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Mittwoch, 26. Juli
(Mannheim) Süß. Die FAZ mockiert sich über "citizm journalism" (sic!)

Dienstag, 25. Juli
(Mannheim) Gestern beschwingt mit zwei Schoerlchen im Balg gen Heidelberger Hauptbahnhof gestratzt. Mit zwei Schoerlchen im Balg kommt einem selbst die Prenzlauer-bergige-hach-ist-das-hier-kinderfreundlich- romanistiskpromovierte-Hausfrauen-Idylle der Weststadt grossstädtisch und charmant vor (aber trotzdem, wie kommt das wohl, empfinde ich immer Erleichterung, wenn ich endlich wieder gen Hauptbahnhof stratzen kann). Mit zwei Schoerlchen im Balg verlaufe ich mich immer in diesem 70er-Jahre-Park vor dem Sitz der Firma Heidelberg und muss irgendwo durchs Unterholz brechen, um meine S-Bahn zu kriegen. Gestern auch wieder. Wie ich gerade so durchs Unterholz breche, dringen Menschenstimmen an mein Ohren und Radiogedudel - ich stehe plötzlich direkt neben zwei älteren Herren, die im dunklen Park sitzend, die Beine übereinandergeschlagen, wie sie nur Penner übereinanderschlagen, ihr Feierabendbierchen trinken und fröhlich plaudern. Ich, überrascht, geniert, dass ich so mitten ins Wohnzimmer platze, rufe ein freundliches "Moin!" (Warum auch immer moin, aber ich sage eben moin.)
Und gehe weiter.
Pause. Stille.
Dann die Antwort. "Moin!".
Pause.
Stille.
Pause.
Ich bin schon fast raus aus dem 70er-Jahre-Park, da kommt: "Sagen Sie. Sind Sie aus Ostfriesland?"

Ich finde, die Szene hat Flens-Werbung-Kaliber.

Montag, 17. Juli
(Mannheim) Lustig: Wenn man mit einem österreichischen Busunternehmen an den Balaton fahren will, bucht man - praktisch, praktisch - übers Internet. Menschen, die dabei einfach nur Namen, Adresse und E-Mail-Adresse angeben, bekommen eine freundliche, persönliche Buchungsbestätigung, die da lautet: Holen Sie bitte Ihr Ticket eine halbe Stunde vor Abfahrt am Counter ab.

Menschen, die aus Jux ihren Namen, Adresse und E-Mail-Adresse _und_ ihren Doktortitel angeben ("schreib mal das Dr. davor, die brauchen das dort"), bekommen eine freundliche, persönliche Buchungsbestätigung, die da lautet: Der "Lenker" (Busfahrer) hält das Ticket bei der Abfahrt für Sie bereit.

Falls also mal Fragen aufkommen sollten, wozu ein Titel nütze ist, hier die Antwort. In Österreich beschert er dem Träger eine halbe Stunde, die er länger schlafen kann. Ich meine: Man schaut dadurch doch deutlich entfalteter aus der Wäsche und bietet insgesamt einen wohlsortierten Anblick! Also, bitte keine falsche Gleichmacherei jetzt hier. Privilegien sichern das ästhetische Wohlempfinden der Umstehenden, und - wer hat's wieder mal erfunden? Kakanien.

Mittwoch, 12. Juli
(Mannheim) Nachtrag WM: Beim Endspiel saß ein Mann auf der VIP-Tribüne, den habe ich erst an seiner Frau erkannt: Chirac. Mme Chirac wie gewohnt mit der Betonfrisur der Oberklasse (die Mme von der Leyen auch trüge, wenn es nicht so schrecklich unpraktisch wäre). Doch Monsieur trug Buntglassteine vor den Augen, sprich eine Brille, die dem alternden Lino Ventura schon gut zu Gesichte gestanden hätte - oder aus seinem Gesicht herausgestanden hätte - egal. M Chirac war also eindeutig inkognito unterwegs, oder er nahm die Fußball-Sache als Privatangelegenheit, bei der man sich getrost gehen lassen kann (was mich enttäuscht. Ich dachte, wahre Aristokratie zeigt sich daran, dass man sich niemals gehen lässt, nicht einmal allein in einem dunklen Wald). Auf alle Fälle wissen wir jetzt, woher der Chiracsche Blick aufs Ganze, auf die Nation, auf nous les francais, auf nous les europeens oder was immer er grade im Blick hat, umrissen mit dieser besonderen Geste, bei der er die Arme weit öffnet und Finger spreizt: Chirac ist fehlsichtig. Deswegen braucht er sich nicht mit Details aufzuhalten, und die große Geste, mit der er sich Besucher auch ein wenig vom Leib zu halten scheint, dient eigentlich der Orientierung, als fühlender Abstandhalter.

Bei der Gelegenheit möchte ich nochmal darauf hinweisen, dass sein Handkuss auf Frau Merkel damals bei ihrem Staatsbesuch natürlich überhaupt nicht gentlemanlike war, sondern eine Frechheit. Er verneigte sich nicht vor ihr, wie es sich gehört, sondern riss ihre Hand an seinen Mund, nach oben, zu ihm hinauf - das macht man, wenn man mit einem Dienstmädchen poussiert. Aber die Deutschen merken sowas ja nicht. Denkt er. Recht hat er, der größte Hahn unter den gallischen Hähnen.

(Mann, bin ich heute wieder böse. Und schon geht es mir besser.)

Dienstag, 11. Juli
(Mannheim) Zidane hat sich selbst entthront, hat sich auf den Boden der Vorstädte zurückgeholt, aus denen er kommt. Die Erklärung gefällt mir bis jetzt am besten.

Samstag, 8. Juli
(Mannheim) 3:1! Yeah. Trotzdem muss die Linguistin wieder meckern: "Köhler kommt... die Kanzlerin... und dann noch die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, Franz Beckenbauer....", kommentiert der SWR-Reporter die Sekunden bevor die deutsche Mannschaft ihre Bronzemedaille bekommt. Lichtgestalt? Es reicht langsam, gell! Lichtgestalt. Pah.

Apropos Köhler: Zusammen mit der Kanzlerin am Dienstag nach dem Spiel (DEM Spiel, ihr wisst schon) vor den Kameras: Super Spiel, blabla, trotz allem, und außerdem (an Merkel gewandt): "Nach dem Spiel ist, äh, äh, nach dem Spiel ist, wie heißt das noch gleich..." Die Kanzlerin, die Mundwinkel dezidiert nach unten, souverän: "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Heißt das." (Sie hat wirklich eine schöne Art, die Jungs zurecht zu weisen.)

Apropos Sprache: Public Fiewing ist ja auch so ein Wort (Klinsmann sagt "fiewing"). Auch Frau Slomka sagt "publik viewing". Was soll denn das? Wieso nicht einfach: Öffentliches Currywurstessen plus Schlappekickergucke? Oder so? Public viewing. Pardon, fiewing. Pah.

Apropos Sprache: "Großer Schweinitag" find ich auch gut.

Dienstag, 4. Juli
(Mannheim) Das Gute an der grenznahen Wohnerei: Schwächelt die eigene Nationalmannschaft, geht man halt bei den Nachbarn feiern: "On a gagné, on va a Berlin!" im elsässischen Haguenau.

Jubelnder Fan in Haguenau


 

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(c) Annette Leßmöllmann