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Freitag, 26. November
(Mannheim) Hannah Monyer, Medizinerin, Professorin, Gedächtnisforscherin, Leiterin eines großen und äußerst erfolgreichen Forschungslabors, zum Thema Frauen in Führungspositionen:
"Meine Erfahrung sagt, dass es viel schlimmer als bei uns nur noch in Japan ist, wo es noch weniger Frauen in der Forschung in höheren Positionen gibt. Ich glaube, es hat etwas mit dem Bild der Frau in Deutschland zu tun, die nach wie vor nicht in diese Verantwortung hineingehört."
Ich habe mich lange davor gedrückt, mich zu dem Frauenthema zu äußern, weil es bis zu einer bestimmten Qualifikationsstufe - der Promotion - eigentlich undramatisch erschien und man sich dachte, das wird schon; es gibt zwar noch wenige Frauen in hohen Positionen, aber das ist nur eine Frage der Zeit.
Mir wird immer klarer, dass das nicht so ist. Hannah Monyer sagt das auch: Ab der Post-Doc-Zeit wird es problematisch, wenn man also anfängt, sein eigenes Team aufzubauen, Schüler zu haben, zu führen, zu bestimmen, das letzte Wort zu haben, harte Entscheidungen zu treffen: Da ist die Frau dann plötzlich Exotin. Man tuschelt hinter ihrem Rücken, wie zickig und brutal sie ist (dabei macht sie nur das, was jeder Chef macht, wenn er gut ist: Klare Personalentscheidungen treffen und jeden Menschen an den Platz zu setzen, an dem er sich am besten entfaltet; und das kann halt auch mal gegen die Selbsteinschätzung mancher Menschen gehen). Man fragt sie am laufenden Band, wie das denn jetzt mal so mit Kindern wäre. Wenn sie keine Kinder hat, fragt man sie, warum denn nicht, sie hätte doch einen gesellschaftlichen Auftrag (und Frauen seien nun mal zu Müttern geboren, alles andere sei doch unnatürlich); wenn sie welche hat, fragt man sie, warum denn, das wäre doch eigentlich unmenschlich den Kindern gegenüber
so als berufstätige Frau. (Das steht übrigens in einem lustigen Missverhältnis zu dem, was man zu hören bekommt, wenn man (was eigentlich äußerst praktisch ist) seine Kinder mit 17/während dem Studium/während der Promotion bekommt: Dann heißt es entweder - du Schlampe, oder: Naja, dann ist die Karriere ja wohl eh im Arsch.)
Frauen sind in Deutschland als Führungspersonen nicht erwünscht, und deswegen gibt es nur eine einzige Konsequenz: Auswandern. Ich meine, hallo? Es ist doch einfach primitiv, was hier passiert. Erzkatholische Länder wie Polen sind da progressiver als die ach-so-aufgeklärten Deutschen.
Außerdem finde ich es ausgesprochen nervig, dass seit meinem 35. Geburtstag jeder Krethi und Plethi meint, er müsse mich fragen, ob ich denn Kinder zu kriegen gedenke. Erstens frage ich auch nicht jeden 45-jährigen Mann, ob er es schon an der Prostata habe, schließlich sei er ja statistisch gesehen in dem Alter. Zweitens ist das einfach eine persönliche Entscheidung, die niemanden etwas angeht. Drittens kommt man sich vor wie ein wandelnder gläserner Uterus, in den jeder hinspäht, um zu schauen, ob schon was drin ist - das man nebenbei noch andere ganz interessante Dinge zu bieten hat als seinen Uterus, gerät dabei auf betrübliche Art und Weise ins Hintertreffen. Viertens mag ich den Ton nicht, in dem diese Fragen gestellt werden; diese gehässige Karrierefrauunterstellung ist einfach ärgerlich, dieses hältst-dich-wohl-für-was-Besseres, was von den Frauen übrigens ordentlich gefüttert wird: Immer öfter höre ich, "ja, ich bin zu Hause geblieben, um die Kinder großzuziehen, denn in meinem Beruf
wäre ich über ein gutes Mittelmaß eh nie hinausgekommen."
Ich meine, hallo? Die meisten Menschen kommen in ihrem Beruf über ein gutes Mittelmaß nie hinaus, was ist denn das für ein Argument? Und ist Kinderlosigkeit ein Privileg der Außergewöhnlichen? Darf man also nur kinderlos sein, wenn man ein Überflieger ist? Oder muss man beweisen, ein Überflieger zu sein, damit man evtl. das Recht eingeräumt bekommt, kinderlos zu bleiben???
Unglaublich, die Stimmung in diesem Land. Mir wird schmerzlich bewusst, das hier Dinge als selbstverständlich angenommen werden, immer noch, die ich für hochgradig abschaffenswert halte - und die woanders auch abgeschafft werden. Es ist hier noch selbstverständlich, dass die Frau irgendwann zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert. Es ist außergewöhnlich, wenn sie das nicht tut. Sie muss sich dann rechtfertigen. So ist Deutschland. So war Deutschland schon zu der Zeit, als meine Mutter beschloss, zu studieren (was man noch irgendwie hinnahm; hat man wohl als erweiterte Höhere-Töchter-Ausbildung gesehen), und dann ihren studierten Beruf auch noch auszuüben (was von den maßgeblichen Beteiligten als nicht zu überbietende Anmaßung gewertet wurde, wie kann sie nur!). Tja, seitdem hat sich nichts geändert. Das ist bitter.
Donnerstag, 25. November
(Mannheim) Beatrice Weder di Mauro, Volkswirtin, Professorin, jüngstes und einziges weibliches Mitglied des Rates der Wirtschaftsweisen, 39 Jahre alt, ein Kind:
"Es scheint aber tatsächlich so zu sein, dass mein Geschlecht hier zu Lande Diskussionsstoff geliefert hat. Was die Normalität von Frauen in Führungspositionen angeht, mag die Bundesrepublik also noch einen gewissen Nachholbedarf haben."
Und dass die Spiegelreporter die Quotenfraufrage in ihrem Interview ganz nach oben stellen, anstatt mit dieser interessanten Person gleich über die wirklich wichtigen Dinge zu reden - ok, egal, wir sind ein Entwicklungsland, ist eh bekannt. Hier muss man einfach erstmal auf der Quotenfraufrage herumreiten, weil man sich ja sonst ungemütlich fühlen würde, sonst käme ja womöglich noch wer auf die Idee, es sei normal, dass eine Frau gut ist und was zu sagen hat, und das kann so ein zartes Spiegel-Gemütchen natürlich nicht einfach so als gegeben hinnehmen, da muss doch erst der Spießer schlechthin bedient werden, das will der Leser, das muss schon sein, erstmal die Quotenfraufrage stellen, damit ja keiner auf die Idee kommt, wir hätten das Frauen-Thema geschluckt, nein, schließlich gibt es ja auf den Spiegel-Fluren auch nicht so viele Frauen und schon gar nicht oben, und diese Welt,
so soll sie bleiben, Frauen an die Rezeption und in die Kantine, und vielleicht dürfen sie ein bisschen über Kultur schreiben, das ist ja auch zu Hause so, für die Kultur ist meine Frau zuständig, aber hier herumtheoretisieren und womöglich sogar Personalverantwortung haben, nee nee, die Putzfrau darf se rumkommandieren, aber das ist auch schon alles, und die di Mauro, das ist eine Ausnahme, und Ausnahmen bestätigen die Regel, also, lieber Spiegel-Leser, lehne dich wieder beruhigt zurück, die Welt ändert sich, aber Deutschland bleibt schön im kuschligen 19. Jahrhundert, da wo Mami Suppe kocht anstatt in hochkarätigen Gremien zu sitzen.
Schudder.
Mittwoch, 24. November
(Mannheim) Schöne Orte in Mannheim: Café Prag auf den Planken (köstlicher Kaffee, köstliche Croissants, sonst nix außer ein paar Whiskeys und ab zu einem kleinen Jazzkonzert).
Guter Ort in Heidelberg: Storchennest. Let's go to Storkennest! Ein Hauch von Berlin, so soll es sein.
Dubioser Ort in Heidelberg: Tati's. Schlechte Akustik und Made im Salat (Made! Nicht etwa Raupe. Gell). Ansonsten war das Essen zwar prätentiös, aber lecker.
In Mannheim gibt es dann auch noch so ein einsames Restaurant, ganz ganz einsam, direkt am Rhein, inmitten von Feldern im Weichbild der Stadt. Darin begrüßt einen ein freundlicher Inder, serviert Chai und Pommes und sagt, im Winter habe er zu. Man setzt sich ans Fenster und schaut gegenüber auf die ganze Pracht der BASF. Ich meine, hallo: Das ist toll.
Dienstag, 23. November
(Mannheim) Gespräch in der S-Bahn: Mein Sohn wohnt ja in Los Angeles. -Ach ja? Ist ja toll! Ist das eigentlich an der Ost- oder an der Westküste?
Ich meine, hallo? Soll noch mal wer sagen, die Amis wüssten ja nichts und würden den Irak nicht mal auf der Landkarte finden.
Montag, 22. November
(Mannheim) Gespräch in der S-Bahn zwischen zwei älteren Damen: Waren Sie schon mal im Restaurant ....? Nein? Sehr gutes Essen. Die Besitzer sind von drüben.
Das ist lustig. "Drüben" schien eigentlich ausgestorben. "Drüben" ist annektiert, kognitiv, seitdem heißt es eigentlich nur noch Osten, und man meint nichts Gutes damit, hier im Westen. So gesehen hat sich nichts geändert.
Mittwoch, 10. November
(Mannheim) Schnee! Die Autos tragen Mützen. Leider taut es, also werden die Mützen krumpelig und schrumpelig und rutschen erdwärts, so dass die Autos wie griesgrämige Bulldoggen aussehen.
Dienstag, 9. November
(Mannheim) Die gleiche Sendefrequenz führt beim Wohnzimmerradio zu SWR2, im Schlafzimmerradio zu HR1. Wir haben also ein badisches und ein hessisches Zimmer. Wer kann das schon von sich behaupten? Abgesehen davon, dass HR1 nur 80er-Mucke spielt und überhaupt unterträglich ist (gestern sogar Chris de Burgh. Da kann ich eigentlich wieder nur Asterix zitieren: "Unser Barde hat eine Stimme wie ein Sistrum, aber sonst ist er ein guter Kerl".) Grossartig bei den 80ern ist ja, dass alles, wirklich alles, per Synthesizer produziert wurde. Man kann richtig die Finger auf den Tasten sehen, wie sie C, D, E spielen und auf "Saxophon" gestellt haben. tuut tuut tuut. Ach ja. Wieso kriegt man hier im Badischen eigentlich den Deutschlandfunk nicht ordentlich rein? Ich will wieder, wie früher, von bösen Interviews mit Schäuble
geweckt werden ("Aber Herr Schäuble, ist es nicht so, dass schwarze Kassen beim Wahlvolk ganz schlecht ankommen? Das müssen Sie doch jetzt mal zugeben, Herr Schäuble"). Jean-Claude Junckers luxemburgischer Akzent soll an mein Ohr dringen und mir das Gefuehl geben, das alles, irgendwie, doch, gut ist. Mit Europa. Und mit der Welt. Da kann man dann auch aufstehen.
Donnerstag, 4. November
(Mannheim) Bush hat gewonnen. Wir werden uns - noch mehr als bisher - mit dem Thema "christlicher Fundamentalismus" auseinandersetzen müssen. Darauf einen Dujardin.
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