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Mittwoch, 29. September
(Mannheim) Eine Liedzeile, die Tom Waits singen könnte (wir würden sie sowieso nicht verstehen):
Born to be a PhD.
Dienstag, 28. September
(Mannheim) Für ein Straßburg-Wochenende suche man sich ein paar sonnige Tage aus, quartiere sich im Hotel Kléber an der Place Kléber ein (chambre mansardé - sehr gemütlich), um dann in den nächstgelegenen Monoprix einzufallen (der alles hat, was Karstadt nicht hat, nur besser). Man fülle den Einkaufswagen mit köstlichem Käse, Rotwein, Hartwurst und Schweinereien von der Gans, Notizhefte von Clairfontaine und Bics. Man ignoriere die stattliche Sammlung von Asterixen (zu schwer, lass uns lieber mehr Käse kaufen) und schleppe die Beute in sein chambre mansardé. Dieses füllt sich augenblicklich mit köstlichem Käseduft, nach kurzer Zeit muss man diesen Ort fliehen und das Münster betrachten. Auf dem Tympanon prangen viele Sachen, unter anderem ein Ziegenbock mit Erektion.
Während man den Ziegenbock begutachtet und sich Gedanken über den Humor der Steinmetze macht, isst man Törtchen, in Kakao gewälzt, mit einem Krönchen aus Schokolade oben drauf, darin ein Klecks Orangenmarmelade.
Und so weiter. Strassburg ist eine köstliche Verbindung von Kultur und Essen. Das Musee D'Art Contemporaine hat ein wunderbares Restaurant dabei mit wunderbaren Salaten und einem leckren Riesling dazu. Das "Michel" südlich von der Place de la République versorgt uns mit sehr leckeren Crudités und Patés und einem guten Rotwein dazu. Wunderbar. Wieso lebe ich in Deutschland?
Dienstag, 28. September
(Mannheim) KarstadtQuelle geht den Bach hinunter. Ist das bedauerlich? Nein. Es war vorhersehbar. Schade nur um die Bonbon-Verkäuferin im Karstadt von Hamburg-Barmbek. Die war wirklich nett, und sie knüpfte mit Hingabe bezaubernde Bändchen um das süße Zeug und lächelte dazu. Sie war eine herzerwärmende Ausnahme in einem Meer von Unfreundlichkeit und Inkompetenz. Wer zu Karstadt geht, hört nur: Weiß ich nicht! Ham wer nicht! Kenn ich nicht! An der Kasse wird herumgemuffelt, dass die Schwarte kracht: Links anstellen, sehn se das Schild nicht! Und dann dieses bräsige Gequatsche mit den Kollegen: Mein Gott, Herta, bin ich froh, wenn die Schicht vorbei ist, jaja, nene, Arbeit macht keen Spass. Und so weiter. Man steht dann immer daneben und fragt sich: Hey, Leute, wenn ihr es nicht mal schafft, einem in die Augen zu sehen,
wenn ihr unser sauer verdientes Geld entgegen nehmt - ein Lächeln will ich ja gar nicht verlangen, ist sicherlich nicht gewerkschaftlich geregelt, so ein Lächeln - dann lasst es doch bleiben mit dem Arbeiten! Tut mir Leid, dass ich euch hier an der Kasse belästige. (Das Wort "abziehen" im Sinn von "kassieren" bekam hier einen ganz besonderen Hautgout. Es bekam hier, bei Karstadt - ich rede schon im Imperfekt! - seine eigentliche, fiese Bedeutung zurück.)
Apropos Geld: Das Karstadt-Prinzip lautet - gleiche Ware für die Hälfte mehr Geld, die der Kram woanders kostet. Dazu: Schlechte Auswahl, absolute Beliebigkeit im Stil und in der Preislage, keine klare Linie. Wozu geht man also überhaupt zu Karstadt? Weil grad nix anderes am Weg liegt (sie sitzen halt gern an Knotenpunkten - einziger Vorteil, vielleicht), oder weil man im Kopf hat: Eigentlich nicht der billigste Laden - die müssten das doch haben. Stimmt, ist ein teurer Laden, aber was bekommt man dafür? Irgendeinen Mehrwert? Service, Flair, Stimmung, Auswahl, Image...? Nix. Einfach mal geradeweg - nix. Tja Leute, so läuft das heutzutage eben nicht mehr! Ich hab da mal Ostereierfarbe gekauft, weil es schnell gehen musste. Ein Euro fünfzig. Die gleiche Ware gab es bei Budnikowski (Hamburger Kult-Drogerist) für einen Euro. Und bei Budni sind alle nett. Was soll ich dazu noch sagen - Karstadt geht halt den Bach runter. Wurde auch Zeit.
Bei der Gelegenheit ein Loblied auf Peek und Cloppenburg. In den 70ern auf der Zeil in Frankfurt noch so ein richtiger graubrauner Oma-und-Opa-Laden, heute mit dem Shop-im-Shop-System eine klasse Adresse (jedenfalls in Hamburg). Und außerdem haben sie immer noch dieses Klamotten-Transport-System zur Kasse, das mich als Kind schon schwer beeindruckt hat.
Montag, 27. September
(Mannheim) Dramolett aus den Eingeweiden meines Computers gefischt! Hier ist es. Ätsch, ihr dürft zum gleichen Thema zweimal ein Dramolett lesen. Und dann abstimmen, welches besser ist. Wa.
--schnapp: "DER FREUND" von Springer: Super. Ich wusste schon immer, dass der Axel-Springer-Verlag im Grunde genommen der abgespacestete (<- det isn Wort wa) in Deutschland ist, der Freak unter den Zeitungsmachern (ich meine - wer ganze Redaktionen zusammenlegt, gell, der scheißt sich wohl auch sonst nix)). Dicker nackter Mann aufm Cover, dieses raue DDR-Papier (erinnert an die Fahrkarten aus Löschpapier der Brandenburger Straßenbahn, GROSSartig!) Dieses Heft atmet Nonchalance und könnte auch auf dem Nachttisch einer abgehalfterten Halbweltdame aus den 20ern liegen (im Morphiumrausch), oder neben dem Zeichentisch des Künstlers, der sich gerade überlegt: Soll ich das Modell da malen oder lieber gleich mit ihm... (während er sich in der eisigen Dachkammer den... abfriert), oder auch in der Hand des geifernden Karl Kraus schwer wiegen (wobei Kraus natürlich ke in gutes Haar dran lassen würde, das war sein Job (und er schreibt sich immer noch mit einem s, auch wenn die Frankfurter Rundschau ständig etwas anderes behauptet; offenbar gilt es heutzutage als intellektuell, Krauss statt Kraus zu schreiben; in der Linguistik nennt man das Übergeneralisierung)). Jaja, schon lustig; auch gleich eine limitierte Auflage von acht Ausgaben anzukündigen, hat schon was.
Jetzt muss ich den FREUND nur noch lesen. Und da wird es gleich heikel. Was werden mir von Stuckrad-Barre, von Uslar and the Gang wohl Neues zu berichten haben? Ich schreibe mich zwar mit zwei ss, anders als Herr Kraus, aber ich gerate trotzdem in eine gewisse unkende Stimmung. Immerhin bin ich entweder hyperintellektuell oder obertrashig (und oft, zur Verwirrung der Anwesenden, beides gleichzeitig), und daher können unsere aristokratischen schreibenden Freunde mich immer nur partiell unterhalten, weil sie, naja, irgendwo dazwischen sind, bisschen weichgespült also, Ambitio-Trash mit einer Prise Intellekt, das ist mir eigentlich zu wenig.
Morgen werden wir also erfahren, ob der FREUND sich gegen die NANNY durchsetzen konnte. Das ist immerhin eine ernstzunehmende Konkurrenz, liebe Freundinnen und Freunde des abgespaceten Dramoletts! Wird sich das gräuliche Springerprodukt gegen schrillen New Yorker Glotzen-Pop behaupten können? Dieser Herausforderung müssen sich die Freunde aus Katmandu ja wohl mal stellen (auch wenn die Redaktion stolz darauf ist, in Nepal kein MTV zu empfangen - wir empfangen es, und wir wollen unterhalten sein! Pah!)
Denn immerhin habe ich acht Wochen nicht ferngesehen, geschweige denn die Nanny. Vorgestern abend zum ersten Mal mal wieder andächtig vor der Glotze gehockt. Allerdings - der Glanz ist dahin, die Welt da draußen lockt zu sehr, auch wenn Niles großartig ist und Jumpin' Jack Flash wirklich ein liebenswerter Film.
Donnerstag, 9. September
(Mannheim) Warme Sommerlüfte umschmeicheln meine unbesockten Fesseln (Socken? Hatte ich seit Juli keine mehr an. In Mannheim. Im Sommer).
Ich trage wieder all die Lederschuhe, die ich in Hamburg nie trug - Erklärung siehe unten. Morgens streichelt mich die Sonne auf dem Frühstücksbalkon, während ich den köstlichen Tee trinke, den der Liebeste bereitet hat (weil ich natürlich wieder mal nicht aus dem Bett gekommen bin, denn ich musste bei Da Pino köstlichen Hauswein trinken, köstliche, köstliche, frische Pizza mit selbstgemachter Wurst drauf essen. Für 7 Euro, alles zusammen. In Mannheim. Im Sommer. Auf dem Weg zum Bahnhof bewege ich mich - nicht zu schnell, denn eigentlich ist es schon viel zu heiß. Am 9. September. In Mannheim.
(Hamburg) Der Zug fährt in eine graue Suppe. Deichtorhallen kaum zu erkennen. Schnell Fleece und Regenjacke an. Auf dem Weg zur U-Bahn durchweichen die Lederschuhe. Beim Umzug dann: Sonnenschein, juhuu!
Hamburg ist doch schön! Wir schleppen alle Bücherkisten und die edlen Buchenholzschreibtische in den Innenhof, um dann alles in den Umzugswagen zu schlichten. Der Himmel bedeckt sich in Sekundenschnelle und ein einstündiger Regenschauer durchweicht Bücherkisten, Buchenholz und uns. Anfang September. In Hamburg. Mehr sage ich dazu nicht.
Mittwoch, 8. September
(Mannheim) Ich vergaß zu erzählen, dass Salmonellen buddhistisch machen. Per Salmonella ad Buddha. Warum? Man liegt und schwitzt und leidet Schmerzen, und alle Agendas, Abgabetermine, To-Dos fliegen einem sukzessive um die Ohren. Text fertig am Dienstag, ach das schaff ich, morgen noch ein bisschen rekonvaleszieren, dann klappt das schon.
Mist, Dienstag und immer noch Fieber, na dann Mittwoch. Mist, Mittwoch und immer noch.... und so weiter. Man gibt es dann auf, irgendwann, und denkt sich: Abgabetermin? Wie schreibt man das noch gleich? Guter Zustand. Ich versuche, ihn in die gesunde Zeit herüberzuretten und es gelingt mir... naja. Nicht. Aber egal. Ich habe die Weisheit geschaut, wenige Tage lang. Man muss dankbar sein.
Und hier zur Erheiterung Egon, wie er Santa Maria intoniert.
Dienstag, 7. September
(Mannheim) Heute morgen Elvis im Radio gehört. Mein Gott, denk ich plötzlich. Er klingt wie Karel Gott. (Goscinny hätte Elvis Schmalzus Raclettus genannt. Oder Feistus Hüftus. Oder so.)
Donnerstag, 2. September
(ICE Mannheim-Hamburg) Ich fahre mit dem Zug gen Hamburg, um dort die Wohnung aufzulösen.
Noch weiß ich nicht, was mit erwartet. Ich ahne es, und es gibt Vorboten, die man ja bekanntlich an untrüglichen Zeichen festmachen kann, Sachen wie schwarzen Katzen und Schäfchen auf der falschen Seite und so. Meine Vorboten sind: Mein - glücklicherweise reservierter - Platz befindet sich - quetsch quetsch - in einen Abteil, und es ist ein Mittelplatz. Ich lasse mich in den Sitz sinken und ab dann beginnt dieses Spiel, den Knien und Füßen der Mitreisenden auszuweichen, sich die ZEIT von links und die Süddeutsche von rechts aus dem Gesicht zu streichen, die Wuschelhaare der Nachbarin zur Linken dezent (man ist ja höflich, sie soll es nicht merken) aus den Augen zu klauben. Ein übler Vorbote ist auch, dass ich gegen die Fahrtrichtung sitze. Nicht, dass es mir was ausmachte. Aber es zeigt: An dieser Zugfahrt gibt es nichts, gar nichts Gutes.
Ich sitze und umklammere meine Tasche auf dem Schoß, denn eine Möglichkeit, sie abzustellen, gibt es nicht.
Schräg links von mir sitzt ein Philosoph. Das sieht man daran, dass er button-down-Hemden mit weißem T-Shirt drunter trägt, Levis und Lederschuhe, die englisch aussehen sollen, es aber nicht sind, und weil er seinen Max Weber so ostentativ wichtig liest, als sehe ihm sein Doktorvater dabei zu. Er tritt mir mit seinen pseudoenglischen Lederschuhen gegen das Schienbein, scheint das aber nicht zu merken.
So in Max Weber versunken, der gute Junge, jaja, der Geist besiegt die Materie, was geht mich das ganze unerleuchtete Gesocks um mich rum an.
Rechts von mir ist es kaum besser, der Typ liest auch (erschreckend, diese Lesebegeisterung, die einzige, die nicht liest, bin ich, weil ich keinen Platz dafür habe), hört dabei Walkman und fängt plötzlich an, mit dem Fuß zu wippen, was seinem Stuhl schreckliche rhythmische Quietschgeräusche entlockt, die er natürlich nicht hört, denn er hört ja Walkman. Das ganze Abteil starrt hasserfüllt auf seinen wippenden Fuß, was er natürlich nicht sieht, denn er liest ja die ZEIT.
Toll.
Mir gegenüber sitzt eine Schwiegertochter-Kandidatin mit Blüschen, rosa Schal um die Schultern, einem BWL-Lehrbuch auf dem Schoß, in dem sie mit drei verschiedenen Stiften Unterstreichungen vornimmt. Sie hat goldene Schnallen auf den blauen Collegeschuhen und einen golden Ring mit drei Steinen, wie ihn Bergedorfer Witwen tragen, die ein wenig Geld haben (ein wenig, aber das zeigen sie). Sie zupft sich den rosa Schal immer wieder um die Schultern zurecht, das arme Ding, es friert in diesem überheizten Abteil, hachnee.
Ich flüchte in den Speisewagen. Die Kellnerin ist eine braungebrannte blonde Walküre. Sie stellt sich neben mich, schaut mich nicht an, starrt auf ihren gezückten Block und blafft: "Ja?!" Ich antworte nicht sofort, denn das muss ich erstmal verdauen. Schon fange ich mir einen megagenervten Blick ein: Mensch ej ich hab nicht ewig Zeit jetzt hier zackzack! Ok, ich bestelle. Unglaublich, immer noch zu langsam, ich kann ihren Hass spüren, sie hasst mich, die Welt, die bestellt Ofenkartoffel, alles.
Wahnsinn. Ich beobachte sie ein bisschen und stelle fest, dass alle mit "Ja?!" angeblafften auf die gleiche Art zusammenzucken. Ganz toll.
Zurück im Abteil. Die Mannschaft hat gewechselt, nur der rosa Schal ist noch da. Er starrt mit Entsetzen auf die Frau neben mir, die sich offenbar gerade in eine Mülltüte übergeben hat. Ich weiß es nicht genau. Der rosa Schal entfleucht. Ich setze mich hin, denn das ist der einzige freie Sitzplatz, den es gibt, höre der Frau neben mir zu, wie sie über die Zwillinge lamentiert, die sie kriegt ("ey scheisse, das sind bestimmt Zwillinge, son Mist"), ziehe die Beine ein, wenn sie zum Klo rennt (ab und an wählt sie diese Variante), mache die Augen zu und stelle mich tot. Ich kann nicht schlafen. What next?!
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