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Mittwoch, 21. September
(Mannheim) Soso. Joschka steht nicht mehr zur Verfügung. Aha. Logisch - Gottvater ist entweder Gottvater, oder er schmeißt sich ins Holzfällerhemd und privatisiert ein bisschen; sollen doch die anderen mal ran. Aber stand nicht auf die Wahlplakaten: Zweitstimme ist Joschka-Stimme? Und gehört nicht auch gute Oppositionspolitik zur Politik? Aber nein, Gottvater macht lieber den Lafontaine und zieht sich zurück. Na gut. Man soll ja aufhören, wenn es am schönsten ist.

Montag, 19. September
(Mannheim) "Der Schröder", sagt mein Physiotherapeut, während er ein kochendheiß genässtes Handtuch knapp über meinem Rücken dräuen lässt, also, "der Schröder, der war doch gestern besoffen". Das Handtuch landet auf meiner Schulter, schlagartig bin ich wach, denn es ist acht Uhr morgens und eigentlich noch nicht meine Zeit für politische Gespräche. Handtuch wieder weg, uff, durchatmen, nachfragen: "Besoffen?" Ja, euphorisch eben. Vom Wahlsieg.

Der Mann mit dem Handtuch hat Recht. Mit welch niedrigen Wahlergebnissen müssen die Genossen gerechnet haben, dass sie lumpige 34 Komma etwas Prozent gestern Abend zu minutenlangen Ovationen hinreißen konnten? Wie tief wähnten sie sich, in welchem Ozeangraben der Wählergunst? Und jetzt plötzlich wieder in luftigen Höhen (von außen besehen ist das natürlich nur ein kleiner Buckel, ein Meeresrücken - hach wie schön flicht sich hier wieder das Rückenthema ein-, noch weit unter der Meeresoberfläche, aber das ist Schröder egal - l'état, c'est moi! Eine neue Regierung - nur mit mir! Das hat er gestern gesagt. Ich hab's gehört. Nicht geglaubt, aber gehört. So ist der Schröder.)

Merkel dagegen verliert echt. Heult fast. Weiß, wann Verlust als Verlust zu verbuchen und auch so genannt werden muss. Nicht wie der Schröder. Der merkt das gar nicht. Und deswegen mag ich Frau Merkel an diesem Abend lieber (obwohl mich diese ewig benetzte Unterlippe immer wieder rasend macht. Sie hat einfach so dieses Getretene, dieses - ach egal, sie ist mir fremd.)

Nach der "heißen Rolle" heute morgen zur Realitätswiederfindung kurz in den Coffee Shop daneben geschossen und Milchkaffee und Croissant bestellt.

OK. Das geht gar nicht. Erstens muss man in diesem Laden alles selber machen und es kostet trotzdem viel mehr als bei meinem Leib-und-Magen-Bäcker um die Ecke, wo ich zu köstlichem Gebäck und Kaffee außerdem ein freundliches "Na, haben Sie sich gestärkt?" und "Alla tschüß" bekomme. Im Coffee Shop muss ich erstens zwischen hunderttausend Sorten auswählen (das Thema ist schon vielfach behandelt worden: Kundenfrust durch Überfluss, aber egal, ich muss es auch noch mal sagen), dann entscheide ich mich doch wieder für einen Milchkaffee (und muss mich fragen, ob ich auf der Höhe der Zeit lebe - aber wenn ich einen von diesen Decaf-Vanilla-Schiessmichtot-Kaffees genommen hätte, dann hätte ich das Vanillearoma selbst in den Kaffee schütten müssen, mit so einer Apparatur, die mich verdächtig an den Senf-und-Ketchup-Spender meines autorisierten Currywurstdealers erinnert, und das muss nicht sein, morgens um halb neun). Dann muss ich mich zwischen hundert schwachsinnigen Gebäckstücken entscheiden (Bagel-Schnittlauch, was soll das denn). Ich entscheide mich für "das da", werde zurechtgewiesen "Sie wollen eine Croissant, ja?". (Ich hatte es nicht erkannt. Es war zu klein.) Dann kann ich mir den Kram am anderen Ende der Theke selbst abholen und Zucker und sonstiges selber an einer anderen Theke reinschütten (natürlich gibt es kein Tablett, und natürlich hat das Kaffeeglas keinen Henkel, und natürlich verbrenne ich mir die Finger, und natürlich ist der Platz, den ich mir aussuche, besetzt (hier sind alle unfreundlich - der Laden färbt ab), und natürlich muss ich am Ende mein Geschirr zu einer Ablage namens Dirty Dishes tragen. Selbst, versteht sich. Klammer zu.)

Blöder laden. Es gibt ein Buch, das dieses Thema behandelt: Dass der Kunde immer mehr selbst tun muss. Kaffee holen. Geschirr wegbringen. Überweisungen machen. Dazu gibt es auch ein Dramolett. Aber erst morgen.

Heute will ich noch festhalten, dass der Medienkanzler gestern eine Medienschelte losgelassen hat. Er hat dazu eine Wendung benutzt, die ich in meinen aktiven Wortschatz übernehmen werde: .... derer die da schreiben und senden. Derer die da schreiben und senden, sagt der Medienkanzler, hätten es nicht geschafft, seinen Wahlsieg zu verhindern.

Hahaha.

Montag, 5. September
(Mannheim) Der amerikanische Traum ist in den Fluten versunken.

Naja. Da ich ja Ironikerin bin und nicht Pathetikerin, würde ich so was nie schreiben. Ich nehme höchstens zähneknirschend zur Kenntnis, dass die Pathetiker (eine mir höchst suspekte Spezies, aber das liegt daran, dass ich Ironikerin bin) mit diesem Satz ein bisschen recht haben, gell. Aber nur ein bisschen. Denn zum amerikanischen Traum gehörte immer, dass die, die es nicht schaffen, absaufen - und nicht nur das; sie werden auch von denen, die vom amerikanischen Traum auf die glückliche Seite des Lebens gehievt wurden - in die Suburbs, in den SUV, und im Zweifel rasch auf die Ausfallstraßen raus aus der Stadt, wenn mal was schief läuft - ja, von denen werden die anderen halt ganz schnell vergessen. Ignoranz in Suburbland, und da der Präsident vom Suburbland gewählt wurde, ist er eben auch Ignorant. George W. Bush: Das Nichtwissen gebiert das Verbrechen. Bin dafür, ihm diesen Spruch ins Familienwappen zu meißeln. Ich bin fast vor Wut in den Fernseher gehüpft, als ich diesen PIEP vor Ort, durch Trümmer stapfend, sagen hörte: OK, hier ist alles kaputt, aber wir werden das wieder aufbauen; hier an dieser wunderbaren Küste werden wunderbare Villen mit wunderbaren Terrassen entstehen.

Ich dachte, ich falle tot um. Welche Villen? Welche Terrassen? Louisiana ist arm, Georgie; wer will hier Villen bauen - und auch noch mit Terrassen? Mit diesem Spruch hat sich dieser PIEP disqualifiziert (ach ja, hatte er ja vorher schon, ich vergaß), aber - schon wieder wird klar, wie dumm es ist, so einen zu wählen.

Und, naja, gut, dass ich keine Verschwörungstheoretikerin bin, denn - vielleicht sind die Vorortweißen ja froh, dass sie dieses schmutzige downtown New Orleans jetzt endlich abreißen und neu als Themenpark mit french quarter und allem Drum und Dran wieder aufbauen können - nur bitte diesmal ohne diese zahnlückigen Armen, die da immer rumlungern und schlechte Stimmung verbreiten. Schwarze sind ja ganz nett, aber bitte lieber nur als Deko.

Heute dazu ein schönes Interview in der SZ: Wie die USA ihre Städte aufgeben und schon immer aufgegeben haben, seit dem Ende des 2. Weltkriegs. Der Vorort besiegt die Urbs. Das kann man auch schön in Frantzens "27ter Stadt" nachlesen, wie Downtown St. Louis verwaist - und es ist wirklich so: Als Europäer fährt man blauäugig von der Autobahn zum Gateway Arch (dieser große halbe Bogen am Fluss, man kennt das ja) und denkt, so eine Stadt am Mississippi, die hat doch bestimmt was zu bieten. Aber nein, nur eine trostlose verlassene Backsteininnenstadt, vormals sicher wunderschön, heute nur noch zum das-Auto-von-innen-verriegeln; denn sicher fühlt man sich da schlagartig nicht mehr. Und es wird auch sofort klar, wie vergiftend Unsicherheit ist. Wie sehr sie den sozialen Frieden gefährdet. Plötzlich sind die Verlierer auch gleichzeitig nur noch die Bösen, die mit Waffen fuchteln. Die Welt wird auf grobe Art vereinfacht, und das ist gerade die Aufgabe der Stadt gewesen, immer gewesen, diese grobe Vereinfachung nicht zuzulassen, weil sie zeigt: Die Welt, das ist Pluralität, und ihr Menschen, ihr habt das zu begreifen und damit zu leben! Einfachheit, das ist Vorstadt. Und Illusion. Stadt, das ist Komplexität. Deswegen ist die Vorstadt der Tod nicht nur der Stadt, sondern auch des komplex denkenden Geistes, auf den wir eigentlich gesetzt hatten, als wir uns das mit der Aufklärung ausgedacht haben. Aber die Aufklärung hat eben in den USA nicht recht stattgefunden; Suburbs triumphiert. Die Stadt, die Urbanität, wie Europa sie kennt - hinweg. Da ist das, was jetzt in New Orleans passiert, fast nur noch eine traurige, aber logische Konsequenz.

Nachklapp:
Weiße, die sich in Supermärkten klauenderweise mit Essen versorgten, "entwickeln Eigeninitiative". Schwarze, die das gleiche taten, sind "Verbrecher" - dieser Rassismus wurde von vielen Fernsehberichten selbstverständlich inszeniert. Shame shame shame - auch hier.

Donnerstag, 1. September
(Mannheim) Es gibt zwei Möglichkeiten, zu erklären, warum die USA ihre abgesoffenen Südstaatler nicht ordentlich zu retten in der Lage sind.

1. Gott wird uns schon helfen. (Stichworte: Intelligent design und God's own country).
2. Sind eh nur N... pardon, Farbige.

Fassen wir das in politisch korrektes Deutsch, dann lautet das so:

Wir haben das Know-how (Wissenschaft), aber wir nutzen es nicht (denn wir glauben eigentlich nicht mehr an die Wissenschaft, sondern an Gott). Heisst: Wir haben zwar die Prognosen, dass unter bestimmten Bedingungen die Deiche brechen werden, aber es ist uns egal, und wenn sie dann brechen, dann sagen wir: Hoppla, wir haben echt nicht geglaubt, dass die Deiche wirklich brechen können (gerade eben genau so in der Pressekonferenz in Washington verlautbart. Ich dachte, mir fallen die Ohren ab).

Außerdem leben wir in einem föderalen System, und da ist im Zweifel immer der andere verantwortlich (und wer käme denn auf die Idee, den Präsidenten rasch von seiner Ranch zu holen. Amerikanische Arbeitnehmer haben üblicherweise zwei Wochen Urlaub, Bush hat fünf Wochen - das ist fair! Wer hat, dem wird gegeben! Ha. Nun, man kann ja mal das Katastrophengebiet überfliegen. Schlimm, das. Eieiei, so ein Dreck überall.)

Außerdem leben wir in einem Gesellschaftssystem, das seine Armen vergisst. Nur konsequent, auch bei Naturkatastrophen seine Armen zu vergessen. Stichwort: Wer ein Auto hat, fliehe. Wer keins hat, hat Pech (und ist im Zweifel eh nur kriminell, deswegen sorgen wir für Recht und Ordnung, anstatt die Leute zu retten und zu versorgen. Wo kämen wir denn da hin, wenn hier jeder (der drei Tage ohne Essen auskommen musste, Anmerkung der Säzzerin) hier einfach Lebensmittelgeschäfte überfällt. Klammer zu.

Nee nee nee, Leute - den sozialen Frieden zum Teufel jagen, das kann man schon machen, aber dann darf man sich auch nicht wundern, wenn die Welt vor dem Fernseher hängt und vorgeführt bekommt, wie sehr die USA hier nach Entwicklungsland riechen. Hier säuft sozusagen das Ghetto ab und zeigt allen, was passiert, wenn man sich die Armut einfach wegdenkt.


 

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(c) Annette Leßmöllmann