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Die Zeit 18/2002
Knackig bis zum Tod
Anti-Aging-Medizin soll von den Lasten des Alterns befreien. Hormonkuren verheißen ein Leben ohne Leiden. Doch die Wirksamkeit der Therapien ist selten wissenschaftlich belegt
von Annette Leßmöllmann
Niemand muss altern. Altern, das heißt körperlicher und geistiger Verfall, Siechtum bis zum Tod. Wer das nicht will, kann etwas dagegen tun. Das jedenfalls signalisieren unzählige Bücher, Websites und Zeitschriftenartikel. Sie preisen den neuen Trend an: Anti-Aging. Ärzte und Privatkliniken bieten entsprechende Therapien an, Gesellschaften und Weiterbildungsakademien mit wohlklingenden Namen fordern die Verbreitung der Anti-Aging-Medizin. Häufig sind es Hormonkuren mit umstrittenen Nutzen.
"Geldschneiderei" ist das Wort, das manchem kritischen Mediziner dazu einfällt. Denn Anti-Aging ist kostspielig. Dabei gibt es für die so genannte Anti-Aging-Medizin keinen Ausbildungsgang im Medizinerlebenslauf, "Anti-Aging-Arzt" ist keine anerkannte Berufsbezeichnung.
"Altern ist unnormal", sagt Alexander Römmler, also krankhaft. Deswegen muss sich der Arzt der Sache annehmen. Der Gynäkologe, Androloge und Präsident der German Society of Anti-Aging Medicine findet es nur "logisch", das Altern aufzuhalten. Die Evolution habe nicht vorgesehen, dass der Mensch verschleißt wie ein Auto. Nur den Tod könne man nicht aufhalten; das Siechtum aber sei überflüssig. Wichtig ist es Römmler dabei, dass es Ärzte sind, die sich um Anti-Aging kümmern, nicht aber Scharlatane und Handaufleger ("so wie früher, da hat man Kräuter zusammengerührt und dran geglaubt"). Deswegen sollen Akademien her, in denen Mediziner zum "Anti-Aging-Arzt" ausgebildet werden.
Römmler trommelt kräftig dafür, eine anerkannte Zusatzausbildung zu etablieren. Viele Ärzte würden ihre männlichen Patienten nur auf Testosteronmangel untersuchen, wenn die über Leistungsknick und Libidoverlust klagen. Wenn der Hormonwert stimme, schickten sie den Mann wieder nach Hause - "als gesundes Wrack". Der Fehler: Der Arzt habe eben nicht auf einen Mangel an DHEA untersucht. Dihydroepiandrosteron soll gleich gegen ein ganzes Bündel von Altersbeschwerden gut sein: Gegen geringe Knochendichte, gegen nächtliches Schwitzen, Schlafstörungen, erhöhtes Herzinfarktrisiko und so fort. Also müssen die Ärzte jetzt den Umgang mit DHEA lernen.
Aber gerade bei DHEA gehen die Meinungen weit auseinander. Es könne Leberschäden hervorrufen, das Herzinfarktrisiko erhöhen und möglicherweise auch Krebs auslösen, warnt die amerikanische Mayo-Klinik. Die Deutsche ApothekerZeitung berichtet in ihrer jüngsten Ausgabe von einem Mann mit behandeltem Prostatakarzinom, bei dem unter hohen Hormongaben der Krebs wieder aufgeflammt sei. Eigentlich hat die Zulassungsbehörde FDA das Mittel schon 1985 verbannt. Nun aber taucht es als Nahrungsergänzungsmittel in den Regalen wieder auf - und deutsche Touristen importieren es.
Männer sterben meist als Wrack
Auch der Konstanzer Endokrinologe Rolf-Dieter Hesch distanziert sich davon: Er verabreiche DHEA beim Mann so gut wie nie, da es kaum eine Indikation gebe. Andere Hormone dagegen verschreibt er gern, besonders Männern. Auf seiner Website rückt der 60-jährige Hesch seine muskulösen Arme ganz nach Poser-Art ins Bild. Sein Buch Absolut Mann widmet sich der Emanzipierung des männlichen Geschlechts. Denn Männer sterben meistens als Wrack, "schlecht repariert", nennt das Hesch. Männer müssten lernen, dass sie hormonelle Vorsorge betreiben sollten. Frauen kennen das schon lange, dass ihnen Östrogene gegen die Knochenbrüchigkeit verschrieben werden.
Hormone haben die unangenehme Eigenschaft, über die Jahre hinweg im Körper in immer geringeren Konzentrationen aufzutreten: Testosteron, DHEA, insbesondere aber das Wachstumshormon und auch das Melatonin. Das sei Grund für Alterserscheinungen und Krankheiten, sagt die Anti-Aging-Gemeinde. Logischer Schluss: Man muss sie wieder auffüllen, dann wird das Altern gestoppt. Testosteron beispielsweise soll nicht nur die Vergrößerung der Prostata verhindern, sondern die Adern elastischer und die Haut straffer machen. Also wird das Hormon substituiert. Nur, wenn der 70-Jährige davon weniger im Blut hat als der 30-Jährige, fehlt ihm dann wirklich was?
Nein, sagen viele Endokrinologen. Es gibt eine altersabhängige Norm, und Testosteron soll nur abhängig von dieser Norm gegeben werden. Nicht aber Rolf-Dieter Hesch: Hormonwerte schwankten von Mensch zu Mensch, es sei "dogmatisch", altersabhängige Normen anzunehmen, sagt er. Deswegen gibt er Testosteron unabhängig vom Alter immer in der gleichen Menge, und zwar "großzügig", also einige Nanogramm mehr als andere Ärzte. Angst vor Nebenwirkungen? Keine, sagt der Honorarprofessor für Biologie und außerordentliche Professor für Innere Medizin selbstbewusst. Durch Testosteroncremes könne fein dosiert werden, besser als mit Spritzen, sodass der natürliche Maximalwert nicht überschritten wird.
Aber "Hormone sind keine Spielzeug", warnt Dietrich Klingmüller von der Abteilung Endokrinologie der Universität Bonn. Er sei ja nun auch über 50, sagt er mit einem kleinen Lachen, und da denke man als Mann durchaus daran, ein paar Jugend bringende Substanzen zu sich zu nehmen. Aber er nimmt sie nicht. Der Grund: "Es gibt zu wenige Studien in diesem Bereich." Man wisse einfach noch nicht genau, ob Hormongaben nicht doch das Krebsrisiko erhöhten.
Bei Frauen weisen einige Studien auf ein erhöhtes Brustkrebsrisiko durch Östrogengaben hin. Für den Mann ist aus klinischer Sicht zu wenig bekannt. Beispiel Wachstumshormon: Richtig sei, dass der Hormonspiegel mit zunehmendem Alter sinke. Falsch sei aber, daraus zu schließen, dass mit der Gabe des Wachstumshormons die Altersbeschwerden aufhören. "Und aus der Tatsache, dass wir die Nebenwirkungen nicht kennen, ist nun mal nicht abzuleiten, dass es die Nebenwirkungen nicht gibt", warnt Klingmüller.
Man müsse nur richtig dosieren, sagen Anti-Aging-Freunde. Und die richtige Dosis ergebe sich aus der Praxis. Der Endokrinologe Lothar Moltz aus Berlin sieht das pragmatisch: "Wenn ein älterer Herr sich überschwänglich bei mir bedankt, er hätte gar nicht mehr gewusst, wie es ist, sich gesund und fit zu fühlen, Fahrrad zu fahren, ohne Durchfälle zu leben: Ist das nicht Bestätigung genug?"
Studien sind etwas für Dogmatiker
Und Rolf-Dieter Hesch äußert sogar eine generelle Skepsis gegenüber Studien. Die seien etwas für "Schulmediziner, die nur an klinisch belegbare Fakten glauben" und diese "dogmatisch" umsetzen, schreibt er in seinem Buch. Bei Studien fielen aber die natürlichen Schwankungen, die von Mensch zu Mensch auftreten, unter den Tisch.
Damit wirft er etablierte wissenschaftliche Gepflogenheiten über Bord und geht lieber den Weg der "Individuum-basierten" Medizin, wie er es nennt. Um Nebenwirkungen vorzubeugen, müssten die Behandelten eben kontinuierlich beobachtet werden - sprich, oft zum Arzt gehen.
Mit seiner Huldigung des Individuums liegt Hesch voll im Trend. Anti-Aging-Medizin ist Lifestyle-Medizin, etwas für Leute, die selbst bestimmen wollen, wie es ihnen im Alter gehen wird. Die Vorsorge betreiben wollen, auch auf eigene Faust. Der moderne Mensch ist es schließlich gewöhnt, dass er sich auch mal gegen Kassen und Schulmediziner durchsetzen muss. Für die Alternativmedizin oder die Psychotherapie muss man ja auch oft selbst zahlen.
Nur - bei Anti-Aging geht es nicht nur um sanfte Heilmethoden. Sondern um einen hormonellen Eingriff in den Körper, dessen langfristige Auswirkungen auf den Organismus noch nicht erschöpfend untersucht sind - wie auch bei einer so jungen Medizinrichtung? Aber viele Ärzte fühlen sich allein durch die Nachfrage nach Anti-Aging legitimiert. "Wir schreiben den Menschen doch nicht vor, was sie zu wollen haben", sagt Alexander Römmler.
Zwischen 50 und 250 Euro im Monat muss man beispielsweise in Heschs Praxis für Anti-Aging veranschlagen: Nicht teuer, findet Hesch; Raucher verpafften diese Summen spielend und kosteten die Kassen dann im Alter viel Geld. Zur Behandlung gehört auch eine Beratung für eine gesündere Lebensführung, denn Anti-Aging ist - auch ganz im Trend - "ganzheitlich".
Und was sagt die Schulmedizin? "Die Verzögerung von Alterungsprozessen und deren Umkehr ist nicht belegt", steht in einem Positionspapier im Deutschen Ärzteblatt. Die verjüngende Wirkung der Hormongabe sei nicht nachgewiesen. So sei etwa der Erfolg von DHEA "spekulativ". Auch über die Risiken der Hormongaben, vom Wachstumshormon über DHEA bis zum Melatonin, sei nicht genügend bekannt. Jedenfalls nicht genug, um sie außerhalb von klinischen Studien einzusetzen.
(c) Die Zeit 18/2002
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