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Mittwoch, 20. Oktober
(Mannheim) Ich weiß gar nicht, warum die Kommunistenjäger immer so gegen die Kommunisten geschimpft haben, die ja bekanntlich die Diktatur des Proletariats einführen wollten. Wir haben doch die Diktatur des Proletariats längst, und mir scheint, keine Wirtschaftsform ist dafür so geeignet wie der Kapitalismus. Ich meine: Die Putzfrau diktiert mir, dass ich meine Rotzfahnen nicht mehr in den Papierkorb neben meinen Schreibtisch, sondern bitte in die Grüne-Tonne-Sektion im Müll-Trenn-Mülleimer im Flur schmeißen soll. Sie bestimmt also über ca. 30 Fußwege, die ich bei Schnupfen täglich zusätzlich machen soll. Und der Schaffner diktiert mir, dass ich gefälligst alle Fahrscheinautomaten am Mannheimer Hauptbahnhof durchprobieren soll, bis ich einen finde, der meinen 5-Euro-Schein annimmt. Er bestimmt also darüber, ob ich zur spät in der Redaktion erscheine und einen wichtigen Anruf verpasse oder nicht. Den Automaten im Zug darf ich natürlich nicht nehmen, denn es steht ja an den Zügen dran, dass man ohne Fahrkarte nicht einsteigen darf. Der Automat im Zug ist also nur so ein Gag, und der Schaffner diktiert mir, diesen Gag als sinnvoll zu erachten. Nebenbei gesagt, funktioniert der Automat auch gar nicht, er wirft einem Fahrscheine aus, die nicht stimmen, worauf der Schaffner mir diktiert, dass ich dafür verantwortlich bin und mir mein Erhöhtes Beförderungsentgelt, das er mir aufbrummt, natürlich von den Mannheimer Verkehrsbetrieben zurückholen kann (er diktiert mir also ein, ach, bestimmt 32 Telefonate mit den Mannheimer Verkehrsbetrieben, bis die dortigen Proletarier verstanden haben, dass ihr Automat schuld ist und nicht ich, also bestimmt das dortige Proletariat auch noch über meine seelische Gesundheit, denn ich werde im Laufe dieser Telefonate mehrfach durchdrehen). Der Schaffner diktiert mir also (1) Schwachsinn (2) Zeitverlust (3) Geldverlust. Wenn das keine Diktatur des Proletariats ist. Abgesehen davon, dass das Diktat schwachsinnig programmierter, nicht funktionierender Fahrkartenautomaten (und in Deutschland gibt es nur solche) auch eine totale Diktatur des maschinellen Proletariats ist. In den USA nimmt jeder mistige Bus in irgendeiner No-Go-Area als Fahrkarte eine 1-Dollar-Note entgegen, die dann in so einen Schlitz gezogen wird und man darf durch die Schranke gehen. Zack. Ohne Aufwand. Dieser Automat funktioniert immer, und er diktiert einem auch nicht eine Minute Wartezeit, bis der gnädige Herr Automat mal geruht, eine Fahrkarte auszudrucken. In den USA ist das mit der Diktatur des Proletariats noch nicht so weit her, in Deutschland schon. Es lebe der Kommunismus.

Bei der Gelegenheit möchte ich überhaupt darauf hinweisen, dass die Herren und Damen Westdeutsche sich 1990, als die Mauer gefallen, die erste Euphorie vorbei war, höchstlich erhoben haben über diese Versorgungsmentalitäts-Ossis, die nicht gelernt haben, sich durchzusetzen, und nur die Hand aufhalten und vom Staat verlangen, alles zu regeln.

Und heute?

Da denken die Damen und Herren Westdeutschen genauso. Wo ist er denn geblieben, der vielgepriesene Wir-packens-an-Geist des goldenen Westens, mit der er sich ins Wirtschaftswunder geboxt hat? Wo ist den der Elan, Krisen zu überstehen, selbst anzupacken und nicht alles beim Staat abzuladen? Jetzt könnte man doch beweisen, jetzt, in der Krise, was man "den Ossis" angeblich so Tolles voraus hat!

Aber nein, überall jammern alle und schreiben nach dem Staat. Hey, Leute, was würde McCarthy dazu sagen. Sieg des Kommunismus, würde er dazu sagen. Gepuscht von Leuten wie Angela Merkel, die gestern vor laufender Kamera der Regierung vorwarf, dass sie kein schlüssiges Konzept für Wirtschaftswachsum hätte. Ha! Wieso sollte die Regierung ein schlüssiges Konzept für Wirtschaftswachstum haben? Seit wann ist die Regierung für Wirtschaftswachstum verantwortlich? Das ist doch die reinste Ossi-Denke. Hat aber nichts damit zu tun, das Angela ein Ossi ist, sondern - dass hier alle so denken. Die Regierung glaubt ja auch, dass sie eigentlich verantwortlich für das Wirtschaftsdebakel ist. Seitdem sie in Berlin ist, scheinen da vom ehemaligen Politbuereau so planwirtschaftliche Dämpfe rübergewabert zu sein. Ich sage ja, Diktatur des Proletariats.

Mittwoch, 13. Oktober
(Mannheim) Ja! Sie tun es! Die Mannheimer. Sie unterschlagen den Akkusativ. "Schöner Tag noch", sagt die Tengelmann-Kassiererin. "Ich will noch ein frischer Kaffee", sagt die Blonde im Café. Und: "Isch kauf dir ein neuer, Julius!" sagt der Papa zum Sohn, als dieser laut wehklagt, sein Bumerang sei in den Wipfeln einer stattlichen Eiche hängengeblieben.

Montag, 11. Oktober
(Mannheim) Sie haben die Nanny abgesetzt. Auf Vox. Einfach so. Ich bin untröstlich. "Schau mal wer da hämmert", läuft jetzt. Sehe ich mir nicht an. Nie wieder Fernsehen. Wozu auch - beim Durchzappen treffe ich Christine Kaufmann, wie sie bei Homeshopping Europe Kosmetik vertickt. Super. (Frage mich, ob Elfriede Jelinek auch bei Homeshopping Europe Kosmetik verticken würde, wenn sie nicht den Nobel-Preis gewonnen hätte - so für die Miete....?) Wenig später sehe ich Christine Kaufmann, wie sie bei dem königlichen Film "Out of Rosenheim" Tattoos anfertigt. Es lebe die DVD. Und in Sachen Christine Kaufmann: Homeshopping, Tattoo - same thing! Deswegen ist sie in dem Film ja so göttlich.

Sonntag, 10. Oktober
(Mannheim) Elfriede Jelinek hat den Nobel-Preis bekommen: Das finde ich gut. Die Feuilletons verschlucken sich, und die Geehrte auch. Aber jetzt hat sie endlich genug Geld für die Miete. Und jetzt kann man sie noch weniger leiden als vorher, vermutlich. Aber das ist ihr Stil. Sie schmeißt mit Kotze um sich, weil die Welt halt aus Kotze besteht (wenn man richtig draufschaut). Die Welt besteht aus Klischees, aus Geschlechter-Asymmetrien, aus niedrigem Instinkt. Und natürlich wäre es auch ein niedriger Instinkt, einen Nobel-Preis persönlich entgegen zu nehmen, den man ja nur _als Frau_ bekommen hat, und dort womöglich noch eine Rede zu halten - was ja der Gipfel des Klischees und des niederen Instinktes ist. Also bleibt Frau Jelinek zu Hause. Ich verstehe das. Mit 16 hab ich auch so gedacht. Ehrlich. Ich bewundere diese Konsequenz.


 

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(c) Annette Leßmöllmann