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Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 30/2002
Der Physiker, das Eis und die Einsamkeit
Auf Spitzbergen sucht Hauke Trinks nach den Ursprüngen des Lebens.
Er ist einer der letzten seiner Art: ein Wissenschaftler, der sich allein auf Expedition begibt: Hauke Trinks, Physiker und ehemaliger Präsident der Technischen Universität Hamburg-Harburg, ist seit einigen Jahren Polarforscher mit einem eigenwilligen Forschungsziel. Der 6ojährige will nachweisen, daß der Ursprung des Lebens auf der Erde in der Kälte liegt - eine Hypothese, die auch unter Paläobiologen neuerdings wieder Konjunktur hat (siehe Kasten rechts). Dieser Tage brach er abermals nach Spitzbergen auf. Dort wird er ein Jahr lang nur zusammen mit zwei Schlittenhunden - in einer Hütte leben. Wir sprachen mit dem Eispionier kurz vor seiner Abfahrt.
Herr Trinks, was zieht Sie ins Eis?
Ich war zum ersten Mal vor ungefähr zwölf Jahren dort, und mich hat die enorme Vitalität beeindruckt, obwohl es doch eigentlich ein lebensfeindlicher Ort ist. Im Frühjahr explodiert die Natur geradezu. Die Enten ziehen ihre Küken innerhalb von Tagen mit einem gewaltigen Nahrungsangebot auf. Es sprüht so von Leben, daß man sich fragt: Wie kommt das? Mir geht es um die Hypothese, daß das erste Leben auf der Erde möglicherweise im Meereis entstand.
Aber es ist nicht nur die Forschung, die Sie nach Spitzbergen treibt ...
Von meiner letzten Expedition bin ich mit vielen schönen Ergebnissen zurückgekommen, und wie es in der Wissenschaft so ist: Die richtigen Fragen kommen erst danach. Wir haben jetzt ein ganzes Bündel Forschungsaufgaben. Aber die andere Seite ist das Eis - damit verbindet mich etwas ganz Besonderes. Das ist der Spitzbergen-Bazillus. Hat man sich damit angesteckt, muß man immer wieder hin. Diese faszinierende Natur, kein Baum, nichts, nur Eiswüste, Gebirge, Gletscher - es gibt gar keine Alternative: Ich muß nach Spitzbergen.
Sie fahren diesmal nicht mit Ihrer Yacht?
Nein, ich werde mit einem Eisbrecher zu einer Hütte gebracht, in der ich komfortabel leben kann - in Vergleich zu meinem Schiffchen, auf dem ich das letzte Mal den Winter im Eis verbrachte; das war doch sehr unbequem. Die Hütte hat natürlich auch keinen Strom, aber eine Behausung ist schon viel wert. Einmal werde ich Besuch haben, zu Weihnachten: Da besucht mich vielleicht der Gouverneur von Spitzbergen und bringt ein Weihnachtspaket mit, das ist schon Tradition.
Wie kamen Sie zu der Hypothese, daß das Leben im Eis entstand?
Man denkt ja, Eis sei eine lebensfeindliche Umgebung - kalt, ungemütlich. Und tatsächlich laufen chemische Reaktionen in der Kälte natürlich schlechter ab als in der Wärme. Andererseits zerfallen komplexe Strukturen aber auch viel langsamer. In der Wärme geschieht das innerhalb weniger Wochen oder Monate. Dieselben Strukturen halten in der Kälte aber 10 000 Jahre lang. Es gibt Hinweise darauf, daß sich im Meereis komplexe Moleküle über Tausende von Jahren aufkonzentrieren. Eine "Ursuppe" aus organischen Strukturen könnte sich also in Kälte viel besser bilden als in Wärme. Und dann, aufgrund dieser merkwürdigen Prozesse im Eis, können sich langsam noch komplexere Moleküle aufbauen, die dann den Schritt zu RNA-ähnlichen Strukturen schaffen. Am Beginn des Lebens war die spontane Replikation von RNA als Trägerin von Erbinformation ein wesentlicher Schritt.
Merkwürdige Prozesse im Eis: Was meinen Sie damit?
Als Physiker hat mich Eis immer interessiert. Eis ist ein Material mit Eigenschaften, die man auch dem Leben zuspricht. Ich will damit nicht behaupten, daß Eis so eine Art lebende Materie ist - aber Eis wächst und ist aus winzigen Zellen aufgebaut, fast organisch. Und wenn Wasser zu einem Stück Eis gefriert und dann wieder schmilzt, dann ist das kein reversibler Prozeß, bei dem alles auf gleichem Wege umgekehrt abläuft. Nein, schmelzendes Eis versucht quasi, seine inneren Bereiche so lange wie möglich zu schützen. Die Tauvorgänge in den äußeren Bereichen brauchen sehr viel Energie, es entsteht also Kälte, durch die der Kernbereich des Eises gewissermaßen am Leben gehalten wird. Beim Gefrieren hingegen entsteht Wärme. Ich habe, das einmal gemessen und abgeschätzt: Wenn See-Eis wächst, werden etwa 800 Watt pro Quadratmeter nach außen abgestrahlt. Das entspricht fast der Sonneneinstrahlung auf die Erde.
Und das Eis nördlich von Spitzbergen eignet sich besonders gut zur Erforschung?
Ich habe dort ein riesiges, ideales Freilandlabor: Dort ist Meereis, das direkt vom Nordpol kommt, außerdem Gletscher und zugefrorene Süßwasserseen. Ich kann also alle Facetten des Eises im Laufe des. gesamten Jahres erforschen. Dieses Eis hat eine lange Geschichte hinter sich, mit Temperaturschwankungen, Salzgehaltsänderungen und so weiter. Ich will ein Modell der Bedingungen dort entwickeln, damit wir das im Labor möglichst realistisch nachstellen können. Dann werden wir versuchen, den Schritten, die zum Leben führten, mit feineren Messungen auf die Spur zu kommen.
Außerdem wollen Sie in dem Freilandlabor auch Bakterienstämme isolieren und züchten. Warum?
Wenn man versteht, wie die Bakterien heute im Eis leben, dann könnte das, so hofft man, auch Aufschluß über die Mechanismen geben, die zur Entstehung des Lebens geführt haben. Mit dem Mikrobiologen Garabed Antranikian von der TU Hamburg-Harburg habe ich abgesprochen, daß ich jetzt in Spitzbergen systematisch Bakterien isoliere und direkt vor Ort züchte, damit wir später im Labor genau feststellen können, welche dort leben.
Dort oben ist man wie auf einem anderen Stern. Ich kann fast selbst wie ein Bakterium im Eis leben.
Sie sind auch an der Anwendbarkeit Ihrer Ergebnisse interessiert?
In der Industrie braucht man Enzyme, die in der Kälte arbeiten - und die findet man in Bakterien, die in der Kälte leben. Denken Sie an die Umwelttechnik, etwa an einen Ölunfall in Sibirien: Wenn es gelänge, mit solchen kälteliebenden Bakterien enzymatische Reaktionen zu starten, die das Öl in ungefährliche Bestandteile zerlegen, dann wäre das eine interessante Anwendung.
Vermißt Sie Ihre Hochschule nicht, wenn Sie auf Expedition sind?
Ich war sechs Jahre Präsident der TU Hamburg-Harburg und hatte mich danach entschlossen, die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Aber das Geld ist knapp, die Hochschulen sind gebeutelt, und da war es schwierig, ein Forschungsfeld aufzuziehen, von dem man nicht von vornherein weiß, daß es ein Riesenerfolg wird. Und bei Themen wie die Entstehung des Lebens sagt sich eine technische Universität: Das überlassen wir lieber anderen. Aber man läßt mich gewähren, mit sehr bescheidenen Mitteln. Es ist natürlich total anachronistisch. Moderne Forschung läuft im Team, mit großen Labors und Anlagen, da werden Millionen investiert. So eine Figur wie ich paßt da gar nicht rein. Aber auf der anderen Seite braucht die Wissenschaft auch heute noch Pfadfinder. Ich bin sicher kein normaler Professor mehr.
Warum fahren Sie immer allein?
Das hat etwas mit meiner Natur zu tun, aber auch mit den äußeren Bedingungen. Wenn ich jemanden mitnehme, dann übernehme ich auch Verantwortung für ihn, wenn etwas passiert. Und das will ich nicht. Aber es geht auch darum, daß man in einer solchen Umgebung ganz andere Zeit und Muße hat, über Zusammenhänge nachzudenken. Dort oben ist man wie auf einem anderen Stern. Ich kann dort fast selbst wie ein Bakterium im Eis leben.
Was machen Sie, wenn der Eisbär kommt?
Ich hatte anfangs schreckliche Angst vor den Bären. Aber später habe ich mich mit ihnen richtig angefreundet. Man muß die richtige Körpersprache sprechen. Und ich habe mit ihnen geredet: "Hey, hau doch ab, das ist mein Platz!", und dann ist er auch weggegangen. Die Bären verstehen auch, daß man dahin gehört und sich zu Hause fühlt. Ich freue mich sehr darauf, sie intensiv beobachten zu können - damit ich mir neben den Bakterien auch mal was Handfestes ansehen kann.
Das Gespräch führte Annette Leßmöllmann
(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 30/2002
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