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Sonntag, 22. März
(Mannheim) Herr Schäuble sagt im SZ-Interview, dass Herr Lafontaine, was die wahren Kosten der deutschen Einheit betrifft, "richtiger als wir" gelegen habe. Also: Die CDU lag richtig, aber Lafontaine lag "richtiger".
Ist das nicht schön? Endlich steigert mal jemand das Adjektiv "richtig". Und vermeidet damit geschickt, falsch zu liegen. Denn bislang war es so: Wenn einer richtig lag, dann lag der andere falsch. In Herrn Schäubles Welt liegt der eine richtig und der andere richtiger. Sehr schön. Ich finde, wir sollten ab sofort auch "schwanger" und "optimal" zum Steigern freigeben. Was schert uns die Grammatik, wenn es der Sache dient! Die Welt (und wie Herr Schäuble sie sieht) ist flexibel, da muss man schon mal ein bisschen sprachliche Virtuosität mitbringen, um sie adäquat zu beschreiben. Stellt euch nicht so an!
Und jetzt habe ich mir gerade eine dieser Prämien bei bahn.de bestellt und sollte auf den Knopf "Prämie final bestellen" klicken. Mal ganz abgesehen von der gruseligen Wortwahl: Heißt das, dass es einen Unterschied zwischen "bestellen" und "final bestellen" geben könnte? Bestellen ist nur so vorläufig, zum Spaß, mal schauen, wie es sich anfühlt - und final bestellen ist, eben, final?
Ja, es ist so. Mit diesem Knopf verrät sich die Bahn - oder, sagen wir, der Knopf ist ehrlich. Denn wenn man eine Prämie bestellt, begibt man sich in eine sehr, sagen wir, eingeengte Geschäftsbeziehung. (1) Die Gutscheine müssen innerhalb von einem halben Jahr eingelöst werden. Kein Warenhaus würde sich das trauen; hat nicht irgendwer schon einmal aufgebrummt bekommen, dass man Gutscheine nicht derartig beschränken darf? War nicht sogar richterlich von zwei Jahren die Rede? Aber die Bahn darf sowas. (2) Umtausch, Rückgabe, die üblichen Zwei-Wochen-Bedenkfristen, die man bei so gut wie jedem Vertragsabschluss hat - alles nüscht. Typische Zuckerbrot-und-Peitsche-Verträge: Wir brüsten uns mit unseren tollen Prämien - und setzen unsere Kunden damit total unter Druck. Frage mich, wie viele von diesen Gutscheinen deshalb verfallen. Schön für die Bahn.
Zur Strafe trinke ich jetzt immer zwei Kaffee in der DB-Lounge statt einen. So. Außerdem ist keine DB-Lounge vor mir sicher; egal, wie wenig Zeit ist - reinschießen, Kaffee ziehen, eine Zeitung zerfleddern, wieder rausschießen - geht immer. Übrigens ist so eine DB-Lounge eine gute Sache; es ist der einzige Ort am Bahnhof, wo man sich mal in Ruhe zurückziehen kann - blöd, dass das nur die Vielfahrer nutzen können; es kommt ein ziemlich eigenartiges Pseudo-Elite-Gefühl auf, das mir gar nicht behagt. Außerdem - vielleicht hat die wenigfahrende Omi mit dem Hüftleiden so eine Lounge viel nötiger. Vielleicht sollte ich eine Lounge-DKP gründen und eine Besetzung organisieren. Eine Omi-Besetzung. (Bislang begnüge ich mich damit, in der DB-Lounge mit meiner schieren Anwesenheit die Frauenquote zu erhöhen, als politischer Akt, sozusagen. Geht ja gar nicht, dass nur die Türsteher am Eingangstresen Frauen sind und sonst nur wichtig ihre Blackberrys bearbeitende männliche Anzugträger. Außerdem grüße ich
immer sehr freundlich und frage, ob ich mich dazusetzen darf; die Lounge ist nämlich neuerdings ganz schön voll und die Zeiten vorbei, dass man eine ganze Sitzgruppe für sich vereinnahmen konnte. Beobachtung: Der deutsche Anzugträger ist muffelig und dem angemessenen Umgang mit Fremden - fremden Frauen?! - offenbar überhaupt nicht gewachsen. "Guten Tag." - "Grunz." Ah. "Ist hier noch frei?" - "Grunz." Aha. Hebt er sich die Höflichkeit vielleicht für karriererelevante Konversationen auf? Oder kann er nicht sprechen? Sollte ich ihm lieber eine SMS schicken? Jedenfalls - kein gutes Bild, Leute.)
Mittwoch, 4. März
(Mannheim) Gerade festgestellt, dass ich meine "Termine" auf dieser Homepage seit Herbst 2006 nicht mehr aktualisiert habe. Keine Zeit.
Sonntag, 1. März
(Madrid) Madrid ist eine Stadt der Nacht. Tagsüber beißt die schlechte Luft in der Nase, die calle Alcalá ist laut und dröhnt, die Touristen sind irgendwie hektisch, die Madrilenen irgendwie auch. Aber wenn sich der Abend senkt, dann kehrt plötzlich Friede ein, und das, obwohl die madrilenische Nacht eigentlich überhaupt nicht friedlich ist: Es ist voll, es ist laut, aber das ist egal. Es ist nett. Die Nacht ist samten, sagt der Dichter, und er hat Recht. Sie ist weich. Die Leute laufen nicht mehr, sie spazieren, und freuen sich auf das nächste Bier in der nächsten Bar, ein paar Leckereien dazu, was will man mehr? Es kehrt Zufriedenheit ein - wenn die Nacht dann allerdings voll da ist, so richtig ganz und gar, dann will man was erleben, und es beginnt wieder das hektische Straßentheater, von Bar zu Bar zu ziehen.
Es gibt Bars, die erinnern an Berlin (an das alte West-Berlin: Klein, sehr gute Musik eine extrem schrille Dame hinterm Tresen, man ist in irgendeiner Form von abgefahrenem Wohnzimmer gelandet, schräg, schräg). Andere sind voller Touristen und trotzdem nett, das ist das Angenehme an Madrid: Hier fallen die Touristen, irgendwie, nicht so auf. Der Taxifahrer auf dem Heimweg erklärt es: Madrid ist offen und lässt keinen kalt, gleichzeitig. Das macht den Reiz aus. Wir fühlen uns hier wieder extrem wohl, mümmeln pinchos de tortilla und Oliven, wo wir nur können, trinken köstlichen Jerez in der Venencia, calle Echegaray. Wer abreist, ist doof. Oder muss eben wiederkommen. Sagt der Taxisfahrer.
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