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Donnerstag, 20. Mai
(Hamburg) Ich übe mich in der Kunst, Dramolette vorzuschreiben. Vor zuschreiben. Vor zu schreiben. Wie verdammt noch mal schreibtmandas. Heute, am 20.5., während ich also heute, am 18.5., hier in Hamburg am Schreibtisch sitze, bin ich nämlich längst auf dem besten Segelbötchen von allen namens "Flause" an der Schlei.

Möge sich der Leser jetzt ein wenig der Vorwärts-Rückwärts-Seitwärts-Lang-Zeitphilosophie hingeben, die ich hier gerade so nonchalant vor ihm ausbreite: Wo ist heute? Wer ist gestern? Was ist? Was wird?

Egal.

Auf der Flause wird es Dramolette hageln, sie werden alle im Logbuch vermerkt und in Rotwein getränkt (im Grunde genommen ist das Segeln eine einzige Saufentschuldigung. Gib mir noch etwas von dem Wein, Obelix.) Allerdings werde ich diesmal das Saxophon dabei haben, um (1) den Meeresgott ins Skagerrak zu jagen (2) beim Landgang Insekten aufzuschrecken, die Erk dann aufspießen und bestimmen kann ("Bestimmen" ist eine sehr eigenartige Tätigkeit, die mir schon die eine oder andere philosophische Hirnverrenkung abverlangt hat. Was treibt den Bestimmer, wes Geist ist er Kind?)

Drittens kann man mit dem Saxophon und fünf Tönen so tun, als könnte man Blues spielen, das ist schon sehr geil, auf ne Art. Mal sehen, ob die Möwen uns vor Schreck an Deck kacken.

Mittwoch, 19. Mai
(Hamburg) Eine Redakteurin vom SWR ruft mich an und fragt mich nach meiner Meinung zum Thema "Dialekt: Makel oder Markenzeichen?"

Ich lasse das jetzt mal so unkommentiert hier stehen.

Dienstag, 18. Mai
(Hamburg) Ohne hier weiter ins Detail gehen zu wollen, aber meine Homepage-Farbe hat eine verteufelte Ähnlichkeit mit der CI-Farbe von Baden-Württemberg.

Ich lasse das jetzt mal so unkommentiert hier stehen.

Dienstag, 11. Mai
(Hamburg) Ja, Herr Wolffsohn, Historiker an der Bundeswwehr-Uni München und verbaler Scharfschütze, ist mir schon ein paarmal bei Talkshows aufgefallen. Interessant, dass so ein Hardliner dann auch prompt häufig auftritt, häufig eingeladen wird. Ich fand ihn immer grenzwertig, seine Analyse scharf, aber seine Bewertung abseitig. Worum geht es dem Mann? Was treibt ihn? Abgesehen davon, dass er immer aussieht, als würde er im nächsten Moment auf die Hosenbeine seines Gegenübers losstürzen und sich in seine Waden verbeißen wollen. Er wirkt wie in ständiger Habachthaltung - das Gewehr im Anschlag. Eigenartig. Hatte sich die Bundeswehr doch den Ruf erarbeitet, durchaus in möglicher Hort von Aufklärung und Ruhig Blut zu sein - zumindest in den höheren Chargen, und natürlich in den Bundeswehruniversitäten. Nicht immer zwar, aber immer öfter.

Dienstag, 11. Mai
(Hamburg) Irgendwelche kranken Hirne denken sich Viren aus, und Würmer. Ach, was, krank! Das ist ingeniös. Da sage noch mal einer, wir wären wohlstandsdick, wir Deutschen, und wir wagten uns nicht mehr vor, von Pioniertaten ganz zu schweigen! Ist doch gar nicht wahr. In einem kleinen Dorf in Niedersachsen sitzt ein Jüngling und will das Gute, schafft prompt das Böse (Faust hat er vermutlich nicht gelesen), hält alle Welt zum Narren, schraubt sich den Wurm "Sasser" aus dem Hirn - wenn das keine kreative Leistung ist. Wir sollten ihm flugs eine Green Card geben, höhö, damit er hier bleibt und nicht nach Ungarn abwandert, dort soll es aufregender sein für Informatiker.

Ich habe ja jahrelang ein spamfreies Leben geführt, aber die schönen Tage von Aranjuez sind wahrhaftig vorbei: Jetzt rauscht hier fast alle zehn Minuten so ein blödes Ding rein. Lustig ist zum Beispiel, wenn man des Nachts mit einem Text kämpft und eigentlich schon beschlossen hat, doch lieber auf Aldi-Kasseuse umzusteigen (ist vielleicht, doch, irgend wie, weniger lebensverkürzend als diese Schreiberei?! Vor allem - cui bono? (Mir ist heut so nach Zitat)) - und dann kommt plötzlich, dingdong, dies:

You have written a very good text, excellent, good work!

Im Anhang dann ein text_annette.zip.

Bastardi! Ich fühle mich irgend wie ertappt. Durch ein Computerprogramm! Der Mensch ist schwach. Viel zu schwach für Computer. Und fürs Schreiben. Ach.

Montag, 10. Mai
(Hamburg) Zunächst eine Hymne auf Wolfgang "shop-till-you-drop" Clement: Weg mit dem Landenschluss, das ist eine gute Sache.

Jetzt im Ernst.

Wo ist bloß der gute GI geblieben? Der unseren ausgehungerten Eltern nach Kriegsende Schokolade, den Großeltern Zigaretten zusteckte? Der freundliche, gutmütige Soldat, der auf seinem Panzer in Fachwerkhausdörfer rollte, selten schoss und mit den Frolleins schwofte?

Tja, weg ist er. Schade. Im Irak machen diese Herrschaften gerade ganz andere Dinge.

Da werde ich doch nachdenklich. Hat man uns kriegsunlustigen, so gar nicht nibelungentreuen Deutschen nicht immer die amerikanische Befreiung vorgehalten, diese friedliche Besetzung und den nachfolgenden, unglaublichen Erfolg der Demokratie (und das trotz der vielen Leute, die heute noch Antisemiten sind und nach dem dritten Bier Polen überfallen wollen, das finde ich auch immer sehr erstaunlich), ja, da haben die Amerikaner was Sinnvolles gemacht, ohne Frage. Und wir hatten vielleicht doch ein klein wenig ein schlechtes Gewissen, dass wir nicht mitmachen bei der großen Befriedung des Irak.

Aber - wo waren sie denn, die Marshalls, die Wiederaufbaupläne ausgetüftelt haben und den Kriegern gleich mit in die Satteltaschen schoben? Nix Wiederaufbauplan für den Irak (hätten wir natürlich machen können. Hätte man uns gelassen? Keine Ahnung). Haudraufundschluss, und Schluss - das war die Strategie. "Asterix, wir gehen da rein und hauen alles zusammen". Guter Plan. Im Comic.

Und was sagte uns noch der freundliche Automechaniker in Yenassee, South Carolina, damals, im Oktober 2001, ungefragt: Diesen Bin Laden würde er ja, wenn er ihn zu packen bekäme, an die Stoßstange knüpfen und hinter dem Auto herschleifen, bis....

Ja, aus South Carolina. Da kommen auch viele Soldaten her. Und wenn man weiß, dass viele Amerikaner glauben, dass Osama Bin Laden und Irak im Grunde genommen alles die gleiche Meschpoke sind, dann - kann man sich vielleicht vorstellen, mit welcher Mentalität die Soldaten da hinzogen. Vielleicht. Man muss es nicht. Sind alles nur Vermutungen. Ich lass das jetzt auch lieber.

Montag, 3. Mai
(Berlin) Vor den Hackeschen Höfen. Ich schlängle mich im Anzug durch die Szenerie, fühle mich irgend wie hamburgisch und deplaziert (eigentlich sind es ja die Hackeschen Höfe, die hier hamburgisch und deplaziert sind - ich lege jedesmal eine Trauerminute ein, wenn ich hier vorbeigehe, an Starbucks und dem ganzen anderen geleckten Kram, das sieht jetzt hier aus wie aus einem Stadtentwicklungskatalog, eine komplette Ver-Wessi-ung des alten Scheunenviertels - fehlt nur noch die Fußgängerzone. Berlin, übrigens auch West-Berlin, war früher die Stadt, in der man nicht renovierte, überhaupt war das Saubere und Neue im öffentlichen Raum verpönt, man wusch auch niemals sein Auto und "scheckheftgepflegt" gehörte nur in das Vokabular von armen Irren, man fuhr auch niemals neue Autos - neue Autos fuhren nur "die Westdeutschen", wie diese bedauernswert provinzielle Spezies hier herablassend genannt wurden (die meisten Berliner waren entflohene "Westdeutsche", und das machte den Hass noch tiefer; je dreckiger die Karre, desto weiter weg die Kindheit in Untertürkheim).

Wir gehen jetzt nicht darauf ein, dass "die Westdeutschen" den Westberliner Luxus, überhaupt zu überleben, finanziert haben; aber - mit Berlin assoziiere ich (1) herkommen, um seine Träume zu verwirklichen (2) raus aus der Fußgängerzone (3) Renovieren ist was für Spießer. Und jetzt diese Hackeschen Höfe! Schluck. Klammer zu.)

Also, Sonnenbrille auf, weitergehen, es gibt hier nichts zu sehen!

Da spricht mich ein Punk an. Ein Punk! Ich bin glücklich. Gleichzeitig denke ich - mein Gott, warum tut er das? Als ich mit fleckigen Jeans in Kreuzberg 36 wohnte (auch ein Ort, um seine Kindheit in Westdeutschland zu vergessen), da konnte ich mir zumindest einbilden, dass ein Punk, der mich anspricht, mich irgend wie als zugehörig zum Pool der Systemabstinenten zählt und mir nicht die Kapitalistenfresse polieren wird, ich war zwar innerlich auf ihrer Seite, aber in Kreuzberg musste man sein Inneres nach Außen tragen, sonst konnte man schnell mal einen antikapitalistischen Reflex abkriegen (man fuhr nicht im Porsche nach Kreuzberg, um es mal auf den Punkt zu bringen, aber das hatte ich ja eh nie vor, aber jetzt laufe ich im Anzug durch Berlin, fühle mich als Verräterin an der Berliner Idee, sehe mich als Teilnehmerin der grossen Ver-Wessi-ung Berlins, und da spricht mich ein Punk an und stürzt mich in einen inneren Konflikt. So ist das.)

Der Punk spricht: Hey, sagt er, was soll ich denn _tun_, wenn meine Freundin zum ersten Mal ihre Regelblutung hat?!

Sehr lustig. Tampons kaufen, sage ich. Wat, so einfach? sagt er. So einfach is det? Ach, ja, sag ich, und, ein bisschen aufpassen demnächst. Nicht wahr. Du weißt schon.

Er macht ein ratloses Gesicht. Ich bin schon an ihm vorbei und will jetzt nicht noch mal zurück, um ihm das mit den Bienen zu erklären, ich denke mir, Berlin wird das schon regeln. Irgend wie. Wa.


 

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(c) Annette Leßmöllmann