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Die Zeit 9/2002

Die Wunderformeln der Grammatik

Der Linguist Geoffrey K. Pullum analysiert die Sprache nach den strengen Regeln der Logik.

Von Annette Leßmöllmann

Philologen lieben Sprache. Sie erfreuen sich am schönen, literarischen Geist, der ihnen aus wunderbar sich rankenden Sätzen entgegenweht. Aber seit einem halben Jahrhundert irritiert eine Forschungsrichtung viele ihrer Zunft. Diese Disziplin setzt am Produkt des schönen Geistes das Messer an und zerlegt die Sprache mit dem kühlen Blick des Mathematikers: die formale Sprachwissenschaft. Literaturstudenten schaudern pflichtschuldig vor den Linguistik-Scheinen, die ihnen manches Curriculum abverlangt. Denn Linguistik riecht irgendwie nach Mathe. Und das macht sie ungenießbar. Formeln, um Sprache zu beschreiben? Das ist doch unmöglich, fast ungehörig - Sprache hat mit Kommunikation zu tun und wandelt ihre Bedeutung im Kontext. Was soll da mathematische Logik?

Der Linguist Geoffrey K. Pullum frohlockt, wenn er solche Fragen hört. Er ist selbst ein großer Kritiker, harte Worte sind sein Markenzeichen, allerdings würzt er sie mit Humor und unbedingter Liebe zu seinem Fach. Bis heute sind seine "respektlosen Essays über das Studium der Sprache" aus den achtziger Jahren als Einstiegslektüre zu empfehlen. Dort schickt der Linguist berühmte Kollegen wie Noam Chomsky fiktiv auf die Enterprise zu einem Gespräch mit Mister Spock, der prompt in Chomskys generativer Transformationsgrammatik mangelnde Logik entdeckt.

Pullums Gelehrtenzimmerchen an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz ist dagegen voll gestellt mit Logik: Bücher und Zeitschriften, aus denen die Formeln nur so purzeln. "Die Literaturleute mit ihrer Kritik an der formalen Arbeit treffen den Punkt nicht", sagt er. Sie zeigten damit nur, dass sie sich nicht mit Syntax beschäftigen wollen. Syntax ist die Lehre von den Regeln, wie sich Wörter zu Sätzen verketten. Und diese Regeln ließen sich formal beschreiben. Die mathematische Logik, wie sie besonders in den vierziger Jahren entwickelt wurde, sei ein hervorragendes Mittel, um die Menge der Sätze zu bestimmen, die zu einer Sprache gehören. Und das heißt, anhand von Regeln präzise vorherzusagen, ob das berühmte Schlusswort des aufgebrachten Ex-Bayern-Trainers Giovanni Trapattoni, "Ich habe fertig", ein grammatischer Satz des Deutschen ist oder nicht.

Das ist es, was viele Linguisten, sogar "intelligente Leute", wie Pullum mit britisch sanfter Ironie betont, an der Logik fasziniert: "Mit ihrer Hilfe Stringenz in ein Gebiet zu bringen, das bis dato unscharf war."

Dabei haben die Syntaktiker wichtige Dinge vernachlässigt, das gibt er zu: insbesondere die Pragmatik. Diese berücksichtigt, dass sich die Bedeutung eines Satzes je nach Situation, in der sich der Sprecher befindet, ändern kann. Dass in solchen Fällen die Analyse des Satzbaus zu kurz greife, sei noch lange kein Grund, nicht mathematisch zu arbeiten. Nur die richtige Mathematik müsse es sein. Die Formelsprache habe der Tatsache gerecht zu werden, dass sie eine natürliche Sprache beschreibt, mit Unschärfen und Doppeldeutigkeiten - keine klar definierte Computerprosa. Sie muss auch erfassen können, dass manche Sätze nur zu einem bestimmten Grad grammatisch sind. Der Satz "Ich habe fertig" ist nicht korrekt. Trotzdem verstehen wir ihn.

Es gibt eben nicht nur ja und nein, sondern auch fast oder nicht ganz. Pullum schlägt einen Ansatz vor, der auf der logischen Modelltheorie basiert. Da geht es darum, wie eine Kette von Zeichen - zum Beispiel eine logische Formel oder auch ein Satz - etwas über die Welt aussagen kann. Was bedeutet die Zeichenkette "Maria haut Hans"? Die Modelltheorie hat auf die Bedeutungsfrage eine praktische Antwort. Sie sagt: Nimm eine ganz kleine Welt, in der sich einzig Maria und Hans befinden, und in der Maria den Akt des Hauens an Hans ausführt. Diese Welt sei dein Modell. Dann gilt: Der Satz "Maria haut Hans" ist wahr in diesem Modell. Und die Bedeutung des Satzes "Maria haut Hans" ist, dass Maria Hans prügelt. Ein Satz wie "Maria küsst Hans" dagegen würde nicht in dieses Modell passen - er wäre hier falsch.

Der Literaturwissenschaftler mag sich ob dieser Bedeutungstheorie die Haare raufen. Das Ganze gar als Platitude abtun. Aber für Pullum hat der Ansatz viel für sich. Er wendet ihn jetzt auf die Syntax natürlicher Sprachen an. Und das geht so: Man nehme eine Grammatik, die aus Regeln für das Bilden von Sätzen besteht. Das sind die Formeln, die nun im Sinne der Modelltheorie mit Bedeutung angefüllt werden müssen. Hier kann der Satz "Maria haut Hans" als Modell für eine grammatische Regel fungieren, und es kann festgestellt werden, ob diese grammatische Regel in diesem Modell wahr ist. Nur richtige grammatische Regeln werden auch Sätze finden, die für sie passen. Die Regel "Das Subjekt steht vor dem Prädikat" zum Beispiel findet ein Modell in dem Satz "Maria haut Hans".

Pullum stellt die schrägen Augen noch etwas schräger, denn jetzt kommt der Clou: "Wenn in einem Satz ein Teil falsch ist, dann identifiziere ich in meinem Modell, welcher Teil das ist." Er kommt zurück auf Trapattonis Satz "Ich habe fertig". Dieser Satz bricht die Regel, dass hier das Hilfsverb "sein" stehen müsste. Dieser Teil des Modells ist also falsch. Alles andere aber ist richtig: die Satzstellung, die Beugung des Verbs - der Satz ist also nur zu einem bestimmten Grad ungrammatisch. Er ist noch immer so korrekt und daher verständlich, dass die Standpauke des Fußballlehrers von den trägen Profikickern verstanden und "Ich habe fertig" in Deutschland zum geflügelten Wort werden konnte.

Je mehr aber an einem Satz falsch ist, desto weniger verstehen wir ihn. "Dadurch bekommt man eine Messlatte für Grammatikalität", sagt der Linguist und spöttelt über die mächtige Theorie der generativen Grammatik von Chomsky. Die könne gerade mal "wahr" und "falsch" unterscheiden. Grauwerte erfasse sie nicht.

Pullum sucht die richtige logische Theorie, und dabei hat er einen konkreten Nutzen im Kopf. Stapelweise liegen die einzelnen Kapitelentwürfe der 1800-seitigen Cambridge Grammar of the English Language auf seinem Schreibtisch. Er ist Mitherausgeber dieser Grammatik, die Regeln auf der Basis von Ergebnissen der modernen Linguistik formuliert. Pullums Ziel: "Die Regeln sollen konsistent sein." Statt der Intuition sollen sie der reinen Logik entspringen.

Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück, und seine Augen kündigen erneut Spott an, der gleich seine Lippen verlassen wird. "Linguisten halten sich gerne für Naturwissenschaftler." Dann sollten sie sich auch so verhalten und "nicht nur auf die Partys der Naturwissenschaftler gehen", sondern den Studenten auch ordentlich Biologie beibringen. Wer jetzt aber glaubt, Pullum würde ins Freudengeheul über die kürzliche Entdeckung des "Sprachgens" einstimmen, täuscht sich. Das Trommeln überließ er Steven Pinker vom MIT, der mit Büchern wie Der Sprachinstinkt die These von der angeborenen Sprachfähigkeit vertritt. Meister Noam Chomsky hatte vor mehr als 20 Jahren die Idee der Universalgrammatik aufgebracht: Jedes Baby verfüge über einen Bauplan an abstrakten Regeln, mit dessen Hilfe es seine jeweilige Muttersprache erlernt - ohne Grammatikbuch und Vokabeltrainer.

Die Angeborenheitsthese hält Pullum für ein "Von-Däniken-Argument". Das geht so: "Seht die Pyramiden der alten Ägypter, das ist ein Wunder! Ein Mensch kann so etwas nicht bauen - also müssen es Außerirdische gewesen sein." Sprachfähigkeit ist ein Wunder - muss sie deswegen angeboren sein? "Nicht notwendigerweise", findet Pullum. Er kann sich zwar nicht vorstellen, dass Kinder mit einer Tabula rasa im Kopf auf die Welt kommen und alles aus Umweltreizen lernen. Dennoch glaubt er, dass erst die Argumente für die Theorie für zu leicht befunden werden müssen, bevor die schwerwiegende Hypothese von der Angeborenheit wirklich fundiert ist. Erst müssten die Angeborenheitsvertreter nachweisen, dass diese Form des Lernens nicht ausreicht, um die Muttersprache so schnell zu lernen. Vorher hat die Theorie von der Grammatik in den Genen keinen Wert.

In der Erbe-Umwelt-Debatte neigt Pullum keiner Seite zu. Vielmehr hält er für wahrscheinlich, dass es eine genetische Disposition zur Sprache gibt. So, wie es eben für sehr viele kognitive Dinge eine genetische Disposition gibt, wobei die Sprachfähigkeit genetisch mit diesen anderen kognitiven Fähigkeiten verwoben sein kann. Zusammen mit seiner Frau, der Philosophin Barbara C. Scholz, durchstreift er die linguistische Literatur und konjugiert die Argumente durch, die angeblich für Angeborenheit sprechen. Das Ergebnis ist mager. Was so viel heißt wie: nicht logisch.


Geoffrey K. Pullum war Soulmusiker, bevor er sich für das Studium der Linguistik entschied. Grammatik fand er eindeutig aufregender. Er tauschte seine Heimat Großbritannien gegen das sonnige Klima Kaliforniens ein und lehrt seit 1983 an der Universität von Santa Cruz. In satirischen Zeitungskolumnen und Radiovorträgen wendet er sich gegen weit verbreitete Irrtümer in Sachen Sprache, zum Beispiel gegen die noch immer grassierende Legende, die Inuit hätten Dutzende von Wörtern für Schnee.

(c) Die Zeit 9/2002

 

(c) Annette Leßmöllmann