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Freitag, 27. Mai
(Mannheim) Sehr geil - bis zum Juli darf der Kanzler das Parlament davon überzeugen, wie schlecht seine Politik ist, damit das Parlament ihm das Misstrauen ausspricht, damit es ihn dann im Herbst wieder neu wählen kann, weil, seine Politik ist ja so toll.

Höhö. Endlich macht Politik wieder Spass.

Schnipp. An der Heidelberger Uni werden Tütchen mit Sächelchen verteilt, die der Student so braucht. Oder die Studentin. Von Firmen, die offenbar Geld dafür bekommen, den akademischen Nachwuchs konsumtechnisch anzufixen (kommt einem irgendwie, naja, nach-wendig vor, tschuldigung - als ob der akademische Nachwuchs bis zum ersten Semester nicht schon drei Millionen Werbespots gesehen hätte; kurz nach der Wende gab es bestimmt Gauner, die an der Humboldt-Uni West-Tampons und West-Kaffee verteilten... aber naja). Also, die Sache ist an sich schon putzig, aber was da verteilt wird, das haut dem Fass die Krone ins Gesicht: Die Jungs bekommen Rasierer. Und die Mädchen Spüli.

Hahahaaaaa! (<-- Infernalisches Gelächter, von einer öffentlichen Entleibung begleitet... nein, lieber doch nicht, ich will noch die Große Koalition erleben. Wäre nur ehrlich, so eine große Koalition. Die SPD und die CDU eint (1) der Mangel an einem Programm (2) demzufolge Austauschbarkeit (sag mir doch mal einer: Wodurch unterscheidet sich ein SPDler von einem CDUler? Na? Würde ich gerne mal wissen. Dass die SPDler finden, Frauen sollten arbeiten? Ha, ha, haaaaaa! Ich glaube kein Wort) und (3) ein gewisser Mangel an kompetenten Fachkräften, die den Eindruck machen, eingearbeitet zu sein (4) eine gewisse Fähigkeit, bei Sabine Christiansen den Anschein von Medienkompetenz zu verbreiten, wobei Medienkompetenz umgekehrt proportional zur Fachkompetenz.... ach ich hör jetzt auf. Klammer zu. Es ist Freitag, die Sonne scheint, Politik war schon immer ein ulkiges Geschäft, und ich freu mich aufs Sommerloch. Vielleicht macht ja wieder irgendjemand was in Sachen Rechtschreibreform, hatten wir schon lange nicht mehr. Wie wäre es damit, das ß abzuschaffen?

Mittwoch, 11. Mai
(Mannheim) Mich packt allumfassende Wurschtigkeit. Ein komplettes Everything-upside-down-Gefuehl, dass ich eigentlich nur von Vollräuschen kenne (und die sind, naja, lange her; man kann sich das heutzutage nicht mehr leisten). Beispielsweise ist mir klargeworden, dass der Journalismus in seiner alten Form tot ist. Seitdem die Süddeutsche es seit jetzt bereits mindestens zwei Jahren schafft, mir täglich eine Zeitung ins Haus zu liefern, die in fast jedem Artikel einen fiesen Rechtschreibfehler hat, wird mir klar: Der Journalismus ist tot. Wozu soll ich dieses Blatt eigentlich noch lesen?

Ja, doch, ich weiß warum. Wegen des "Streiflichts". Wegen der dritten Seite. Wegen der Meinungsseite (naja. Manchmal). Wegen der Wissenschaftsseite. Wegen der Medienseite. Wegen des einen oder anderen Artikels im Feuilleton.

Liebe Süddeutsche. Ich möchte hiermit täglich eine Zeitung bekommen, die aus genau diesen Bestandteilen besteht und nicht mehr. Dazu hätte ich gerne noch den Artikel auf der ersten Seite, der einen schwarzen Kasten drum herum hat, der ist nämlich meistens neu, selbst recherchiert und die FAZ hat ihn nicht. Ausserdem die "Leute"-Spalte in Panorama (Spaß muss sein). Die Fernsehseite. Und die drei Artikel im Jahr auf der Wirtschaftsseite, die mich wirklich interessieren, wo also mal was über Fonds, Versicherungen und Medienwirtschaft steht, was nicht aus irgendwelchen blöden Newslettern abgeschrieben zu sein scheint.

Das wäre eine interessante und vor allem abgespeckte Süddeutsche, die meinen Altpapiermüll entlastet.

Das eingesparte Geld könnt ihr gerne in eine erweiterte Schlussredaktion stecken, die die Accents bei tete-a-tete richtig setzt (nein, es heißt nicht á, Kruzitürken!) und diese ganzen stinkenden Wortleichen rausnimmt ("Schröder hat im Bundestag eine Rede hielt gehalten gehabt zu scheinen", Dinge dieser Art).

Contrapunkt und Anlass dieser Tirade: Dass der Journalismus in seiner alten Form tot sei, bestreitet Lorenz Lorenz-Meyer gewohnt klug. Danke, Lorenz. OK, vielleicht gibt es Hoffnung. Ich glaub aber nicht dran. In zehn Jahren wird die Süddeutsche aus 99% gekauftem PR-Kram bestehen, verfasst von Journalisten, die sich eine wirklich freie journalistische Tätigkeit nicht mehr leisten können, weil die Honorare das nicht hergeben und die Erbtante einfach nicht rechtzeitig sterben will, um diese brotlosen Sperenzchen zu finanzieren, so ein Mist. Vielleicht haben wir Glück und man sourct ganze Redaktionen out, lässt die Wirtschaftsseiten vom Redaktionsbüro Recherchier-dir-den-Wolf machen und betet zu Gott, dass das keine verkappte PR-Schmiede ist (honi soit...). Das könnte ein Geschäftsmodell sein. Ähnelt stark dem Baustein-Redaktionsmodell, das Lorenz für Onlinemedien vorschlägt. Letztere geben also den Takt vor - hoffentlich hört wer die Signale.

Dienstag, 10. Mai
(Mannheim) Es scheint zum guten Ton zu hören, darauf hinzuweisen, wenn man ge-heise-t wurde.

Montag, 1. Mai
(Mannheim) Endlich ist diese Frage auch mal geklärt: "Mein Kampf" ist in Deutschland nicht verboten (ausländische Freunde fragen sowas ja gerne (Deutsche nicht), und man steht dann blöd da mit dem Cocktail in der Hand und weiß nicht weiter. Gell. Ganz besonders blöd im gebildeten - nein, die Amis sind nicht so doof wie wir glauben - Neuengland, wo die Leute mehr über deutsche Innenpolitik wissen als man selbst.).

Werde überhaupt den Rest meines Lebens darauf verwenden, das Nur-halb-Gewusste, das Ich-weiß-es-nicht-genau, das Sollte-man-mal-nachschauen verdammt nochmal endlich nachzuschauen und zu wissen.

Ach nein. Lieber doch nicht.


 

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(c) Annette Leßmöllmann