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Donnerstag, 15. April
(Hamburg) Ich habe noch nicht von dieser Zugfahrt von München nach Hamburg berichtet. In München knallte die Sonne, ich schweißgebadet und in allerletzter Sekunde in den Zug gehüpft (es war der letzte nach Hamburg).
Der Zug war voll. Mehr als voll. Übervoll. Das ist meine Lieblingsbegründung dafür, dass ich mich stante pede in den Speisewagen begebe.
Voll. Nur im Bistrot (Bistro klingt mir zu sehr nach Treff. Deswegen Bistrot. So. Sot.) ist noch Platz. Im Bistrot, wo die Erniedrigten und Beleidigten der mobilen Gesellschaft stranden, an Bier und Kippe nuckeln und bei Tunneldurchfahrten auf den Tisch starren, damit sie ihre von was-auch-immer gezeichneten Gesichter nicht sehen müssen im spiegelnden Fenster gegenüber. Ich kenne das Publikum. Es erdet mich irgend wie. Und außerdem ist sowieso sonst kein Platz. Sitzen, schwitzen, Radeberger trinken, Zeitung lesen, wunderbar. Der Mann neben mir kräht in sein Telefon "alles kein Problem, für jedes Problem gibt es eine Lösung" (diese Art von Weltgewissheit löst Unbehagen in mir aus, komme ich doch gerade von einer Veranstaltung, in der die totale Ungewissheit gepredigt wurde - und Gewissheiten sich eigentlich immer nur dann einstellen, wenn man wenig weiß - so, Leser, grüble darüber, ich kehre zu meinem Dramolett zurück), man plärrt also unvorsichtigerweise
Gewissheiten ins Mobiltelefon und ich halte mir meine Zeitung vors Gesicht.
Dann: Auftritt einer Gruppe mittelalter Männer. Sie sind gut gelaunt, laut und angetrunken. Typ braver Familienvater, die Sau rauslassend. Au Backe. Zeitung noch enger vors Gesicht gehalten, Ohropax herbeigewünscht. Und schon geht es los, Vorhang auf für vox populi, lieber Leser, jetzt kriegst du was geboten.
Einer führt das Wort, steht leise schwankend am Bistrottisch und will Bundeskanzler werden, sagt er, seine Kumpels feuern ihn an. Denn wenn er Bundeskanzler wird, dann wird mal so richtig aufgeräumt. Weg mit den ganzen blöden Gesetzen, die einem verbieten, Laub in seinem Garten zu verbrennen (Zeitung sehr, sehr eng vors Gesicht) und überhaupt (der Mann hat die Zeitungsleserin erspäht - indirekter Angriff): Als Erstes würden alle Gleichstellungsbeauftragten abgeschafft.
Zeitung noch enger vors Gesicht (es ist der Focus, vielleicht rettet das mich vor irgend etwas?), aber nein, der Bundeskanzler legt jetzt richtig los: Polen werde übrigens im Sturm erobert.
Das ist zu viel. Ich hole mir noch ein Radeberger und sage ihm im Vorbeigehen freundlich, schön, dass Sie kein Mikrophon brauchen, Herr Bundeskanzler.
Das war es, der Kampf ist eröffnet, der Fehdehandschuh geschmissen, en garde! Hinter mich, meine Mannen! Ich kenne diese Blicke, Scheißkuh, vermasselt uns hier unseren Spaß, der Rest des Bistrots verschmilzt zur stummen Masse, jetzt warten alle ab, was kommt.
Psch, seid leise, wir STÖREN hier jemanden, sagt der Bundeskanzler.
Und ich sage noch einmal: GLEICHSTELLUNGSbeauftragte, die gehören abgeschafft, sagt der Bundeskanzler.
Jetzt ich. Ich fange erstmal vernünftig an. Herr Bundeskanzler: Wollen Sie keine Frauen als Wählerinnen?
Pah, die wollen doch auch keine GLEICHSTELLUNGSbeauftragten, sagt er, rückt näher und bläst mir, die sitzt, von oben seinen Bieratem um die Ohren.
Er hat Recht, eins zu null (as far as I am concerned).
Ich lege die Zeitung weg, gespielt seufzend (man hat mir die Rolle der Nudelholzfrau zugeschrieben - solln se haben): Was seid ihr eigentlich für ein HAUFEN?
Bauunternehmer, sie werfen sich stolz in die Brust, wir sind Bauunternehmer.
Ich muss die Stimmung einheizen. Deswegen sage ich laut: I Gitt!
Das erfüllt sie mit Stolz. Das gefällt ihnen. Jawoll, wussten wir doch, ist ne etepetete-Tuss im Anzug, die ekelt sich jetzt, so muss es sein.
Der Nachbar zu meiner Linken schaut mich entsetzt an und rüstet sich zum Gehen. Was tut sie da. Frag ich mich auch. Ja, ich bin auch entsetzt, aber ich will wissen, was in diesen Bauunternehmern vorgeht.
Sie gehen wählen, liebe Freunde des Dramoletts! Sie ehelichen Frauen! Sie zeugen Kinder! Sie werden Bürgermeister! Man muss wissen, was in ihnen vorgeht. Damit man sich nicht falschen Illusionen hingibt.
Sie sind aus Höxter. Autokennzeichen HX, sage ich, das flößt ihnen Respekt ein. Der mir gegenüber ist der Chef, weißhaarig, hat seinen Jungs mal einen kleinen Betriebsausflug zu einer Baumaschinenmesse gegönnt, "wissen Sie, so ein bisschen mit Begleitprogramm", zwinker zwinker.
Nun bin ich also mit dem Bundeskanzler im Ring. "Frauen", sagt er, "wer braucht denn Frauen als Wähler" (zustimmendes Johlen - wer braucht überhaupt Frauen, soll das heißen, sackloses Gesindel, das einem im Bistrot den Spaß verdirbt).
Ich hole sie ganz schnell von ihrem misogynen Trip, das lass ich euch nicht durchgehen, Jungs, fühlt euch nicht zu sicher, wer Bundeskanzler werden will, muss mit der vierten Macht rechnen:
Als Wählerinnen brauchen Sie die Frauen vielleicht nicht. Aber als Journalistinnen.
Oh oh oh. Der Bundeskanzler nimmt Haltung an. Mist, die Journaille hört mit. Der Chef kriegt lange Ohren, au Backe, haben meine Jungs was Verfassungsfeindliches gesagt....? Welche Zeitung denn? Die ZEIT - Mist, Intellektuelle, was machen wir jetzt, erstmal grade hinsetzen. Ein junger Typ fragt, ob das Springer wäre, das ist dem weißhaarigen Chef dann peinlich und er murmelt was von Bucerius.
Beunruhigung, Irritation, eins zu null für mich. Ich schlage meine Beine Christiansenmäßig übereinander (ja, ich weiß, ihre sind dünner, aber meine sind schöner), und fordere den Bundeskanzler zur Regierungserklärung auf. Er setzt sich neben mich, ungefragt, ich "setzen Sie sich doch", die Menge grölt und fühlt sich schon wieder ganz sicher.
Er fängt locker an: Der Mittelstand, lieber Frau Journalistin, der wird von dieser Regierung doch gar nicht richtig beachtet.
Da hat er Recht, as far as I am concerned.
Und dann: Wenn die Frauen nicht arbeiten würden, dann hätten wir mehr Arbeitsplätze und mehr Kinder und die Rente wär sicher. Aber die wollen sich ja jetzt SELBST VERWIRKLICHEN!
Boing, jetzt geht es los.
Was für ein Gemetzel. Männer arbeiten, Frauen verwirklichen sich selbst. So so. Was tun Sie denn in Ihrem Job, Herr Bundeskanzler in spe? Arbeiten! Und, verwirklichen Sie sich selbst? Natürlich, sagt er, und schlägt sich gleich darauf auf den Mund. Mist, Falle, denn natürlich muss ich das jetzt fragen: Und, ihre Frau, die soll das also nicht? Das dauert Jahre, bis die so viel verdient wie ich, die müssen wir ja erst mal ausbilden, verteidigt er sich ("die müssen wir ja erst mal ausbilden", man lasse sich das auf der Zunge zergehen), ja, Jahre, die Sie hatten, Herr Bundeskanzler in spe, bis Sie mit ihrem Gehalt eine Familie ernähren konnten, das dauert halt, ob Mann oder Frau!
Frau Doktor, Sie wollen mich fertig machen. Aber nein, Herr Bundeskanzler! Sagen Sie, wie geht es Ihrer Frau eigentlich so mit den Blagen zu Hause? Er rückt vertraulich an mich heran - wissen Sie, die ist total unglücklich....
Tja, sage ich. Schau mal an. Aber die Kinderbetreuung, kräht er, wenn Sie Geld verdienen und Ihre Kinder in den Kindergarten bringen, dann wird das auch noch subventioniert! Ungerechtigkeit!
Wieso Ungerechtigkeit? Verstehe ich nicht. Ich erzähle ihm was über die KITA- und Kindergartenpreise in Hamburg. Und dass es in vielen europäischen Ländern völlig normal ist, seine Kinder betreuen zu lassen. Aber das ist doch UNNATÜRLICH, sagt der Jungspund, der glaubt, die "Zeit" würde von Springer verlegt, meine Frau und das Baby, die gehören nach Hause, das SIEHT man doch! Ja, sage ich. Ein paar Monate, meinetwegen auch Jahre. Aber wieso 18 Jahre?! Verstehe ich nicht. Er setzt sich auf meine freie Seite und unterstellt mir mit lüsternem Blick, ich hätte mich doch jetzt schon ein wenig in den Bundeskanzler VERLIEBT, ODER?
Ich fasse es einfach nicht. Ich sage ihm, er soll sich an seine Frau und sein Baby kuscheln und nicht an mich. Ich sammle Visitenkarten ein, weil ich wissen will, was die Herren so von Beruf sind. Dipl.-Ing. Akademiker. Seufz. Ich frage den Bundeskanzler, wer sein Studium subventioniert habe. Niemand, er wirft sich in die Brust, das hat mein Vater von seinem sauer verdienten Geld bezahlt.
Ich sage, dass er lügt. Er regt sich auf. Ich frage ihn, ob sein Vater auch die Professorengehälter bezahlt hat. Er verfällt in Grübelei. Ich sage ihm, dass seine ganze beschissene Unizeit (außer den Bieren, die er sicherlich reichlich genossen hat) von Vater Staat bezahlt wurde! Subventioniert! Klar, von den Steuern, aber von allen Steuern, nicht nur die des Herrn Vater. Und wenn er die KiTas entsubventionieren will (sind die überhaupt subventioniert? Wovon redet der Mann?), dann müsse er bitte auch die Unis entsubventionieren, das wäre doch wohl nur konsequent.
Frau Doktor, Sie wollen mich fertig machen! Nein, sage ich. Ich will nur wissen, was los ist. Ich will mich ein bisschen gruseln. Ich will mein Land kennen lernen. Das Land, in dem auf der Steuerklärung unter "Steuerpflichtige Person" das Wort "Ehemann" steht (keine Ahnung, wie ich die ausfüllen soll). Das Land, in dem Frauen, die arbeiten, als Sozialschmarotzer gelten. Und wo Akademiker behaupten, sie hätten ihr Studium selbst bezahlt.
In Hannover steigen sie aus. Machen mir Komplimente. Jaja. Ich brauche noch ein Bier. Es hat sich nichts geändert, sagt kopfschüttelnd ein jüngerer Mann, der die Debatte verfolgt hat. Dabei hatte ich das mit Polen gar nicht mehr angsprochen - ich hatte Angst, mehr zu hören, als ich verkraften kann. Die Kassandra steigt in mir hoch. Diesem Land ist vielleicht nicht zu helfen, wer weiß? Der ICE beschleunigt gen Hamburg. Schnell heim, die Illusion genährt, dass die ganze Chose was mit Höxter zu tun hatte.
Dienstag, 6. April
(Hamburg) In den Regen starren und auf den Frühling warten. Der Regen verwandelt den Osterbekkanal (an dessen Gestaden wir zu wohnen belieben) in eine picklige Flut. Die Luftblasen auf der Wasseroberfläche zerplatzen, dass es bitzelt. Sehr schönes Geräusch zum Einschlafen.
Doch irgend wann macht der Regen trübsinnig. Oder schwachsinnig. Wir haben eine neue kleine Stereoanlage für die Küche, mit Fernbedienung (durchs Radioprogramm zappen - ganz neue Technikerfahrung! Ich mache ja manche Technikerfahrung mit 20 Jahren Verspätung, aber dann sind sie um so süßer), und irgend wann packt uns der Prä-Frühlings-Schwachsinn und wir überlegen Folgendes: Warum nicht den draußen auf dem Wasser treibenden Müll (auch den Müllsammlern ist es zu nass heute) motorisieren, mit einem Empfänger für die Fernbedienung ausstatten, den Gästen diese Fernbedienung dann en passant in die Hand drücken, aus dem Fenster auf den Kanal deuten und sagen: Hey, kannste mal den Müll wegfahren?
Ich glaube, ich werde sterben vor Freude, wenn die Gäste uns erst für schwachsinnig erklären (was ja stimmt), dann zaghaft und ungläubig auf einen Knopf drücken - und der Müll düst tatsächlich stromabwärts. Ich kann mich überhaupt nicht einkriegen ob dieser Vorstellung (sie ist fast so gut wie die Idee des motorisierten Plastikkrokodils, das wir an Himmelfahrt vor den Augen bierseliger Paddler auftauchen lassen wollen - "du, Karl, dddddddaaaaa.... ein Krkrkrkrokooo.....")
Sonntag, 4. April
(Hamburg) Der März hat mich auf so vielfältige Weise beunruhigt ("Diese Geschichte beunruhigt mich auf so vielfältige Weise, Ma!", sagt Fran Fine, als ihre Mutter ihr die Geschichte von ihrem unverschämten Friseur erzählt, der doch tatsächlich uralte Readers-Digest-Hefte ausliegen hat - denn es ist schon ärgerlich, wenn man diese Hefte klaut und bei sich auf dem Kaffeetischchen auslegt, um die Freundinnen zu beeindrucken, und dann sind diese Hefte auch noch alt.) Ungefähr auf diese Finesche Weise hat mich der März beunruhigt. Nicht nur, dass kurzzeitig Schäuble als BuPrä dräute - mein Gott, man holt ihn wirklich immer wieder aus dem Kasterl, dann watscht ihn irgend wer ab, und schwupp wird er wieder weggepackt. Wenn er nicht so viele schwarze Kassen transferiert hätte, und wenn er nicht auf der Schlesier-Versammlung
gesagt hätte, dass "wir" die Ostgrenze niemals akzeptieren werden, und wenn... ach, es fällt mir noch eine ganze Menge ein, also, wenn das alles nicht wär, dann tät er mir Leid. Das SZ-Magazin hatte sogar einen Rollstuhl auf dem Titel, "Der Sitz des Bundespräsidenten". Hach ja. Nun also Köhler, der Mann, der niemals grade guckt, sondern immer aus den Augenwinkeln, ich bin mir noch nicht ganz sicher, was das bedeutet.
Aber der März brachte noch mehr, ein Attentat in Madrid, und ich weiß nicht, was schlimmer war: Die Toten - oder die Presse, die sagte, die Spanier würden Appeasement betreiben und dem Terror in die Karte spielen. Nein, nein, nein! Die Spanier lassen sich ihre Bürgerrechte nicht nehmen, das ist der Punkt, ihr Recht auf Information, sie lassen sich nicht für dumm verkaufen, und genau das haben die zwei Millionen, die von der Puerta del Sol Richtung Atocha gingen und mit Löffeln auf Topfdeckel hieben gesagt: Wir wollen, dass man uns die Wahrheit sagt.
Über 30 Jahre gibt es nun schon ETA-Terror in Spanien. Und es hat eben nicht zu einem patriot act geführt, wie in den USA nach dem 11. September, dass also Bürgerrechte beschnitten werden Stück für Stück. Das ist die Leistung, die die freie Welt erbringen kann, wenn das Prädikat "frei" mehr wert sein soll als einen Pfifferling - sich nicht die Freiheit der Meinungsäußerung, die Pressefreiheit, die Freiheit der Bewegung und Versammlung nehmen zu lassen.
Und, by the way. Wann hat man das letzte Mal in Europa derartig machtvolle Demonstrationen von demokratischem Gemeinsinn gesehen? Wann wurde in Deutschland das letzte Mal für Demokratie und Bürgerrechte demonstriert? Ich muss hier jetzt mal ein bisschen pathetisch werden, aber das erste Mal, dass ich wirkliches, echtes, überzeugtes demokratisches Engagement erlebt habe, war in Spanien. Als 1988 in Deutschland alles im Kohlschen Scheinkonsens erstickte und keiner mehr recht wusste, wozu die Demokratie eigentlich gut ist, und jeder, der von freie Meinungsäußerung und politischer Willensbildung sprach, als kuriose Gestalt abgetan wurde (denn - wozu brauchte man denn noch Willensbildung? Kohl bildete den Willen, in dem er feudalistische Personalpolitik betrieb, Kritiker kaltstellte, oder, wenn das nicht ging, für Unmenschen erklärte, siehe seine Fehde mit dem "Spiegel" - in dieser Zeit wurde deutlich, wie sehr sich die Demokratie selbst ersticken kann, wenn nur der Richtige kommt) -
in dieser Zeit haben in Madrid die Leute auf der Straße dafür gestritten, dass sie freie Meinungsäußerung verteidigen würden gegen alte Franquisten, und im sogenannten "Tal der Gefallenen" haben sich Linke und Rechte in die Haare gekriegt. Weil es um etwas ging! Es ist ein Wert, nicht jederzeit der unpatriotischen Haltung verdächtigt werden zu können. Es ist ein Wert, wenn es politischen Diskurs jenseits der Freund-Feind-Schemata gibt. Es ist ein Wert, wenn Kritiker nicht gleich des Dolchstoßes verdächtigt werden.
Es ist eben Kriegsrhetorik, was da aus den Zeilen der Artikel sickerte, die den Appeasment-Verdacht äußerten. Wer gegen die Regierung ist, der ist entweder ein Feind, oder ein Überläufer (noch schlimmer!), oder feige (weia!). Aber so geht es nicht, Leute. Dann haben die Feinde der offenen Gesellschaft natürlich ganz leichtes Spiel, wenn wir so schnell einknicken.
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