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Montag, 30. Januar
(Mannheim) So viel zum Thema Emanzipation in Deutschland: Bei meinem neuen Personalausweis steht als Name "Dr. Leßmöllmann geb. Leßmöllmann". Jetzt mal abgesehen von der Absurdität, den Namen doppelt aufzuführen: Bei einem verheirateten Mann steht das nicht drauf. Da steht einfach sein Nachname, punktum. Dabei hätte er ihn doch auch wechseln können, im Prinzip. Frechheit.
Sonntag, 29. Januar
(Mannheim) Im SZ-Magazin wird Familienministerin und "Mutter der Nation" Ursula von der Leyen auseinandergenommen, das heißt, nicht sie, die Mutter, sondern die anderen, die Nation nämlich, die Gift und Galle speit über diese Frau mit ihren sieben Kindern und der Karriere und überhaupt: Klar schaffen Priviligierte (pfui!) das, die haben ja Angestellte (pfui), und wieso hat sie überhaupt Kinder, wenn sie eh nie zu Hause ist (pfui).
Das sind so viele pfuis drin, dass ich allen, die Kinder bekommen wollen, nur zurufen kann: Wandert aus. Geht in ein Land - und es gibt derer viele -, wo Frauen arbeiten, Kinder kriegen, sogar die vielgeschmähte Karriere machen, und es schreit kein Hahn danach. In Deutschland ist sowas noch eine Nachricht: Kinder? Auch noch so viele? Und Beruf? Nein, sogar Karriere? Pfui, pfui, pfui! Frau von der Leyen kriegt jetzt alles ab, was ihre Vorgängerin, die auch drei Kinder hat und berufstätig ist, nebenbei, was diese unter ihrem großen Busen müttlerich ersticken konnte - die Neiddiskussion. Jetzt fallen die ganzen Glucken, die für die Kinder zu Hause blieben, über von der Leyen her, die offenbar etwas verkörpert, was in Deutschland nicht sein darf: Freude am Job, Erfolg - und kein bisschen schlechtes Gewissen!
Während Familienministerin Schmidt den Charme eines Kindergeburtstagsfestes versprühte und damit allen ständig signalisierte - keine Angst! Ich mach hier nur ein bissl Politik, aber eigentlich bin ich durch und durch Mutter - da ist von der Leyen offensiv professionell, kann reden und haut auf die Sahne. Auch wenn sie gar nicht so viel anderes fordert als Schmidt - sie ist der Hasspopanz, auf den alle gewartet haben. Auf sie mit Gebrüll!
Und dann, ach ja, Leute, darf ich's mal sagen? Offensiv großbürgerlich sein und aus einem guten Stall kommen - das vertragen die Deutschen bei einer Frau nicht. Bei Männern vielleicht, aber bitte nicht bei einer Frau. Damit können sie nicht umgehen. Das geht vielleicht mal im Lokalen, aber nicht in der Bundespolitik. Da hätten wir bitte gerne Emporkömmlinge, wo Vattern noch aufm Bau geschuftet hat und wir haben dann mal ein bisschen Politikwissenschaft studiert. Alles andere ist der Nation suspekt.
Und jetzt noch eine Frage an die Glucken, die zu Hause blieben, der Kinder wegen: Und wofür habt ihr dann Romanistik studiert, auf Staatskosten?
Ich wollte bei der Gelegenheit auch noch mal drauf hinweisen, dass Wolfang Clement fünf Kinder hat.
Samstag, 28. Januar
(Mannheim) Straßenbahn. Zwei unterhalten sich auf Spanisch, regen sich darüber auf, dass ein Freund rausgeschmissen wurde, und das seien ja nun fast schon Zustände "wie im Krieg". Und so weiter. Haltestelle kommt, man verabschiedet sich - und zwar mit der Mannheimer Meltingpot-Formel "Alla tschüß!"
Ich lache mich tot. "Le echaron... es la guerra.... alla tschüß".
Montag, 23. Januar
(Mannheim) Aus der Reihe: "Vor den Fernseher gesetzt und auf der Stelle übergeben": Footloose auf DVD (mein Gott, es ist immer wieder erschreckend, WIE schlimm diese 80er waren. Ich weigere mich übrigens, "die 1980er" zu schreiben. Ist zwar jetzt so üblich, damit auch jeder Depp kapiert, dass es die "1980er" waren und nicht etwa die 1680er (man könnte ja sonst was verwechseln, Klammer zu). Der Punkt ist: Bei "den 80ern" kann man nichts verwechseln. Stilistisch unverwechselbar. Das ist, wahrscheinlich, der richtige Ausdruck dafür. Jedenfalls entdecke ich Miss Sex and the City Sarah Jessica Parker in "Footloose", auf DVD, am Fernseher, und sie heißt Rusty und war echt süß. Sie sollte immer Hosen tragen. Aber diese Karottenjeans waren schon schlimm. Egal. Wieso schaut man sich Footloose an, das ist die Frage. Antwort im
nächsten Heft.
---schnipp
Neulich machte einer am Handy mit seiner Freundin Schluss. In der vollen S-Bahn. "Ey, Silvia, isch sak dir, hast du voll Scheizze rumgeknutscht mit dem Typen, soll isch auch mal rumknutschen, was sakst du dann, ey?" Tjaaaaaa, Leute, andere Leute gehen ins Theater und zahlen Geld für einen solchen unterhaltsamen Auftritt, wir setzen uns in die S-Bahn. Gell. Dauert dann auch nur 17 Minuten, das Theaterstück, dann steigt man aus und geht beim Italiener seines Vertrauens erstmal ein Hausweinchen trinken, um wieder auf den Boden der Tatsachen anzukommen. Gell. Ey.
Samstag, 14. Januar
(Mannheim) Lese in "Mobiles Leben" von der SZ, dass das Erdoel knapp wird. Aha. Und dass auf einer Tagung darueber nachgedacht wird, wie in Zukunft das Leben aussehen wird, wenn man mal nix mehr hat, um es in den Tank zu füllen. Ich möchte bei der Gelegenheit zu Bedenken geben: Muss man so lange warten, bis man nix mehr in den Tank zu füllen hat? Genauer: Ist Spritknappheit eigentlich das auslösende Moment, um sich von der Mobilität zu verabschieden? Ich finde, es gibt ganz andere Gründe. Die mögen ästhetischer Natur sein, aber wo wären wir, wenn wir nur noch Sprit und Geld, aber nicht mehr Ästhetik einen Raum gäben in unserem Leben. Woll? Meine ästhetischen Gründe, mich gewissen Spielarten heutiger Mobilität zu verweigern, sind folgende: Als Kind beschlich mich immer Tristesse, wenn man mich ins Auto setzte, um zum
Großeinkauf in den Toom-Markt vor der Stadt zu fahren. Diese samstägliche Aktion war für mich immer der Inbegriff der Sinnlosigkeit: Auto an, auf die Straße, Stau. Auf den Riesenparkplatz (Stau), dann rumkurven, Platz suchen. Anderer genervter Mensch schnappt Platz weg (erster Ärger). Über verölten Parkplatz latschen (stinkt), eeeewig latschen, Einkaufswagen. Einkaufswagen zieht nach rechts, zweiter Ärger. Rein in Markt, vorbei an Schundplastikklamotten (Tristesse - Unterschichtkinder kriegen nur diesen Scheiß anzuziehen). Käsetheke (Stau). Dosengang (Tristesse - Unterschichtskinder kriegen nur diesen Scheiß zu essen), Fleischtheke (Tristesse aus allgemeinem Mitleid mit der geschundenen, abgepackten Kreatur - da war ich schon a bissl älter, zugegeben). Kasse - Stau. Tristesse. Ärger. Über dem ganzen hing Scheißmusik. Zum Auto, Einkaufswagen zieht voll noch viel mehr nach rechts. Mehr Ärger. Auf Bundesstraße, Stau. Nach Hause. Spätestens hier hatte irgend jemand irgend einen sinnlosen Streit angefangen,
und ich kann es keinem der Beteiligten verdenken - es ist einfach ein durch und durch sinnloses, tristes, ästhetisch erniedrigendes Erlebnis, in diese vorgelagerten Riesenmärkte zu fahren, und man musste einfach irgendwann Dampf ablassen. Aus diesem Grund boykottiere ich den Media Markt und sonstige schrillen, verlogenen Auswüchse des Spätkapitalismus, die nicht mal billiger sind, wie man hört (eine lustige Werbung haben sie, aber - die schau ich mir zu Hause an und nuckel dabei an meinem Lutscher aus dem Penny um die Ecke, gell). Ich bin ja nicht blöd.
In dem gleichen Artikel träumt jemand um die klein-vernetzte Lebensweise: Alles um die Ecke, alles zu Fuß und per Fahrrad. Genau das mach ich. Können ja alle lachen über den leicht überalteten Lindenhof mit seinen Tante-Emma-Läden, aber ich sage euch: Das funktioniert, Tante Emma hat's echt drauf. Im Grunde ist die ganze Mannheimer Innenstadt (für Eingeweihte: die Quadrate) ein einziger Hort des Tante-Emma-Ladens. Man kriegt hier von einem netten Kurpfälzer aus dem Berufsbekleidungsladen eine warme Weste für den Liebsten, oder ein Quadrätchen weiter sein Brautkostümchen, oder sein Frisürchen, oder ein elektronisches Teilchen, das den Liebsten glücklich macht, von einem anderen netten Kurpfälzer überreicht, in passend kleiner Menge (beim Saturn kostet das mal Zehn). Sehr nett. Wenn sich die Autofahrer noch abgewöhnen könnten, samstäglich heuschreckenartig in die Stadt einzufallen und schlechte Stimmung zu verbreiten (es gibt da dieses rote Ding, nennt sich S-Bahn, aber egal), wär's brilliant.
Aber ich verstehe die Autofahrer. Was sollen sie anders machen, wenn sie auf dem Land wohnen und die S-Bahn nicht bei ihnen vorbeifährt? Da kann man nix machen. Da kann man nur in der Stadt bleiben. Woll.
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