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Samstag, 24. November
(Mannheim - auf dem Weg nach Bremen) Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes hat sich unter anderem zum Thema Online geäußert und damit vielen ernsthaften Journalisten, die sehr gute Blogs schreiben, Bauchschmerzen verschafft, zum Beispiel ihm. Hintergrund: In Herrn Konkens Welt gibt es einen Ausdruck wie "viele ernsthafte Journalisten, die sehr gute Blogs schreiben", nicht; der Satz "Es gibt viele ernsthafte Journalisten, die sehr gute Blogs schreiben" ist in Herrn Konkens Welt falsch. Er glaubt, wer Blogs schreibt, ist tendenziell entweder kein Journalist und wenn doch, dann kein guter, und der Verband müsse für Qualität im Netz eintreten.

Diese Äußerungen zeigen mir, dass sich Herr Konken mit Blogs nicht beschäftigt hat. Ich kann auf Anhieb mindestens 50 Blogs nennen, die so gut sind, dass sich viele angeblich hach so tolle Journalisten bitte zum Schämen auf den Dachboden begeben sollen: Gut recherchiert, schnell, unabhängig und an passender Stelle meinungsstark - Kriterien, die in vielen Redaktionen vielleicht noch in Form eines Statuts vom vor-vor-vorherigen Verleger aus der Nachkriegszeit in der untersten Schreibtischschublade das gerade eben gekündigten ältesten Kollegen gammeln, aber bestimmt nicht mehr täglich gelebt werden. Herr Konken: Machen Sie Ihre Hausaufgaben!

Übrigens, ich habe es schon öfter angemerkt: Kann ein Verband sich "journalistisch" nennen, wenn er seiner Verbandsgazette, dem "Journalist", so genannte Themenhefte beilegt - PR-Produkte der Autoindustrie oder wem auch immer, die sich kein seriöses Magazin trauen würde, beizulegen bzw. dessen Beilage zumindest eine heftige Debatte auslösen sollte? Aber nein, beim DJV gehört das zum Standard. Der DJV tut das einfach. Und traut sich gleichzeitig, die Fahne des Journalismus hochzuhalten - sich sogar als mögliche Instanz einer Qualitätskontrolle ins Spiel zu bringen! Das ist echt stark.

Sonntag, 18. November
(Mannheim) Hach ja, sonntags laufen immer so herrlich alte Hüte über den Ticker, als ob das nicht schon jeder wüsste und wen interessiert das überhaupt!

Interessanter ist da schon, dass die Spiegel-Gesellschafter den Herrn Aust nicht mehr wollen (ich meine, nicht, dass uns das überraschte; man fragt sich nur: Wieso jetzt erst? Musste man 13 Jahre warten, bis Aust nicht mehr unantastbar war? Hat das Rührmichnichtan qua Augstein-Installation tatsächlich so lange gehalten? Puh. Aber jetzt endlich ist auch beim Spiegel der Kalte Krieg zu Ende....). Naja, also: Jetzt bekommt Aust seinen Vertrag nach 2008 nicht mehr verlängert. Faust für Aust. Interessant daran ist, dass wir ja eigentlich schon lange ein drittes Nachrichtenmagazin in Deutschland wollen. Eines, das wirklich guten Journalismus macht (aua, aber das musste jetzt mal gesagt werden). Was meine ich damit? Nun - der Spiegel ideologisiert und kommt vor lauter Einordnen nicht mehr dazu, mal einfach zu berichten. Und der Focus tut so, als ideologisierte er nicht (das ist die bösere Stufe des Ideologisierens) und kommt vor lauter Fakten nicht mehr zum Einordnen.

Ich will den Zwischenweg. Jetzt. Denn ich lese seit Jahren nur noch, naja, den Economist. Wollt ihr mich als Leserin zurück? Dann tut was, Leute. Und, ja, hört mit diesem hemdsärmeligen My-dick-is-bigger-then-yours-Journalismus auf! Ich will das lesen, was mich interessiert. Ich will mehr Denken im Journalismus, mehr echte Ideen, mehr auf-den-Punkt-bringen. Weniger Wichtigtuerei. Weniger Schröder, mehr Merkel. Aua. Aber: is so.

Sonntag, 4. November
(Mannheim) Sitze mal wieder an meiner Kommunikationsmaschine und tue fünf Sachen gleichzeitig. Soll man ja nicht. Deswegen tue ich noch was Sechstes dazu: Ich schreibe ein Dramolett. Schnipp.

Um 12 Uhr mittags radioparadise.com hören (radioparadiseDATCAM, oder wie immer man dieses breite O beschreiben soll, das der Moderator benutzt) ist gut, weil dann in Kalifornien nämlich süße Nacht herrscht und entsprechend ist die Musik. Die spielen sogar die Pixies! Und die Feelies! Ich meine, hallo? Wer spielt die noch? I am beghostered.

Schnipp. Gestern in der Ausstellung "Polizeifotografie" im Reiss-Engelhorn-Museum Mannheim gewesen. Man sieht Aufnahmen von Tatorten und kriegt bei der Gelegenheit mit, wie Menschen in Deutschland so gelebt haben (oder abgelebt haben), zwischen 1940 und 1970. Krasse Elendsquartiere in Mannheim nach dem Krieg, aber auch in den 70ern noch Behausungen, die man eher in einem Slum erwartet hätte. Hin und wieder mal ein kleiner Mord in einem schicken Appartment, aber daneben wirkliches Elend, Zille-like. Voll krass ej Bruder. Schön die Schilderung eines Postraubs von 1949, samt Spiegel-Reportage (die schon voll den coolen Spiegel-Slang draufhat, viel cooler als heute: Da wurde die Sprache noch geliebt, ausgiebig beschlafen, sozusagen! Nicht so ein selbstgewisses Gequatsche wie heute - muss mir den Text unbedingt besorgen, Klammer zu.) Besonders hart: Eine Polizeizeichnung zeigt den Weg des Postraub-Verbrecherautos durch die Mannheimer Innenstadt, ihr wisst schon, die "Quadrate". Daneben Fotos von ebendiesen Straßen. Leider sind keine Häuser da, denn es war ja, ihr wisst schon, Krieg gewesen. Also: keine Trümmer mehr, aber auch so gut wie keine Häuser. Das lässt die Straßen eigenartig ausschauen. Irgendwie sinnlos. Das Konzept der "Straße" an sich verliert völlig an Sinn. Der ganze Stadtplan ist sinnlos. Wieso hält man sich an Straßen, wenn man sowieso querfeldein donnern kann? Wieso gibt es sowas Altmodisches wie Stadtpläne überhaupt? Wieso reißen wir den ganzen Klump nicht mit Stumpf und Stil aus und bauen alles neu?

Bei diesen Fotos begreift man schlagartig, wieso Konzepte wie die Ost-West-Straße in Hamburg, die Berliner Straße in Frankfurt am Main und andere Radikalinski-Straßenquerschläger, vierspurig durch die Altstadt, so nah lagen und auch ergriffen wurden - es war ja eh nix mehr da, wieso Rücksicht nehmen, auf in die Moderne, streift ab das winkelige Mittelalter! So war das.


 

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(c) Annette Leßmöllmann