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Samstag, 29. Dezember
(Mannheim) Zeitung lesen! Jippeee. Und sich gleich wieder aufregen. Ostdeutsche Schüler haben keine Ahnung von ostdeutscher Geschichte, notiert die SZ auf der Titelseite, um dann im Politikteil weiter hinten ein bisschen ins Detail zu gehen. Brandenburger Schüler wüssten zum Teil nicht, dass die DDR eine Diktatur war. Oder dass die DDR die Mauer erbaut hat.

Und gleich große Aufregung im Kommentar: Ohne Geschichtswissen keine Demokratie, kein Widerstand gegen Rechts.

Mag ja alles sein. Aber ich glaube gar nichts, bevor ich die Studie nicht selbst angesehen habe. Sätze wie "Knapp 40 Prozent gaben an, dass die Bundesrepublik vor 1989 nicht besser als die DDR gewesen sei" lassen mich stutzen: Wenn das wirklich eine Frage war - wie sollte man sie beantworten? "Die BRD war besser als die DDR" - das ist ja wohl die Aussage, die dahinter steht, und was soll das denn bitte heißen? Hm, riecht ein bisschen "ach ihr armen unfreien Ossis in eurer schlimmen Diktatur" - so einfach geht es natürlich nicht, Leute! Ich meine, man kann sich nicht mit einer DDR vereinigen und dann so tun, als sei in der BRD alles prima gewesen. Man darf zumindest nicht in den Geruch kommen, dass man das täte, selbst wenn es nicht so ist. Man muss viel vorsichtiger vorgehen. Sieger-Selbstgerechtigkeit ist, glaube ich, der Hauptgrund, warum es heute so wenig Ausstausch und Verständnis zwischen West und Ost gibt. Jedenfalls, was die öffentlichen Debatten betrifft.

Freitag, 28. Dezember
(Frankfurt) Die Entdeckung der Abstraktion in der Frankfurter Schirn: Ich mag die Schirn nicht, sie ist eine Raumvermurksung. Genau das Gegenteil vom MMK (dort: Mach aus einem doofen Tortenstück ein irres Raumerlebnis, lass den Zuschauer Raum entdecken, bau einen Scheinzwerg - der innen immer größer sein wird, als er von außen wirkt! Hier, in der Schirn, werden einem gleich am Anfang Säulen an den Kopf geworfen, und das Klo, pardon, "der Ort, an dem man sich frischmacht", findet sich auch erst nach Nachfrage - im ersten Stock, dort dann wieder so groß ausgezeichnet, dass der Zugang zur Ausstellung albern mickrig aussieht, der geht nämlich über eine Art Hintertreppe. Was soll denn das! Hach, die 80er, was für ein verirrtes Jahrzehnt.) Dann die Ausstellung in einer dieser Langhäuser. Viel zu eng für die Besuchermassen, die sich hier ihren Weihnachtsspeck abwandern und Kultur durch ihre weihrauch-gestumpften Nüstern ziehen, dass es eine Freude ist (besonders liebe ich die Paare aus beflissenem Schwiegersohn und Schwiegermutter, sie auf diese speziell Frauen-in-mittleren-Jahren-Art halb-interessiert zuhörend, es scheint so, dass alles, was er ihr zuraunt - laut genug, dass es alle hören MÜSSEN -, nur kurz ihre Gehirnzellen streift, bevor sie wieder zu ihren eigentlichen Themen zurückkehren, Frauen-in-mittleren-Jahren-mit-verdienendem-Ehemann- Themen, vermutlich: Die doofe Schwiegertochter, oder dass das neue Service doch nicht so ganz zur Batistdecke von Tante Ruth passt.

Nun, genug gelästert. Die Ausstellung gefiel mir, und ich habe mich die ganze Zeit brav gefragt (denn das sollte ich wohl): Was ist das denn nun, die Kunst? Sind die "Paletten" Kunst, auf denen Maler ihre Pinsel abwischen oder eine neue Farbe anrühren? Sind Rohrschach-Tests Kunst? Nein, sie sind keine Kunst, erst wenn man es in ein Museum hängt, ist es Kunst - alte Sache. Neu ist nur, dass diese Ausstellung das zum Teil zum ersten Mal tat. Die Künstler hätten es vielleicht gar nicht getan. Moreau hat zwar Einiges davon für sein "Posthum-Museum" bestimmt, aber Einiges auch nicht. Darf man also, 100 Jahre später, einfach etwas zu Kunst erklären? Ja, klar, kann man.

Ist aber vielleicht auch alles nicht so wichtig. Das Schöne an der Ausstellung ist das Experimentelle. Man kleckste und schaute, was so passiert. Victor Hugo z.B. nahm dunkelbraune tintenartige Farbe und ließ sie über altes Papier laufen. Heraus kommen Kriegslandschaften, die an Berlin 1945 erinnern. Gemacht hat er das 1845. Gruselig. Irre.

Donnerstag, 28. Dezember
(Altenbeken) Weihnachten würdig bei Beke-Willi in Alten-beke-n ausklingen lassen (die Website ist so böse, die lass ich lieber weg): Die knusprigsten Fritten westlich von Berlin (sach ich jetz ma so) und dazu lecker Currywurst und Altbier, hinterher schön Whisky aus Willis Whiskyschrank (man bekommt irgendein Glas in die Hand gedrückt, an der Bar, und die ganze Flasche mit an den Tisch. Abgerechnet wird hinterher. Irgendwie. Hoffe sehr, dass Willi noch seinen wohlverdienten Schnitt macht, bei den Niedrigpreisen). Willi hat, wie an dieser Stelle schon berichtet, eine sehr gemütliche Kneipe und überall Fotos und, wie wir erst jetzt entdecken, auf den Regalen ganz oben uralte Alben stehen. Naja, uralt. Aus den 80ern. 80ern! Weia. diese Socken-in-Clocks-Mode! Argl. Und alle sehen so goldig aus. Richtig lieb. Man nimmt ihnen die bösen Kapitalistensäue gar nicht ab, die man in ihnen sah, wenn man aus dem Osten Deutschlands kam.

Sonntag, 16. Dezember
(Mannheim) "Wir sind Papst" nach Riverpoint irgendwo am Mississippi verlegt - schöne Geschichte, gut gesprochen, gut gespielt, das Nationaltheater zur Premiere wieder randvoll und man lacht auch genauso rotzig und an unpassender Stelle wie in der großen Stadt, das gefällt mir. Hinterher im Casino des Theaters sehr viel Jever und eine hausgemachte Wirsingsuppe zur Brust genommen, herrlich.

Freitag, 7. Dezember
(Mannheim) Schön ist auch: Unter dem Artikel über Kleber als neuen Chefredakteur vom Spiegel verlinkt faz.net auf ein Interview mit Jakob Augstein, Titel: Der Spiegel braucht einen Chef und keinen Moderator. Hihi.

Samstag, 1. Dezember
(Mannheim) Die Wissenswerte sind vorbei. Die Studenten haben wunderbar gebloggt. Man merkt richtig, wie sie in Fahrt kamen; die Postings wurden immer besser. Dank an alle, die uns dabei unsterstützt haben: Erk Singerhoff, der die Studi-Konterfeis aufgehübscht hat, Thomas Pleil, der für unser Blog die Anlasserkurbel geschwungen hat, Laboringenieur Andreas Finger und die Studis im 5. Semester, die nachträglich noch was gaaaanz Wichtiges aus Dieburg zu unserem Stand nach Bremen brachten, das wir liegenließen (keine Details). Und die Dozentin hat nach vielen Wochen endlich mal wieder ein ganzes Wochenende frei. Sie wird das bitter büßen, denn am Montag um 5 aufstehen müssen, um das Fehlende nachzuholen - aber das muss jetzt einfach sein.


 

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(c) Annette Leßmöllmann