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Sonntag, 29. Februar
(Hamburg) Hamburg hat gewählt. Ich möchte auswandern, kann aber nicht, denn Ronald Schill hat gesagt, er würde auswandern, wenn er nicht mehr gewählt wird, und wo kommen wir denn da hin, wenn ich schon das Gleiche machte wie Schill.
Angeblich will Schill Skipper in der Karibik werden. Rette sich, wer kann - wer jetzt in der Karibik ein Boot mit Skipper chartert, sollte sich vorher unbedingt den Namen des Kapitäns sagen lassen. Könnte sonst sein, dass er seine innere Sicherheit verliert auf dem Törn.
Nochmal: Hamburg hat gewählt. Das ist sehr interessant: Ole von Beust heimst die Lorbeeren dafür ein, dass er vor zwei Jahren mit Schill koaliert hat und ihn dann nicht daran hinderte, sich unmöglich zu machen, und dann schaffte Ole es auch noch, sich zu waschen, ohne sich den Pelz nass zu machen - sprich, mit einer Unperson zu koalieren, ohne daran politisch Schaden zu nehmen. Das ist erstaunlich. Oder einfach ein von langer Hand eingefädelter Coup der CDU, schön sekundiert hat dabei die Bundes-SPD mit ihrer desaströsen Politik.
Und zu allem Überfluss darf Herr Kohl heute in der WamS schreiben, wie man das Land jetzt retten könne. Kohl! Schreibt! Das! In der WamS (Letzteres wundert mich natürlich nicht. Die FAZ geht etwas subtiler vor und druckt seine Autobiografie, die WamS ist halt nur noch schmerzfreier.) Ich kann beides nicht lesen. Ich will mein Essen bei mir behalten. Ich will Buddhist werden. Herr Kohl - wenn es Ihnen wirklich um das Land gegangen wäre, dann hätten Sie selbst rechtzeitig das Sozialsystem umgekrempelt. Aber es ging Ihnen um sich selbst (und vielleicht um Ihre Partei), deswegen haben Sie schön die Sozis die Kastanien aus dem Feuer holen lassen. Die verbrennen sich jetzt die Finger daran. Das Dumme ist nur: Wir alle verbrennen uns die Finger daran. Das ist das Blöde am Parteiensystem. Partei-Ratio ist nicht gleich Ratio. Deswegen dürfen brave Parteisoldaten wie Angela Merkel und Franz Müntefering auch niemals in Positionen, wo sie mal Ratio an sich und nicht Partei-Ratio vertreten müssen.
Müntefering nordet jetzt seine Partei ein - das kann er -, aber daraus folgt noch lange nicht, dass in Zukunft bessere Politik (also für die Allgmeinheit bessere Politik) gemacht wird. Die Parteisoldaten können das gar nicht. Schröder, der kann das, aber der handelt nicht nach Ratio, sondern nur nach Ego-Ratio, und das reicht halt auch nicht, um der Allgemeinheit zu entsprechen. Ach Gott, wo sind die Staatsmänner und -frauen, die klugen Leute?
Samstag, 28. Februar
(Mainz) Auf der Fahrt nach Mainz an den Opel-Werken vorbei. Sonnenlicht lässt Fabrik erglänzen. Der Opel ist ein Popelauto, das merkt man schon hier. Brave Arbeiter schrauben durchschnittliche Karossen zusammen. Ich bin gemein, ich weiß. Aber es rührt mich auch - es hat so etwas von: "Wir arbeiten brav, bauen ein braves Auto für den braven Bürger, und CI, Image und sonstiger neumodischer Kram - das brauchen wir nicht, und dann läuft das schon von selbst." Und natürlich läuft nix von selbst, man braucht Image und CI, schon im Werk.
Im Grunde genommen sieht man die ganze Rüsselsheimer Misere von der S-Bahn aus. Man braucht nicht auszusteigen. Ich weiß, es ist gemein. Aber ich starre auf den fernen Taunus und fahre stur weiter nach Mainz. Zu einer sprachwissenschaftlichen Tagung, und dort wird folgende abstruse Idee geboren, die sich nur Sprachwissenschaftler ausdenken können, und dafür liebe ich dieses Fach: Das z in "Mainz" stammt aus dem Protoindogermanischen und stand dort für die komplexe Negation "Stadt, die nicht am x liegt". "z" macht aus "Main" also: "Stadt, die nicht am Main liegt". Vielleicht hieß dass z auch "liegt nicht am x, sondern am Rhein", darüber streiten sich die Gelehrten.
Später, am Hamburger Küchentisch, wird das noch verfeinert: Die Indogermanen (es gab sie nicht, aber nach drei Glas Wein ist das egal), die durch die turkmenische Steppe ritten und sich gegenseitig damit verarschten, Flüsse gefunden zu haben ("hey, Baby, da hinten ist ein Fluss, ich sehe es genau"), die ernteten nur ein verächtliches "z!". Denn in Turkmenistan gibt es keine Flüsse. Daraus wurde die Bedeutung "kein Fluss!" für z, und dann, am Rhein angekommen, irgend wann, wurde daraus - naja, siehe oben. Ich liebe die Linguistik. Nein, die Linguisten. Sie sind trinkfest. Vor allem das.
Montag, 23. Februar
(Hamburg) Seit meinem Dramolett vom 6. Februar, in dem ich der Bäckersfrau sanft nahe legte, doch mal so freundlich zu sein wie ein Ägypter, seitdem ist sie freundlich. Ach du Schreck! Liest sie meine Dramolette? Wenn ja, wieso weiß sie, dass ich es bin, die die Dramolette schreibt? Ach Gott, natürlich liest sie meine Dramolette nicht (aber - sie hat einen kleinen Ring am kleinen Finger; Frauen mit kleinen Ringen am kleinen Finger haben es meistens faustdick hinter den Ohren, also, warum sollte sie nicht so etwas Sinnloses tun, so etwas den Backwaren völlig Abgewandtes, Zeit Verschwendendes wie Dramolette lesen?). Tjaja. Ich bin beeindruckt.
Selbstverständlich ist sie nicht deswegen freundlich, weil ich das in meinen Dramoletten geschrieben habe. So ein Quatsch. Es muss etwas anderes sein. Irgendeine kosmische Verbindung zwischen Ägypten und Barmbek. Oder es ist die alte Hamburger Regel, dass man erst mit den Leuten familiär wird, die man 7 Jahre kennt (und "familiär", liebe Freunde des Dramoletts, hat in Hamburg eine ganz, ganz andere Bedeutung als, sagen wir, in Köln. Oder in Mainz. Gell. Das sollte klar sein. "Familiär" ist hier, wenn man nicht nur "Guten Tag" sagt, sondern auch noch ein freundliches "Na?" hinterher schiebt. Also, noch mal zum Mitschreiben: "Guten Tag; na?" Wenn man das hört, dann ist das wie ein Ritterschlag. Gell. So. Und genau das hat die Bäckersfrau gesagt. Ich glaube, ich werde das nächste mal mit einem "Guten Tag. Ho ho ho!" antworten. Und ihr zuzwinkern.
Nein, das werde ich selbstverständlich nicht tun. Man würde mich auf dem Grasbrook enthaupten. Wenn das nicht so viel Dreck machen würde. In Hamburg macht man keinen Dreck (außer in Notfällen). Man lässt die Leute, die Hohoho sagen und zwinkern, durch einfaches Nichtbeachten zu Untoten werden. Die jeder sieht aber keiner bemerkt. Mit denen keiner redet. So ist das hier. Aber jetzt bin ich nicht mehr so allein. Die Bäckersfrau hat "Na?" gesagt. Nach _nur_ 4 Jahren. Statt 7. So. Darauf ein Franzbrötchen. Hohoho.
Mittwoch, 18. Februar
(Hamburg) Wenn Stolpe sich müde an den Pressekonferenztisch zwängt - ach, schon wie er vorher gewollt staatsmännisch die Treppe hoch schreitet, eine Hand in der Hosentasche (eine Unsitte, das! Das machen maximal Fussballvereinmanager, also Ex-Kicker im Brionistöffchen, aber man macht es eben eigentlich nicht, Teufelteufel), naja, also, Stolpe, und wenn er dann mit schicksalsschwerer Miene der Presse berichtet, die Last der Verhandlungsnacht auf den Schultern, und immer dieses Lasst-mich-das-mal-machen, meine Landeskinder, diese Aura von Ich-sag-euch-eh-nix, denn ich bin der gute Onkel, der schon weiß wie er den Karren aus dem Dreck zieht, lasst mich nur machen, hach, war das eine lange Nacht. Und dann fängt er doch tatsächlich mit "Meine Frau sagt immer..." an.
Ich schalte sofort um. Ich kann dieses basskollernde, kumpelväterliche, dieses durch und durch undemokratische Verhalten auf den Tod nicht ausstehen. Bin nach 16 Jahren Kohl einfach allergisch dagegen, immer noch. Es ist einfach das Schlimmste, dieses Gutonkelgetue. Alles nur dafür da, um die Schotten dicht zu machen, nix sagen zu müssen, intransparente Politik zu machen. Und man sieht ja, was dabei heraus kommt.
Allerdings - nicht Stolpe hat den Tollcollect-Vertrag unterschrieben, das sollten wir nicht vergessen.
Dienstag, 17. Februar
(Hamburg) Ist es nicht schlimm genug, seine Pubertät in den 80ern verbracht zu haben? Man mache sich das mal klar: Als ich begann, mich für die Fragen des Aussehens und der Mode zu interessieren, da umgaben mich Tücher mit Lurexstreifen, schlampig um den Hals geschlungen; Jeans mit weißen Seitennähten; U-Boot-Ausschnitte, wahlweise ohne (schwabel, schwabel!) oder mit - und natürlich breit sichtbarem - BH; idiotische Fönfrisuren, strohige Dauerwellen, fiese Stöckelschuhe oder wahlweise diese Adidasteile, weiß mit schwarzen Streifen und knöchelhoch, Allround hießen die und verziehen keinen Plattfuß; offensiv getragene Tennissocken, durch zu kurze Karottenhosen schön sichtbar getragen, Sweatshirts (also lauter Dinge, die jeder Figur - auch der guten - visuell den Garaus machen); John-Wayne-Jacken (seitlich geknöpft,
in bescheuerten Farben und billigen Stoffen) usf usf. Reicht das nicht? Nein, jetzt müssen diese bescheuerten 80er Jahre auch noch ein Revival erleben. Sogar diese Lurextücher werden getragen, das ist einfach unfassbar. Was für ein durch und durch stilloses, aussageloses, formloses Jahrzehnt, wir sollten den Mantel der Liebe darüber decken (wahlweise das Lurextuch der Liebe, das wäre ehrlich).
Doch die 80er sind halt überall. Neulich gehe ich zu einem dieser Kaufhausfriseurkettenfriseure, denn es muss schnell gehen und außerdem bin ich mal neugierig, wie das da so funktioniert. Und außerdem ist mein Friseur gerade mal wieder auf den Malediven, und bevor ich anfange, der Korrelation zwischen seinen Mondpreisen und dieser Urlaubszielwahl und meiner nicht unbeträchtlichen finanziellen Beteiligung an derselben nachzuspüren, gehe ich halt mal fremd.
Nun, also, man wäscht mir die Haare, "ist die Temperatur so recht?" Verdammt, diese zögerlichen Praktikantinnenhände, das erinnert mich an was, diese Plastikzimmerdecke aus quadratischen und quasi-marmorierten Platten, an einigen Stellen locker, auf die ich jetzt gerade starre, jaaaa, das kenn ich, und dann läuft auch noch I just called to say I love you im Radio, und dann Nightshift... Und zack: Da ist er wieder, der Dorffriseur meiner Jugend, zu dem ich immer so ungern hinging, weil... ja, weil: "Haben Sie sich mal überlegt, sich da ein paar Strähnchen reinmachen zu lassen?"
Deswegen habe ich diesen Dorffriseur gehasst. Weil er es wagte, mir Stähnchen anzubieten. Strähnchen! Ein Produkt der 80er, da bin ich ganz sicher. Eine Geschmacksverirrung vor dem Herrn. Und eine reine Kundenbindungsstrategie, denn rausgewachsene Stähnchen sehen scheiße aus, noch scheißer als Strähnchen eh schon aussehen. Und jetzt hier, 2004, im Kaufhaus, bietet man mir tatsächlich Strähnchen an. (Was heißt anbieten: Man sagt mir, dass ich sie eigentlich haben muss und nur Bekloppte keine Strähnchen wollen - ich kenne diesen Ton, ich kenne ihn genau!) Ich versteife geradezu in meinem Sitz: "Nein, danke". "Oh, das würde aber GANZ TOLL aussehen!"
Es reicht. Ich kriege den ultimativen Anfall. Wann werden die 80er endlich in die Wüste Gobi geschickt? Wann werden Strähnchen verboten? Wer zerschießt das Radio? Wann kommt dieser Mistkerl endlich von den Malediven zurück? Ich will wieder 43 Euro ausgeben! Das ist Anti-Stähnchen-Schutzgeld. Jetzt weiß ich es. Es ist eben etwas teurer, von seinem Friseur wie ein Mensch behandelt zu werden. Und ein Radio besitzt er nicht.
Dienstag, 10. Februar
(Hamburg) Diese irritierende Viren-Spamerei. Ich bekomme lauter Emails von Absendern, die irgend wie möglich sein könnten - von maria@spiegel.de oder mail@ddp.de oder egon@kulturmanagement-hamburg.de. Das ist sehr gruselig. Natürlich fall ich nich drauf rein, neinnein, aber - bitte wie irritierend ist das denn (<--die neue Syntax, nicht: Das ist irritierend, sondern: bitte wie irritierend ist _das_ denn). Nein, ich arbeite nicht mit Outlook. Nein, ich glaube nicht, dass der Virus in mein Postfach reinschauen kann. Oder kann er doch?
Montag, 9. Februar
(Hamburg) Wann geht Stolpe endlich? Aber dazu müsste er Format haben. Oder, sagen wir, er müsste die Szene überblicken. Nein, sagen wir, er müsste durchblicken. Überblicken tut er ja, er schaut über alles hinweg, die Welt ist ihm ein weichgezeichnetes, blumiges Bild, das ihm ein permanentes irresLächeln unter die Knollennase zaubert, das Grinsen des in luftigen Höhen am Peterprinzip Gescheiterten. Aber er merkt gar nichts, nur manchmal, da guckt er streng, und huch, haben wir dann Angst, wir von TollCollect, die wir uns vorgenommen haben, diese bekloppte Regierung, diesen Haufen schlecht bezahlter, provinziell gekleideter Philologen im Ministersessel, die eh nicht rechnen können, mal so richtig auflaufen zu lassen, hah, wir zeigen denen mal, wer hier die Macht hat im Staat. (Nicht, dass TollCollect irgend was davon hätte. Außer vielleicht eine Menge perversen Spass?)
Freitag, 6. Februar
(Hamburg) Wir sind schon längst wieder zurück, aber - im Geiste natürlich noch auf dem Sinai, der übrigens mancherorts dem amerikanischen Südwesten ähnelt. Ich war zum ersten Mal Schnorcheln und habe die Wasser-Luft-Grenze von der anderen Seite begutachtet; ich habe die Moräne gesehen und den Drückerfisch. Freundlicherweise kamen diese Tiere fast bis an den Strand. Vor die Haustür, sozusagen. Von der Strandliege direkt ins Wasserparadies. Jaja, wir werden es vermissen. Wir werden auch die freundlichen Menschen vermissen, dieses verschmitzte Lächeln, diesen Wortwitz - kann sein, dass das alles eine künstliche Welt war, aber es war eine ausgesprochen nette künstliche Welt. Ich glaube auch nicht, dass meiner Bäckersfrau ein Zacken aus der Krone fallen würde, wenn sie ab und zu mal lächelte. Ich würde mir niemals anmaßen, zu behaupten, sie habe einen tollen Job und viel zu lachen. Niemals. Aber ich glaube auch nicht, dass Unhöflichkeit und Griesgrämigkeit die Weltlage ändern wird. Aber sie wird mir nicht zulächeln. Auch wenn ich noch weitere vier Jahre bei ihr einkaufe. Es schickt sich wohl einfach nicht. Dafür muss man nach Ägypten fahren.
Donnerstag, 5. Februar
(Dahab, Sinai) Gehen die Ägypterinnen baden? Kaum. Und wenn, dann im Ganzkörperbadeanzug. Also so eine Art Leggings, darüber ein eng anliegendes Oberteil, das bis zu Hals und Händen reicht und in Hüfthöhe in einem Röckchen ausläuft. Haare im Tuch, Füße in zierlichen Badefüßlingen. Sehr apart. Auch die Kinder stecken in Ganzkörperteilen, was bei der unglaublichen Leibesfülle, die in Ägypten als schick gilt und jedem Light-Produkt aus Schlankheitswahn-Amerika netterweise den Boden entzieht, auch ganz angemessen ist. Die Mädchen sind nicht so dick, aber die Jungs. Sie entwickeln schon im zarten Alter einen gewichtsbedingten Watschelgang und vorgestülpte Lippen, die ihnen etwas sehr Würdevolles verleihen. Born to be the boss. Sozusagen. Jedenfalls bin ich ein großer Fan dieser verdeckenden Badekleidung und schaue bei dem stringtangageschnürten Schwabel-Schwabel-Auftritt mancher Europäerin (ja, auch im Hilton gibt es Geschmacksverirrungen, allerdings - selten ;-)) genauso erschrocken weg wie die Ägypter.
Mittwoch, 4. Februar
(Dahab, Sinai) Wozu ist ein Kopftuch gut? Man kann sich das Handy drunterklemmen und freihändig und stundenlang sehr lässig telefonieren.
Dienstag, 3. Februar
(Dahab, Sinai) Immer noch im Paradies. Wir haben beschlossen, den Mosesberg zu erklimmen. Mit ungefähr 2000 anderen, nachts, denn man will ja den Sonnenaufgang sehen, umgeben von einer Trillion Beduinen, die uns ein Kamel vermieten wollen (in Wahrheit wollen sie mich gegen ein Kamel tauschen, aber die Beduinen, die sind nicht ohne, die sagen das nicht gleich so direkt, die schreien einem erstmal "Camel! Kamel! Chameau!" und wahrscheinlich auch noch auf Japanisch, Russisch, Polnisch ins Ohr und warten dann ab, was passiert. Es passiert nicht viel, fast alle laufen.) Man läuft hinter dem Beduinen-Bergführer her, dessen vornehme Aufgabe es ist, einen ins richtige Kaffeehaus am Wegesrand zu führen, also das Kaffeehaus, wo der Cousin der Chef ist. Man klappert also auf dem Weg zum Mosesberg ca. fünf dieser Kaffeehäuser ab, sitzt dort stur, denn man durchschaut den Trick und hat außerdem eigentlich grad gar keine Lust auf den Kaffee, sondern man will auf den Berg, vor allem, man will sich bewegen, denn es ist arschkalt, liebe Freunde und Verehrer des lebensnahen Dramoletts, aber der Bergführer ist unerbittlich, und außerdem ist seine Zigarette ihm heilig. Als wir endlich auf dem Berg sind, sind wir total durchgefroren, aber die uns von ungefähr 500 verschiedenen Beduinen angebotenen Decken und Matratzen lehnen wir ab, denn wir sind stolz und durchschauen den Trick und holen uns lieber den Tod. Endlich die Sonne, die japanische Pilgergruppe stimmt christliches Liedgut an und singt wunderbar, das entschädigt mich für alles, sogar für die bettelnden Kinder auf dem Abstieg, später. Total übernächtigt stolpern wir dann um 10 Uhr morgens durch das Katharinenkloster, dort, wo der Dornbusch wächst, aus dem Gott zu Moses sprach. Wir werden Zeuge einer der größten massentouristischen Aberrationen und sind froh, so total übernächtigt zu sein - wir kriegen eh nix mehr mit. Ich sage nur - "der Aufstand der Massen". Ortega y Gasset wusste gar nicht, wie recht er eigentlich hatte. Die Anmaßung der Dummheit, die Verflachung durch die pure Ansammlung. Ein Mönch sitzt in seinem Stuhl in der Basilika und lächelt die ganze Zeit vor sich hin. Wie ich ihn beneide. Bloß weg hier. Bloß weg. Unser Führer spricht irre gut Deutsch (und wenn man übernächtigt ist, bleibt ja auch jedes Wort hängen, bei mir jedenfalls, ich liebe diesen Tunnelblick, diese totale Konzentration durch Schlaflosigkeit), der Führer entschuldigt sich nach einem längeren Vortrag über Moses, ob er "eine schreckliche Laberbacke" sei und uns gelangweilt habe, wir lachen über dieses Wort. Später stellt sich raus, dass der Mann noch nie in Deutschland war. Er hat also Germanistik studiert, in Kairo, hat die Deutschen von Kairo aus studiert, hat das Wort Laberbacke gelernt, war noch nie in Deutschland, und kennt Deutsche nur in Form sein Gäste, die er - ungefähr nach jedem zweiten Satz - mit "MeineliebeGäste!" anspricht, genauso, wie er immer "HalbeInselSinai" sagt und "Gluck" statt Glocke, sehr charmant. Er kennt Deutschland also nur über die Touristen. Das ist die Tragik Nummer eins dieses Mannes. Die zweite Tragik: Er gehört in Ägypten zu den Spitzenverdienern. Er hat einen echt guten Job, den nicht jeder kriegt. Er gehört zur Elite. Und was ist sein Job? Die letzten Volltrottel herumzuführen. Das muss man sich mal vorstellen. Wir geben ihm ein dickes Bakschisch und sagen ihm, dass er ganz und gar keine Laberbacke ist. Schnell wieder zurück ins Hilton, das uns wie eine Insel der Seligen vorkommt - kaum Deutsche, viel Ägypter, Russen, Polen, Japaner, Engländer, Niederländer, keine einzige Reisegruppe, keine Zusammenballung, kein nix, Paradies. Ich denke sehr intensiv über den Begriff "Elite" nach, und die Lektüre von "39,90" von Beigbeder tut ihr Ihriges dazu.
Montag, 2. Februar
(Dahab, Sinai) Das Hilton hat eine Art Paradies für uns arrangiert. Fangen wir mit dem Buffet an (mein Lieblingsort. Essen verschafft die direkteste Art der Befriedigung). Wir sitzen noch blass zwischen den ganzen entspannten, hauptsächlich ägyptischen Menschen und starren auf diesen Überfluss. Diese Buffet sollte man in Metern angeben. Allein die Süßigkeitenecke ist fünf Meter lang und zwei Meter tief. Und einen Meter hoch. Oder so. Diese Kuchen, Kekse, Puddings, Griesbreis gehören zu den besten, die ich je gegessen habe, und ich habe immerhin Österreich gelebt. Wir stellen uns aus diesem Buffet ein Acht-Gänge-Menü zusammen und rollen dann ins Bett.
Sonntag, 1. Februar
(Dahab, Sinai) Gibt es ein gutes Leben im schlechten? Kommt darauf an. Man kann zum Beispiel mit TUI auf den Sinai fliegen und dort im Hilton wohnen. Das ist, sozusagen, sehr gutes Leben im, naja, mittelmäßigen... ach motzen wir ruhig rum, sagen wir im schlechten. Die TUI-People sind zwar nett und geben uns auf die Busreise von Sharm el'Sheikh nach Dahab zum Beispiel ein Fläschchen Wasser mit, solche Aufmerksamkeiten schätze ich sehr. Und insgesamt ermöglicht TUI mit ihrem netten kleinen Hilton-Angebot natürlich auch solchen Low-User-Touristen wie uns einen Aufenthalt im puren Luxus (mit Speck fängt man halt Mäuse). Trotzdem. Im Flieger sitzt der Durchschnittsdeutsche geballt um uns herum, und hier muss ich einfach mal sagen - rette sich wer kann. Insbesondere beim Zwischenstopp in Stuttgart, von TUI zum "Drehkreuz" erkoren, was soviel heißt wie: Sammle alle Reisenden aus ganz Deutschland hier gleichzeitig ein und stecke sie dann in die Flieger zu ihren Ferienorten. Ein logistisches Meisterstück - auf dem Papier. Die Praxis ist: Ein überlastetes Terminal, Drängen, Schieben, Drücken, zu kleine Klos, der ganze Laden fängt irgend wann an zu stinken. Das ist der Moment, wo Deos versagen und die gute Erziehung gleich mit - oder, sagen wir, wo sich zeigt, wie gut die Erziehung wirklich war. Fangen wir an mit dem Mangel an Kinderstube, der einen mittelalten Herrn dazu verleitet, eine junge Mutter anzuraunzen, sie solle jetzt mal vorwärts machen, er wolle jetzt hier ja nicht Wurzeln schlagen. Dass die Frau gerade versucht, ihr Töchterchen vor dem Erdrücken durch die Touristenstampede zu retten, scheint ihm zu entgehen, und dass mittelalte Herren gefälligst das Kind retten und die Mutter gleich mit, anstatt rumzuraunzen, scheint ihm auch nicht bekannt zu sein. Ich bitte ihn, die junge Frau nicht anzuschreien und sich klarzumachen, dass wir alle in einer sehr beengten Situation hier herumstehen, -gehen, -schieben, und er möge doch... ich fange mir ein "dumme Ziege!" ein. Good bye and thanks for the fish. Möge ihm sein Toupet an den Hintern wachsen. Möge ihn die Muräne anknabbern. Nix wie weg aus diesem Land! (Aber nicht mit TUI).
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