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Freitag, 28. September
(Mannheim) "Sculpture is the art of saying No to the rest of the mountain." (J. D. Daniels, hier). Am gleichen Ort über den Antagonismus zwischen Dionysos und Apollo (Dionysos: Feiern, Ekstase, in der Masse aufgehen, Rockkonzert oder Nürnberger Parteitag - egal; Apollo: Kopf benutzen, Individuum sein, Ratio, Ruhe und Abgrenzung): "Apollo and Dionysus need one another, but only Apollo seems to understand this; Dionysus is busy vomiting into the toilet."

Schnipp. Tabori ist gestorben, Antonioni ist gestorben. Was für eine doofer Sommer. Ich schaue raus und sehe grau. Passend zu dem Wetter wollten wir gestern den "Himmel über Berlin" sehen. Lief aber dann doch nicht. Also mussten wir, bewaffnet mit einer Tüte Popcorn, "Rush Hour 3" sehen (mussten wir? Egal). War überflüssig. War ja klar ;). War wohl ein Anfall von Dionisismus.

Schnipp. Gestern morgen im Deutschlandradio, Herr Ramsauer, Landesgruppenchef der CSU im Deutschen Bundestag: Der Transrapid ist spitze, Bayern ist spitze, wer was dagegen sagt, ist doof, und die Sozialdemkraten konnten ja noch nie mit Geld umgehen. (wer so alles in den Bundestag kommt, also ich weiß ja nicht). Der Name Ramsauer inspiriert mich immer zu einer kleinen Umformung des Namens, die für den Träger nicht schmeichelhaft ist und aus Pietätsgründen nicht veröffentlich wird. Hieße ich Ramsauer, wär ich nicht so g'schamig.

Schnipp. In knapp zwei Wochen startet das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg, und zwar direkt in unserem Garten, sozusagen. Also an den Rheinwiesen, diesmal, im Zelt, mit allem Pi, Pa, und Po, und wir müssen nur aus der Haustür fallen und sind mitten drin. Das ist schön! An den Rheingestaden sitzen, Bierchen, auf den nächsten Film warten - das liebten wir schon beim Ludwigshafener Festival, und diesmal müssen wir nicht einmal über den Fluss. Wow! Ich werde es tun - ich werde eine Cineastenkarte kaufen.

Schnipp. "Auf der anderen Seite" ist ein toller Film. Reingehen!

Donnerstag, 20. September
(Mannheim) "Mujeres al borde de un ataque de nervios" geschaut - nach fast 20 Jahren wieder. Schneuz. Carmen Maura in 80er-Schulterpolstern! Und diese ganzen hysterischen Ziegen auf Deutsch. Das erste Mal sah ich den Film auf Spanisch, war gerade unsinnig verliebt und der Sprache noch nicht richtig mächtig, kurz, ich verstand nicht viel, außer, dass Ivan ein böser Bube und die Frauen alle mächtig am Kreischen und Almodóvar im Taxi schwer blond war. Um mich herum tobte Madrid, genauso, wie es im Film dargestellt wird... irgendwie Madrid halt, und ich war begeistert, in einer Stadt voller Wahnsinniger (und voller Anrufbeantworter) gelandet zu sein.
Auf Deutsch wirkt das Ganze natürlich ein wenig ernüchternd, vor allem, weil Gazpacho konsequent als "Karpatscho" ausgesprochen wird, verdammte Italophilie!, und dabei spielt der Gazpacho doch diese wichtige Rolle als Schlaftabletten-Substrat.

Nun ja, verdrücken wir ein nostalgisches Tränchen und widmen uns der bescheuerten Gegenwart: Wer, bitte, noch einmal behauptet, ihn überrasche die Hypotheken-Krise, den hau ich! War nicht seit Jahren bekannt, dass der Markt in den USA überhitzt ist und ahnte man nicht, dass die Hypothekenblase irgendwann platzen würde? Stand es nicht in den Zeitungen (jahaaaaa, Zeitungen sollte man lesen) und in den Blogs und sprachen es nicht die ausgeschlafenen Menschen aus (nicht mal vom Fach waren sie, aber ausgeschlafen und nicht ganz auf den Kopf gefallen): Da kommt noch was auf uns zu? Und jetzt diese Panik, als sei es etwas ganz Neues. Also - entweder, man ist sehenden Auges ins Unglück gerannt - oder man hat die Warnungen ignoriert. Oder, am Schlimmsten: Man wusste Bescheid, aber keiner hatte eine Idee, wie das zu verhindern sei. Keine der Varianten stärkt mein Vertrauen ins freie Spiel der Finanzkräfte.

Mittwoch, 19. September
(Mannheim) Die SZ macht mir Spaß: Auf der Panorama-Seite interviewt sie einen "Psycholinguistiker". Klar, ich meine - wenn Hektik zu Hektiker, dann auch Linguistik zu Linguistiker. "Linguist" wäre ja langweilig. Und klingt wahrscheinlich zu sehr nach "Spast". Man muss ja auch "Spastiker" sagen. Also sagt man auch "Linguistiker". Voll logisch. (Und mit dem "Psycho" vornedran wird das Ganze richtig rund. So klingt der Beruf gleich nach einer psychosozialen Auffälligkeit.)

Samstag, 15. September
(zwei Mal Hamburg)
Hamburg zum ersten: Auf der Durchfahrt (aber man kann natürlich nicht einfach kommentarlos durchfahren durch Hamburg) - purzeln wir morgens ins Portugiesenviertel und trinken Galao, das muss sein. Dann noch schnell den Fortgang in der Hafencity begutachten und wieder auf die Autobahn. "Dann noch schnell" geht dann aber leider nicht: Wir fahren in eine der neuen Straßen, die auf den Kaispeicher zuführen (der schon eine Manschette trägt, denn er ist entkernt und soll nicht auseinanderfallen, sondern eine Philharmonie tragen, bald), bestaunen Architektur (naja, ganz ok), und bleiben mitten im Baustellengetümmel stecken. "Mal sehen, was so ein Saab-Dach aushält", scherzt der Polier, als er einen dicken Kran mit noch dickeren Platten dran über unser Auto schwenkt. "Wird schon halten", scherzen wir zurück. Wir sind bestens gelaunt, denn wir kommen vom Urlaub und lieben es, wenn uns die Welt Entschleunigung aufzwingt. Wir blättern in maritimen Materialen, die wir gerade bei Hanse Nautic (einer meiner Lieblingsläden - topp Service und Begeisterung fürs Meer, die aus tiefstem Herzen kommt) geschossen haben. Ab und zu bestaunen wir den Fortgang der Bauarbeiten und plaudern hin und wieder mit der Frau aus dem silbernen Mercedes, die auch steckengeblieben ist zwischen Baufahrzeugen und deutlich weniger gelassen ist, denn das Kind wartet auf Abholung im Kindergarten. So ist das Leben, wenn man in der neuen Hafencity wohnt!
Ein Bauarbeiter steht, im roten Overall, am Straßenrand und schaut wie Salamix aus "Asterix in Korsika" - nämlich ohne rechte Verankerung in der Wirklichkeit einfach so in die Gegend. Ob er über die Straße möchte, an uns vorbei, frage ich ihn, oder ob wir sonst etwas für ihn tun können? Er verzieht das Gesicht und zuckt die Schultern, als wolle er sagen: "Weiß man's?"
Ein hochphilosophisches Ereignis in der Hafencity, einem sich ständig wandelnden Platz. Irgendwann rufen die Frau mit dem silbernen Mercedes und ich die Polizei an, denn es geht wirklich gar nichts, aber auch gar nichts weiter, und das Kind droht im Kindergarten zu verschimmeln. Polizei fragt nach genauem Standort und Weg dorthin. Wir kramen diverse sehr hamburgisch klingende Straßennamen aus unserem Gedächtnis. So was wie "VorsetzenDeelTwiete", nur noch besser. Polizei kündigt Hilfe an. Irgendwann geht es weiter. Sehr lustig.

Hamburg zum zweiten: Jonettag, nachzulesen zum Beispiel hier.

Ach ja. Und hier ein Urlaubsbild:


Some call it holidays!


 

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(c) Annette Leßmöllmann