|
Montag, 29. August
(Mannheim) Ach ja - wehe dem, der mit Auto aus Mannheim ausreisen will, gell. Direkt neben der Autobahnauffahrt erhebt sich ja neuerdings diese SAP-Arena, und offenbar haben die Mannheimer Angst, es könnte sie niemand besuchen wollen, die Arena. Also haben sie, schwupp, die Autobahnauffahrt gesperrt, aber ohne das anzukündigen. Also muss man im letzten Moment auf die Zufahrt zur SAP-Arena ausweichen. Dabei wollte man doch gar nicht zur SAP-Arena. Auch die 50 anderen Fahrer aus Stuttgart, Frankfurt, Hamburg und sonstwo wollten nicht zur SAP-Arena. Sie wollten auf die Autobahn, stattdessen kurven sie jetzt ziellos auf den imposanten Zufahrten, Abfahrten, sonstwie-fahrten zur SAP-Arena herum, ignorieren Sackgassenschilder, machen böse Wendemanöver - denn man kommt gar nicht mehr so leicht weg von der SAP-Arena (das ist ein
Komplott, sage ich euch. Außerdem liegen überall totgefahrene Hasen herum, was sicherlich auch eine wichtige Komponente dieses Sabotageaktes ist). Schließlich finden wir einen Ausgang und landen, schwupps, inmitten einer muslimischen Veranstaltung (vermutlich diese). Auch skurril; Ordner winken uns durch, mitsamt den anderen Verirrten. Und jetzt? Wir sind irgendwo im Niemandsland zwischen Mannheim und Heidelberg, wir sehen zwei Autobahnen und kommen auf keine drauf. Wut macht sich breit. Meine Begleitung schlägt vor, auszusteigen und auf den herumliegenden toten Hasen herumzutrampeln, aber der Vorschlag findet keine Mehrheit. Wir kurven an Schlafstädten mit Lärmschutzmauern vorbei (allein dafür müsste man Schmerzensgeld kassieren - wie trostlos ist das denn, nienienie würde ich da wohnen, und vorbeifahren will ich da auch nicht, verdammtnochmal, wo ist die Autobahnauffahrt?).
Wir finden sie, irgendwann. Zusammen mit den anderen Verirrten. Es gibt, so im Alltag, sehr eigenartige Situationen, liebe Freunde und Liebhaber des kurpfälzischen Dramoletts. Wen wir nächstens zu Frau Netrebko gehen, die in der SAP-Arena singt, dann - weh mir, werden wir ihn wohl finden, den Weg? Vielleicht eine Hasenpfote mitnehmen. Höhö.
Ach ja, und: Frau Doktor hat neulich fernsehen wollen, und da Herr Cousteau auf Arte im Himalaya herumirrte, anstatt ordentlich Unterwasserbilder zu zeigen, wurde Frau Doktor unkonzentriert und tippte träge auf der Fernbedienung herum und landete zappend - bei Stefan & Erkan. Also der Film, ne (wahrscheinlich haben die schon 100 gemacht? Ich meine den mit dem Bunny, das voll krass die Welt retten will. Weißt du.) Ok, ich mache es kurz. Ich habe mich totgelacht. Dieser Film hätte grandios in die Hose gehen können, und wahrscheinlich ist er auch nur einen Millimeter davon entfernt, grandios in die Hose zu gehen - aber ich habe mich schlapp gelacht. "Dies Bunny ist voll krass Computer Avatar! Verstehst du!" Ich muss schon wieder lachen. Tut mir Leid, Leute, dieses Dramolett endet hier, muss mir dieses DVD kaufen gehen. Höhö.
Sonntag, 28. August
(Schloss Johannisberg am Rhein) Junger ukrainischer Pianist gibt das Wohltemperierte Klavier zum besten. Die Zuhörer in der ersten Reihe nicken nach und nach ein. Das ist nicht fair, der Pianist gibt alles und tritt eifrig das Pedal, was die Puristen aufregt - das wohltemperierte Klavier? Pedal? Die hatten doch gar keins, damals, und überhaupt - das muss man doch trocken spielen, nicht so saftig mit Hall! Nun gut, Aufregung hält wach, und man kann ja auch ab und zu ein wenig das Publikum studieren, Anwälte und Bankmenschen aus Frankfurt, meistenteils, offenbar ist der Rhein hier so eine Art Wochenendtummelplatz für diese; "ich verdiene ja jetzt ganz gut", höre ich von links (das scheint ein akzeptierte Art der Konversation zu sein. Kurz darauf schläft der Sprecher tief); jedenfalls: Es riecht nach Geld und zweifelhaftem
Geschmack; Frankfurt halt. Die Damen zwängen ihre teutonischen Quadratlatschen in Gutschileder, aber das man hier und da was gegen Hornhaut tun muss, um fußmäßig nicht furchtbar alt auszusehen - das hat sich noch nicht rumgesprochen ins eurogetränkte Bankenland (es hat sich nichts geändert).
Schluss jetzt mit der Lästerei, der Pianist ist am Ende angelangt, standing ovations von denen, die am tiefsten geschlafen haben (ich bin sowieso davon überzeugt, dass die Stärke des Klatschens eher mit dem schlechten Gewissen oder der Erleichterung, es hinter sich gebracht zu haben korreliert als mit sonst etwas). Der Pianist gibt eine Zugabe (ätsch). Plötzlich hört er mittendrin auf, springt auf, läuft nach draußen (Tumult! Ah! Oh!) und kehrt mit Bach-Noten zurück. Verbeugt sich noch einmal und fängt von vorne an; er habe sich verspielt und wolle es jetzt nochmal richtig machen. Das, sagt die Kennerin rechts von mir, würde hier bei uns niemand tun.
Freitag, 26. August
(Schweden) Hier ein nachgereichtes Urlaubsdramolett: Am Strand von Varberg an Schwedens Westküste, südlich von Göteborg. Segelschiffchen nach nächtlicher schaukeliger Kattegat-Überfahrt im Hafen festgebunden und erstmal Landgang. Varberg: Ehemals Kurbad mit "Kaltbadehaus" (Badestube ins Meer gebaut, Riesending im Serailstil, sehr lustig) und Festung. Sehr schoen, Felsenstrand, FKK (abgegrenzt für Männlein und Weiblein getrennt, wobei man bei den Frauen voll hineinsehen kann, wenn man auf einen großen Felsen steigen würde - ich nehme mal an, dass dahinter irgendeine Logik steckt, nicht wahr.) Und so weiter, tolle Spaziergänge bei Sonnenuntergang etc. pp. Jugendliche sitzen in Gruppen und saufen sich tot. Eine junge Dame, so um die 16, kommt zu uns rübergeschwankt, baut sich vor uns auf und übergießt uns mit einem
Schwall voll schwedischer Worte. Wir protestieren freundlich, wir verstünden sie nicht. No problem, sie schaltet erstaunlich gut und schnell auf Englisch um (schwank): Sie habe ein bisschen getrunken (ach?) und jetzt wären da die Bullen (tatsächlich, junge Politi-Männer haben ihre Kumpels am Wickel) und ihre Mutter wäre gar nicht begeistert, wenn sie die Nacht in der Ausnüchterungszelle verbringen müsste (sind wir hier in den USA?) und ob sie ein bisschen bei uns bleiben und mit uns plaudern könnte (wollte schon immer mal jugendlichen Alkoholismus decken), und (im Ton der Fremdenführerin): Varberg ist wirklich ein schöne interessante Stadt mit Kaltbadehaus und Festung, und (schwank) überhaupt hätten ihr diese Mistkerle doch tatsächlich das ganze Bier über die Bluse gekippt und sie müsse jetzt wieder gehen.
Später treffen wir sie wieder, wie sie (schwank) die Politi dabei fotografiert, wie sie ihre Kumpels in der Mangel haben. Die Politi grinst. Ist doch nicht USA hier.
|
 |
|