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Samstag, 25. März
(Frankfurt) Ankunft am Flughafen. Die grotesk unhöfliche Dame in der DB-Lounge hat keine Zeitungen für uns, und unsere Frage danach wird mit einer Art verächtlichem Schnauben quittiert, als hätten wir nach einem kostenlosen Glas Champagner gefragt (wie verwegen!). Wir sind diesen völligen Mangel an Freundlichkeit einfach nicht mehr gewöhnt. Was haben die Deutschen davon, dass sie in einem sicheren, luxuriösen Land leben, jederzeit zu Fuß überall hingehen können, ihr Auto an der Straße abstellen können, ohne als hoffnungsloser Hasardeur zu gelten - wenn sie sich die ganze Zeit so anmuffeln? Was haben wir von unserem öffentlichen Raum, der gerne als Kulturgut hingestellt wird? Nehme mir vor, die Tengelmann-Kassiererin beim nächsten Mal zu fragen, wie es ihr geht und ob ihre Kinder gesund sind.
Vermutlich wird man mich aus dem Laden schmeißen. Sexual harassment, oder so.
Mittwoch, 22. März
(Durban) Harrold entronnen und wieder in der großen Stadt. Wir machen wenige Fotos von ihr, denn es gilt nicht als angemessen, sich in der Öffentlichkeit mit Kameraausrüstungen zu zeigen. Also knipsen wir, husch husch, aus dem Auto heraus und erhaschen so ein paar schräge Aufnahmen der bunten Innenstadt. Vor der Abreise muss noch einmal der Victoria Street Market aufgesucht werden, der Gewürze halber, mit denen die Gaumen der Daheimgebliebenen erfreut werden sollen (vielleicht auch nur der Namen wegen zu kaufen: Mother-in-Law-Exterminator, Atomic Bomb. Vermutlich ist das Zeug absolut ungenießbar).
Doch irgendwas ist anders heute. Spannung liegt in der Luft. Wir fühlen uns beobachtet. Schließlich frage ich eine Zulu-Schmuckverkäuferin, ob es irgendwelche Probleme gebe. "Sie werden beobachtet", sagt sie. Wir sollen zusammenbleiben, diese Leute würden Messer benutzen. Warum, was ist los? Die Security streikt, sagt sie.
Das hat man davon, wenn man mal keine Zeitung liest. Darum ging es also bei der Demo, an der wir vorbeigefahren sind. Und kaum streikt die Security, ist es Essig mit dem sowieso schon bedrohten öffentlichen Leben: Man ist nicht mehr sicher und sollte lieber gehen. Das findet die Dame auch, sie will nicht, dass ihre Kunden überfallen werden. Also geordneter Rückzug; später werden wir uns grinsend darüber lustig machen, dass wir die gleiche Formation einnehmen wie bei der Safari in Erwartung wilder, bösartiger Tiere: Gänsemarsch, einer hinter dem anderen, nur leider fehlen die zwei netten Herren mit der Knarre vorne und hinten. Tief Luft holen, bloß nicht rennen, und runter in die dunkle Tiefgarage. Rein ins Auto, Abfahrt; der Mann in seinem Kabuff am Ausgang, der die Parkgebühr kassiert, bekommt ein Riesentrinkgeld - bei irgendjemandem müssen wir uns doch bedanken, dass wir kein Messer abbekommen haben.
Die Leute in Deutschland sollten ein bisschen freundlicher sein, wenn sie auf ihren Straßen schlendern, bedenkenlos ihre teuren Handys, Uhren, Klamotten zur Schau stellen. Lächeln, Leute! Es könnte ganz anders sein. Es könnte so sein, dass jeder Besitz einen gleich zur Beute macht. Allein die Hautfarbe macht einen zur Beute. Sehr eigenartiges Gefühl.
Samstag, 18. März
(Drakensberg, Amphitheater Lodge) Wir treffen Harrold. Dieser kleine Satz wird bei genau vier weiteren Menschen auf diesem Erdball hysterisches Lachen und Schenkelklopfen hervorrufen. Wir treffen Harrold in der Amphitheater Lodge, schön mit Blick auf das Amphitheater gelegen, eine halbkreisfoermige, imposante Bergangelegenheit, weswegen diese Lodge beliebt und von vielerlei Seite empfohlen und mit entsprechender Vorfreude erwartet wurde.
Allein, wir treffen dort Harrold. Harrold ist ein uebernaechtigter Juengling, der offenbar die ihm wenig auf den Leib geschneiderte Aufgabe bekam, die nicht kleine Lodge alleine zu managen, fuer ein paar Tage, und an dieser Aufgabe scheitert er in monumentaler Grandiositaet („Ich bin ja eigentlich Flieger“, sagt er. Tage spaeter hoffen wir fuer die suedafrikanische Luftwaffe und alle Menschen und Tiere auf der Erde, auf die ein Flugzeug ja auch mal drauffallen kann, dass er die Unwahrheit spricht). Als Intro eroeffnet er uns, dass die von uns gebuchten und noch am Vortag bestaetigten Doppelzimmer nun doch nicht fuer uns, sondern fuer eine wichtige Gruppe von Spaniern mit geheimnisvollen Kontakten zur Industrie vorgesehen wurden (was uns sofort zu hispanophoben Rassisten werden laesst, allerdings wandeln wir dieses Gefuehl dann sofort in ein harroldphobes Gefuehl um, als wir gewahr werden, was dieser Herr als Ersatz fuer uns vorgesehen hat: Ein Loch, oder sagen wir, eine winzige Bude, ohne Bad,
natuerlich, und gerade mal fuer zwei ok, aber fuer fuenf indiskutabel).
Harrold spielt mit seinem Leben. Das scheint ihm nicht klar zu sein, denn er beteuert immer wieder, er wuerde sich doch um alles kuemmern und uns morgen ganz sicher die vorgesehene Praesidentensuite organisieren. Nachdem wir die Nacht hinter uns gebracht haben (drei erstickend im Loch, zwei im – oh heilige Mutter der vorausschauenden Intuition, hab Dank! – Zelt; das Klo – „das ist fuer euch alleine“, sagte Harrold – ist ein Gemeinschaftsklo, und befindet sich eigentlich in einem weiteren Lodgezimmer, in das ueber Nacht jemand einzieht, so dass man morgens unversehends bei einem fremden Menschen im Zimmer steht, oh Entschuldigung – nicht ohne Unterhaltungswert), warten wir am naechsten Tag bis zum Mittag, bis die Doppelzimmer endlich fertig sind (Harrold verbringt den Vormittag damit, uns auf seinem vollgekrakelten Plan mal von Zimmer 16 in Zimmer 15, dann wieder ins Zelt, dann in Zimmer 13a zu schieben; ab und an fragt er uns, welches Zimmer wir denn gebucht haetten – sehr unterhaltsam, liebe
Freunde und Foerderer des gastfreundlichen Dramoletts; wir beginnen langsam, uns auf Kurzrepliquen wie „Harrold: YOU should know!“ und „Harrold: This is outragous“ zu beschraenken, die er mit der falschen Demut eines Strassenkoeters wegsteckt, um uns dann im naechsten Moment mit einer neuen Frechheit in die Waden zu beissen). Auf alle Faelle warten wir so lange, bis wir echte Schluessel in der Hand haben (koennte ja sonst sein, dass uns Herr H. ganz ausquartiert. Wir rechnen inzwischen mit allem). Die Zimmer sind natuerlich nicht gemacht, aber egal, und wirklich abschliessen kann man auch nicht. Egal. Wir brechen zu einer grossartigen (Halbtages-)Wandertour auf (geplant war ganztags, aber egal), die uns trotz allem fuer alles entschaedigt.
Am Abend sind die Zimmer immer noch nicht gemacht. Wir quaelen Harrold so lange, bis er die Betten macht und die Toiletten persoenlich putzt (sie hatten es wirklich noetig). Er macht uns deutlich klar, dass er das nicht kann und auch nicht koennen muss und auch noch nie gemacht hat, und die Putzfrauen seien halt nun mal schon weg. Aber er hat Pech. Das ist uns egal. Er hat uns saubere Zimmer versprochen, also muss er ran. Wir sind nicht mehr Harrolds Freunde, denn: Die Art und Weise, wie er die schwarzen Jungs aus der Umgebung vom Hof jagt, die immer wieder mal auftauchen und freundlich fragen, ob sie mal fernsehen duerfen, laesst vermuten, dass Harrold Menschen mit schwarzer Hauptfarbe mit einer, naja, fragwuerdigen Einstellung gegenuebersteht; auch sein Verhalten den Koechinnen gegenueber (die Einzigen neben den Putzfrauen, die hier wirklich arbeiten), ist recht zweifelhaft. Eindeutig sind Schwarze fuer niedere Arbeiten zustaendig oder sollen sich zum Teufel scheren.
Den groessten Knueller erfahren wir hinterher. Am Tag vor unserer Ankunft trifft ein Auto mit einigen Schwarzen in der Lodge ein. Man sei uebermuedet, ob es nicht spontan ein Zimmer gebe? Nein, sagt Harrold, gibt kein Zimmer, spontan. Kurz darauf kommen die zwoelf industrienahen Spanier und bekommen die Zimmer, die es nicht gibt. Am naechsten Tag klingelt bei Harrold das Telefon. Die Schwarzen von Vorabend sind dran, entpuppen sich als ein Tourismusminister samt Entourage, die offenbar die Spaniersache mitbekommen haben, und man sei doch nun einigermassen erstaunt, dass in der Amphitheater Lodge die Zimmer nach den Kriterien der Hautfarbe vergeben wuerden, und das haette ein Nachspiel.
Beim Auschecken erklaeren wir dem diensthabenden Juengling, dass hier nichts so war, wie wir es gerne gehabt haetten, und wir moechten bitte einen Preisnachlass. Er ist voller Einsicht und handelt mit seinen „bosses“ am Telefon einen Nachlass aus. Wir zahlen, alles ist gut.
Dann erscheint eine kleine dicke Frau mit Kind im Schlepptau, keift abwechselnd das Kind und uns an, und es stellt sich heraus: Sie ist der Boss. Und langsam begreifen wir, dass sie der Ansicht ist, wir haetten das ganze Uebel zu verantworten. Es ist unfassbar. Wir decken den Mantel der Liebe ueber die folgenden Szenen. „Schnell verließ er diesen Ort und begab sich weiter fort.“
Unglaublich. Dabei sind die Drakensberge unfassbar beeindruckend und noch viele viele Reisen wert! Schon wieder eine ganz eigene Landschaft.
Donnerstag, 16. März
(Krantzkloof) Schon wieder Wandern in dieser grossartigen Schlucht. Angekommen sind zwei noch schrecklich weisse Freunde aus Deutschland, die hier zusehends den europaeischen Muff aus den Gliedern gejagt kriegen. J. stellt mal so zum Spass E.’s Spektiv auf (fuer Nicht-Zoologen und Nicht-Hobbyastronomen: Ein Fernglas, mit dem man die Dellen im Mond beobachten kann), stellt es einfach irgendwo auf und schaut durch und sagt: WasndasfuernVogel? Er hat mal so eben einen Kronenadler entdeckt. Sensation.
Im Übrigen gewöhnen wir uns langsam ans Zulu. Sawubona! (Hallo). Antwort: Sawubona yeeeeeebo! (Hallo Jaaaaaa!) Yebo ist also die universale Affirmation, das Globale Ja, das immer mit Freude, Begeisterung, herzlichem Sich-in-die-Hände-Klatschen und breitem Grinsen begleitet wird. Yeeeeebo! Genau mein Wort. Sage die nächste Zeit nichts anderes. Macht auch das Dramolettschreiben einfacher. Auf der Township-Hiphop-CD – die Musik heißt Kwaito und ist furztrockenarschcool, liebe Freunde und Foerderer der Wirklich Guten Musik – fängt eigentlich auch jedes Lied mit Yebo an.
Mehr Zulu? Isithuthuthu: Moped, imotor: Motor, ibusi: Bus, ilori: Lorry, aeh, LKW. Mhlawumbe: Vielleicht. Hl spricht man aus, als würde man Spucke durch eine Zahnlücke ziehen (sollte denen unter uns, die erwachsen geworden sind und trotzdem ein Kind blieben, wie es Erich Kästner – quasi als Muti – für ein vernünftiges Leben postulierte, noch aus Milchzahnverlustzeiten vertraut sein). Mschlawumbe, also, sozusagen. Sehr schönes Wort.
Mittwoch, 15. März
(Durban) Knallsonne! Pool! Dramolette schreiben mit dem Laptop auf dem Schoss! Nachmittags dann beginnt die Feuchtigkeit aufzusteigen. Die Huegel gegenueber werden dunstig. Unser Huegel wird auch dunstig. Der Dunst setzt sich auf die Haut, faehrt in die Zeitung und gewoehnt ihr das Rascheln ab.
Dienstag, 14. März
(Durban) Sind es die Medien, die fast taeglich mit einem Gewaltverbrechen aufmachen? Ist es die Geschichte, die vor einigen Tagen zwei Haeuser weiter passierte, in diesem ruhigen netten Wohnviertel nah der Uni - die Nachbarin parkt ihren Wagen vor der Toreinfahrt und steigt aus, um das Tor aufzumachen, als ein paar Leutchen mit dem Schiessgewehr in der Hand ihr unmissverstaendlich klarmachen, dass ihr Auto jetzt seinen Besitzer wechseln wird, und ihr Geld auch? Jedenfalls sind wir nicht mehr ganz so entspannt, wenn wir in die Innenstadt fahren. Wie ist das denn jetzt hier – steigt man Downtown aus und geht spazieren, oder ist das ungefaehr so, als wollte man in den 80ern in der Bronx aussteigen und spazieren gehen? Wir wissen es einfach nicht mehr. Auffallen wuerden wir auf alle Faelle, den auf den Buergersteigen – nur
Schwarze. Weisse nutzen ihre Fuesse offenbar nur, um vom Haus in den Wagen zu gehen, und vom Parkplatz der Shopping Mall in die Shopping Mall. (Die Hunde werden in den Wohnvierteln uebrigens auch nur von den schwarzen Hausangestellten spazieren gefuehrt, Klammer zu). Also, wir wissen es nicht, bleiben im Auto und cruisen durch Downtown, an der alten Town Hall vorbei, am Hafen entlang. Quirlig ist das hier, etwa so wie der Broadway von L.A.: Glitzernde Hochhaeuser, wenn man nach oben schaut, aber auf den Strassen nicht wie vielleicht erwartet schnieke Bueroangestellte, sondern marktartiges Gewusel; einer braet Maiskolben auf einem improvisierten Reifenfelge-cum-Buerostuhl-Grill. Im Victoria Street Market, einer Markthalle vom Typ Berlin Marheinekeplatz, kaufen wir dem begeisterten Rastaman im Musikladen eine Kwaito-CD ab, das ist RSA-Hiphop, sehr trocken, sehr schoen. Dann nebenan in den rein schwarzen Riesenladen, wo es alles gibt ausser Essen: Haarfaerbemittel, "Muti“ (Zaubertrank/Zauberformel) "for
all diseases“, Stifte, tolle Schulhefte mit dem Spruch "education for the nation“ drauf, Schiebermuetzen. Ein kleiner Junge steht sinnend vor den Stiften. Als er aufschaut, sieht er uns und erschrickt sich zu Tode. Weisse Riesen! (Wahrscheinlich gibt ihm seine Mutter zuhause erstmal ein Loeffelchen Muti auf den Schreck hin).
Freitag, 10. März
Mavelas fundamentaler Kommentar: "Life’s not fair“.
Wir wandeln den suedafrikansichen Standardspruch “South Africa’s not for sissies” um in “Life’s not for sissies”, manchmal auch „Erk’s not for sissies“, je nach Laune.
Donnerstag, 9. März
(Imfulozi) E. macht Tonaufnahmen von der Hyaene, die ums Buschcamp streift. Die Moeglichkeit, beim Gang zum Buschklo (Ihr wisst schon: Spaten, Loch graben, Klopapier verbrennen etc.pp., es gibt da so ein Buch, "How to shit in the woods“, das ist nicht trivial; die Schaufel hat man auch, um der neugierigen Hyaene im Zweifel eins auf den Deckel geben zu koennen), also, beim Gang zum Buschklo tatsaechlich, hockend, mit Hose runter, in Dialog mit der Hyaene treten zu muessen, dreht meine Verdauung auf Null. Keine weiteren Kommentare.
Mittwoch, 8. März
(Imfulozi) Mavela steht sinnend am Fluss, zieht sich ploetzlich Hemd und Schuhe aus und legt sich flach ins Wasser, wie ein Krokodil. Aaaaah! Apropos Krokodil – der zweite Guide passt mit seinem Schiessgewehr auf, dass uns keins anknabbert, und wir aalen uns alle im Wasser. Die Echsen halten sich tatsaechlich zurueck; gesehen haben wir ueberhaupt erst eins, ganz aus weiter Ferne. Jedenfalls bewahrt uns das Bad bei 42 Grad im Schatten vor einem echten europaeischen Hitzekoller.
Dienstag, 7. März
(Durban/Imfulozi-Nationalpark) Wir verschwinden fuer eine knappe Woche gen Norden und geben uns der Safari hin. Wandern gleich am ersten Tag zu einem Satellite Camp mitten im Nationalpark, um das nachts die Hyaenen streifen; quaertieren uns in unsere Zelte ein, lauschen am Lagerfeuer dem klugen Guide Mavela (ich habe selten jemanden erlebt, der mit so wenig Fuellwoerten auskommt. Alles, was er sagt, ist durchdacht und praezise. Jedes Wort passt, es ist nicht zu ungenau und nicht zu genau, sondern passt. Gewoehnt man sich wohl an, wenn man weisshaeutige Greenhorns durch den Busch fuehrt und ihnen im Zweifel in aller Kuerze klarmachen muss, wie sie mit dem Nashorn da vorne umzugehen haben) und schlagen uns die Baeuche voll mit den Koestlichkeiten, die der Koch Sothi aus seiner Buschkueche zaubert. Der Bueffel heute, der
uns den Weg zum Fluss abschneiden wollte, war schon nicht von schlechten Eltern. Alles sehr aufregend.
Donnerstag, 2. März
(Durban) Gestern war hier Kommunalwahl, weswegen auch ein public holiday angesetzt wurde (von denen es insgesamt eine erstaunliche Zahl gibt. Ueberhaupt scheint man sich hier nicht so tot zu arbeiten wie in Deutschland. Das ist insofern gut, als die Leute mehr Zeit fuer ihr gesellschaftliches Leben haben: Kirche hier, Band da, AIDS-Board dort. Gefaellt mir. Sollten wir auch mehr pflegen. Ist schliesslich die Grundlage der Zivilgesellschaft, dass nicht alle entweder arbeiten oder vor dem Fernseher sitzen.). Es wird sich rausstellen, dass der ANC mit Haengen und Wuergen doch noch in vielen Wahlkreisen gewinnt, aber viele wichtige Wahlkreise scheint er verloren zu haben. Zu viel Korruption in der Partei, die doch fuer die Freiheit gekaempft hat, zu viel Unzufriedenheit bei den armen Schwarzen, denen Haeuser versprochen
wurden, die sie lange dann doch nicht bekamen, und dann bekamen sie sie, und die Haeuser waren vermurkst, weil mit schlechten Firmen gearbeitet wurde. "Politiker sind Verbrecher“, ist das Fazit des Hausmaedchens Tracy. Sie hat vier Stunden in der Knallhitze ohne jeden Schatten vor dem Wahrbuero ausgeharrt und ist zwischen durch essen gegangen, sonst haette sie es gar nicht ausgehalten – bis sie endlich ihren demokratischen Pflichten nachkommen konnte. Ob diese Bedingungen viele vom Waehlen abhalten? Oh ja! Sie habe viele gesehen, die angesichts der Warteschlange einfach wieder umgedreht seien. Warum sie denn trotzdem waehlen ging? Weil man einen Vermerk in seinen Papieren bekommt, ob man waehlen war, und das kann sich beim naechsten Behoerdengang nachteilig auswirken, wenn man den Vermerk nicht hat.
So viel zum Thema Demokratie.
Mittwoch, 1. März
(Kloof) Das Wort "Alien" bekommt hier eine ganz andere Bedeutung als die gewohnte. Wenn hier jemand davon spricht, dass er Aliens killen will, dann geht es um nicht-einheimische Pflanzen: Die bringen naemlich ein paar unangenehme Eigenschaften mit, verdraengen die heimischen oder fackeln bei Buschfeuern mit grosser Hitze ab und legen dadurch das ganze Oekosystem lahm, etc. Die Anti-Alien-Bewegung geht mit grossem Engagement vor. Ganze Zeitschriften wie etwa The Gardener widmen sich diesem Projekt. Wir besuchen dessen Herausgeber in seiner bescheidenen kleinen Huette (<-- Ironie) nahe der beeindruckenden Schlucht Kranskloof nicht weit weg von Durban, und er zeigt uns, wie ein einheimischer Garten – nennen wir es lieber Park, oder nein, lieber gezaehmte Wildnis mit Plaetscherbach und allem Drum und Dran, zum Verlaufen –
auszusehen hat. Tatsaechlich stossen wir nicht nur auf ein Pflanzen-, sondern auch auf ein Vogelparadies. Beeindruckend.
KwaZulu-Natal, die Provinz an der Ostkueste, in der auch Durban liegt, ist eine der aermsten des Landes, und so versucht man, ueber Oekotouristmus nicht nur Geld ins Land zu bringen, sondern auch Arbeitsplaetze zu schaffen. Die Naturreservate sollen also keine Inseln fuer safariwuetige Weisse sein, sondern die Zulus sollen auch etwas davon haben: Naemlich Jobs. Damit die Alien Plants nicht das Oekosystem zerstoeren und damit, schliesslich, auch das Grosswild vertreiben (das viele Touristen eben besonders lieben), werden also viele dafuer engagiert, die boesen Pflanzen auszurupfen. Uebrigens hat dieses Konzept der Nachhaltigkeit wohl die schwarze Naturbehoerde ausgetueftelt, die es auch schon waehrend der Apartheit gab und die fuer die Zulu-Homelands zustaendig war; von der weissen waren solche Impulse nicht zu erwarten. Mit der neuen Verfassung von 1994 wuerden die beiden Institutionen zusammengelegt, und an den blumigen Umschreibungen eines Offiziellen, der die ganze Geschichte in einer
Broschuere beschreibt, laesst sich erahnen, zu welchem Kulturkampf es hier gekommen sein mag.
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