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Mittwoch, 26. November
(Hamburg) Meine Lieblingsschlagzeile dieser Woche: "Ein Zombie saß am Frühstückstisch" (für einen Artikel über Michael Jackson, aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung).
Ansonsten berührt diese Zeitung meine Seele derzeit nicht, allerdings, Ausnahme: Immer die Medienseite, und, diesmal, auch die Rubrik mit den Berühmten, die ihr Leibgericht kochen. Diese Woche: Harry Rowohlt kocht "Schlichtglibber".
Diese Suppe ist niemandem schnuppe und hier wird auch deutlich, warum die Englischen hierfür das großartige Wort "concoction" gefunden haben: Harry Rowohlt concoctet also (ich zitiere hier aus dem Gedächtnis) Glasnudeln, grüne Currypaste, Seetang, Idioten-Curry aus der Tüte und ein Beutel geheime Zutat. Alles irgend wie in heißes Wasser quirlen, aufkochen, kalt werden lassen, vergessen und nach Tagen schnell vor dem Essen in der Mikrowelle erhitzen. Nach Belieben die Dinge drüberstreuen oder -gießen, die im Kühlschrank ganz hinten gammeln (Maggi) oder in der Kühlschranktür auf einen Deppen lauern, der sich irgend wann an sie erinnert (bei mir sind das diverse böse scharfe Saucen, aber auch weitere geheime Zutaten wie Koriander- und Minzsaucen, mhm, aber auch alter Meerettich oder Ingwer, immer rin damit, der Glibber danke es dir). Also, Harry Rowohlt hat meinen Geschmack voll getroffen, ich verneige mich vor so viel Anmut und der großartigen Wortschöpfung "Schlichtglibber".
Freitag, 21. November
(Hamburg) Es regnet immer noch, und deswegen möchte ich hier den geneigten Leser mit einem Spätsommerbild erfreuen:

A.L. und der sehr geschätzte Verleger G.O.G. sprudeln in ihre Berliner Weiße, am Havelstrrrrrrande.
Und hier noch ein Bild:

Außerirdische haben am Havelstrrrrrrande grüne Sesselchen platziert, in die sich der Berliner genüsslich sinken lässt (es müssen Außerirdische gewesen sein. Die Betreiber des Cafés waren es nicht, die hätten Eiche rustikal genommen).
Donnerstag, 20. November
(Wien - Hamburg) In Wien scheint die Sonne, und in Hamburg regnet es. Mehr ist dazu jetzt hier nicht zu sagen.
Mittwoch, 19. November
(Wien) It's my birthday and I latsch über den Naschmarkt if I want to. Wie das in Wien so ist, trifft man ang passang (so hätte es meine Oma gesagt, Parfeng, nicht wahr; sie war zwar eine Dame, aber eine ruhrdeutsche Dame, und das gab ihr den ultimativen Charme), also, man trifft en passant irgend welche berühmten Schauspieler, stoppelbärtig im Theatercafé neben dem Theater an der Wien, die einen darüber aufklären, dass _Hamburg_ ja eine _wunderschöne_ Stadt sei, _München_ dagegen _schiach_ (=scheußlich). Ich nehme das mal so hin und bemerke bei mir wieder mal diese fundamentale Unsicherheit, die mich immer befällt, wenn mir (oder meiner Stadt) von einem Wiener ein Kompliment zuteil wird.
Meint er es ernst?
Niemand weiß es.
Das ist es, das Wiener Lebensgefühl. Deswegen bin ich da hin. Und deswegen bin ich auch wieder weg, nach ein paar Jahren. Die grundsätzliche Unsicherheit, die ist dem Piefkinesen unheimlich. Deswegen schnell als Kontrastprogramm nach Berlin geeilt, in die Tacheles-Stadt, wo es kaum Zwischentöne gibt. Dann dem Kult des Proletarischen entflohen und in die Weltstadt Hamburg, haha. Und glücklich?
Niemand weiß es.
Dienstag, 18. November
(Wien) Gestern im Burgtheater Gerd Voss dabei zugeschaut, wie er genüsslich den Thomas Bernhardschen Ekel zelebriert, bei "Elisabeth II.". Großartig. Ekelerregend. Eitrig. Jawoll.
Montag, 17. November
(Wien) Es gibt Würste in Wien, die heißen Käsekrainer. Das ist nichts Neues. Diese Würste haben mich während meines Studiums dort ernährt (nur manchmal, wenn ich bereits zu viele Schillinge meines monatlichen hart und bitter verdienten Deputats in Achtln angelegt hatte, hab ich die Sparvariante Hotdog gewählt). Käsekrainer, köstliche Wurst, enthält Käse, Ei der Daus, der, warm und geschmolzen auf die Pappe fließt und sich dort aufs köstlichste mit dem Senf ("süß oder schoarf? A Semmel dazu?") vermengt.
Jetzt, Jahre und Hunderte Achtl später und nach lange Zeit in Piefkinesien (=Deutschland), der Käsekrainer aufs Schmerzlichste entwöhnt, lerne ich, dass diese Würste hier "Eitrige" heißen. Wegen des fließendenen Käses... ach ich stell mir das lieber nicht so genau vor. Igitt. Oarg. Das Wienerische is scho oarg. Jawohl. Wenn man "Eitrige mit Buckel" bestellt, bekommt man ein Stück Brot dazu, und zwar das Endstück, also das Scherzerl, oder den Knust (dieser Ausdruck, den ich aus meiner hessischen Heimat kenne, hat bei meinen danubischen Freunden sofort den Ausdruck des Ekels, ja des Entsetzens hervorgerufen, bitte, red net so, des is ja furchboar, also, man sieht: Der Ekel ist relativ. Gell.)
Dienstag, 11. November
(Hamburg) Ich glaube, das Wort "Mäuse" (für "Geld") lebt nur noch in den deutschen Synchronfassungen amerikanischer Sitcoms aus den 90ern fort. Oder sagt hier jemand noch - hey, wo sind meine tausend Mäuse?
Oder liegt das daran, dass wir die Nonchalance der 90er in Sachen Geld verloren haben? Man hat jetzt halt Geld (oder eben nicht), aber keine Mäuse. Wahrscheinlich sind die Mäuse zu respektlos. Zu unterklassig. Wahrscheinlich haben alle Angst vor dem Abstieg in die Unterklasse. Das ist der Punkt. Angst ist Mist. Ich bin dafür, dass wir öfter von Mäusen reden.
(Die eigentliche Erklärung ist, dass dieses Wort hoffnungslos altmodisch ist, und die Synchronisatoren der amerikanischen Sitcoms aus den 90ern somit wahrscheinlich alle der Generation meiner Großeltern angehören.)
Montag, 10. November
(Hamburg) Jetzt ist es auch mir klar, wahrscheinlich hab ich das als Letzte kapiert, was die ganze Aktion der Bahn mit neuer BahnCard und BahnCard 25 und Frühbucherrabatt und der ganze Mist sollte.
Es war einfach alles Taktik - es sollte Leute wie mich auf Knien danken lassen, dass es jetzt endlich wieder die gute alte 50-Prozent-BahnCard gibt, ohne Frühbucherrabatt und Zugbindung und sieben Tage vor Reiseantritt im Kalender ankreuzen: Jetzt Fahrkarte kaufen und Rabatt zu ergeiern und der ganze Mist.
Und vor lauter auf Knien danken übersieht man dann ganz nonchalant, dass die BahnCard jetzt 60 Euro mehr kostet als noch vor einem Jahr. Also, klar - man kriegt natürlich schon eine Gesichtslähmung, wenn man die Zahl 200 auf dem Überweisungsträger sieht, mit einem dicken Minus davor - für 200 Euro muss ein altes Mütterchen schließlich lange stricken, nicht wahr (ich sage nur - das sind fast 400 Mark, mal so für die Freunde und Verehrer des guten alten Preisgefühls hier flugs umgerechnet. Dafür kaufte man vor einigen Jahren noch eine schnieke BahnCard First). Aber dann denkt man an die Monate des Bahn-Wahnsinns vorher und ist einfach nur froh und glücklich, dass der Spuk vorbei ist.
Diese unglaubliche Preiserhöhung hätte die Bahn doch nie, nie, nie durchgekriegt - wenn sie nicht, nach Verkäufer-Lehrbuch, Kapitel eins, die 200-Euro-BahnCard als das weit geringere Übel hingestellt hätte - nachdem sie erst ihre Kunden mit dem komplettesten Schwachsinn ins Delirium getrieben hat, ins Bahn-Delirium, ins Nirvana des nicht mehr zu toppenden--- ach was rede ich. Das war alles ganz geschickt eingefädelt, meine lieben Freunde und Freundinnen des weit-nach-mitternächtlichen Dramoletts.
Vielleicht ist das, was die Bahn da veranstaltet, die eigentliche Bedeutung von "Gonzo-Marketing"?
Samstag, 8. November
(Hamburg) Warum gab es keine Dramolette, so lange? Nun, dafür gibt es eigentlich keine Entschuldigung. Aber.... die Autorin war beschäftigt. Ich sage nur: Jonet-Tag, Kongressorga und Workshopleitung, da bleibt kein Auge trocken, liebe Freunde und Liebhaber des ausführlichen Dramoletts, und jetzt
"jetzt geht es los!"
Ich zitiere Aal-Rainer. Aal-Rainer hat ein Headset auf und steht auf der ausgeklappten Plattform seiner Aalbude, die wiederum auf einem Marktplatz in Berlin-Köpenick steht (wie die Autorin auf einen Marktplatz von Berlin-Köpenick gerät, an einem wunderbar sonnentrunkenen Herbsttage, das überlassen wir jetzt mal der Spekulation, aber - es musste auf alle Fälle ein Päckchen gebrannte Mandeln und ein Kölbchen Mais, in Butter getunkt und mit Salz beflockt, dran glauben, an diesem wunderbar sonnentrunkenen Herbsttage, liebe Freunde und Liebhaber des ausführlichen Dramoletts). Aal-Rainer steht also auf der ausgeklappten Plattform, reckt Aale und Schillerlocken in die Menge, so, dass die Menge gerade so einen Hauch des Dufts des köstlich Geräucherten in die Nase kriegt, woraufhin die Menge die Nase noch mehr nach oben streckt, mindestens 30 stehen da in einer Traube vor Aal-Rainer und recken die Nase, starr, denn Aal-Rainer hält eine Predigt: Das ist Qualität, liebe Freunde, das kriegt ihr nicht
im Supermarkt! Was sach ich, und dann geht das jetzt hier - und da springt er an seine Auslage, und hier ein Aal, und ne Schillerlocke, und nen Lachs dazu - jetzt bin ich mal ganz verrückt - für 10 Euro! Der erste löst sich aus seiner Erstarrung, hat die 10 schon parat, Aal-Rainer stopft das ganze in einen Sack, erzählt was von Qualität, Fischpaket und Geld wechseln über die Rampe, und zack zack, springt er wieder zu seiner Auslage, klaubt einen Aal, reißt ihm den Bauch auseinander und streckt ihn der gelähmten Menge unter die Nase: Seht mal jetzt hier, das ist frisch! Jetzt bin ich mal ganz verrückt, hier noch ne Schillerlocke , und noch nen Lachs, und jetzt - für 10 Euro! Der nächste zahlt, mechanisch, mit starrem Blick. Wir mampfen weiter unsere Pommes, die mussten sein auf dem Markt, stehen am Pommes-Stand neben Aal-Rainer und glotzen auf dieses Schauspiel, der Pommesverkäufer glotzt auch, mehr bleibt ihm nicht, Aal-Rainer zieht alle an sich, da sieht der mit seinen Pommes keinen Stich, und
ein Headset macht er auch nicht. Am Ende der Pommes hat Aal-Rainer 300 Euro eingenommen, in 10 Minuten.
Man möge sich das bitte auf der Zunge zergehen lassen. Wir fragen uns, was diese Seitenhiebe von Aal-Rainer auf den Supermarkt immer sollen, "Käse, Nudeln, das kriegst du doch überall, aber Aal, den kriegst du nur bei mir!" - ein paar Meter weiter lüftet sich das Geheimnis: Da stehen Toni Makkaroni, Käse Maik, Joghurt Jürgen, alle auf ihrem Wagen, alle mit Headset, und verkaufen körbeweise Zeug. Toni Makkaroni, zum Beispiel, schnappt sich einen Weidenkorb, stopft "Farfalle, Fettucini, Spaghettini, Maccharoni, und hier noch die Spirelli, und ausnahmsweise auch noch die Linguine" hinein, macht den Korb bis oben voll und verkauft. Meistbietend. Einer streckt ihm 15 Euro hin, Toni bedankt sich artig, wirft das Geld in eine Box und schnappt sich schon wieder einen Korb. Auch er verdient Hunderte Euro in einer Zeit, die der armen Gebrannte-Mandel-Verkäuferin nebenan die Tränen in die Augen treiben muss: Sie hat in den paar Minuten grade mal eine Tüte verkauft. An mich. Wie macht der Toni Maccharoni
das? Die Leute gehen alle schwer bepackt nach Hause, schleppen Riesentüten mit Wurst und Schinken, Milchprodukte, Fische, Obstkörbe, und der Sohn balanciert den Korb mit den Nudeln.
Ich staune. Wo haben die Leute das Geld her? Für 15 Euro bekommen sie 15 Pakete Nudeln, und zwar Markenware, im Supermarkt. Hier bekommen sie 12 Pakete billigster No-Name-Produkte - aber, Pardon, natürlich noch diesen Korb dazu, der, ich will ja nicht unken, wahrscheinlich gerade mal den Weg nach Hause übersteht und dann an Materialermüdung krepiert.
Ich bin sehr, sehr erstaunt und rülpse ein wenig an diesem Maiskolben herum (schwerverdauliches Zeug!). Im Bus Richtung Müggelsee starrt uns eine junge, etwas schorfige Frau böse an, vielmehr das in-Schokolade-getunkte-Weintrauben-Spießchen, das mein lieber Freund genüsslich inkorporiert. Was das denn nun gekostet habe, fragt sie irgend wann, irgend wie wütend. Ein Euro Fuffzig, sagen wir, und schämen uns. Teuer, sagt sie. Drei Mark sind das, sagt sie. Und schaut wieder aus dem Fenster. Jetzt weiß ich, was "gefühlter Preis" bedeutet.
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