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Montag, 23. Juli
(Mannheim) Ich mag die Stern-Shortlist, und vor allem das da.
Meine Shortlist bestünde aus "Shortlists, die die Welt unbedingt braucht, die zu führen ich aber keine Zeit habe".
Samstag, 21. Juli
(Mannheim) Sehr lustig: Auf Radio Paradise (empfehle ich allen armen Seelen, die am Wochenende am Rechner sitzen und ihre Steuererklärung machen müssen) läuft Peter Schillings "Major Tom" - Ihr wisst schon: Vöhöllig losgelöst von der Eherde"... prompt geraten die deutschen Hörer in Ekstase. Die amerikanischen Kommentare lassen dagegen auf eine gewisse Verstörung schließen: This... is annoying... Eww!
:)
Oh! mein! Gott!, jetzt läuft auch noch Talk Talk. Und ich schaue definitiv zu viele Soaps, dieses Oh! Mein! Gott! muss aufhören.
Übrigens: Ihr wisst schon, dass das System "Staat zahlt Universität" in Deutschland ausgedient hat? Die Studiengebühren kommen nicht nur, sondern sind der Vorgeschmack dafür, dass sich der Staat aus der Finanzierung von Bildung ganz oder fast ganz zurückziehen wird. Nicht, dass hinterher wer kommt und rumweint, er hätte von nix gewusst. Gell.
Ach ja, und: Was an Mannheim so klasse ist, sind seine Drittweltstadt-Qualitäten. Fotoserie folgt, es ist einfach großartig, dieses improvisierte Trashtheater. Ein Gang durch die Quadrate, und man fühlt sich wie in Mexico City. Wunderbar. Das brauche ich möglichst häufig, sonst fühle ich mich so, als schließe sich der Sargdeckel... um die Freuden des Landlebens mit Shakespeare zu charakterisieren:
"In Anbetracht, daß es ländlich ist, find ich's beruhigend, aber in Anbetracht, daß es nicht städtisch ist, find ich's sterbenslangweilig." (Muss mir unbedingt dieses Buch besorgen: "Öde Orte, 1-3." Darin kommt Darmstadt vor, als "Proktothanatos". Der Darmtod. Jaja.) Glücklicherweise liegt Mannheim zwar in der Provinz, ist aber selbst nicht provinziell, sagte mal ein kluger Kollege. Gerade noch mal Glück gehabt.
Wann geht der nächste Zug nach Berlin? Stündlich? Schon wieder Glück gehabt.
Montag, 16. Juli
(Mannheim) Noch ein paar Nachträge:
Bescheuerte Antworten, wenn man dabei erwischt wird, im Zug einen besetzten Sitzplatz einnehmen zu wollen:
"Äh, ich dachte, der sei frei" (und dabei meine fettige Croissanttüte (gefüllt), meine volle flasche Wasser, meinen aufgeschlagenen van-de-Wetering-Roman und meine Jacke im Arm balancierend, dabei, das Ganze auf den Nachbarsitz zu schaufeln. Ich meine, hallo? Was brauchen die Leute - ein Schild? Wage es nicht, auf die Toilette zu gehen! Dein Platz fällt sonst schlagartig der kollektiven Frechheit anheim.)
Auf diese blöde Antwort gab es dann also auch eine dezidierte Replik ("Sagen Sie mal, sind Sie blind? Unverschämtheit!") Schluss mit der guten Kinderstube, her mit den klaren Worten. (Tut übrigens ab und zu mal gut.) Dazu ließ sich die Dramolettistin - plumps - in ihren rückeroberten Sitz fallen und verschoss "if-looks-could-kill-I-would-be-dead-now"-Blicke. Der Ertappte war schlagartig wach und schlecht gelaunt, soviel war mal klar. Das Abteil versank kollektiv und grinsend hinter der Tageszeitung (dafür sind sie so groß, liebe Tabloid-Freunde! Hinter nichts kann man so wunderbar grinsend verschwinden als hinter dem Norddeutschen Format). Denn immerhin - es war ja noch ein weiterer Platz frei! Auf diesen setzte sich der Usurpator. Nächster Halt, Göttingen, eine überschminkte Frau mit geliftetem Dauergrinsen, aber eigentlich vom netten Typ, hält ihm ihren knallroten Grinsemund mit perfekten Kronenzähnen unter die Nase und sagt: "Tschuldigung, Ihr Sitz, das ist meiner, ich hab reserviert."
Uh oh, er hatte es wirklich nicht leicht an dem Tag - der Frauenhass war mit ihm, nach dieser doppelten Megärenattacke! Wieder versank das Abteil grinsend hinter dem Norddeutschen Format. Ist ja nicht so, dass man keinen Spaß hätte im Zug.
Hier ist noch einer: Im Bordrestaurant. Eine Viertelstunde vergeht, kein Kellner in Sicht. Schlecht, denn die Dramolettistin hat noch nicht gefrühstückt. Ich stöbere die Bande in der Küche auf, Köpfe zusammensteckend, Kaffee trinkend - es sei ihnen ja gegönnt, aber erst, wenn sie mir den Tee serviert haben, gell? Gott, bin ich unerbittlich: "Guten MORRR-GENNNNNN, könnte ich BITTE was BESTELLEN?" Uh oh. Noch jemand, der auf der Stelle einen Anfall von Frauenhass bekommt. Vor allem, weil ich mich auf dem Absatz rumdrehe und zu meinem Restaurantplatz gehe. Der Kellner muss also hinter mir herdackeln und zu meinem Tisch kommen, um die Bestellung aufzunehmen. Wie er das dann so nonchalant tut, so "Na, was darf's denn sein?" als sei nichts gewesen.... aber da ist er an der falschen Adresse. EinBordfrühstückeinFrühstückseiundSchwarzenTee, BITTE, schnarre ich.
"Sehr wohl". Sagt er. "Sehr wohl"! Dabei ist er nicht mal 20. Oh je, das war eine Kriegserklärung, ich spüre es. Tatsächlich dauert es 10 Minuten, bis der Kaffee kommt.
Kaffee?
"Ich hatte Tee bestellt."
"Sie wollten Kaffee."
(Mit dem Ruhe-vor-dem-Sturm-Ton, dem Pass-auf-Bursche-Ton): "Nein. Tee."
Sehr wohl. Kaffee ab.
Tee kommt, Bordfrühstück kommt. Ei?
"Nun, das Ei wird frisch gemacht."
"Ah ha, also ein 20-Minuten-Ei?"
"Nein, es wird frisch gemacht!"
"Ah ha, haben Sie eine Henne da hinten drin?"
Kellner ab, deutlich verwirrt. Ich habe den Tee getrunken und beginne, mich aufs Köstlichste zu amüsieren. Das Restaurant verschwindet schon wieder grinsend hinter dem Norddeutschen Format. Ich sollte Eintrittsgeld nehmen. Zwei Russen nehmen gegenüber Platz. Sie sprechen überhaupt kein Deutsch. Halten mir die Speisekarte unter die Nase, deuten auf ein von Sarah Wiener arrangiertes Stück Fleisch und schauen mich fragend an. "Tja", sage ich. "Das ist was zu Essen."
Ich brauche dringend Urlaub.
Montag, 16. Juli
(Mannheim) Berlin-Nachtrag. Zum Taxifahrer: "Wir möchten bitte in den Grunewald, ins Chalet Suisse".
"Kenn ich nicht".
"Macht nichts, fragen Sie doch einen Taxifahrer, die kennen sich aus".
Nach diesem Sitcom-Einstieg folgt eine Odyssee durch den Berliner Westen, denn einen Taxifahrer anrufen möchte der Taxifahrer nicht. Wir landen im Nirgendwo (dabei kennt das Chalet Suisse ja nun wirklich jeder, aber wenn sieben Leute durcheinander reden und dabei Protestnoten an die Taxifahrerschaft im Allgemeinen und an Berliner Taxifahrer im besonderen einflechten, hilft das auch nicht wirklich weiter). Aber es geht weiter - Taxifahrer:
"Ich rufe jetzt die Zentrale."
Sieben Stimmen: "Gute Idee!"
Taxifahrer: "Zentrale, wo ist das Schalleswiss?"
Zentrale "...."
Taxifahrer: "Hallo?"
Zentrale: "Äh, wat meenste, Schalle, so wie Scholle?"
Nach dieser natürlich völlig unrealistischen Einlage des Sitcom-Redakteurs ("Von wegen, selbst erlebt, sowas gibt es nur in schlechten Filmen!") gehen wir dazu über, den Taxifahrer zu meucheln - ach nein, wir zücken das Zell-Fon und rufen den Verleger G. an, der uns, nach einem kurzen Blick auf den Berlin-Stadtplan in seiner Küche, präzise Auskunft geben kann.
Verleger: "Sag mal - Ihr seid doch eigentlich schon ganz in der Nähe vom Chalet?!"
Sieben Stimmen: "Sag das dem Taxifahrer!"
Jaja.
Dienstag, 3. Juli
(Mannheim) Das hier ist wirklich schön, leider erst jetzt entdeckt: bairische Dialekte auf sueddeutsche.de. Da lacht das Herz der Linguistin. Ich empfehle den Hamlet auf Wienerisch, äh, Rattenbergerisch (aus einem Dorf bei Straubing, in dem sich ein Dialekt entwickelt hat, der dem Wienerischen auf magische Weyse sehr ähnlich ist. Woast eh.)
Montag, 2. Juli
(Berlin/Mannheim/Darmstadt etc. pp.) Ganz viele Nachträge: Knut besucht in Berlin. Knut knackte (das musste jetzt einfach sein, wegen der Alliteration). Zuschauerkommentar: "Kiek ma, wie er da hängt, uff halb sieben". Knut ist schon ein recht großer Knut und lag, Schnauze auf Tatze, auf die spitzen Steine gegossen, als hätte ihn genau an dieser Stelle der Schlag getroffen. "Wat willste", sagt eine Mutter zu ihrer Tochter, die sich partout nicht lösen kann vom Anblick des Bären, "willste den schlafenden Bär weita aufn Hintern kieken?!" Knut liegt im Babyabteil des Berliner Zoos. Ein paar Schritte weiter, abgeteilt und mit Seelandschaft drumherum (handtuchgroß): Die Welt der vier erwachsenen Bären. Zwei dösen. Einer gibt lässig seine tägliche Zuschauer-Darbietung: Ins Wasser, locker gleiten, auf die Insel,
Rücken reiben, wieder ins Wasser, aufs Festland, schubbern, einmal wandern, ab zum Fresstürchen. Leider ist es zu. Ende der täglichen Aufregung. Der vierte Bär kann nur noch eins: Drei Schritte vor. Hals schwenk schwenk von links nach rechts und nochmal links rechts. Drei Schritte zurück. Hals schwenk schwenk, vier mal. Drei Schritte vor, schwenk schwenk, drei Schritte zurück. Das ist Knuts Zukunft, Leute! Dafür habt Ihr, die Öffentlichkeit, Euch stark gemacht! Jaja, es waren die Medien, aber in kommunikationswissenschaftlichen Abhandlungen heißt es "die Öffentlichkeit". Sie hat dafür gekämpft, dass ein kleiner Bär auch ganz sicher zum hospitalisierenden großen Bären werden darf. Toll! Ich bin begeistert. Armer Knut. Hätte ihn doch nur tatsächlich der Schlag getroffen, auf seinem spitzen Stein.
Zweiter Nachtrag: Im Hochschulranking geblättert von der ZEIT. Universität Heidelberg, Fach Physik: Reputation bei Professoren: sehr hoch. Wissenschaftliche Veröffentlichungen: mittel (ha!). Laborausstattung: schlecht, Betreuung: schlecht, Studiensituation insgesamt: schlecht. Ha! Und Ihr wollt Eliteuni sein? Macht erst mal Eure Hausaufgaben! (Mehr und mehr missfällt mir die Universität Heidelberg.)
Dritter Nachtrag: Man kann sein Geld auf adäquate Weise loswerden, in dem man es in Fummel vom "Thatchers" (Berlin, Kastanienallee/Hackesche Höfe) anlegt (reinkommen und sich wie in der Garderobe der Eisernen Lady fühlen - unbezahlbar), oder aber im Luzifer (Alte Schönhauser), allerdings Achtung: Starker Touch ins Ökige, insofern allerdings ein guter Kontrapunkt zur Eisernen Lady.
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