löwe pirscht sich an sie heran, und ich vergesse Syphillis, Dänemark und die Ausritte im Schnee. DA! Ein Gorilla, mitten auf heißen Steppe steht er, vorne auf die langen Arme gestützt und regt sich nicht.
Aber nein, es ist nur ein einsames Männlein, das im märkischen Nichts auf dem Feld steht und, vornübergebeugt, etwas aufhebt und dann in den Rucksack sammelt. Jetzt streckt er sich, schaut in den Himmel. Vielleicht sieht er den Zug, den Zug Hamburg-Dresden, ein ungarischer Zug, Kaffä, bittä särrr! Ich kaufe dem netten Mann einen Kaffee ab und komme wieder zurück aus Afrika in die Weite der brandenburgischen Steppe, die vermutlich die schönste der Welt ist.
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