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Die Zeit 21/2002
Dringende Post vom großen Blau
Frank Schweikert kämpft seit Jahren für das Meer - ohne Rücksicht auf Verluste. Der 39-jährige Schwabe ist Biologe, Journalist und Chef des Forschungsseglers "Aldebaran". Er baute sein Schiff 1991 eigenhändig um - im Garten seiner Eltern. Seither schippert die "Aldebaran" als Medienplattform über die Meere - oft hart am Rande des Bankrotts. Den jüngsten Erfolg feierte die Crew der gelben Yacht im März: Vor Teneriffa zog sie einen toten Riesentintenfisch an Bord.
Von Annette Leßmöllmann
"Schwerer Sturm" ist nicht die Ansage, die ein Segler im Wetterbericht gern hört. Jedenfalls nicht, wenn er viele Meilen vom Festland entfernt ist. Und die Aldebaran fuhr sehr weit vor der portugiesischen Küste. Ihre Crew warf ängstliche Blicke ins Rigg, denn da war eine Want angerissen von früheren Angriffen des Windes. Und sie schrieb eine E-Mail an Frank Schweikert: Die Lage sei nun doch ernst.
Zum Glück zog der Orkan vorbei. Die Mannschaft der postgelben 13,5-Meter-Yacht mit dem sportlichen Überrollbügel am Heck war mit dem Schrecken davongekommen.
Das Ereignis ist symbolträchtig: Von den Wogen geschüttelt, doch das Schiff geht nicht unter. Dem Medien- und Forschungsprojekt Aldebaran, sagt Schweikert, drohen viele Schwierigkeiten, aber es gebe immer ein Licht am Ende des Tunnels. Sein Boot hat er nach dem hellsten Stern im Sternbild Stier benannt - seinem Sternzeichen. Stier steht für stur, mit dem Kopf durch die Wand.
Die Aldebaran ist chronisch unterfinanziert, die Projekte seines Besitzers, auf der Internet-Seite angekündigt, bleiben oft Träume. Letztes Jahr dümpelte das Schiff mit gelegtem Mast und beeindruckender Beule an der Flanke im Schlickwasser der Hamburger Speicherstadt, festgezurrt unter den Fenstern des Aldebaran-Büros. Ein trauriger Anblick. Der Kahn wurde totgesagt von Exmitarbeitern, die sich irgendwann entkräftet von dem nervenzehrenden Projekt abgewandt hatten. Dann meldete plötzlich Bild im März, dass die Aldebaran einen Riesentintenfisch vor den Kanarischen Inseln gefunden habe. Eine Sensation. Ein Zufallsfund, "wie man ihn sich wünscht", sagt Schweikert, denn so was bringt die Presse an Bord, und dann lächelt er in die Kamera, mit dem umflorten Blick des chronisch Überarbeiteten.
Was treibt ihn? Das Meer. Die Aufklärung über diesen "wichtigsten Lebensraum": Ist das Meer kaputt, gehen wir alle kaputt. Die Öffentlichkei habe das Problem noch nicht so richtig erkannt, Berichte gebe es nur bei Katastrophen. Dabei kämen die richtig großen Unglücke doch erst, wenn die Meere umkippten und das Klima sich verändere. Also muss Umweltberichterstattung her, und zwar kontinuierlich und von direkt vor Ort.
Schweikert ist ein Visionär. Sein Ziel: Mit seinem Thema Meer möglichst viele Menschen über alle medialen Kanäle zu erreichen. Geschichten, zum Beispiel, über das Auswandererschiff Cimbria. Es war 1883 vor Borkum gesunken, 2001 wurde es geborgen. Die Aldebaran erwarb die Rechte für Fernsehberichte und lieferte Beiträge an die Presse. Oder die große Elbetour nach Dresden im zehnten Jahr der deutschen Einheit: den Fluss hinauf, der West und Ost verbindet. Jeden Tag habe man im Studio unter Deck einen Beitrag für DeutschlandRadio produziert.
Er selbst ist selten an Bord, etwa wenn die Aldebaran als schwimmende Sendeplattform an der Kieler Woche teilnimmt. Dann drängeln sich seine Redakteure im Schiff, stoßen sich die Köpfe im winzigen Studio, fluchen über nicht eingehaltene Termine oder stotternde Technik. Und finden doch wieder alles ganz toll, denn es hat etwas mit Abenteuer zu tun. Und mittendrin Frank Schweikert, mit dem Blick des Atlas, der die Weltkugel auf dem Rücken tragen muss, sonst fällt sie runter. Voller Einsatz, Arbeiten bis zum Umfallen, Mythos Aldebaran.
Schweikert ist Biologe und Journalist mit Segellehrerlizenz und Filmvorführschein. Er interessiert sich besonders für die Küstenbeobachtung, vorzugsweise Nord- und Ostsee, aber auch die Kanaren, Madeira, Mittelmeer. Deswegen kaufte er eine flachwassergängige Aluminiumyacht, von der aus Proben entnommen und Aufnahmen gemacht werden können. Der Kauf war ein Schnäppchen, denn das Schiff war ein Sturmschaden. Schweikert reparierte es im elterlichen Garten, rüstete das Boot mit einem Tonstudio aus, auf zwei Quadratmetern, samt Fernsehschnittplatz. Zog mit dem Schiff von Schwaben in die Hamburger Speicherstadt. Heuerte Praktikanten und freie Mitarbeiter an, "über 500" sind seit 1992 bei ihm durchgelaufen.
Auf der Aldebaran arbeitenMenschen mit Idealismus, die alles geben wollen - und müssen. Ein lockerer Bürojob erwartet sie nicht, eher fühlen sie sich, als würden sie jeden Tag zur Weltumsegelung aufbrechen. Also arbeiten sie mit voller Kraft voraus: Skipper, Biologen, Kameraleute, Elektroniker, Redakteure, und am besten Alleskönner. Zwei bis drei Bewerbungen täglich bekomme er, sagt Schweikert. Die hohe Nachfrage drückt den Preis. Bezahlung muss nicht immer sein. Auf die Frage, wie und ob er den "Angestellten" Saläre entrichte, knipst er den Blick des weltentragenden Atlas an. Das laufe ab und zu übers Arbeitsamt, über Sponsorengelder, "irgendwie halt" - also oft gar nicht. Bei der Aldebaran arbeite man nicht für Geld, sondern um "für sich selbst etwas herauszuholen", sagt er. Er schufte ja selbst bis zum Umfallen, und ohne sich loben zu wollen: Das sei eine Managertätigkeit, nur dass er eben Fahrrad fahre statt Mercedes.
Von einem immensen Leistungsdruck berichtet zum Beispiel Klaas Schlenkermann, Ingenieur, Segler und einer der längsten Mitstreiter Schweikerts. Leistungsdruck, stets mit der Hoffnung gerechtfertigt, dass die großen Projekte irgendwann klappen, die Meeresfilme, die Serien für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Leider klappte vieles nicht, Schweikerts Produktionsfirma musste Insolvenz anmelden, wegen des Geldmangels flossen die Gehälter nur zäh. Ein häufiger Vorgang. "Viele", sagt Schlenkermann, "haben bei Schweikert richtig Pech gehabt." Aber inzwischen hat der Druck nachgelassen, die Zahl der Projekte ist kleiner, die Mitarbeiter wirken glücklicher.
Wird Schweikert auf Probleme bei Aldebaran angesprochen, dann fixiert er einen Punkt unter dem Mund des Gesprächspartners und spricht von der Zukunft. Etwa vom Meeresfilm fürs Kino, vom Schiff aus gedreht und im eigenen Studio in Hamburg produziert. Nur hartnäckige Skeptiker wagen da die Frage, ob diese Projekte, mit ständig wechselnden Teams, realistisch seien. Denn viel Unfertiges wird auf der Website noch immer eifrig beworben: "Termin der Fertigstellung: 2001".
Für jeden hat er eine Vision parat
Auf den Einwand geht Schweikert nicht ein. Stattdessen lässt er einen Namen fallen, wie eine Explosion: Elisabeth Mann Borgese. Sie saß im Kuratorium von Aldebaran. Dann ruft mitten im Gespräch eine bekannte Verlegerin an. Auch ihren Namen erwähnt er nebenbei, kokett erstaunt, dass sich so große Menschen für ihn interessieren - aber gleichzeitig mit sicherem Instinkt für die Wirkung: Seht her, ich habe immer noch einen Trumpf im Ärmel. Für jeden, mit dem er spricht, hat Schweikert eine Idee, ein Projekt, eine Vision parat. Sodass der am Ende spürt: Eigentlich muss ich sofort mitmachen, einsteigen ins Boot, kämpfen für die Sache.
Seine Vision macht ihn gegen Kritik immun. Er unterstellt gerne Neid, viele dächten wohl, er würde bloß auf seinem Boot spazieren fahren. Doch Kritik kommt auch aus nächster Nähe. "Seine Freiheitsliebe", sagt einer, der ihn kennt und schätzt, "ist gleichzeitig sein Problem." Mit seinem Eigensinn hat er manchen verprellt. Große Fernsehprojekte wie eine Meeresfilm-Serie für den Kinderkanal seien gescheitert, weil der Visionär nichts von Geschäften verstehe, sich nicht langfristig an Geschäftspartner und Förderer binden könne. Weil er Angst habe, auch andere ans Ruder zu lassen, zu delegieren. Gleichzeitig ist Hartnäckigkeit sein Markenzeichen: Nur "ein Schweikert" schaffe es, so lange Geld von einer Bank zu bekommen.
Geld war immer ein Problem. In den ersten fünf Jahren hatte Aldebaran noch viel mehr selbst geforscht: Zum Beispiel eine ökologische Bestandsaufnahme im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft kurz nach der Wende. Eine Pionierleistung, die Beachtung fand. 1996 dann Schweikerts Lieblingsprojekt, der Küstenreport fürs ZDF, Berichte live von Bord über die Umwelt an Deutschlands Küste, mehrere Wochen lang. Aber dann versiegten Förderquellen, also nutzte er sein Schiff als PR-Plattform, etwa für Incentive-Törns mit zahlungskräftigen Sponsoren.
Das gelbe Schiff ist sein Zugpferd, es garantiert Aufmerksamkeit. Es ist Labor, Redaktion und Tribüne für die Öffentlichkeitsarbeit in einem. Verliert er da nie den Überblick? Nein, sagt er und meint das ernst. Nein, denn das ist genau sein Element: Überall dabei sein, überall mitmischen. Er liebt das, und wenn seine Freunde sagen, man müsse sich auf eine Sache konzentrieren, um erfolgreich zu sein, gerade heute, wo der Konkurrenzkampf so groß ist: Das ist nicht seine Sache. Das Meer, das "große Blau", wie sein Vorbild Jacques-Yves Cousteau es nannte, erzeuge ständig neue Themen, und die Aldebaran reagiere eben darauf. Von Cousteau stamme auch das Konzept: "Wissenschaftler nutzen das Schiff als Plattform für die Forschung, und wir informieren die Öffentlichkeit." So ließ beispielsweise das kanarische Umweltministerium mit der Aldebaran Walforschung durchführen. Dieses Konzept sei einmalig, sagt auch Hartmut Graßl, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie und Mitglied des Kuratoriums von Aldebaran: "Es ist höchste Zeit, dass Forschungsschiffe kontinuierlich gefördert werden, die auch die Öffentlichkeit informieren."
Das ist eine Breitseite auf Forschungseinrichtungen, die teure Schiffe halten oder chartern. Millionen würden da ausgegeben, meint Graßl, an die Öffentlichkeitsarbeit denke dabei keiner. Solche Breitseiten sind ganz im Sinne Schweikerts. Da schnaubt der Stier vor dem Elfenbeinturm, aus dem die deutsche Meeresforschung nicht heraus wolle. Trotzig wendet er sich jetzt von Nord- und Ostsee ab, singt ein Lob auf die Spanier, die ihm sofort Aufmerksamkeit gezollt hätten. Kontakte zu deutschen Meeresforschungsinstituten existieren kaum. Aldebaran ist nicht verankert in der Szene, hinter vorgehaltener Hand stellt man Schweikert darob kein gutes Zeugnis aus.
Macht nichts, der Stier will auch nicht verankert sein, schon gar nicht im Elfenbeinturm. Unangenehmer ist ihm, dass die Verankerung beim Fernsehen nicht geklappt hat, die Serie von Meeresfilmen, die Expedition der Aldebaran. Denn da hatte er gehofft, Geld zu verdienen, das ihn unabhängig macht. Aber auch hier kommt der Stier wieder durch, fast stolz sagt er, er sei eben kein Unternehmer, denn der müsse sich nach dem Markt richten. Und er richtet sich nach nichts, er schafft den Markt. Für das, was er eigentlich will: ruhige, ästhetische Unterwasserbilder zur Prime Time im Fernsehen. Er selbst hat solche Aufnahmen gemacht, wunderbare Details aus der Meereswelt.
Aber keiner will sie senden, und da habe nicht er als Produzent versagt, meint er, sondern die Medien, die Action wollten statt ruhige Schönheit und immer weniger Geld für so etwas ausgäben.
Aber gibt es denn keine Sendeplätze für Meeresfilme, gibt es nicht auch Mare TV? Ja. Aber er sei nicht bereit, seine Filme für 'n Appel und 'n Ei zu verkaufen. Inzwischen kooperiert er mit dem Hamburger Planetarium, das ab Juni seine Meeresfilme zeigt. Himmelszelt und Wasserwelt, das passe zusammen: Auch der Seemann orientiere sich ja am Firmament. Eine Planetariumskuppel sei auch der beste Platz für Meeres-Sphärenklänge. Also zieht Schweikert jetzt mit seinem Büro ins Planetariumsgebäude, verkleinert sich dabei, Marktanpassung nennt er das. Hofft weiter auf Fördergelder. Damit der Mythos Aldebaran lebt und der nächste Sturm ihn nicht den Kopf kostet.
(c) Die Zeit 21/2002
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