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Montag, 21. März
(Mannheim) Veni, vidi - vamos.

Sonntag, 20. März
(Mannheim) Höchste Zeit, dass ich diese Homepage aktualisiere. Man fragt schon besorgt nach - Burnout? Schreibkrise? Kein Bock? Nichts dergleichen, verehrte Freunde des offenherzigen Dramoletts, vielmehr - die unbedingte Weigerung, am Wochenende auch noch am Rechner zu sitzen. Das gilt zwar derzeit überhaupt nicht als comme il faut; man hat gefälligt am Rande des Nervenzusammenbruchs zu arbeiten, sonst gilt man als halbe Portion, die es nicht verdient, von irgend wem Geld für ihre Arbeit zu bekommen, aber - mir egal. Wochenende: Pause.

Naja, meistens. Wenigstens am Samstag. Vormittag.

Schnüff.

Samstag, 19. März
(Mannheim) Wir leben hier in einem Sprachendelta. Eine Stunde Fahrt nach Wissembourg/Weissenburg, und man erlebt urlaubsartiges Sprachgemisch:

Alte Frau auf Bank an vorbeigehenden Teenager: "Muscht heut nich schawwe?"
Teenager: "Ah si! J'y vais."

Donnerstag, 17. März
(Mannheim) Im Norden kalt, im Süden warm, 15 bis 20 Grad Celsius, AN RHEIN UND NECKAR NOCH EINIGE GRAD MEHR.

Wie schön, dass wir an Rhein UND Neckar wohnen. Hatte leider meine DigitolCamero (wie der Hanseat sagt) nicht dabei (seid froh, liebe norddeutschen Freunde des Dramoletts; Neid soll ja nicht so gut sein für den Teint), als wir gestern auf dem Sonnendeck des Verlags lungerten und die wintrigen Glieder durchwärmen ließen... es gab sogar Protest, es sei zu heiß. Gesegnete Palatina.

---schnipp---
Bestes Rehmedaillon, köstlicher Rieslingsekt: Hahnhof, Keplerstraße 32, Mannheim. "Wir haben ja unsere eigenen Jäger in der Pfalz" (mehr sage ich nicht dazu.) Der Gast aus Kalifornien: Mit vollem Mund und glücklich.

---schnipp---
Den Rhein hinauf wabern die Frühlingsdüfte. Bin versucht, mir die Kleider vom Leib zu reißen, mich in den Park zu legen und "Leckt mich doch alle!" zu denken (irgendein Hollywoodproduzent hat es sich zur Lebensphilosophie gemacht, jeden Morgen nach dem Aufwachen "fuck them all!" zu denken; er glaubt, dass das seine Konkurrenzfähigkeit steigt. Well). Ich reduziere das darauf, meine Wollsocken in die Winterkiste zu schließen.

Dienstag, 15. März
(Mannheim) Es gibt drei Sorten von Reaktionen auf die Ansage: "Ich wohne in Mannheim". Die eine ist betroffenes Schweigen, eventuell flankiert mit wirren Handbewegungen (Wringen) und gestotterten Fragmenten: Mann... äh .... wohn... äh... du? Andere fragen direkt: "Wie kann man nur nach Mannheim ziehen?"

Alle anderen, meist genauso wie ich zunächst zugereiste Zwangsmannheimer - kriegen glänzende Augen: Ja, da wollte ich nie wieder weg. Mannheim ist die meistunterschätzte Stadt Deutschlands, weil die meisten, wenn sie Mannheim sagen, an Ludwigshafen denken. Aber Mannheim ist nicht BASF und Bombenkrater und Beton. Mannheim ist die beste Stadt, die es gibt: schön, Jazz, Rheinpark, und das netteste Verkaufspersonal auf der ganzen Erde (nur noch übertroffen durch die USA). Und warm. Und die Pfalz. Und der Wein. Und das Elsass. Ach könnt ich nur wieder in Mannheim sein, und nicht in diesem stinkichten Berlin/New York/Bietigheim-Bissigen.

Ich referiere hier nur, liebe Freunde und Verehrer des ganz neutralen Dramoletts. Gell. Ich sag nur, wie's ist. Ich würde nie auf die Idee kommen, meine Bekanntschaften in ressentimentbeladene Nichtwisser, irrationale Heidelberg-Verehrer oder hochnäsige Hauptstädter einerseits und wahre Kenner andererseits einzuteilen. Niemals. Zwar ist die Sache mit Mannheim geradezu ein Lakmustest für geistige und emotionale Reife, denn sie zeigt, inwieweit ein Mensch wirklich verstanden hat, worum es geht - aber ich würde das niemals, niemals in irgendeiner Weise ins Feld führen.

Niemals.

Höhö.

Freitag, 11. März
(Mannheim) Wieso kriegen Akademikerinnen keine Kinder? Ständig wird das diskutiert, vor allem in der ZEIT. Ich kann es nicht mehr hören. Die Gründe sind so einfach: Unsere Eltern haben uns erklärt, dass wir Schlampen sind, wenn wir vor dem Abitur Kinder Kriegen, verantwortungslos, wenn wir es im Studium tun, dumm, wenn während der Promotion. Wann wir sie kriegen sollen, hat uns keiner erklärt, da hat die bürgerliche Mama ein bisschen Hirnschwund gezeigt und immer nur darauf rumgeritten, wie verdammt wichtig es ist, sein eigenes Geld zu verdienen... und nicht nur als Makramee-Beschäftigungstherapie, sondern ganz in echt... Ist ja auch alles ganz richtig, aber die Kinder nur als Jobkiller hinizstellen, war halt auch ein bisschen dumm. Da hat die bürgerliche Elite - und vor allem die bürgerliche Mutter - radikal versagt, liebe Leserinnen des brutalen Dramoletts! Eigentlich muss man die Kinder in der 12. Klasse kriegen, dann hat man noch Zeit dafür. Während des Studiums muss dann halt die Oma ran, und während der Promotion können wir mit den Kindern dann schon ihre ersten Sexualerlebnisse diskutieren, und wenn dann für uns so richtig der Job losgeht - dann sind die schon groß! Juchei! Und kriegen Kinder!

Und wollen uns als betreuende Oma! Mist.

Schnipp: In der ZEIT schreibt ein Leser, dass Frauen erst die Pille nehmen dürfen, wenn sie schon zwei Kinder geboren haben. Hihi, lustige Idee! Das finde ich eigentlich ziemlich gut. Wenn plötzlich alle Kinder kriegen, dann ändert sich bestimmt ganz viel in diesem Land. Z.B. werden dann Kinderkrieger nicht mehr schief angesehen - als Schmarotzer auf dem Arbeitsmarkt, die sich für ihre Brut von der Firma durchfüttern lassen -, Frauen, die eine permanente Stelle anstreben, nicht mehr als "na die will ja doch nur Kinder kriegen auf unsere Kosten", sie werden nicht mehr auf zweitrangige Posten versetzt oder gleich rausgeekelt... jippee, prima Idee. Herr Dr. H.H. aus B.: Ich bin dafür, schreiben Sie eine Petition - meine Stimme haben Sie. Ja, ich bin dafür: Alle Schülerinnen kriegen ihr erstes Kind im Abitur und ihr zweites im Vordiplom. Und der erste Professor, der sich über Kindergeschrei im Seminar moquiert, wird kastriert.

Donnerstag, 10. März
(Mannheim) Lapides provolventes: Lateinisch für Rolling Stones. Ich habe den Link auf irgend einem der ca. 321 Blogs gefunden, die ich heute besucht habe. Die Blogosphäre übermannt mich!

Was tun Sie, um sich die Zeit freizuschaufeln, die Sie für die vielen vielen schönen Blogs brauchen?
1. Zeitung abbestellen
2. Freundin abbestellen
3. Fernseher wegwerfen
4. ?

Die Antwort entscheidet über die Zukunft unserer Kultur, liebe Freunde des Dramoletts! Glücklicherweise sind Blogs eine Sorte Zeitfresser, für die wir uns nicht zu schämen brauchen.

Was Blogs sind? Kollege Mario Sixtus erklärt es uns jeden Mittwoch in der FR.

Dienstag, 8. März
(Mannheim) Silvana Koch-Merin, promovierte Volkswirtin, Mutter und Star der FDP, beklagt im "Stern" die Sorgen der berufstätigen Mama: Beim Shoppen bliebe für drei Paar Schuhe und zwei Anzüge nur noch zweieinhalb Stunden Zeit. In welcher Welt lebt die Dame? Seit wann braucht man für drei Paar Schuhe und zwei Anzüge zweieinhalb Stunden? Pah. Das frühstückt man in einer Stunde ab und dann geht man mit dem Liebsten Kaffee trinken. Ich kenne im übrigen Mütter, die würden jedem auf der Stelle die Füße küssen, der ihnen zweieinhalb Stunden Freizeit für so lustige Dinge wie Shoppen geben würde. Die haben sie nämlich nicht. Aber die wählen auch nicht FDP. (Vielleicht ist das der Fehler? FDP-Wähler haben, glaube ich, alle heimlich eine Schar von Domestiken, die die wirklich lästigen Dinge für sie erledigen... da kann man schon mal zweieinhalb Stunden fürs Shoppen rausschlagen und sich dann beklagen, dass das zu wenig ist... Ich will auch Domestiken. Wieso gibt es so wenig Domestiken, und wieso habe ich keine? Ich will einen, der mir nach dem Kino eine Droschke ruft und die Droschkentür für mich aufhält und dabei den Regenschirm über meinem Haupt balanciert, falls nötig; eine Kammerzofe, die meine Kammer entstaubt und morgens entscheidet, was ich anziehe; einen Schneiderbeauftragten, der alle zwei Jahre den Schneider kommen lässt und entscheidet, was der zu schneidern hat; mja, und natürlich einen Steuererklärungsbeauftragten und einen Putzbeauftragten und.... ich habe ja schon öfter gesagt, dass das alles ganz reelle Vorschläge zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit sind, aber irgendwie hört keiner auf mich.)

Freitag, 4. März
(Mannheim) Wer immer in besonders schwarzen Augenblicken des Lebens vom einfachen Dasein auf dem Lande träumt, um dem verwirrenden Kaleidoskop des Alltags zu entfliehen - Grashalm, Kuhmist, Chachacha! - der möge sich ganz schnell den Film "Carpatia" ansehen. Eine Doku über die Karpaten, die (ja da schau her!) kurz hinter Wien anfangen und dann, Polen und die Ukraine streifend, irgendwo in Rumänen aufhören. Die Menschen dort leben einfach und beschäftigen sich hauptsächlich mit Grashalmen und Kuhmist.

Nun ist es so, dass sich in den Geschichten über diese Menschen die Menschheitstragik an sich eröffnet: Der Mensch sucht, und entweder er findet, oder er tröstet sich mit dem Paradies im Jenseits. Die meisten Menschen finden nicht. Und auch die Karpatenmenschen finden nicht. Nur der dicke slowakische Zirkusbesitzer wirkt ganz zufrieden und hat seiner Tochter den Spaß am Leben weitervererbt (dafür aber - wieder so ein Menschheitsding - leidet sein Bruder nun schrecklich am An und Für sich und an der Schwägerin; die Kehrseite der Medaille ist eben nie weit). Auch der Roma-Schmied schmiedet und tanzt und ansonsten können sie ihn alle mal. Aber der Jesus-schnitzende Flößersohn aus Südpolen? Puh, welch Leid an der Welt (nicht ohne Komik). Oder die hübsche, junge, trotzdem irgendwie schon sehr alte Bäuerin aus Rumänien, die noch nie verliebt war? Natürlich ist das Glück nicht auf der Erde zu finden, sondern im Jenseits! Was fragen Sie so blöd, steht doch in der Bibel! Dass sie derweil fast genauso aussieht wie ihre alte Mutter, mag den Psychologen in uns zu Überlegungen anstiften, sie bleibt jedoch bei ihrem Wort.

Also, alles ganz bekannt. Ob man nun Wiesenblumen senst oder auf Tastaturen rumhackt, das mit dem Sinn hat wenig damit zu tun, was wir tun.

Allerdings klingeln in den Karpaten keine Handys. Das würde ich mal als echten Vorteil werten. Bringt einen in Sachen Sinn aber auch nicht weiter.

Donnerstag, 3. März
(Mannheim) Eine voll besetzte S-Bahn. Abends. Alle müde. Alles Büroleute, im Anzug, grau und blau. Stille, ab und zu ein Zeitungsrascheln oder ein gemurmeltes Tschulljung, wenn man wem auf die Aktentasche gelatscht ist. Plötzlich, fröhlich und laut, ein Chor: "Wir wol-len poppen, poppen, poppen...." Einer der Graublauen langt mit ausdruckslosem Gesicht in die Jackentasche und holt sein Handy hervor, drückt die Taste, durch die der fröhliche Gesang beendet wird, und beginnt ein Vorstadt-Feierabend-genervte Ehefrau wartet-Beziehungsgespräch, flüsternd, man könnte ja wen stören.

Tjaja, ich liebe die Polyphonie! Dieses letzte Residuum revolutionärer Ausdruckskraft in der S-Bahn, dieser Kontrapunkt zum Graublau.

Cool ist ja auch, wenn Wagners Walküren wieder mal reiten, und keiner will rangehen. Da da da daaaaaaa daaaaa, da da da.... Plötzlich wird wer hektisch, wühlt nach seinem Handy, die Walküren werden unterbrochen, und er flüstert in die S-Bahn-Runde: Tschulljung, das war ja meins.... die Kinder verstellen mir immer die Klingeltöne.....

Kleine Handyton-Typologie (natürlich total subjektiv und unfair): Die lauten nervigen Monophontöne, die wir alle von den Nokiaknochen der Anfangszeit kennen, die werden besonders von den gestressten Müttern benutzt ("Was? Ihr habt waaaaaaas? Das sollt ihr doch nicht! Wartet, ich komme sofort heim!") Das Handy als wandelndes schlechtes Gewissen, der Klingelton als roter Alarmknopf. Dann gibt es noch die "Detective-Rockfort"-Variante, also der Vintage-Style, der historische Klingelton, bei dem wir entweder besagtes Smartass oder gleich die holde Miss Marple zum schwarzen Backelithörer greifen sehen. Diese Tonbesitzer sind meistens Handy-Könner, die erstens den Ton angenehm leise gestellt haben und zweitens ihr Handy nach dem ersten Klingeln am Ohr, so dass das Drrrrrring schnell aufhört. Eine Geschmeidigkeit, die ich bei den Alarmtonmüttern gerne sähe, aber bitte, man kann nicht alles haben.

Dienstag, 1. März
(Mannheim) Schnee, Sonne und ein Buch von Boris Akunin - rules ok.


 

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(c) Annette Leßmöllmann