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Mittwoch, 25. August
(Mannheim) Ja, ich finde auch, dass es einen gesetzlichen Mindestlohn geben sollte. Ich finde, Journalisten sollten mindestens 5,50 pro Stunde kriegen. Das ist doch eine faire Bezahlung. Was soll der Geiz.

Das Schlimme ist, dass für viele Journalisten ein Mindeststundenlohn von 5,50 eine echte Errungenschaft wäre.

Nicht so wie die Leutchen, die in der Erwachsenenbildung tätig sind. Die schwimmen im Geld. Ein promovierter Germanist bekommt dafür, dass er Zuwanderern Deutsch beibringt, sogar 16 Euro die Stunde! Ganz ehrlich! Vom Arbeitsamt! In Berlin! In echter Valuta! Mann, sind die reich, diese Erwachsenenbildner.

OK, Spaß beiseite. Ich habe mal von Verdi einen Stundenlohn von 20 Euro angeboten bekommen, für Ghostwriting. Wahrscheinlich kam sich Verdi unheimlich cool vor, mir so viel anzubieten. Seminarleiter würden ja 25 Euro bekommen, aber bei Textern habe man nicht so viel Budget, und, übrigens, in den Stunden, in denen ich nicht schreibe, sondern rede - z.B. mit dem eigentlichen Autoren des Buches den Inhalt abspreche -, da bekomme ich dann nur 15 Euro. Reden ist nicht so viel wert wie Schreiben. Bei Verdi. In Hamburg. In echter Valuta.

Kurze Rechnung: Selbstständige müssen mindestens ein Drittel ihrer Arbeitszeit für Büroarbeiten, Steuererklärung, Computer updaten/reparieren/aus dem Fenster werfen, Akquisition von neuen Aufträgen, unbezahlten Kundengesprächen, Wasserrohrbruch im Büro, Krankheit, Urlaub (ach nee, Urlaub nicht), für umsonst geschriebene Exposés, unbezahlte Dienstreisen ("nee, Fahrtkosten müssen Sie selbst tragen") und all son Scheiß aufbringen. Manche sagen sogar, das mache die Hälfte der Arbeitszeit aus (ohne Urlaub). Wenn der durchschnittliche Verdimitarbeiter sich mal klarmacht, dass (1) die Putzfrau sein Büro putzt (2) der Systemadminstrator seinen Rechner wartet (und ggf. für ihn aus dem Fenster wirft) (3) die Buchhaltung Rechnungen schreibt, Lohnzettel ausfüllt, Krankenkassenknete abführt undundundundundundund... etc. pp., und sich jetzt mal überlegt, dass der Selbstständige das alles selbst macht/selbst organisiert/selbst bezahlt, dann kommt vielleicht auch der durchschnittliche Verdimitarbeiter mal ins Grübeln: Mit 15, 16 oder auch 25 Euro die Stunde

GEHT DAS NICHT.

Ich muss das hier mal in Majuskeln festhalten. Verdammt noch mal! Wie stellt ihr euch das vor! Klar, wir können das mit dem Essen, Trinken und Wohnen lassen, dann spart man ne Menge Geld. Ich rede hier nicht von Reichwerden, sondern von Lebenkönnen. Der genannte promovierte Germanist kann maximal 18 Stunden Unterricht geben, mehr gibt ihm das Arbeitsamt nicht, und mehr ist auch nicht sinnvoll: Er muss ja vorbereiten, nachbereiten, neue Kurse konzipieren, Nachfolgeaufträge akquirieren (denn das Arbeitsamt gibt ihm, natürlich, keine Beschäftigungsgarantie - dafür ist er ja selbstständig).

18 mal 16 macht 288, mal vier macht 1152. So grob. Gell. Pro Monat.

Ziehen wir die Steuern ab, die Krankenkasse, die Altersvorsorge, die Berufsunfähigkeitsversicherung... ok. Lassen wir das.

Es geht nicht, verdammt noch mal! Ha, Mindestlohn. Ich lache mich wirklich tot. Zahlen im staatlichen (Arbeitsamt) und halbstaatlichen (Gewerkschaft) Arbeitsmarkt solche untergürtellinigen Honorare und reden von Mindestlohn. Das ist eine Schande.

Suada Schluss.

Dienstag, 10. August
(Heidelberg) Öde und leer liegt der Juli. Pfui, kein einziges Dramolett. Statt einer Entschuldigung gibt es halt jetzt eins. Also. Ich liege im Bett und betrachte die leckere Büchersammlung meiner Gastgeber, während in meinem Bauch die Salmonellen Samba tanzen. Zu den Salmonellen später (in short: wir sind in Heidelberg - es ist heiß - man isst keinen Cheeseburger in Heidelberg, wenn es heiß ist! Das weiß ich jetzt, danke für die ausführliche und deutliche Belehrung). Also, ich liege im Bett, betrachte die Bücherwand meiner Gastgeber und denke mir: Ist doch eigentlich völliger Humbug, so eine Bücherwand. Jedenfalls für den Besitzer. Für mich, also den Gast ist sie gut; für den sporadischen Besucher, der Neues entdeckt und ach-sieh-mal-an ruft und sich im Geiste notiert, was es noch alles zu lesen gibt.

Wer würde das angesichts seiner eigenen Bücherwand tun? Die eigene Bücherwand hat nostalgischen (hab ich mich da durchgequält) oder musealen (man stellt es halt ab, um irgendwann wieder reinzuschauen... irgendwann) Wert, oder einfach innenarchitektonischen (hab gerne meine gehabten Gedanken um mich rum). Aber hat sie sonst noch einen Wert? Nein. Mal gehabte Gedanken findet man eh nicht wieder, außer man hat so ein ausgeklügeltes Zettel-und-Notizen-System wie mein Großvater, und das war glaube ich auch mehr dazu da, den Feind zu täuschen.

Also - weg damit. Ist doch besser, sich gegenüber der eigenen Bücherwand wie ein Gast zu fühlen, wie ein sporadischer Besucher, der sagt: sieh mal an, sollte ich mal lesen, lecker lecker! Und sich hinsetzt und liest. Das ist doch die wahre Leseleidenschaft. Nicht dieses Museum.

Mein Vorschlag: Bücher weggeben. Nicht ganz so beliebig wie bei bookcrossing.com - wo man seine Bücher einfach in der U-Bahn oder sonstwo aussetzt, und irgendwer findet sie, im Zweifel der Müllmann. Sondern an einen fest definierten Bücherfreund. Und man selbst erhält seine Bücher auch von so einem Bücherfreund. Dann hat man zu Hause nur (1) neue Bücher, auf die man sich freut (2) Bücher, die man gerade liest (3) Bücher, die man demnächst weitergibt und jemandem eine Freude macht.

Das würde zum einen bedeuten, dass diese lästige Bücherschlepperei bei jedem Umzug aufhören würde. Zum zweiten würde man ein sehr fokussiertes Leben führen, nämlich, anstatt sich mit längst Gelesenem zu umgeben, hat man das um sich, was einen gerade, jetzt, interessiert.

Und die, die partout nicht aufhören können, in vor 20 Jahren gelesenen Büchern zu blättern (nicht, dass ich nicht dazugehören würde - und auch der Opa hat natürlich, auf seine Weise, Recht) - natürlich wird von jedem Buch eine CD angefertigt. Die kommt dann ins Archiv, und wenn man was sucht, dann - findet man es auch! So ist das mit CDs. Denn Bücher reagieren leider nicht auf Suchwortsuche (hab mich schon mal dabei ertappt, sowas wie ein Suchwort eintippen zu wollen, höhö). CDs schon. Und sie sind viel kleiner.

Letzter Vorteil: Alle Büchertauscher haben die gelesenen Gedanken ungefähr zur gleichen Zeit präsent. Man weiß also immer, worüber man mit ihnen redensoll, wenn man sie auf einer Cocktailparty trifft! Großartig.

So.


 

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(c) Annette Leßmöllmann