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Die Zeit 6/2002

Klimakollaps im Glaspalast

Der Versuch, mit Biosphäre 2 eine autarke Welt zu schaffen, ist gescheitert. Nun soll aus dem Traum eines texanischen Ölmilliardärs ein Zentrum der Spitzenforschung werden.

Von Annette Leßmöllmann

Gilbert Laroque steht vor Begeisterung auf den Zehenspitzen. "Seht den Regenwald, wie schön grün! Riecht den Rosmarin in der Savanne!" Gilbert berauscht sich jedes Mal an dem Wunderwerk, wenn er das Innere von Biosphäre 2 vorführt. Er war von Anfang an dabei, kennt jeden Stein, jede Pflanze, die ganze Geschichte. Sein Reich.

Und es ist toll, kleiner als gedacht, aber toll. Pflichtbewusst transpirieren wir im Regenwald, dumpfe Luft ist hier, echt tropisch, Ameisen rasen Blattstängel hinauf. Ein paar Schritte weiter weht uns Meereswind um die Nase, am Strand des Ozeans, der so groß ist wie ein Kleinstadtschwimmbad. Wir bewundern eine "Lunge", zu der man durch eine niedrige Röhre gelangt, ein riesiger, liegender, schwarzer Plastik-Donut. Hier strömt Luft hinein und hinaus, damit der Druck im Glashaus konstant bleibt. "Hier erfunden, für die Biosphäre!" Gilbert schwärmt vom Erfinder. Toll.

Biosphäre 2 ist ein Kunstwerk, für das man tatsächlich schwärmen kann. Die Welt als technischer Wille. Ein bisschen wie in Robert Pirsigs Kultbuch Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten. Biosphäre 2 ist auch eine Art Motorrad: eine schöne Maschine. Einerseits. Romantiker, sagt Pirsig, berauschen sich am ästhetischen Eindruck. Klassiker, andererseits, interessieren sich mehr für die Kausalität, für Schrauben und Muttern. Nicht Eindruck zählt, sondern Analyse.

Klassiker müssen in der Biosphäre 2 noch etwas warten. Sie hat nämlich einen neuen Direktor, Barry Osmond. Er will sie jetzt wiederbeleben durch ein ambitioniertes Projekt: Ihm schwebt vor, hier ein Weltklasseforschungslabor einzurichten.

Zum Einstieg empfiehlt sich die romantische Haltung: ein glitzerndes Juwel in der Sonora-Wüste von Arizona, wo Kakteen mit vielen Armen wachsen, Grillen ewig konzertieren und der Puma umherstreift. Im Glashaus ist es merkwürdig still: Nichts tschilpt, raschelt oder brummt, Tiere gibt es nur im Kleinformat, Würmer oder Fische. "Tiger haben wir keine", sagt Gilbert.

Die Kunstwelt liegt unter Glaskuppeln, zwei davon in Mayatempelform, Pyramiden mit flacher Spitze. Die Ähnlichkeit ist Absicht, denn Biosphäre 2 war ein Projekt mit transzendentalem Anspruch: Etwas mehr als ein Hektar ist die zweite Erde groß und beherbergt dicht beieinander fünf Bioregionen, Biome genannt: Ozean, Mangrovensumpf, Savanne, Wüste und Regenwald. Die Erbauer ließen sich von der Erdgöttin Gaia inspirieren - die Erde ist ein Ganzes, alles gehört zusammen. Etwas abgetrennt nur die Agroforstregion, für integrierte Land- und Forstwirtschaft.

Eine stille Welt. Einzigartig.

Der Blick wandert zu einem Gebäude nebenan, ein Dieselkraftwerk, für Notfälle. Biosphäre 2 verbraucht Strom für 1,5 Millionen Dollar im Jahr, hauptsächlich geliefert von einem nahen Stausee. Fällt der Strom aus, ist die zweite Erde in einer Viertelstunde tot, verkocht von der Sonne in einem der heißesten Gebiete unserer Erde.

Jetzt kommen die Zweifel der Klassiker. 1,5 Millionen, wofür? Was soll das Ganze?

Biosphäre 2 war ein romantischer Traum des texanischen Ölmilliardärs Ed Brass, ein Zauberlehrlingswerk, erbaut von 1987 bis 1991. Es sollte die Erde nachbauen, den Menschen ein alternatives Habitat geben, wenn es hier mal ungemütlich wird und man sich auf den Mars zurückziehen möchte - auch die Nasa war im ersten Jahr mit dabei. Biosphäre 2 machte unsere alte Erde zur Biosphäre 1, wie ein Computerprogramm auf niederer Entwicklungsstufe. Das Glashaus sollte, abgeschlossen von der Umwelt, eigenständig leben können, ohne Stoffzufuhr oder -abfuhr: mehr als ein simples Gewächshaus, also. Die Biosphärianer, so nannten sich die Eingeschlossenen stolz, betrieben Ackerbau in der Agroforstzone, lebten im Menschen-Habitat, jeder zwei Zimmer mit Blick auf den Wald, kochten für einander. Und sahen nach einiger Zeit merkwürdig blass und spitznasig aus.

Denn der Zauberlehrling hatte die Details nicht beachtet. Motorräder fahren nicht, wenn man sie nicht ordentlich zusammenbaut. Die acht Einwohner der Kunstwelt überlebten nur, weil schließlich Sauerstoff hineingepumpt wurde ("hinter unserem Rücken", flüstert Gilbert Laroque, "das war der schwärzeste Moment"): In ihrer Welt war der Gashaushalt durcheinander geraten. Anders als im echten Regenwald mit seinen ausgewaschenen Böden lag im Regenwald-Biom nährstoffreicher Mutterboden. Dieser kurbelte die Aktivität von Mikroorganismen an, sie verbrauchten dadurch zu viel Sauerstoff. Krank und süchtig nach der echten Erde, brachen sie das Experiment nach zwei Jahren ab; es war auf 100 Jahre angelegt.

Ein zweiter, einjähriger Versuch wurde gestartet und nach wenigen Wochen beendet: Man bekam den Sauerstoffmangel ohne Regelung von außen nicht unter Kontrolle. Der Milliardär feuerte seine Manager. Die Presse metzelte. Plötzlich stand nur noch ein stromfressendes Gewächshaus unnütz in der Wüste.

Die Columbia-Universität trat auf den Plan. Die New Yorker Eliteuniversität hat einen Sinn für Ausgefallenes und integriert Biosphäre 2 in ihr Earth Department. Macht daraus eine Campus-Außenstelle, heuert Professoren an und wählt Studenten aus, die hier ein Semester earth systems studieren wollen: Ökologie und Ökomanagement, außerdem Astronomie am Wüstensternenhimmel. Das Glashaus wird geöffnet, Sauerstoff hereingelassen, um den Gashaushalt auszugleichen.

Ein erfolgreiches Projekt? Die Hochschullehrer sind Leute, die gern unter sich gucken und die Sonnenbrille nicht absetzen. Na ja, der "Bubble" ist schon ein tolles Anschauungsobjekt für Studenten. Nein, hinein in die Biosphäre kommen nur wenige. Die Lehre fand bis jetzt mehr im Klassenzimmer statt oder im Feld. In der Wüste, da gibt es unheimlich viel Interessantes für Ökologen ...

Well, wir schauen aus dem Fenster, auf die Touristen, bis zu 500 stapfen täglich auf dem 100-Hektar-Gelände herum. Auch sie durften bis jetzt nicht hinein, sondern nur drunter, in die Technosphäre, in verschlungene, schwüle Gänge unter dem Glasbau, wo die Energiezufuhr geregelt und Kondenswasser gesammelt wird. Überall Rohre, Tonnen, Telefone, in die Gilbert Laroque hineinschreit, hoch interessant, aber eben nicht die Biosphäre. Diese Touristenpolitik brachte viel Geld: Eintritt 19 Dollar, für die Technosphäre 9 Dollar extra - und Kritik. Denn einige Besucher waren enttäuscht.

Wir fragen nach der Forschung. Wenig Forschung. Das Paradox: Wer erfolgreich forschen wollte, der tat es am besten nicht in der Biosphäre. Man forschte in der Sonora-Wüste oder sogar auf den Philippinen, aber nicht in dem Kunstökosystem. Den Grund nennt Guanghui Lin, der bereits 1995 hierher kam. Er untersucht die Auswirkungen erhöhter CO2-Konzentrationen auf die CO2-Resorptionsfähigkeit von Cottonwood-Bäumen, die im Agroforstbereich angebaut wurden. "Wir müssen erst zeigen, dass unsere Daten vergleichbar sind mit Daten, die man im Freiland erheben könnte." Das Problem: Biosphäre 2 wurde nicht als Labor konzipiert, in dem jeder Parameter bekannt und kontrolliert veränderbar ist, wie es bei seriöser Forschung erwartet wird. Die romantische Gaia-Idee, alles gehöre zusammen, erschwert präzise Forschung. Das komplexe Steuerungssystem und Hunderte von Sensoren produzieren einen Datenwust. Erst seit zwei Jahren wird versucht, die relevanten Parameter zu finden. Das Motorrad stand da, aber die Gebrauchsanleitung musste erst geschrieben werden.

So haben auch die Gralshüter der Naturwissenschaft bislang keine Ergebnisse aus der Biosphäre 2 gedruckt. Die Fachblätter Nature und Science halten sich bedeckt, die Biosphäre-2-Forscher stehen unter dem Verdacht der Pseudowissenschaft. Eigentlich, sagt Lin, müsse er erst mal ein Papier durchkriegen, das die Wissenschaftlichkeit des Versuchsaufbaus nachweist. Dornig ist der Weg zur Klassik.

Dennoch will Barry Osmond ihn gehen. Der Pflanzenphysiologe von der Australian National University hat Biosphäre 2 die "Wiederbelebungsspritze" verpasst, wie Gilbert Laroque sich ausdrückt. Das Ziel: sechs neue Lehrstühle samt Doktoranden und Postdoktoranden anzusiedeln für hochkarätige, interdisziplinäre Forschung in der Biosphäre 2. Dazu kommt eine projektbezogene Lehre mit Gruppenarbeiten an den Biomen; gerade wurden Unterkünfte für weitere 200 Studenten errichtet, mit Blick auf das Glashaus, direkt vor Ort soll richtiges Universitätsleben entstehen. Und ab sofort können Touristen hinein, im Savannen-Biom gibt es jetzt einen Gehweg für sie, von dem aus das meiste zu sehen ist.

Wird es dann nicht ein bisschen voll in dem kleinen Paralleluniversum? Stört diese Menschenmenge nicht das Gleichgewicht? Wir wissen es nicht, sagt Gilbert Laroque. "Aber das macht nichts. Wir können noch so viel herausfinden mit Biosphäre 2." Wieder die Romantik: Die Studenten sollen "neue Formen des Zusammenlebens" lernen, sagt der Architekt der Studentenwohnungen. Die Forscher sollen "zusammenkommen, miteinander reden", schwärmt der neue wissenschaftliche Koordinator.

Forschung in der Parallelwelt

Aber ist Forschung denn nicht auch noch was anderes? Wer unter Publikationsdruck steht, der "schaut nicht mal, was so dabei rauskommt", sondern plant vorher und beschäftigt sich außerdem oft mit Einzelfragen, die keinen Studenten und erst recht keinen Touristen hinter dem Ofen hervorlocken. Will Biosphäre 2 doch eine wissenschaftliche Parallelwelt sein? Wird es nicht zwischen Forschung, Lehre und Touristenattraktion zerrieben werden?

Barry Osmond winkt ab. Er ist müde, wie man nur müde sei kann, wenn man durch die ganze Welt fliegen muss und auf Klimawandelkonferenzen für dieses neue Forschungszentrum wirbt. Gerade kommt er aus Japan. Aber sein Elan ist ungebrochen, seine Vision klar: Es geht um die Zukunft unserer Erde. "Das CO2-Problem ist das Problem Nummer eins", und mit Biosphäre 2 habe man ein einzigartiges Mittel, um dies zu erforschen. Man kann gezielt die CO2-Konzentration in der Luft verändern und die Auswirkungen auf die Pflanzen messen.

Auch das Ozean-Biom sei ein klar abgegrenztes Gebiet, wo gibt es das in der Natur? Wo kann man es kontrolliert regnen lassen, um zu erforschen, wie sich die CO2-Aufnahme des Wassers verändert? Nur hier. Dafür muss man sich natürlich von der ursprünglichen Gaia-Idee distanzieren: Einzelne Biome wie zum Beispiel der Regenwald wurden von den anderen komplett getrennt. Dadurch lassen sich Luftfeuchtigkeit oder Kohlendioxidgehalt besser regulieren.

"Das Glashaus da draußen", Osmond zeigt in die sternenreiche Wüstennacht, "das ist ein Versuchslabor, in dem alle wichtigen ökologischen Faktoren beieinander sind." Biosphäre 2 ist für ihn besser als Laborforschung, die "das Ganze bis zur Unkenntlichkeit reduziert". Besser auch als ökologische Freilandforschung.

Aber kann man da nicht auch kontrolliert CO2 zuführen und Messungen machen?

"Ja, allerdings können Sie die Witterung nicht beeinflussen! Wenn es regnet, regnet es, und Sie müssen abwarten, bis es aufhört." Osmond will die Biosphäre ganz oben in der Forschung ansiedeln. Und Impulse in die Politik senden. Und Klimaschutzorganisiationen weltweit ansprechen. Im Dezember lud er die Größen der Klimaforschung hierher ein, damit sie Biosphäre 2 als "Klimaforschungszentrum der Zukunft" begutachten. Sponsor war übrigens das US-Energieministerium.

Barry Osmond weiß genau, was auf dem Spiel steht. Geld gibt es nur noch fünf Jahre, vielleicht zehn - spätestens dann wird die Columbia-Universität dem Ölmilliardär das Terrarium für einen symbolischen Betrag von einer Million Dollar abkaufen (Schätzwert mehrere 100 Millionen, sagt Osmond). Bis jetzt gehört es dem Mann aus Texas noch. Gilbert führt manchmal seine Geschäftspartner hier herum, mitsamt Steakessen im Restaurant. Die Columbia-Universität darf das Objekt nutzen und zahlt für Lehre und Forschung. Wenn nicht bald ein Erfolg in Sicht ist, gehen die Lichter aus. Erfolg bedeutet für Columbia Publikationen, aber auch finanzielle Unabhängigkeit. Deswegen die Touristen, deswegen die attraktive Lehre, denn Studenten zahlen gut in Amerika.

Barry Osmond ist ein Klassiker mit Sinn für Romantik. Er baut das Motorrad auseinander und wartet es, bevor er sich draufsetzt und davonbraust. Vielleicht ist das ja die Rettungsformel für Biosphäre 2.

(c) Die Zeit 6/2002

 

(c) Annette Leßmöllmann