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Dienstag, 28. Februar
(Durban) An der Uni kommt Schmelztiegelfeeling auf: Hier sind alle Hautfarben vertreten, und Studenten wie Dozenten treten in gemischten Grueppchen auf. Ist aber bislang der einzige Ort, an dem wir das feststellen koennen.

Botanischer Garten in Durban: Sehr schoen, denn die Pelikane und Ibisse und sonstigen Tierchen leben hier wirklich, brueten hier also auch. Der eigentliche Knueller hier ist aber das Teehaus. Es wird von Freiwilligen betrieben, und die Erloese fliessen einer TB-Stiftung zu. Tolle Sache. Ich stelle mich an die lange Schlange zur Essensausgabe und erlebe mein blaues Wunder: Ungefaehr 15 steinalte, aufgebrezelte und in allerlei Varianten der plastischen Chirurgie unterworfene alte Damen richtigen ein heilloses Chaos an (deswegen auch die Schlange, die nicht noetig waere, denn die Gaeste sind nicht so zahlreich). Die eine nimmt also die Bestellung auf, was schief geht, denn sie ist schwerhoerig. Sie gibt irgendetwas an die Kueche weiter und stellt ein Tablett hin, auf das sie Teller und Tassen zu stellen gedenkt; dieses wird, als sie sich umdreht, von einer munteren Hundertjaehrigen wieder weggestellt, weil sie findet, das muesse ja hier nicht alles immer so rumstehen; mein freundlicher Protest wird ueberhoert, weil auch sie schwerhoerig ist. Die dritte kommt, fragt, was ich trinken will – Tee; ich hatte das schon der ersten und der zweiten gesagt, aber egal; auch die dritte macht keinen Tee, sondern holt nur wieder das Tablett hervor, stellt es vor mich hin und entschwindet. Und so weiter. Ungefaehr eine halbe Stunde spaeter bekomme ich einen kalten Tee, koestliche Sandwiches (ich wollte Scones) und den weisen Ratschlag, ich sollte mir doch vielleicht etwas frueher ueberlegen, was ich eigentlich genau essen will. Bei einem munteren 150jaehrigen an der Kasse werde ich mein Geld los; er kassiert so, als wollte er mich fuer den Militaerdienst einschreiben. Zum Totlachen. Das einzig Truebe an der Sache sind die apathischen schwarzen Damen in Kittelschuerzen, die immer zwischen den Tischen herumschlurfen und grimmigen Blickes das leere Geschirr abraeumen. Riecht irgendwie nach Apartheit, nach Hass auf eine stumpfsinnige weisse Herrschaft und nach innerer Emigration.

Es gibt hier uebrigens ein Magazin, das heisst „Aesthetic Surgery“. Da drin findet man graessliche Vorher-Nachher-Gegenueberstellungen (graesslich, weil die Frauen nachher viel schlimmer aussehen als vorher) und aesthetisierte Fotografien von Menschen, deren Kopf komplett mit einer Mullbinde umwickelt wurde. Sehr eigenartig, liebe Freunde und Foerderer des naturverbundenen Dramoletts!

Montag, 27. Februar
(Durban) Gestern in Scottburgh gewesen, das ist ein Strand suedlich Durbans, also an der schoenen South Coast. Nur Weisse am Strand. Tatsaechlich war er zu Apartheitzeiten (klingt nach „zu DDR-Zeiten“) „rein weiss“ und unser Gastgeber, der einer malayischen Familie entstammt und daher nach Suedafrika-Nomenklatur „coloured“ ist, bemerkt lakonisch: Hier haette ich frueher nicht hingedurft. Komisches Gefuehl. Und warum sind jetzt auch nur Weisse hier, mit Ausnahme von ihm, und warum spielen nur in einer ganz entfernten Ecke ein paar schwarze Kinder? Macht der Gewohnheit, vermutlich. Von der Ferne gesehen ist eben noch vieles genauso wie frueher. Schwarze wohnen in Durban in den Townships oder eben in den Slums, Inder in ihren Vierteln, Weisse in ihren. Selbst Afrikaaner und englische Weisse scheinen eher unter sich zu bleiben. Die einzigen Grenzgaenger sind zum Beispiel so ein paar verrueckte Deutsche, die ihre schwarzen Hausangestellten nicht mit dem Standardessen – staple diet - „Toast und Tee“ (nein, ohne Marmelade auf dem Toast. Das ist zu teuer.) abspeisen, im wahrsten Sinne des Wortes (auf einem Hocker im Hinterhaus kauernd, Teller auf den Knien, oder in der Waschkueche, wahlweise), sondern mittags mit ihnen am gleichen Tisch sitzen und ihnen das gleiche Essen servieren. Untergang des Abendlandes! Ich weiss nicht genau, wie viele Weisse darueber den Kopf schuetteln wuerden; fest steht, dass auch die schwarzen Hausangestellten sich deutlich daran gewoehnen muessen. Am Gleichen Tisch? Das Gleiche Essen? Ach du Liebe Guete. Grosse Irritation.

Aber vielleicht bricht das genau die zementierten Strukturen auf. So ist es etwa auch so, dass nur Schwarze auf den Strassen und Buergersteigen gehen. Mangels Auto. Sie marschieren auch auf den Freeways, am Seitenstreifen, und riskieren ihr Leben, aber – das sind halt die direktesten Routen von A nach B. Ein Weisser wuerde das nie tun; er verhaelt sich wie in L.A.: Von der Haustuer ins Auto, auf der Strasse alle Knoepfe runter, bis zum Bestimmungsort (der moeglichst einen bewachten Parkplatz haben sollte), und rein in die geschuetzte Mall. Buergersteige – sind was fuer die anderen. Oeffentlichen Raum nutzen, unter Baeumen sitzen, spazieren gehen gar – no way. Die Strasse ist die Wildnis, man sieht zu, dass man nicht gebissen wird. Und nur so ein paar verrueckte Deutsche meinen, sie koennten doch die Buergersteige auch mal zum Gehen benutzen. Lustig ist auch, dass ein Wachmann mit Schiessgewehr neben einem steht, wenn man Geld am Automaten zieht. Hi, how are you? Thanks, I am fine. Alles klar.

Sonntag, 26. Februar
(Durban) In die Huegellandschaft dieser Stadt sind viele Gottes- oder Gebetshauser eingestreut, Moscheen, Krishna-Tempel, Hindutempel, und wir kommen uns wie die Agnostiker vom Mars vor, denn hier scheint jeder an irgend etwas zu glauben, und das mit Inbrunst. Der riesige Jesustempel nahe eines Freeways, eine Megakuppel fuer Megagottesdienste, verkuendet draussen mit Riesenlettern: Hier sind alle willkommen! Komm herein, hier geschehen Wunder. Wir besuchen den Krishnatempel und bekommen eine lange Einfuehrung von einer Krishnaanhaengerin; Ihre Religion sei die konsequenteste, weil sie zum einen gar keine Religion in dem Sinne sei, wie das oft verstanden wuerde, denn sie wuerde keine harschen Vorschriften machen (gut, denke ich, und schaue auf die ganzen buntgewandeten laechelnden Menschen um mich herum, die sich zur Begruessung des Angebeteten Krishna flach auf den Boden werfen und ansonsten einen Frieden ausstrahlen, dass ich mir denke, wir sollten alle Krishnaanhaenger werden, und dann wuerde das mit den Ungerechtigkeiten und den Kriegen vielleicht automatisch aufhoeren. Aber wer weiss. Christen sehen in ihren Kirchen auch immer reichlich friedlich aus – und wir wissen ja, wozu sie so in der Lage sind, gell, Mr Bush.) Jedenfalls – Krishnaanhaenger essen kein Fleisch und nehmen keine Giftstoffe zu sich (Detox!), also keinen Alkohol, keine Kippchen. Und das sei ja wohl viel konsequenter, als nur bestimmte Fleischsorten zu verbieten, wie das gewisse andere Religionen tun, sagt die Dame. Alkohol zu verdammen und gleichzeitig das Rauchen zu erlauben, sei ja wohl auch total inkonsequent.

Ich lerne also: Krishna macht keine Vorschriften, denn die Vorschriften, die er macht, sind so konsequent, so radikal, dass man wohl schon gar nicht mehr merkt, dass man sich Vorschriften beugt (coole Logik).

Aber man kann das auch so drehen: Wer alle Gifte wie Zigaretten und Alkohol und alles Fleisch aus seinem Leben verbannt, der merkt vielleicht gar nicht mehr, dass ihm was fehlt. Wer sich dagegen den Alkohol versagt und das Rauchen zulaesst, dem wird ja staendig vor Augen gefuehrt, dass es da noch weitere Laster geben koennte, die zu froenen ihm seine Religion verbietet. Kein dummer Ansatz.

Uebrigens wohnen wir in einem alkoholfreien (weil muslimischen) Haushalt und warten mit Spannung auf das Projekt „detox Annette“!

Samstag, 25. Februar
(Frankfurt-Johannesburg) South African Airways hat die arrogantesten Stewardessen der Welt. Alle sind schwarz, jede sieht komplett anders aus als die andere, eine sieht aus wie Grace Jones. Wir sind fuer sie nur weisser Nervkram, das steht fest. Bloss keine Wuensche aeussern, denn sonst – if looks could kill, we would be dead now! Hat auch was. Als Weisser in ein Land zu fliegen, in dem vermutlich die meisten Schwarzen oder Farbigen in ihrem Leben mehrfach arrogant behandelt wurden, und zwar von Weissen – und dann, als Intro sozusagen, von Schwarzen arrogant behandelt zu werden, das gibt Stoff zum Nachdenken. Ich beschliesse, dass hier ausgleichende Gerechtigkeit am Werk ist (im Bordmagazin steht uebrigens, dass der erste schwarze Pilot bei SAA 1996 vorkam), mummle mich in meine Decke und wackle mit den Zehen in den knallorangenen Bordsocken, so, wie es mir dieses lustige Comicmaennchen auf dem Bildschirm vormacht. Die zwei deutschen Damen neben mir sind sudokusuechtig und verbringen die Nacht damit, Zahlen in Kaestchen zu schreiben und jeden logischen Schritt langatmig zu kommentieren. Kopfhoerertime. Ich sehe einen lustigen Film, der in einem Johannesburger Township spielt. Schwarzer Junge mit Ziege im Schlepptau kommt vom Land in die grosse Stadt und geraet auf sehr komische Weise auf die schiefe Bahn. Danach (denn ich kann, natuerlich, ueberhaupt nicht schlafen) The Weatherman; weisses amerikanisches Suburbiafamiliendrama. Kommt mir, nach der Townshipkomoedie, alles hochgradig absurd vor.

(Johannesburg-Durban) Gelandet in Jo’burg (sagt man hier so) und, nach einem abenteuerlichen Checkin (fuer RSA-Reisende: Man muss hier das Gepaeck aus- und wieder einchecken; Jo’burg ist also aehnlich hillbillymaessig drauf wie JFK in den 1990ern, wo man, wenn man nach Mexiko wollte, nicht nur sein Gepaeck auschecken, sondern auch offiziell einreisen musste (What’s your address in the US? I have none, as I am going to fly to Mexiko right now. Lady, you have to tell me an address in the US, please! (Ich meine – geht’s noch?!) drei Klammern zu))). Ein weisser Suedafrikaner lamentiert ueber sein schrecklich desorganisiertes Land, was uns deutlich peinlich ist. Denn – es haut doch alles hin, man checkt uns fuenf Minuten vor Abflug ein, man schleust uns fix durch die Kontrollen, wir lassen uns verschwitzt in den Flugzeugsessel fallen. Beim Inlandsflug ist die Crew weiss – und von einer Freundlichkeit, dass der Kontrast zum Langstreckenflug kaum zu ueberbieten ist.

(Durban) D’Urban ist eine erstaunliche Stadt. Vom Prinzip her eher Los Angeles als San Francisco, wenn ich das mal so als Kontrastspektrum hier aufspannen darf, also: Autozentriert, weitlaeufig, ueber die Huegel verstreut, Freeways mitten durch die Stadt. Also null europaeisch. Dann hat es aber wieder Strassen wie die South Ridge, die so steil hoch und wieder runter geht, das man, bei normaler Stadtgeschwindigkeit, ein Achterbahngefuehl bekommt – wie in San Francisco, eben. Und hier sind dann auch eher niedliche Stadthaeuschen zu finden, nicht die Mischung aus abgewrackten Housings und Fabriken wie an den grossen Strassen.

In einem dieser niedlichen Stadthaeuser mit Terrasse und Pool und Garten und Blick ueber die Huegel werden wir die naechsten vier Wochen hausen. Die Kontraste sind beeindruckend: Auf dem fernen Miniberg links steht der riesige „Pavillion“, eine Shoppingburg, nachts gruen beleuchtet. Direkt vor ihm: Townshiphousing, also Huette an Huette, in denen die Schwarzen wohnen. Auch wir schauen auf diese einfachen Haeuschen, wenn wir auf der Terrasse sitzen; die meisten ohne Strom und fliessendes Wasser. Slums sind es nicht; aber die gibt es auch; gnaedigerweise werden sie von einem begruenten Huegel verborgen, der ein Wasserreservoir beherbergt.

Wir lernen an diesem Abend den ersten wichtigen Satz; Suedafrika ist nichts fuer Weicheier – South Africa isn’t for sissis. Und nehmen das alles jetzt erstmal kommentarlos hin. Und versuchen ganz schnell, nicht mehr so kaesig und damit wie doofe Touristen auszusehen. Don’t look like prey!

Freitag, 24. Februar
(Mannheim-Frankfurt Flughafen) Natuerlich muss kurz vor knapp noch etwas Ganz Dringend Fertig Gemacht Werden, kurz vor knapp. Also noch bis um 2 Uhr Nachmittag am Rechner gehangen, dann nach Hause, packen, und dann, um 4, kaesig in den ICE gefallen, gen Frankfurt. Kaesig. Wir dokumentieren die Kaesigkeit per Digitalkamera, auf dem Boden vor dem Speisewagen sitzend, weil ICE voll, es ist ja Freitag. Ein gut gelaunter Schwarzer mit Saxophonkoffer bietet sich an, unsere Kaesigkeit zu dokumentieren, und macht Fotos. Sie sehen schrecklich aus. Wir sehen wirklich, wirklich schrecklich aus. Wir sehen so aus, als muessten wir zur Kur. Gehen wir ja auch, zur Kur: Sonne-Safari-Meer-Kur in Suedafrika. Die Vorstellung zaubert uns ein daemliches Grinsen auf das Kaesgesicht. Daemlich, weil – es gibt hier nichts zu lachen, Leute! Die Welt da draussen ist grau, grauer geht es nicht, das Ried (wie das schon klingt – Ried, diese im Sommer mueckenverseuchte, ansonsten einfach immer nur abgestandene Gegend um Gross-Gerau) das Ried also im Winter einfach nur flach und grau und einfamilienhaeusig, grauslig. Aber wir grinsen daemlich. Die Schaffnerin beugt sich mitleidig zu uns herab und reicht uns Kaffee. Wenn Sie schon auf dem Boden sitzen muessen. (Schlussfolgerung: Grinsen hilft und erweicht sogar das Herz schwaebischer Schaffnerinnen! Muss ich mir fuer die Rueckkehr merken).

Dann Frankfurt Flughafen. Alles so neu hier; in den letzten Jahren flog man ja nur noch von so Weltstadtflueghaefen wie Fuhlsbuettel oder Tegel, da freut man sich mal wieder ueber einen Richtigen Flughafen. Wir geben uns dem alten Frankfurter Flow hin, den wir aus Kinderzeiten kennen: Man latscht einfach los, und auf wundersame Weise landet man genau da, wo man hin will. Frankfurt ist fuer mich der Inbegriff der usability. Wer sich hier verlaeuft, muss vom Mars sein. Alles geht von selbst, wie mit implantiertem GPS. Nach wenigen Schritten sind wir in der Abflughalle und gleich am richtigen Schalter; es ist dieser enge Zusammenhang zwischen Groesse und Kleinteiligkeit, der mich an diesem Flughafen immer begeistert hat: Schon als Kind, wenn ich leicht besorgt aus dem Autofenster starrte und diese riesigen Gebauede auf mich zukommen sah, war ich ueberrascht, wie winzig alles ist, wenn man mal drin ist, und wie schnell man bei B67 (war doch 67, oder?) ankam, um fuer Berlin einzuchecken! Aufregend. Und jetzt holt uns schwupps die Kindheit noch mehr ein, wenn man naemlich diese ganzen neuen Kinkerlitzchen wie ICE-Terminal and all that stuff hinter sich gelassen hat, dann sind sie wieder da, die Kindheit und das gute alte Terminal 1, das, als wir klein waren, das einzige Terminal war. Niedrigdeckig, mit diesen Gumminoppenboden, den wir etwas frischer in Erinnerung hatten; klar, inzwischen gibt er sich eher wie ein jahrlang benutztes Kindernuckeltuch. Aber an vielem anderen ist die Jahrtausendwende vorbeigegangen, als sei nichts geschehen: Dieses Schwarzwaldstueberl im Souterrain, dieser grottige Italiener, die Flughafenapotheke. Wir sind begeistert und uns beschleicht das alte Flughafengefuehl: Jetzt das tun, was man sonst nicht tut! Wir gehen zu McDonalds. Ha! Grossartig. Danach beaeugen wir Terminal 2. Auch nett, denn man kann aufs Flugfeld schauen, als normaler Gast, nicht nur als eingecheckter Reisender. Trotzdem: Wir sind enttaeuscht. Allein diese 1980er Granitbodenvariante, die weisse Geruestkonstruktion an der Decke, dieser Hang zum Lindgruen. Baeh. Wir fahren mit dem Baehnchen wieder heim, zu unserem Terminal, kaufen suendhaft teure Tiegelchen mit Cremchen, lassen uns von der eigenartigen Mischung aus Luxus und Geschmacklosigkeit der Flughafenboutiquen umspielen und klettern schliesslich in das Voegelchen, das uns nach Johannesburg bringt.

Donnerstag, 23. Februar
(Mannheim) Die Dame ist freundlich. Sie schickt Unterlagen, bietet ein Telefongespräch „zum Kennenlernen“ an, verspricht Kontakte zu Experten.

Trotzdem ist die Dame lästig. Die Unterlagen verstopfen den Eingangskorb, ihr Anruf belegt die Leitung, und die Experten, die kann doch eigentlich jeder auch selbst kontaktieren.

Die Rede ist von PR. Jedes Unternehmen tut es, Minister, Stiftungen, Parteien tun es: Sie lassen PR für sich machen, beschäftigen also Menschen, die schöne Unterlagen verschicken, telefonisch nachhaken, Interviewkontakte versprechen.

Und einer der Gründe, warum mancher Wissenschaftsjournalist wurde, war: Dort gab es – lange - kaum PR! Keine wohl parfümierten Damen drechselten austauschbare Sätze, keine schicken Unterlagen wurden verschickt, und die Experten, die rief man selbst an.

Denn man nutzte seine eigenen Kontakte. Sein eigenes Wissen. Man fällte eine unabhängige, unbeeinflusste Entscheidung: Mit diesem Menschen will ich jetzt ein Interview führen, und zwar wann ich will und wie ich will und wie lange wir beide wollen, und ohne vorher Fragen mit der PR-Abteilung abzustimmen und ohne dass eine wohl parfümierte Dame daneben sitzt und mich hinterher belästigt, sie müsse aber bitte ein Belegexemplar haben.

Das ist böse, ich weiß. Und alle, die gute PR machen, werden mich jetzt hassen. Aber: Es ist ein angenehmes Leben, ohne PR. Es ist ein freies Leben. Ein wildes, unabhängiges Journalistenleben, jedenfalls, wenn man es ernst meint und keinen Ein-Quellen-Journalismus betreibt, bei dem man sich selbst zum Sprachrohr eines Forschers oder eines Labors macht. Was ja auch so etwas wie PR ist. Freiwillige PR. Also das Schlimmste überhaupt.

Und jetzt die Nachricht: Dieses Leben ist vorbei ein für alle Mal vorbei. Auch die Wissenschaft leistet sich inzwischen PR so gründlich, dass von einer journalistischen Oase keine Rede mehr sein kann. Zwar war die PR zunächst löblich: Öffentlichkeitsarbeit ist gut, denn immerhin bezahlt diese Öffentlichkeit ja für die Forschung. Außerdem soll der Journalist sich nicht mit zauseligen Forschernaturen abquälen müssen, die nicht einmal in der Lage sind, ein paar Artikel rüberzuschicken vor dem Interview. Oder die einfach unfreundlich sind, weil man ihnen ja, Gott sei’s geklagt, die Zeit stiehlt. Alles richtig. Und deswegen leisten sich Leibnizinstitute, Universitätsinstitute, An-Institute und forchungsnahe Spinoff-Firmen oder auch potente Forschungsfinanziers wie die Volkswagenstiftung pfiffige PR-Menschen. Der Punkt ist nur: Es wird immer mehr. Und die PR-Menschen werden immer besser. Denn viele von ihnen sind eigentlich Journalisten. Sie wissen, was Journalisten wollen.

Und so kommt es dann, dass samtene Stimmen mir durchs Telefon zuflüstern, es wäre doch ganz toll, wenn ich auf diese oder jene Konferenz ginge. Ich sei doch Expertin auf diesem Gebiet. (Das, Gott sei’s getrommelt und gepfiffen, hört man natürlich gerne). Und es flattern mir erstaunlich gut geschriebene Pressemitteilungen, ganze Artikel gar auf den Schreibtisch.

Da wird klar – die schönen Zeiten sind vorüber, in denen man im Dualen System arbeitete: Nur der Forscher und ich. Jetzt hat dieser freundlich lächelnde Dritte Mann von der PR-Abteilung seinen Fuß dazwischen gesetzt. Jetzt werde ich, wenn ich nicht aufpasse, doch zu dem Thema greifen, über das ich neulich diese knackige Pressemeldung gelesen habe. Einfach, weil ich die Pressemeldung gelesen habe. Vielleicht forscht jemand anderes viel besser, gründlicher, interessanter darüber – und hat nur leider keinen PR-Menschen zur Hand? Pech gehabt, wird es da in Zukunft heißen. Und vielleicht gehe ich ja doch zu dieser Konferenz und nicht zu jener, weil – schließlich bin ich ja Expertin. Und die Reise zahlt man mir, mit ein bissl Glück, auch noch.

Der Planet Wissenschaft, er ist erobert. Die Forschungsinstitute müssen sich aufstellen im Kampf um Geld und Macht. Wer ist die Elite im Land, wer bekommt die größten Geldbatzen, wer mischt in Exzellenzclustern mit, also in tragkräftigen Forschungsverbünden – das ist die tägliche Frage, und sie wird natürlich auch an der Pressefront beantwortet. Es ist eben nicht egal, ob über Forscher x in einem renommierten Blatt geschrieben wird, oder doch über Forscher y. Denn nur bei einem von beiden wird womöglich hinterher das Fernsehen vor der Tür stehen und noch mehr Werbung machen. Also ruft man die Journalistin doch lieber vorher an und fühlt mal vor. Kann nicht schaden.

Ich hoffe nur, dass das alles nicht zu weit führt. Denn es gibt, mit Verlaub, kaum etwas Schlimmeres als eine reibungslos funktionierende PR-Abteilung. In großen Unternehmen mutiert diese gerne zu einer Art Abwehrveranstaltung, die alles tut, um zu verhindern, dass der Journalist mit dem Experten spricht. Das ist lästig, etwa, wenn man als Wissenschaftsjournalist über Forschung in diesem Unternehmen berichten will. Es ist dann eine Frage der persönlichen Courage, ob ein Mitarbeiter dann doch ins Duale System einsteigt und ein ganz normales Interview mit der Journalistin führt, ohne PR-Gouvernante – er wird sich nämlich, auch das ist schon passiert, umschauen, die Stimme senken und sagen: „Wissen Sie – ich habe hier Narrenstatus, ich bin einer der wenigen, der frei mit der Presse sprechen darf!“ Alles schon erlebt.

Natürlich, ein Unternehmen will seine Geheimnisse schützen. Verständlich.

Hoffen wir nur, dass öffentliche und private Wissenschaftsinstitute nicht auch auf solche Ideen kommen. Dann wird es vorbei sein mit der schönen Zeit, als man einfach zum Telefonhörer griff und den zauseligen Forscher anrief und ihm einen Interviewtermin aus dem Kreuz leierte. Hach, war das schön, wild und frei.

Mittwoch, 15. Februar
(Mannheim) Libe Süddeutshe. Es reicht jetzt lanksam mit den fielen Schreipfehlern. Es beschlaicht mich dann immer so ein Gephühl, dass du deine Texte nicht nochmal durxliest, bevor du sie drùckst. Ich meine - auch so, also, inhaltlich. Gelle. Könnte ja sayn, dass die Texte auch nur von so einem Robota geschrieben werden *? Oder? Fiele Krüsse, deine troie Letherin, mit einer Trene im Knopfloch.
PS Übrigens, es heißt "Lose-lose-Situation", nicht "Loose-loose-Situation", da neulich in dem Artikel von dem, naja, Joschka. Und diese ` und ´, die ferteiln sich auch auch nich nur so nachm Zufallsprinzip über die, gell, Vokale. Hap ich mal gehört. Kann mich auch yrrn. Schwmm drber.

---schnipp---
Trotzdem hat mich der Artikel von Evelyn Roll auf Seite 3 neulich sehr erheitert. Es ging darum, dass jetzt, wo die Alphamännchen-Zischlaut-Troika SCHröder, SCHily, FiSCHER weg ist, man endlich vernünftig Politik machen könnte. Es höre einen mal, naja, jemand zu, so am Kabinettstisch, sagen da Ministerinnen, von denen man sonst nicht annehmen würde, dass sie sich kein Gehör verschaffen könnten.

Tjaaaaaa. In vier Jahren wird abgerechnet: Ob der neue Stil auch eine andere Politik bringt.

---schnipp---
Unfassbar, wie tief der deutsche Muttertierinstinkt sitzt. Kinder bräuchten die Mutter, nachmittags, heißt es hier. Kann im Umkehrschluss nur heißen, dass die Kinder im restlichen Europa, die nachmittags in der Ganztagsschule sitzen, entweder (1) mit Drogen ruhiggestellt werden (2) genetisch anders ausgestattet oder (3) einfach nicht solche Rockzipfelmuttersöhnchen sind wie die deutschen. Tja, sucht's euch aus. Ich halte das ja nur für eines dieser perfiden Mutterargumente: Ich bin für dich zu Hause geblieben, ergo: Ist es gut so, dass ich für dich zu Hause geblieben bin!
Aber leider wissen wir aus der deontischen Logik, dass aus dem schieren Sein keine Notwendigkeit - oder gar gesetzliche Gültigkeit! - abzuleiten ist. Aus "P" folgt nicht "notwendig P". Tja, aber kommen Sie Müttern mal mit Logik, junge Frau, kennse verjessen. Mütter (und sonstige Frauen) lesen ab sofort die Postille "Emotion" aus dem Hause Gruner und Jahr. Da geht es um Gefühle (ach!) und es soll nicht so abstrakt geschrieben werden, weil... naja, klar. Frauen und Logik. Is nicht. Weiß doch jeder.

Donnerstag, 9. Februar
(Mannheim) Man sollte bei dem ganzen Geschrei, dass wir doch Pressefreiheit haben und man im Westen doch alles publizieren darf und was-wollen-die-Muslime-denn?! vielleicht kurz innehalten und bedenken, dass man im Westen natürlich nicht einfach alles publizieren darf. Ich will jetzt nicht wieder mit der Auschwitz-Keule kommen und darauf hinweisen, dass natürlich niemand in einer deutschen Zeitung eine KZ-Karikatur gern hat; man kann sich ja auch andere Beispiele ausdenken: Eine böse Bruder-Johannes-Karikatur am Tag der Beerdigung von Johannes Rau wäre auch gemein. Etwa. Der große Unterschied ist aber nicht, dass hier gleich Fahnen angezündet werden. Sondern, dass man sagt: Pfui, geschmacklos, sowas druckt man nicht. Oder man diskutiert drüber, oder man zieht auch mal vor Gericht. Aber es ist definitiv nicht so, dass alles einfach kommentarlos gedruckt werden kann, ohne dass sich jemand aufregt. Das wäre, übrigens, auch ein falscher Begriff von Pressefreiheit. Pressefreiheit ist nicht: Wir können jeden Mist drucken, und keiner guckt hin. Sondern: Wir können prinzipiell jeden Mist drucken, und dann diskutieren wir die Standpunkte, und dann einigen wir uns darüber, ob wir bestimmten Mist vielleicht doch nicht drucken, weil es nichts bringt, ihn zu drucken - außer, dass man jemandes Ehrgefühl verletzt, oder die allgemeine Pietät, oder auch mal sein religiöses Empfinden. Das alles ist Sache eines gesellschaftlichen Diskurses. Und genau das ist bei den Leuten, die lieber Fahnen anzünden, nicht angekommen. Bedauerlicherweise.


 

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(c) Annette Leßmöllmann