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Die Zeit 22/2000

Fernsehen, ganz nah

Das Hamburger Cyberradio TV will dem Rundfunk Konkurrenz machen

von Annette Leßmöllmann

Olaf Kriewald lehnt sich im Sessel zurück und strahlt Ruhe aus. Das herkömmliche Fernsehen kann abdanken, befindet der Vorstandsvorsitzende von Cyberradio TV: Fernsehen im Internet ist Nahsehen statt Fernsehen, nah am Konsumenten, nah an den Themen der Zeit. Herkömmliches Fernsehen bringe nur noch Spielfilme oder Berichte mit langweiligen Standbildern.

Noch vor wenigen Monaten hieß Kriewalds Idee Cyberradio ohne TV und ließ aktuellen DJ-Sound aus den PC-Lautsprechern wummern. Jetzt produzieren einige Dutzend Mitarbeiter auf einem Hamburger Studiogelände mit modernster Kamera-, Schnitt- und Animationstechnik ein Fernsehvollprogramm.

Das will ich sehen, also ran an den Rechner und www.cyberradiotv.de eingetippt. Auf der Startseite erwartet mich ein gelungenes Logo und auf dezentem Hintergrund die Programmübersicht. Um die Sendung zu verfolgen, braucht man den Microsoft Media Player, der den Datenstrom auf den Rechner fließen lässt (Linux-Freunde müssen leider draußen bleiben). Und wie sagte Olaf Kriewald? "Herunterladen, und los geht's", aber nichts da, der Klick auf das Media Player-Logo bringt mir nur den Hinweis ein, dass die Seite nicht gefunden werden kann; dem Kollegen am Macintosh geht es genauso.

Cyberfrust statt Cyberradio. Wehmütig sehe ich zu meinem Radio rüber, da drückt man den An-Knopf, und dann ist es an. Aber das darf man nicht sagen, das mögen die Netzleute nicht, dann gucken sie immer so "kennst dich wohl nicht aus, Mädchen", also nach dem Media Player gefahndet und munter installiert. Denn außerdem sagt Olaf Kriewald: Radio, das sind heute doch nur noch vorproduzierte Beiträge, wo bleibt denn da die Aktualität? Ich klicke also auf Start bei Cyberradio TV, und endlich öffnet sich das Fernsehfensterchen, ich sehe den Moderator auf einem roten Sofa, er sagt mir, was gegen Erkältung zu tun sei. Alles ruckelt ein wenig, das handelsübliche Modem verschluckt sich manchmal bei diesem Datenstrom.

Cyberradio TV beginnt um acht Uhr morgens mit Kinotipps und Börsennachrichten. Über den Tag kommen Economy, Vibrations, Bits & Beats und andere Magazine, live aus dem Studio oder mit produzierten Beiträgen gewürzt. "Wir wollen schneller als Radio und Fernsehen sein", sagt Chefredakteur Thorsten Wehner, und als Cyberradio TV vor allen anderen über das Scheitern der Hochzeit zwischen Dresdner und Deutscher Bank berichtete, da war er stolz. Nächtens legen DJs auf und erfreuen das junge Cybervolk, und die Kamera am DJ-Pult macht's möglich, dass man ihnen zusehen kann.

Ich höre brandaktuelle Klänge, also Herr Kriewald, sprechen Sie hauptsächlich die Jugend an? "Nun ja, nachts schon", aber eigentlich will er tags verstärkt die Börsianer beliefern, und deswegen ist auch ein Börsenspartenkanal geplant. Denn Herr und Frau Kleinaktionär sitzen im Büro und möchten brennend gerne wissen, wie ihre Altersversorgung so für sie arbeitet, aber Fernsehen im Büro hat der Chef gar nicht gern. Also warum, sagt Kriewald, nutzen sie nicht ihren Rechner als Informationsquelle, so ein kleines Fernsehfensterchen auf dem Bildschirm, das stört den Chef doch nicht. Apropos klein, groß ist das Briefmärkchen da nun wirklich nicht. Aber das ist eben Nahfernsehen, sagt Herr Kriewald, die Nähe macht's, das ist lebendig, interaktiv.

Da ist es, das Zauberwort. Interaktiv sei, dass jeder jederzeit mit einem Klick dem Redakteur oder Moderator im Studio per EMail seine Meinung kundtun und womöglich das Programm beeinflussen kann. Aha, aber bedeutet interaktiv nicht eigentlich, dass der Zuschauer sich selbst aussuchen kann, was er sehen will? Klick, jetzt bitte der Bericht über die Messe in München, und Doppelklick, jetzt möchte ich mal die Charts hören? "On demand" heißt das Schlagwort, und so läuft es zum Beispiel beim Internet-Sender tv1. Fernsehen auf Bestellung im Netz ist technisch stabiler als der permanente Datenstrom von Cyberradio TV.

Aber: "Niemand ist so nah am Vollprogramm wie wir", sagt der Chefredakteur. Und: "Wir wollen an die Börse", sagt Olaf Kriewald, und dafür muss man sich von anderen absetzen. Schreckt ihn nicht der jüngste IT-Börsenrutsch? Nein, allerdings seien die Zeiten vorbei, in denen jeder mit dem Internet das Spiel "oben Aktien hineinwerfen und unten die Hand aufhalten, da kommen die Millionen raus" spielen konnte. Böse Zungen in der Branche behaupten aber, dass die Macher von Cyberradio TV just das wollen. Die Mitarbeiter dagegen glühen noch vor Idealismus: Dem Internet-Fernsehen gehört die Zukunft, es ist schneller und aktueller als herkömmliches Fernsehen, ist global verfügbar, ist toll; dem Kameramann leuchten die Augen, und die Musikredakteurin schwärmt.

Auf meinem Bildschirm geht das Programm weiter: der lustige Zusammenschnitt einer Umfrage zum Thema Jobsuche im Internet; Internet-Themen sind beliebt bei Cyberradio TV, denn das Publikum ist "jung und technologieorientiert", sagt Olaf Kriewald. Jugendliche Moderatoren mit Styling und Coolness vermitteln das Wirgefühl der Cybergeneration: die richtigen Stöffchen am Leibe, die Kamera spielt um sie herum, ihr Blick geht immer wieder zum Studiobildschirm, immer online sein, heiße Nachrichten gleich dem Zuschauer weitergeben, die Improvisation scheint Programm zu sein.

Aber wie viele Leute gucken denn nun Cyberradio TV? Der sonst wortgewandte Chefredakteur macht "hmpf" und blickt zur Decke. Stichproben bei surfenden Freunden lassen nicht auf einen hohen Bekanntheitsgrad schließen, aber das stört den Vorstandsvorsitzenden Kriewald nicht. Er ist stolz auf sein "absolut bannerfreies" Produkt; Werbung komme nicht über nervige bunte Flackereien auf dem Bildschirm, sondern in Gestalt von Fernseh- und Radiospots. Und nächstes Jahr sei man in den schwarzen Zahlen; Internetradiofernsehen, das sei globales Senden zum Preis eines Lokalradios. Da kann er sich bequem zurücklehnen und Ruhe ausstrahlen - aber ob Fernsehen und Radio deswegen abzudanken haben? Bis jetzt glaubt das niemand - außer den Leuten bei Cyberradio TV.

(c) Die Zeit 12/2000

 

(c) Annette Leßmöllmann